
Bild: © Leonie Wollensack
«Wo können wir als Kirche mitschwingen?»
Die OKE hat einen neuen Co-Leiter
Wie tickt der neue Leiter der Offenen Kirche Elisabethen? Welchen Blick bringt er mit, wie findet er heraus, was die Menschen bewegt, und wann ist Kirche für ihn himmlisch?
Die Türe seines Büros steht offen, Jörg Harald Werron ist an seinem neuen Arbeitsplatz, bereit für das Interview.
Offen. Das ist das Leitbild seiner neuen Arbeitgeberin, der Offenen Kirche Elisabethen (OKE), die diese Eigenschaft in ihrem Namen trägt. Aber es ist auch ein Motto von Werron selbst. «Als ich im Mai die Stellenausschreibung gesehen habe, wusste ich: Das ist meine Stelle!», erinnert er sich. Für ihn ist die OKE ein Ort, an dem er als Person offen sein kann. «In der Kirche gibt es für mich nicht viele Räume dieser Art», erklärt er. An seinem vorherigen Arbeitsplatz hat er nicht öffentlich gemacht, dass er in einer homosexuellen Partnerschaft lebt. Bei der OKE ist dies nun etwas, das explizit offen gezeigt werden kann; eine Erfahrung, die für ihn neu ist.
Gemeindearbeit und Theaterpädagogik als Grundlage
Werron ist Sprecher, Schauspieler, Präsentationscoach, Dozent für Liturgische Bildung, Theaterpädagoge und Religionspädagoge. Der Vorteil seiner religionspädagogischen Ausbildung und der 23 Jahre Berufserfahrung in Schule und Gemeinde liegt auf der Hand. Doch Werron hofft, auch seine theaterpädagogischen Fähigkeiten für seine neue Arbeitsstelle nutzen zu können. «Mal sehen, ob in Zukunft Projekte in diese Richtung möglich sind», überlegt er. In den ersten Wochen war es ihm aber zunächst wichtig, die vielfältigen Aufgabenfelder der OKE und die vielen verschiedenen Menschen kennenzulernen, mit denen er in Kontakt stehen wird.
Damit das Schauspielen nicht ganz zu kurz kommt, ist er demnächst bei einem Filmdreh im Schwarzwald mit dabei. Doch er weiss: «Das Schauspielen ist sehr zeitintensiv, vor allem die Proben.» Daher sei es momentan auch in Ordnung, wenn das Schauspielen keine Priorität hat.
«Draussen» mit den Menschen ins Gespräch kommen
Werron hat die letzten neun Jahre in der Citypastoral in Frankfurt am Main gearbeitet. Citypastoral bedeutet: Die Kirche geht zu den Menschen und an die bedeutenden Orte ihres Alltags. Mit der Frage, wie Kirche den Menschen in ihrem städtischen Lebensraum begegnen kann, kennt Werron sich also aus. Und trotzdem erlebt er in der OKE Neues. «In Frankfurt waren wir direkt in der Fussgängerzone präsent und im Kontakt mit den Menschen, die in dem Moment vorbeikamen. Das Angebot war also sehr punktuell. Hier in der OKE gibt es eine Menge Angebote, die langfristig mit den vielen Freiwilligen vorbereitet und durchgeführt werden», erklärt er. Vor allem das Zusammenspiel von Kunst, Kultur, Spiritualität und sozialem Engagement hat ihn fasziniert, als er sich für die Stelle der Co-Leitung beworben hat.
Was Werron aus seiner Zeit in der Citypastoral in Frankfurt mitgenommen hat: Die Kirche muss ihren Raum verlassen und mit den Menschen «draussen» ins Gespräch kommen. Dafür eignen sich seiner Meinung nach Strassenaktionen gut. Er hat ein Beispiel mitgebracht: «Wir haben gemeinsam mit dem Trauerzentrum eine Aktion zum Thema «Before I die» (deutsch: Bevor ich sterbe, Anm. d. Red.) durchgeführt. Es brauchte nichts als eine schwarze Wand und diesen Schriftzug, und schon kamen die Menschen und schrieben etwas zum Thema auf die Wand. Dieses Thema berührt die Menschen über die Grenzen von Konfession, Religion und Nationalität hinaus.» Werron sieht in solchen Aktionen eine grosse Chance für die Seelsorgenden, mit den Menschen über diese existenziellen Themen ins Gespräch zu kommen.
