Gespräche über Leben und Tod

Gespräche über Leben und Tod

  • Die Katholis­che Erwach­se­nen­bil­dung Wet­tin­gen-Baden schloss ver­gan­genen Fre­itag, 15. Novem­ber, die diesjährige Ver­anstal­tungsrei­he «vom Leben und Ster­ben» mit einem Podi­ums­ge­spräch.
  • Im Saal des Roten Turms in Baden sprachen Fach­leute aus christlich­er Ethik, Pal­lia­tivmedi­zin, Psy­chi­a­trie und Spir­i­tu­al Care über das Ster­ben angesichts aktueller Optio­nen.
  • Die Podi­um­steil­nehmer berichteten aus ihrer Erfahrung, dass Ster­ben leichter wird, wenn man das eigene Ster­ben akzep­tiert und sich möglichst offen damit auseinan­der­set­zt.
Am ver­gan­genen Fre­itag ging es im Saal des Roten Turms in Baden um Leben und Tod. Anlass zum Disku­tieren und Sin­nieren gab vor allem der Über­gang: das Ster­ben im heuti­gen Kon­text von pal­lia­tiv­er Pflege, Ster­be­hil­fe­or­gan­i­sa­tio­nen und Patien­ten­ver­fü­gun­gen. Vier der bish­eri­gen Ref­er­enten des Zyk­lus «auf­brechen 2019» hat­ten sich zu einem abschliessenden Podi­um ver­sam­melt.

«Praktiker» und solche mit wissenschaftlichem Zugang

Mod­er­a­tor Bernd Kopp teilte die Podi­um­steil­nehmer der Über­sichtlichkeit hal­ber in solche mit prak­tis­chem und solche mit «eher reflek­tieren­dem» Zugang zum The­ma Ster­ben ein. Auf vor­wiegend prak­tis­ch­er Ebene beschäftigt sich Dr. Annett Ehren­traut, stel­lvertre­tende lei­t­ende Ärztin
 Innere Medi­zin und Pal­lia­tive Care am Kan­ton­sspi­tal Baden mit dem The­ma. Eben­falls im direk­ten Kon­takt mit Patien­ten stand Mario Etzens­berg­er als ehe­ma­liger Che­farzt der Klinik Königs­felden. Als Mit­glied der nationalen Ethikkom­mis­sion hat der The­ologe Markus Zim­mer­mann eher wis­senschaftlichen Zugang zum The­ma, eben­so wie Simon Peng-Keller, The­ologe und Pro­fes­sor für Spir­i­tu­al Care an der Uni­ver­sität Zürich.

Brisante Aspekte heutiger «Sterbepraxis»

Zu Beginn gaben die Podi­um­steil­nehmer je ein kurzes State­ment dazu ab, was ihnen angesichts heutiger «Ster­beprax­is» brisant und wichtig scheint.Sowohl die Pal­lia­tiv-Ärztin Annett Ehren­traut wie auch der Psy­chi­ater Mario Etzens­berg­er nan­nten als Prob­lem, dass über das Ster­ben viel zu sel­ten offen gesprochen werde. Annett Ehren­traut: «Ein Drit­tel der Patien­ten auf unser­er Pal­lia­tivs­ta­tion ster­ben. Oft erlebe ich, dass in der Fam­i­lie über das The­ma Ster­ben kaum gesprochen wird.» Mario Etzens­berg­er monierte, dass dauernd von Selb­st­bes­tim­mung gere­det werde und man nach allem Möglichen frage, nur nicht nach der Ein­stel­lung zum Ster­ben — und noch weniger zur Tran­szen­denz.

