
Bild: © Michael Waser
Hüterin des Lichts
Melanie Remy ist Sakristanin in St. Laurentius in Grellingen. Die Kirche ist ihr Arbeitsort und Licht eines ihrer wichtigsten Werkzeuge.
«Ein schönes Bild», kommentiert der Fotograf Michael Waser, als er Melanie Remy winken sieht. Die Sakristanin erwartet uns an diesem strahlenden Dezembertag vor der Kirche St. Laurentius in Grellingen, wo sie seit acht Jahren arbeitet und seit Kindertagen ein und ausgeht. Die Zweiundvierzigjährige ist in Grellingen aufgewachsen und wohnt auch heute dort mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen.
Weihnachten steht vor der Tür
Melanie Remy führt uns in die warme Kirche, die von der Wintersonne hell erleuchtet ist. Die Weihnachtssterne auf den Altären kündigen das bevorstehende Fest an. Weihnachtsbäume, Sterne, Girlanden und die Krippe wird die Sakristanin zusammen mit Mitgliedern des Kirchgemeinderates nächste Woche aufbauen – das hat Tradition in Grellingen.
Hinter der Bühne
Während der Fotograf die Lampen und Reflektoren einrichtet, führt die Gastgeberin durch die Sakristei, den Ort, wo sich der Priester oder die Seelsorgenden mit den Ministrantinnen und Ministranten auf den Gottesdienst vorbereiten. In den Schränken sind dort die liturgischen Gewänder versorgt – die Alben, bodenlange weisse Kleider, und sorgfältig gearbeitete Messgewänder in den liturgischen Farben, weiss, rot, violett und grün. «Zum Glück ist der Messwein weiss, dann macht er keine Flecken», meint die Sakristanin mit einem Augenzwinkern, denn sie ist auch für die Reinigung der Gewänder zuständig.

Dreiviertel Harass Messwein stehen neben einer hüfthohen Madonna im nächsten Schrank. Der Wein dürfe keine Zusätze haben und sei sehr süss, damit er sich besser mit dem Wasser vermische, das der Priester bei der Wandlung dem Wein zufüge. Die Hostien lagert die Sakristanin in grossen Büchsen. Die Vorräte sind gut gefüllt, weil gerade die allerletzte Bestellung aus dem Kloster Namen Jesu in Solothurn geliefert wurde. Die Kapuzinerinnen haben den Betrieb der Hostienbäckerei vor Kurzem aufgegeben. Vor dem Einzug in die Kirche und nach der Rückkehr in die Sakristei wird in St. Laurentius ein kleines Gebet gesprochen. «Ich mag diese Rituale, mit ihnen finde ich Ruhe, weil ich nicht darüber nachdenken muss, was als nächstes zu tun ist und ich mich ganz auf den Moment einlassen kann», sagt Melanie Remy.
Glocken läuten zum Abschied
Am Ausgang der Sakristei befindet sich ein Tableau mit Schaltern für das Glockengeläut. Eine halbe Stunde vor der Messe läutet Melanie Remy die Glocken, dazu muss sie nur den Schalter drehen. Wenn jemand gestorben ist und die Angehörigen es wünschen, läutet die Sakristanin ebenfalls die Glocken – für Frauen in einem höheren Ton als für Männer. Das Geläut hat vier Glocken, die den Heiligen Laurentius, Niklaus, Josef und der Gottesmutter Maria geweiht sind. «Nach dem Endläuten bekomme ich regelmässig Anrufe von Gemeindemitgliedern, die sich erkundigen, wer gestorben ist», erzählt die Sakristanin.
Wenn das Ewige Licht erlischt
Im Altarraum ist das Licht vorbereitet für das Foto-Shooting. Melanie Remy zieht mit zwei langen Haken das «Ewige Licht» nach unten und tut fürs Foto so, als ob sie es anzünden würde, was natürlich nicht passieren darf. Einmal pro Woche wechselt sie die Kerze aus, damit sie nicht von selbst erlischt. Was geschieht, sollte das Ewige Licht dennoch einmal verlöschen? «Das ist nicht so schlimm», sagt die Sakristanin unbeschwert, das sei ihr auch schon passiert. Dann hole sie mit einer Kerze Feuer vom «Ewigen Licht» der Nachbarskirche. Melanie Remy lächelt fröhlich in die Kamera. Sie muss sich nicht verstellen. Ihr Lieblingsort in der Kirche ist der Ambo, weil sie sehr gern vorliest. Am liebsten an Karfreitag, wenn die Lesung besonders lang ist. Die Feier in der Osternacht hat sie am liebsten. Dann, wenn sich die dunkle Kirche langsam erhellt durch die vielen kleinen Kerzchen der Menschen, die sich das Licht der Osterkerze weitergeben. Aber sie hat auch die Momente gern, wenn sie allein in der Kirche ist. Am Morgen, wenn sie vor der Arbeit die Kirche aufschliesst. Oder am Abend beim Eindunkeln, wenn sie die Kirche wieder schliesst.
Gäste im Dachstock
Ganz allein ist sie jedoch nie. Im Dachstock wohnen Fledermäuse – es soll eine seltene Art sein. Und im Frühling nisten seit Jahren die Falken auf dem Turm. Neben der Arbeit als Sakristanin, die etwa ein 20-Prozent-Pensum umfasst, arbeitet Melanie Remy als Katechetin in Zwingen, Erschwil und Breitenbach. Dort erteilt sie ökumenischen Religionsunterricht für Primarschülerinnen und Primarschüler. Dieses Jahr hat sie ihre Ausbildung abgeschlossen und Ende November ihr Diplom erhalten.

Der Dienst als Sakristanin bedeutet für Melanie Remy neben der Pflege des Kirchenraumes auch Verfügbarsein für die Menschen, die sie in der Kirche antrifft. Zeit haben für ein Gespräch oder einfach zuhören. Jeden Tag finden Menschen den Weg in die Kirche. Das sieht die Sakristanin an den Kerzchen, die brennen. Etwa zehn sind es durchschnittlich. Manchmal ist die Kasse aufgebrochen und das Geld fehlt. Dann ersetzt sie Melanie Remy ohne grosses Aufheben und denkt sich: «Eine Person, die die Kerzenkasse plündern muss, hat Not. Ich wünschte mir, sie würde sich im Pfarramt melden, wir könnten ihr bestimmt weiterhelfen.»
Ein Geschenk von Gott
«Licht ist ein Geschenk von Gott an die Menschen», sagt Melanie Remy. Unterdessen steht die Kirche im Schatten. Jetzt bekommen die Kerzen ihren Auftritt. Erstaunlich, wie viel Licht die kleinen Flammen spenden.
Der Fotograf Michael Waser schlägt noch ein, zwei Sujets vor. Melanie Remy setzt sich hinter die Kerzenablage, legt die Hände übereinander und ihr Kinn darauf. Sie schaut direkt in die Kamera und versteckt sich nicht. Weil sie immer wieder kritische Reaktionen auf ihre Anstellung bei der Kirche hört, sagt sie: «Ich will zeigen, dass es offene, coole Menschen gibt, die in der Kirche arbeiten.»
Dann muss Melanie Remy los. Einer ihrer Söhne liegt zu Hause krank im Bett. Aber bevor es dunkel ist, kommt sie noch einmal in die Kirche zurück und schliesst die Türe für die Nacht.