Zusammenkommen
«Hab Mut! Steh auf!» war das Motto des diesjährigen Katholikentags in Würzburg.
© Katharina Gebauer/KNA

Zusammenkommen

Deutscher Katholikentag in Würzburg

In Deutschland findet alle zwei Jahre der Katholikentag statt. Wir erklären, worum es geht, wie er entstanden ist und dürfen mit einem Teilnehmer in den diesjährigen Katholikentag eintauchen.

Der Katho­liken­tag ist jedes Mal in ein­er anderen Stadt zu Gast. Dieses Jahr ist die Stadt Würzburg in Bay­ern Gast­ge­berin.
Katho­liken­t­age richt­en sich an katholis­che Men­schen, aber auch an Ange­hörige ander­er Reli­gio­nen und alle, die sich für den Glauben oder die Rolle der Kirche in der Gesellschaft inter­essieren.
Fünf Tage lang feiern Men­schen gemein­sam Gottes­di­en­ste, besuchen Ausstel­lun­gen oder Konz­erte, ver­fol­gen Podi­ums­diskus­sio­nen und nehmen an Work­shops teil. Ausser­dem gibt es seit den Neun­ziger­jahren die «Kirchen­meile», auf der sich viele kirch­liche Ver­bände, Ordens­ge­mein­schaften, Hil­f­swerke und andere mit Ausstel­lungsstän­den vorstellen. Hier find­en sich ver­schieden­ste Akteure aus dem Spek­trum des kirch­lichen Lebens, von der Öku­menis­chen Arbeits­gruppe Homo­sex­uelle und Kirche bis zu kon­ser­v­a­tiv­en Grup­pen wie der Legio Mari­ae (Bewe­gung, die sich der Verkündi­gung, dem sozialen Engage­ment und der Marien­verehrung wid­met).
Der Katho­liken­tag will einen Raum für die Gläu­bi­gen schaf­fen, in dem sie ihren Glauben in Gemein­schaft erleben, die Zukun­ft der Kirche aktiv mit­gestal­ten und sich mit den poli­tis­chen und gesellschaftlichen Fra­gen der Zeit auseinan­der­set­zen. Er möchte aber auch ein Ort sein, an dem Kirche und Gesellschaft miteinan­der ins Gespräch kom­men.

Vom revolutionären Aufbruch zur Themenvielfalt

Der Katho­liken­tag find­et seit 175 Jahren statt. Zum ersten Mal wurde er im Jahr 1848 in Mainz durchge­führt, in ein­er Zeit gross­er poli­tis­ch­er Umbrüche. Während der soge­nan­nten Märzrev­o­lu­tion erkämpften sich Bürg­er mehr Rechte gegenüber Köni­gen, Fürsten und Her­zo­gen. Daran ori­en­tierten sich die Teil­nehmenden des ersten Katho­liken­tags. Allerd­ings han­delte es sich damals noch nicht um eine Grossver­anstal­tung für die bre­ite Bevölkerung, son­dern um eine Gen­er­alver­samm­lung katholis­ch­er Vere­ine.
In der Zeit der bei­den Weltkriege fan­den keine Katho­liken­t­age statt, erst 1948 ging es im bis heute beibehal­te­nen Zwei­jahres­rhyth­mus weit­er.
Meis­tens find­et der Katho­liken­tag über die lan­gen Woch­enen­den von Auf­fahrt oder Fron­le­ich­nam statt. Eröffnet wird er mit ein­er zen­tralen Kundge­bung am Mittwochabend. Von Don­ner­stag bis Sam­stagabend find­en die Ver­anstal­tun­gen statt. In den ver­gan­genen Jahren hat sich das Pro­gramm stärk­er aus­d­if­feren­ziert: Viele Ange­bote sind heute in eigene Bere­iche gegliedert, die soge­nan­nten Zen­tren. Nach per­sön­lichem Inter­esse kön­nen etwa ein Fam­i­lien­zen­trum, ein Frauen- und Män­nerzen­trum, das sich mit Gen­der­fra­gen befasst, ein Ökumenezen­trum, ein Jugendzen­trum, ein Eine-Welt-Zen­trum, ein geistlich­es Zen­trum oder die Zen­tren für christlich-jüdis­chen und christlich-islamis­chen Dia­log besucht wer­den.

Organisation und Kritik

Der Katho­liken­tag wird vom Zen­tralkomi­tee der deutschen Katho­liken (ZdK) organ­isiert. Für das Pro­gramm entwick­elt eine eigene Kom­mis­sion zunächst ein Gesamtkonzept. Dafür sam­melt sie im Vor­feld The­men- und Ver­anstal­tungsvorschläge von kirch­lichen Organ­i­sa­tio­nen und Insti­tu­tio­nen. Aus diesen Ideen stellt die Kom­mis­sion ein vielfältiges Pro­gramm zusam­men. Anschliessend legt sie ihren Vorschlag der Katho­liken­tagsleitung vor, die endgültig darüber entschei­det.
Die Finanzierung der Katho­liken­t­age basiert auf drei Säulen: Der grösste Anteil kommt aus öffentlichen Mit­teln vom Bund, den deutschen Bun­deslän­dern und den Kom­munen. Daneben trägt die Kirche einen wichti­gen Teil bei. Ergänzt wird das Bud­get durch Eigenein­nah­men, etwa aus Tick­etverkäufen, Sou­venirs, Kollek­ten, Standge­bühren sowie durch Spenden und pro­jek­t­be­zo­gene Zuschüsse. Seit 2014 wird jed­er Katho­liken­tag auch von Kri­tik an den öffentlichen Zuschüssen begleit­et. Sicht­bar wird sie unter anderem durch die öffentlichkeitswirk­same Kun­stak­tion «Das 11. Gebot» mit der Forderung: «Du sollst deinen Kirchen­tag selb­st bezahlen.»