Was Kirche himmlisch macht
Das seelsorgerische Gespräch ist für ihn zentral – für die Begegnung mit den Menschen in den wichtigen Momenten und für eine Kirche, die offen sein will. «In den persönlichen Seelsorgegesprächen finde ich uns als Kirche ganz wertvoll», erklärt Werron und ergänzt: «Die Menschen bringen uns in diesen Augenblicken grosses Vertrauen entgegen, und es entsteht eine besondere Verbindung.» Für ihn als Seelsorger ist es wichtig, sich in diesen Momenten zurückzunehmen und ganz für das Gegenüber da zu sein. «In solchen Momenten kann Seelsorge, ja, himmlisch sein», findet er.
Und wie findet er nun heraus, was die Menschen bewegt und wo Kirche für sie da sein kann? «Diese Frage stelle ich mir kontinuierlich», sagt Werron. Für ihn ist es wichtig, unter die Menschen zu gehen, sich zu vernetzen und hinzuschauen: Wo schwingt die Stadt gerade? «Und dann frage ich mich: Wo können wir als Kirche mitschwingen?» Was er aus seinen Beobachtungen mit- und wahrnimmt, lässt er dann in neue Projekte einfliessen. Die OKE habe ein gutes Netzwerk, um lebensnah an den Menschen dran zu sein. «Mein Leitungskollege Frank Lorenz und die vielen Mitarbeitenden haben da schon grossartige Arbeit geleistet», betont Werron. Ausserdem ist es ihm wichtig, andere mit hineinzunehmen in die Entwicklung von neuen Konzepten. Daher hat Werron beispielweise die Freiwilligen nach ihren Ideen gefragt. «Solche Ideen sollten im Team entwickelt werden», findet er.
Vorwärts gehen
Und wie geht es mit der Kirche seiner Meinung nach weiter? Werron zählt sich innerhalb der Kirche zur «zukunftsorientierten Mitte». Er erklärt: «Das Leben geht immer vorwärts, das zeigen schon unsere Füsse. Sie sind nach vorne gerichtet, nicht nach hinten. Daher frage ich mich oft: Wenn wir nach vorne gehen, warum denken wir dann rückwärts?» Für ihn bedeutet das nicht, auf jeden Trend aufzuspringen und alles gutzuheissen. Es geht eher darum, zu schauen, wo sich Elemente finden, die auch die Kirche weiterbringen.
Das ist auch der Blick, mit dem Werron durchs Leben geht. Offen und interessiert. Er trifft sich gern mit Freundinnen und Freunden oder erkundet neue Städte. Er fährt Velo, lässt sich von Theater und Museen anregen und geniesst gutes Essen. Seine Energie aber nährt sich aus der Stille: aus achtsamen Momenten, aus Meditation und Gebet und aus der jährlichen Auszeit im Carmel de la Paix in Burgund, wo er zur Ruhe kommt, und Kraft schöpft.
So wie die Türe seines Büros am Ende des Gesprächs auch weiter offenbleibt, bleibt auch Werron offen für Begegnungen und neue Gedanken.
Regenbogengottesdienst zur Amtseinsetzung
Am 16. November um 17 Uhr wird im Rahmen eines festlichen Gottesdienstes der neue Co-Leiter der OKE in sein Amt eingeführt. Der Anlass ist zugleich eine Regenbogenfeier, ein Format, das für Vielfalt und Offenheit steht und mit dem die OKE Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen einlädt, Gottes grenzenlose Liebe zu feiern.
16. November, 17 UhrOffene Kirche Elisabethen, Elisabethenstrasse 10–14, 4051 BaselMusik: Surpise-StrassenchorApéro im Anschluss.
Weitre Infos zum Angebot der OKE, finden Sie hier.