Palliative Pflege ist unterfinanziert

Simon Peng-Keller, Pro­fes­sor für Spir­i­tu­al Care am Uni­ver­sitätsspi­tal Zürich, nan­nte drei Punk­te, die ihn beschäfti­gen. Erstens, dass pal­lia­tive Pflege im Ver­gle­ich zu anderen medi­zinis­chen Bere­ichen stark unter­fi­nanziert sei und in der Poli­tik keine Lob­by habe. Zweit­ens konzen­triere sich die Berichter­stat­tung der Medi­en zum The­ma Ster­ben völ­lig ein­seit­ig auf den assistierten Suizid. Drit­tens kämen in den Diskus­sio­nen die Ster­ben­den nie sel­ber zu Wort.Der Sozialethik­er Markus Zim­mer­mann gab sein­er Besorg­nis darüber Aus­druck, dass die assistierten Suizide in den let­zten fünf bis sieben Jahren expo­nen­tiell zugenom­men haben. Die Nor­mal­isierung der Ster­be­hil­fe treibe ihn um, sie sei gefährlich. Dann griff er das Anliegen seines Vorred­ners Simon Peng-Keller auf: «Die finanziellen Mit­tel sind in der Medi­zin sehr ungle­ich verteilt. Den Grund dafür ortet Anne Ehren­traut in der Poli­tik, wo das Ver­ständ­nis dafür fehle, was es heisst, ster­ben­skrank zu sein. Die Pal­lia­tivmedi­zin sei per­son­al­in­ten­siv und koste entsprechend viel. Das unter­mauerte Simon Peng-Keller mit Zahlen: «Die Pal­lia­tivs­ta­tion des Unispi­tals Zürich schreibt jedes Jahr drei Mil­lio­nen Franken Defiz­it».

Warum ist Sterben so schwer geworden?

Der Psy­chi­ater Mario Etzens­berg­er schal­tete sich ein und beze­ich­nete den Ver­lauf der bish­eri­gen Diskus­sion als klas­sis­che Ver­drän­gungstak­tik: «Statt übers Ster­ben, sprechen wir über Geld». Heutzu­tage dürfe ja gar nicht mehr gestor­ben wer­den. Mario Etzens­berg­er zitierte mit hin­ter­gründi­gem Schalk aus ein­er Studie: «Wer länger als fünf Stun­den pro Tag sitzt, erhöht sein Ster­berisiko. Wer weniger sitzt? Hat eben­falls ein Ster­berisiko. Ja sog­ar ein­er, der den ganzen Tag herum­ren­nt, hat ein Ster­berisiko.» Der Psy­chi­ater plädierte dafür, der Tat­sache ins Auge zu sehen: «Wir müssen akzep­tieren, dass wir ster­ben wer­den. Wir ster­ben!»

Fehlende Rituale, schlechte Gefühle

Dass der Tod in unser­er Gesellschaft nicht mehr sicht­bar sei, trage wesentlich zum all­ge­meinen Ver­drän­gen bei. Als Beispiele nen­nen die Podi­um­steil­nehmer, dass es keine Toten­wa­gen mehr gebe, der Brauch des Auf­bahrens von Toten weit­ge­hend ver­schwun­den sei und viele Men­schen deshalb noch nie in ihrem Leben eine Leiche gese­hen hät­ten. Markus Zim­mer­mann: «Die Entkirch­lichung ist weit fort­geschrit­ten. Doch die Abschaf­fung sämtlich­er Rit­uale wie Auf­bahrung, Leichen­zug und Trauerklei­der erweist sich als fatal.» Das sei vor allem für die Ange­höri­gen eines Ster­ben­den eine grosse Belas­tung. Mario Etzens­berg­er weiss, dass Ange­hörige sich oft allein­ge­lassen fühlen und darunter lei­den, dass sie Gefüh­le haben, die sie «offiziell» nicht haben dür­fen, zum Beispiel Wut auf den Demen­zkranken, der sie nicht mehr ver­ste­ht.

Was uns zuinnerst bewegt

Mod­er­a­tor Bernd Kopp fragte: Ist Tran­szen­denz ein Tabu? Macht das den endgülti­gen Abschied noch schw­er­er? Simon Peng-Keller weiss aus sein­er Erfahrung als Klinikseel­sorg­er: «Viele Leute haben dur­chaus einen Bezug zur Spir­i­tu­al­ität, doch sie sprechen nicht gerne darüber, was sie zuin­nerst bewegt.» Wenn er sich den Patien­ten als Seel­sorg­er vorstelle, erhalte er manch­mal zwei­deutige Sig­nale: «Einige sagen, sie seien aus der Kirche aus­ge­treten. Dann begin­nen sie aber doch von ihrem Glauben zu erzählen.» Das Sprechen über Spir­ituelles sei essen­ziell, zeigte sich Mario Etzens­berg­er überzeugt: «Über psy­chis­che Erkrankun­gen zu sprechen ohne auf Spir­ituelles einzuge­hen, ist wie Suppe ohne Salz.» Simon Peng-Keller nimmt in der Medi­z­in­welt eine zunehmende Öff­nung gegenüber Spir­i­tu­al Care wahr.  «Es freut mich, dass aus­gerech­net der Psy­chi­ater in unser­er Runde die Tran­szen­denz ins Spiel gebracht hat.»

