Gemeinsam Lösungen suchen

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  • Die sieben Kirch­lich Regionalen Sozial­dien­ste KRSD im Aar­gau wer­den von den örtlichen Kirchge­mein­den, der römisch-katholis­chen Kirche im Aar­gau und der Car­i­tas Aar­gau getra­gen.
  • Sie unter­stützen Armuts­be­trof­fene mit Hil­fe zur Selb­sthil­fe.
  • In Frick arbeit­et die Sozialar­bei­t­erin Stef­fi Kuhn als Stan­dortlei­t­erin des KRSD. Ihr gefällt, dass sie reagieren kann, wenn sie Hand­lungs­be­darf sieht. Auch wenn sie dafür Eier auf­schla­gen und die Teigkelle schwin­gen muss.


In Frick ste­hen zwei Hügel. Auf dem einen ste­ht die reformierte, auf dem anderen die katholis­che Kirche. Zwis­chen diesen zwei Hügeln pen­delt Stef­fi Kuhn auf ihrem Arbeitsweg. Ihr Zuhause befind­et sich nahe der reformierten Kirche, ihr Büro – die Räum­lichkeit­en des öku­menis­chen Kirch­lich Regionalen Sozial­dien­sts KRSD Oberes Frick­tal – liegt neben der katholis­chen Kirche, dem Pfar­rhaus und der Kapelle. [esf_wordpressimage id=42233 width=half float=right][/esf_wordpressimage]

Kontakt im Dorf

Die Stan­dortlei­t­erin des KRSD ist aus­ge­bildete Sozialpäd­a­gogin und Reli­gion­späd­a­gogin, ordinierte reformierte Diakonin und hat einen Mas­ter in Infor­matik. Sie wuchs in Deutsch­land auf, lebte in den USA, im Zürcher Ober­land, in Sin­ga­pur und arbeit­ete im Frauen­haus in Basel. Nun wohnt sie in Frick nahe bei ihrer Arbeitsstelle: «Das war ein bewusster Entscheid, denn es gefällt mir, die Men­schen auch ausser­halb mein­er Arbeit spon­tan auf der Strasse zu tre­f­fen.»

Dass sie unkom­pliziert ist, beweist Stef­fi Kuhn beim Besuch von Hor­i­zonte: Spon­tan fragt sie die Frauen, die im Raum neben ihrem Büro im Deutschkurs sind, ob der Fotograf Bilder von ihnen machen dürfe. Die Teil­nehmerin­nen am «Meet­ing Point», einem Car­i­tas-Ange­bot, welch­es Frauen regelmäs­sige Tre­f­fen und Deutschler­nen ermöglicht, sind eben­so spon­tan ein­ver­standen und posieren fürs Titel­bild dieser Aus­gabe.

Dazugehören kostet Geld

Das Mot­to des diesjähri­gen Car­i­tas-Son­ntags «Armut schliesst aus – dazuge­hören kostet Geld» kann Kuhn aus ihrer Erfahrung dif­feren­ziert erläutern. «Armut schliesst Betrof­fene aus, weil sie sich oft aus Scham und Angst selb­st zurückziehen», weiss sie. So tritt ein Kind vielle­icht aus der Jugi aus, weil die Fam­i­lie den Jahres­beitrag nicht mehr zahlen kann. Auch Zeit zu haben, sei ein entschei­den­der Fak­tor, ein Luxus, erk­lärt Kuhn. Wer den ganzen Tag arbeit­et, um über die Run­den zu kom­men, hat keine Zeit, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Und Armut kann krank machen: Häu­fig haben Armuts­be­trof­fene eine hohe Fran­chise und gehen deswe­gen nicht zum Arzt. «Ein beson­deres Prob­lem sind Zah­narztkosten, solche Gesuche stelle ich fast monatlich», sagt Kuhn.

Lösungen, die etwas taugen

Die Sozialar­bei­t­erin merkt jedoch auch an, dass der Stan­dard in der Schweiz extrem hoch sei und die Gefahr beste­he, seine eige­nen Möglichkeit­en mit diesem hohen Niveau zu ver­gle­ichen. Meis­tens tau­gen auch ein­fachere und gün­stigere Lösun­gen. So emp­fiehlt Kuhn einem jun­gen Mann schon mal, im Wald laufen zu gehen oder einem Sportvere­in beizutreten, statt ihm ein Fit­ness­abo zu bezahlen. Oder statt Klavier­stun­den könne der Tochter auch ein anderes Instru­ment Freude machen.

«Ich muss rel­a­tiv häu­fig und rasch entschei­den: Ist diese Anschaf­fung, diese Aus­gabe sin­nvoll und nötig?», sagt Kuhn. Mit ihrer offe­nen und zuver­sichtlichen Art hil­ft sie den Rat­suchen­den, das Gefühl zu über­winden, dass sie keine Möglichkeit­en hät­ten. «Mein Ver­ständ­nis von Sozial­ber­atung ist, Hil­fe zur Selb­sthil­fe zu geben und die Leute zu befähi­gen, sich selb­st­ständig zu organ­isieren.» Arm in der reichen Schweiz ist jemand, dem das Geld nur für das Nötig­ste reicht: «Du kannst zwar leben, dir aber nichts leis­ten», fasst Kuhn zusam­men. Beson­ders betrof­fen davon sind «Work­ing Poor»: «Men­schen, die arbeit­en, aber zu wenig ver­di­enen, um Ende Monat etwas übrig zu haben.»

Sinnvoll unterstützen

[esf_wordpressimage id=42257 width=half float=left][/esf_wordpressimage]Punktuell arbeit­et der KRSD Oberes Frick­tal mit der Sozial­hil­fe der Gemeinde zusam­men. Der Kirch­liche Sozial­dienst kann dort ein­sprin­gen, wo die stren­gen Richtlin­ien der Behörde keinen Spiel­raum lassen. Stef­fi Kuhn hat bei ihrer Auf­gabe als Sozialar­bei­t­erin beim KRSD mehr Entschei­dungs­frei­heit: «Ich erkenne den Bedarf und kann im Rah­men des Bud­gets sel­ber über sin­nvolle Mass­nah­men entschei­den», erk­lärt Stef­fi Kuhn.

Ein Beispiel: «Ein Bedarf, auf den ich von selb­st nie gekom­men wäre, ist das Kuchen­back­en.» Die Tra­di­tion, dass man dem Kind am Geburt­stag einen Kuchen mit in die Schule gibt, lern­ten geflüchtete Frauen erst hier ken­nen. So wurde sie gefragt: «Frau Kuhn, kön­nen wir ler­nen, wie man Kuchen backt?» Für den angekündigten Back­tag melde­ten sich zehn Frauen an, 15 kamen. Stef­fi Kuhn und ihre Assis­tentin kamen fast nicht nach mit Eier-Auf­schla­gen und But­ter-schau­mig-Rühren. «Ein toller Anlass!», erin­nert sich Stef­fi Kuhn.

Marie-Christine Andres Schürch
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