Pilgerglück
Martina Grenacher
Bild: © zvg

Pilgerglück

Mit durch­schnit­tlich 24 Kilo­me­tern pro Tag habe ich für die Strecke Kon­stanz – San­ti­a­go etwa 100 Tage, verteilt auf sieben Jahre, benötigt. An keinem dieser 100 Tage ging ich unzufrieden oder frus­tri­ert ins Bett. Im Gegen­teil, jed­er Tag war span­nend und endete in Zufrieden­heit und Dankbarkeit für das Erlebte. Davon zeu­gen meine Tage­buchein­träge, die ich auch heute noch – wenn ich nicht so gut gelaunt bin – lese. Nach jed­er Etappe habe ich mich erstaunt gefragt, wie das möglich ist, und langsam bin ich dem Geheim­nis des Pil­gerns auf die Spur gekom­men.

Wie viele Men­schen ver­suche auch ich, im All­t­ag möglichst ohne die Hil­fe ander­er zurechtzukom­men und bitte nur im Not­fall darum. Beim Pil­gern begebe ich mich frei­willig in eine bedürftige Sit­u­a­tion, habe nur das Nötig­ste im Ruck­sack, weiss nicht was mich erwartet oder wo ich schlafen werde. All das bietet viele Möglichkeit­en, dankbar Hil­fe zu erfahren und anzunehmen und sie eben­so dankbar zu geben. Zudem ist es eine her­vor­ra­gende Möglichkeit «Gottver­trauen» prak­tisch zu üben, sich nicht über­mäs­sig zu sor­gen und voll Ver­trauen den Weg zu gehen.

Das Leben als Pil­gerin ist sehr ein­fach und beschränkt sich im Wesentlichen auf Wan­dern, Essen und Schlafen. Viel mehr braucht es anscheinend nicht für ein glück­lich­es Leben. Wenn ich dann unter­wegs noch Men­schen tre­ffe, mit denen ich etwas teilen kann, sei es ein Blasenpflaster, eine ein­fache Mahlzeit, ein Glas Wein, eine Geschichte oder ein Lied, ist das ein­fach wun­der­bar. Am schön­sten ist das Pil­gern, wenn man keine Erwartun­gen und Ansprüche hat, denn dann wird jed­er Tag zu einem  Fest.

Martina Grenacher
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