Was das Sterben leichter macht

«Fällt religiösen Men­schen das Ster­ben leichter?», wollte Mod­er­a­tor Bernd Kopp wis­sen. Annett Ehren­traut sagte ihre per­sön­liche Mei­n­ung: «Wer das Ster­ben akzep­tiert und sich offen damit auseinan­der­set­zt, hat es leichter.» Markus Zim­mer­mann ist überzeugt, dass Fam­i­lie und Fre­unde auch im Ster­ben das Wichtig­ste über­haupt sind. Dem pflichtete Dieter Her­mann, Geschäfts­führer des Hos­piz’ Aar­gau in Brugg in seinem kurzen State­ment zu: «Nie­mand will alleine ster­ben.»

Demut

Men­schen woll­ten pro­fes­sionelle Pflege und spir­ituelle Begleitung. Wenn Patien­ten ins Hos­piz kom­men, hät­ten sie den Tod meist vor Augen und sprächen auch darüber. Schw­er­er falle dies aber den Ange­höri­gen. Sie seien meist froh, dass jemand das Abschied­nehmen anspreche. Auf die Frage aus dem Pub­likum, was denn in den Köpfen der Men­schen passieren müsse, damit das Ster­ben seinen Schreck­en ver­liere, antwortete Psy­chi­ater Mario Etzens­berg­er: «Das grösste Hin­der­nis, das Ster­ben zu akzep­tieren, ist für mich das heutige Mach­barkeits­denken. Wer nichts mehr machen kann, hat heute defin­i­tiv etwas falsch gemacht.» Ange­sagt wäre sein­er Mei­n­ung nach ein wenig Demut – «ich weiss, kein sehr pop­ulär­er Begriff.»

Im konkreten Fall entscheiden sich viele gegen Sterbehilfe

Zum The­ma Ster­be­hil­fe stellte Mod­er­a­tor Bernd Kopp die These in den Raum, dass es weniger assistierte Suizide gäbe, wenn die Ver­sorgung auf der Pal­lia­tivs­ta­tion bess­er wäre. Pal­lia­tivärztin Annett Ehren­traut beobachtet auf ihrer Sta­tion, dass zwar viele Patien­ten Mit­glied bei ein­er Ster­be­hil­fe­or­gan­i­sa­tion sind, jedoch angesichts ihres bevorste­hen­den Todes ihre Mei­n­ung ändern. In den drei Jahren als lei­t­ende Ärztin am Kan­ton­sspi­tal Baden habe sie erst drei assistierte Suizide erlebt. Mario Etzens­berg­er fügte mit Blick auf die Patien­ten­ver­fü­gung an, dass man eine solche jed­erzeit ändern könne. «Das soll man auch unbe­d­ingt tun, wenn man seine Ansicht­en ändert.»

Sehr persönliche Einblicke

Zum Schluss des Gesprächs über Leben und Tod gaben die Teil­nehmer sehr per­sön­liche Ein­blicke in ihre Erfahrun­gen und Wün­sche. Mitor­gan­isator Hans Senn hat beim Tod seines Brud­ers erfahren, dass man intu­itiv spürt, was das Richtige ist. «Man muss nicht viel Neues erfind­en, son­dern offen sein. Tote berühren und sich von ihnen berühren lassen, es geschehen lassen», sagte er.Auf die abschliessende Frage von Bernd Kopp: «Was wün­schen Sie sich für Ihren eige­nen Tod?» gaben die vier Podi­um­steil­nehmer freimütig Auskun­ft. «Ich möcht­en meinen Näch­sten Adieu sagen kön­nen», «Ich möchte das Gefühl haben, meine Leben­sauf­gabe erfüllt zu haben», «Ich möchte mit mir im Reinen sein» und: «Ich wün­sche mir, dass jemand bei mir ist».
Marie-Christine Andres Schürch
mehr zum Autor
nach
soben