Mehr Platz für jüdische ​Geschichte und Gegenwart
Nadia Guth Biasini (links), Präsidentin des Museumsvereins und Tochter der Museumsgründerin, mit Direktorin Naomi Lubrich vor dem neuen Haus des Jüdischen Museums der Schweiz in Basel.
Bild: © Marie-Christine Andres

Mehr Platz für jüdische ​Geschichte und Gegenwart

Vor zwei Monaten hat das Jüdische Museum Schweiz in Basel an seinem neuen Standort eröffnet. Das neue Haus bietet doppelt so viel Ausstellungsfläche wie vorher und erweitert die Möglichkeiten zum Austausch mit dem Publikum.

Der Ort, an dem sich das Jüdis­che Muse­um seit Ende Novem­ber 2025 befind­et, passt. Das Holzhaus an der Vesal­gasse 5 liegt ganz in der Nähe des Spa­len­tors. Durch dieses Tor betrat­en im Mit­te­lal­ter die Jüdin­nen und Juden aus dem Elsass die Stadt Basel. In der näheren Umge­bung befind­en sich mehrere Syn­a­gogen, und unter dem nahen Peter­splatz lag einst auch der Fried­hof der ersten jüdis­chen Gemeinde.

Ein Kunstwerk prägt den Vorplatz

An der Ein­gangs­fas­sade begrüsst ein beson­deres Kunst­werk die Besuchen­den. Es ist eine Col­lage des Kün­stlers Frank Stel­la, die der Architekt Roger Diener in grösserem Massstab aus Holz nachge­baut hat. In einem Buch ent­deck­te der Kün­stler Frank Stel­la Vorkriegs­fo­tografien prächtiger Holzsy­n­a­gogen, die in vie­len Kle­in­städten Osteu­ropas standen. Fast alle waren in Pogromen oder von den Nazis zer­stört wor­den. Inspiri­ert von den Bildern schuf Stel­la Skizzen, Col­la­gen, Gemälde und Skulp­turen. Eine dieser Col­la­gen ist das 1973 ent­standene Werk «Jezio­ry», benan­nt nach ein­er Kle­in­stadt im heuti­gen Belarus, dessen Nach­bau nun den Ein­gang des Muse­ums und den Platz davor prägt.

Holz als Leitmotiv

Die Geschichte der Holzsy­n­a­gogen und das Werk von Frank Stel­la wer­den in der Son­der­ausstel­lung im Erdgeschoss gezeigt. So verbindet das Muse­um Aussen- und Innen­raum und schafft die Verbindung von den aus Holz gefer­tigten Syn­a­gogen zu den robusten Balken des neuen Haus­es. Der Umbau der 170 Jahre alten Liegen­schaft, die wed­er über eine Heizung noch über Wass­er oder Strom ver­fügte, hat aus dem ehe­ma­li­gen Tabak­lager ein Haus gemacht, dessen Räume dank dem dun­klen Holz Gebor­gen­heit und Wärme ausstrahlen.

Positive Rückmeldungen

Nadia Guth Biasi­ni ist Präsi­dentin des Muse­umsvere­ins und Tochter der Muse­ums­grün­derin Katia Guth-Drey­fus. Nao­mi Lubrich ist seit 2015 Direk­torin des Jüdis­chen Muse­ums. Bei bei­den ist die Freude über den gelun­genen Umbau und die Möglichkeit­en am neuen Ort gross. Nadia Guth Biasi­ni sagt: «Seit der Wieder­eröff­nung kom­men regelmäs­sig zwis­chen 60 und 90 Besucherin­nen und Besuch­er pro Tag. Die Rück­mel­dun­gen sind sehr pos­i­tiv.» Nao­mi Lubrich weiss zudem die grössere Ausstel­lungs­fläche und die opti­malen Lagerbe­din­gun­gen für die Samm­lung sehr zu schätzen: «Im Erdgeschoss haben wir nun Platz für Son­der­ausstel­lun­gen und Ver­anstal­tun­gen. Wir kön­nen dort etwa 150 Gäste emp­fan­gen. Kinder kön­nen in einem eige­nen Work­shopraum werken und gestal­ten.»

Mehr Raum für aktuelle Themen

Auch die Dauer­ausstel­lung prof­i­tiert vom grösseren Raum. So bietet das Muse­um neu mehr Raum für die Aufar­beitung des Umgangs der Schweiz mit dem NS-Regime in Deutsch­land. Und Nao­mi Lubrich liegt ein weit­er­er Aspekt am Herzen: «Wir bilden neu auch das zeit­genös­sis­che Juden­tum ab. All die aktiv­en, inno­v­a­tiv­en jüdis­chen Gemein­den. Diese reflek­tieren sich selb­st, hin­ter­fra­gen ihre religiösen Posi­tio­nen und sind sehr lebendig.» Nadia Guth Biasi­ni ist es wichtig, dass das Jüdis­che Muse­um ein Muse­um für alle ist. Kinder, Erwach­sene, Ange­hörige ver­schieden­er Reli­gio­nen sollen sich hier informieren kön­nen. «Egal, ob sich jemand eine Stunde lang einem bes­timmten The­ma wid­met oder den ganzen Tag in der Ausstel­lung ver­weilt, das Muse­um bietet allen etwas.», erk­lärt sie.

