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Pilgerglück
Mit durchschnittlich 24 Kilometern pro Tag habe ich für die Strecke Konstanz – Santiago etwa 100 Tage, verteilt auf sieben Jahre, benötigt. An keinem dieser 100 Tage ging ich unzufrieden oder frustriert ins Bett. Im Gegenteil, jeder Tag war spannend und endete in Zufriedenheit und Dankbarkeit für das Erlebte. Davon zeugen meine Tagebucheinträge, die ich auch heute noch – wenn ich nicht so gut gelaunt bin – lese. Nach jeder Etappe habe ich mich erstaunt gefragt, wie das möglich ist, und langsam bin ich dem Geheimnis des Pilgerns auf die Spur gekommen.
Wie viele Menschen versuche auch ich, im Alltag möglichst ohne die Hilfe anderer zurechtzukommen und bitte nur im Notfall darum. Beim Pilgern begebe ich mich freiwillig in eine bedürftige Situation, habe nur das Nötigste im Rucksack, weiss nicht was mich erwartet oder wo ich schlafen werde. All das bietet viele Möglichkeiten, dankbar Hilfe zu erfahren und anzunehmen und sie ebenso dankbar zu geben. Zudem ist es eine hervorragende Möglichkeit «Gottvertrauen» praktisch zu üben, sich nicht übermässig zu sorgen und voll Vertrauen den Weg zu gehen.
Das Leben als Pilgerin ist sehr einfach und beschränkt sich im Wesentlichen auf Wandern, Essen und Schlafen. Viel mehr braucht es anscheinend nicht für ein glückliches Leben. Wenn ich dann unterwegs noch Menschen treffe, mit denen ich etwas teilen kann, sei es ein Blasenpflaster, eine einfache Mahlzeit, ein Glas Wein, eine Geschichte oder ein Lied, ist das einfach wunderbar. Am schönsten ist das Pilgern, wenn man keine Erwartungen und Ansprüche hat, denn dann wird jeder Tag zu einem Fest.