Judentum als Religion und Geschichte

Die Dauer­ausstel­lung unter dem Titel «Kult. Kul­tur. Kun­st» zeigt auf zwei Eta­gen die Geschichte des Juden­tums vom römis­chen Alter­tum bis zur Gegen­wart in der Schweiz. Im ersten Obergeschoss geht es um das Juden­tum als Reli­gion. Während heute viele Men­schen unter Ein­samkeit lei­den, pflegten und pfle­gen die jüdis­chen Gemein­den die Gemein­schaft. Zu betra­cht­en ist hier zum Beispiel eine aus­gerollte, neun Meter lange Tho­ra-Rolle. Der handgeschriebene hebräis­che Text ste­ht in Beziehung zu Werken an der Wand: zu Bildern von Pieter Bruegel oder Marc Cha­gall mit Szenen aus dem Alten Tes­ta­ment oder einem Fil­mauss­chnitt aus «Indi­ana Jones – Raider of the Lost Ark» von Steven Spiel­berg. Aus 401 Postkarten an den Basler Rab­bi Arthur Cohn wer­den einige aus­gewählte präsen­tiert. Hier kön­nen Besuchende die Schrift entz­if­fern und ent­deck­en, dass der Rab­bin­er auch die Funk­tion eines Sozialar­beit­ers hat­te. Im zweit­en Stock erzählen die Exponate vom Ver­hält­nis der Schweiz­er Juden zur nichtjüdis­chen Umge­bung – dem Zusam­men­leben, dem Streben nach Gle­ich­berech­ti­gung und den immer wiederkehren­den Wellen des Anti­semitismus.

Vorlage - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz 34


Dieser Ring mit der Abbil­dung des siebe­n­armi­gen Leuchters wurde im Jahr 2001 bei Aus­grabun­gen im römis­chen Augus­ta Rau­ri­ca gefun­den. «In der römis­chen Antike lebten Chris­ten und Juden miteinan­der», sagt Nao­mi Lubrich. | © Bild: Marie-Chris­tine Andres

Reaktion auf den 7. Oktober 2023

Seit ihre Mut­ter im Jahr 1966 das Muse­um gegrün­det habe, sei der Aus­tausch mit den Besuchen­den gepflegt wor­den. Dieser Aus­tausch ist Guth Biasi­ni und Direk­torin Lubrich auch heute wichtig – beson­ders jet­zt, wo die Ereignisse in Israel und Gaza die öffentliche Aufmerk­samkeit stark beschäfti­gen und der Anti­semitismus zugenom­men hat. Der Angriff auf Israel vom 7. Okto­ber 2023, als Hamas-­Ter­ror­is­ten 1200 über­wiegend jüdis­che Men­schen ermordet sowie 250 Per­so­n­en als Geiseln genom­men hat­ten, hat­te auch Auswirkun­gen auf das Jüdis­che Muse­um. Nao­mi Lubrich erin­nert sich: «Lehrper­so­n­en sagten ihren Besuch bei uns ab, mit der Begrün­dung, sie kön­nten mit den Schülern in dieser poli­tisch aufge­lade­nen Sit­u­a­tion nicht in ein jüdis­ches Muse­um gehen.»

Mit Sachverstand antworten

Darauf reagierte die Muse­um­sleitung mit einem ungewöhn­lichen Ange­bot. Sie organ­isierte Führun­gen, die von ein­er Jüdin und ein­er Mus­li­ma gemein­sam geleit­et wer­den. Mus­lim­is­che Schü­lerin­nen und Schüler kon­nten sich mit der Mus­li­ma, die ein Kopf­tuch trägt, iden­ti­fizieren, und die Führun­gen funk­tion­ierten als «Eis­brech­er», wie Nao­mi Lubrich sagt. Die Führun­gen zeigten den Jugendlichen, dass das Schwarz-Weiss-Denken im Nahost-Kon­flikt nicht weit­er­hil­ft, son­dern dass der Graubere­ich sehr gross ist.
An diesen Führun­gen haben sei­ther etwa 50 Schulk­lassen teilgenom­men. «Wir kon­nten damit eine Leer­stelle füllen und mit Sachver­stand auf viele Fra­gen antworten», sagt Nao­mi Lubrich. Diese jüdisch-mus­lim­is­chen Führun­gen laufen weit­er. Damit nimmt das Jüdis­che Muse­um seine gesellschaftliche Auf­gabe wahr und fördert das Ver­ständ­nis zwis­chen den Reli­gio­nen.

Aktuelle Anlässe im Jüdis­chen Muse­um

Fr, 23. Jan­u­ar, 18–2 Uhr, Muse­um­snacht Basel
Pro­gramm im Jüdis­chen Muse­um unter dem Mot­to «Neu. Alt. Bunt.»
www. museumsnacht.ch

Do, 29. Jan­u­ar, 18.30 Uhr: Buch­präsen­ta­tion
Vik­tor Ull­mann, «Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Ver­weigerung» mit Fak­sim­i­le der Quellen.
Kosten­los. Anmel­dung erwün­scht an: .
Spon­tane Besuche sind willkom­men, sofern Platz vorhan­den ist.

Do, 5. Feb­ru­ar, 19 Uhr: Konz­ert UMRU-/un­rest sowie Gespräch 
… mit Daniel Kahn und Cas­par Bat­te­gay zu jüdis­ch­er Musik von Georg Kreisler bis Leonard Cohen.
Ein­tritt: 20.– Fr. Anmel­dung erwün­scht an 

 

Jüdis­ches Muse­um, Vesal­gasse 5, 4051 Basel
Offen
 Mon­tag– Son­ntag, 11–17 Uhr
www.juedisches-museum.ch | Führun­gen jed­erzeit mit Anmel­dung möglich.



Shai Azoulays Werk «Minyan» (hebr: Zäh­lung) befasst sich mit dem Quo­rum von zehn Men­schen (ortho­dox: Män­ner), deren Anwe­sen­heit für den Gottes­di­enst nötig ist. | © Bild: Mar­tin Oravec

Marie-Christine Andres Schürch
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