Leonie Wollensack

Symphonie des Glaubens oder Festival der Codes?

Als ich im ver­gan­genen Okto­ber aus der Demokratis­chen Repub­lik Kon­go nach Freiburg in Deutsch­land kam, wusste ich, dass mich viel Neues erwartet. Doch ein «Katho­liken­tag»? Dieses Konzept, eine Mis­chung aus poli­tis­chem Forum, Denk­fab­rik und Fes­ti­val, gibt es bei mir zu Hause nicht. In mein­er Heimat ist der Glaube oft eine Explo­sion der Freude, ein spon­tanes Fest auf den Strassen. Mit der Frage im Gepäck, ob die deutsche Kirche eine in sich geschlossene Insti­tu­tion oder eine «bunte Schar», wie das Volk beim Auszug aus Ägypten, ist, habe ich mich auf den Weg nach Würzburg gemacht.
Schon am Bahn­hof in Würzburg wurde klar: Hier regiert eine lebendi­ge Geschäftigkeit. Bunte Hal­stüch­er prägten das Stadt­bild. Was mich faszinierte, war die per­fek­te Organ­i­sa­tion. Für mich, der eine eher spon­tane Glauben­skul­tur gewohnt ist, war es beein­druck­end zu sehen, wie eine ganze Stadt zum kirch­lichen Labor wurde. Man kommt hier nicht nur her, um zu beten, son­dern um lei­den­schaftlich zu debat­tieren.

Zwischen Weltpolitik und ​Glaubensfamilie

Ein Höhep­unkt war der Besuch des deutschen Bun­de­spräsi­den­ten Frank-Wal­ter Stein­meier an den weis­sen Stän­den der Kirchen­meile, der direkt vor unserem Stand der Herz-Jesu-Priester für eine Begrüs­sung halt­machte – Zeit für ein schnelles Self­ie! Kurz darauf ver­fol­gte ich im Con­gress Cen­trum das Jugendge­spräch mit Bun­deskan­zler Friedrich Merz. Eben­falls bewe­gend war eine Begeg­nung an unserem Stand mit Bischof Hein­er Wilmer, dem Vor­sitzen­den der deutschen Bischof­skon­ferenz. In diesem ein­fachen, brüder­lichen Aus­tausch wurde weltweite Gemein­schaft greif­bar. Bere­ich­ernd war aber auch der Aus­tausch mit anderen Studieren­den vor Ort, die von der Atmo­sphäre begeis­tert waren.

Ein Chor aus vielen Köpfen

Während wir im Kon­go mit dem ganzen Kör­p­er feiern, disku­tiert Würzburg vor allem mit dem Kopf. Es ist eine andere Art, Christ zu sein. Intellek­tueller, aber nicht weniger aufrichtig. Als Chor­leit­er ist mein Gehör fein eingestellt; die spir­ituellen Momente und Konz­erte haben mich berührt. Wenn Stim­men und Melo­di­en har­mon­isierten, wurde Glaube greif­bar. Manch­mal nahm das Poli­tis­che jedoch so viel Raum ein, dass die Spir­i­tu­al­ität kurzat­mig wirk­te und der Katho­liken­tag eher an ein Bürg­er­par­la­ment als an eine Wall­fahrt erin­nerte.
Draussen auf den Strassen erlebte ich laut­starke Debat­ten und säku­lare Aktivis­ten, die Schilder tru­gen wie «Reli­gion ist anti­demokratisch und total­itär». Kli­maak­tivis­ten forderten den Kan­zler auf, die Schöp­fung zu bewahren.
Diese Gle­ichzeit­igkeit von tiefem Glauben, poli­tis­chem Aktivis­mus und radikaler Kirchenkri­tik und poli­tis­chem Aktivis­mus auf eng­stem Raum war wie ein Crashkurs in Sachen deutsch­er Plu­ral­is­mus.

Von der Bibelauslegung zur Realität

In mein­er aktuellen Sem­i­narar­beit, die ich an der Uni schreibe, geht es um die Ausle­gung des Buch­es Exo­dus. Ich beschäftige mich darin mit der Rolle der Frem­den. In Würzburg habe ich daher ein beson­deres Augen­merk auf diese Ethik der Gast­fre­und­schaft gelegt. Die vie­len Stände zu Migra­tion und sozialer Gerechtigkeit zeigten eine Kirche, die nah an den Wun­den der Welt sein möchte. Hier wirkt die Kirche am glaub­würdig­sten: Wenn sie nicht über sich selb­st spricht, son­dern sich den Men­schen wid­met, die am Rande ste­hen.

Die Perfektion der Maschine

Es gab für mich auch Momente des inneren Wider­stands: Hier scheint alles einen fes­ten Platz, eine feste Uhrzeit und ein Kürzel zu haben. Ab und zu wirk­te diese per­fekt geölte Mas­chine so mächtig, dass ich mich fragte: Wo bleibt der Raum für das Unvorherse­hbare, für das Wehen des Heili­gen Geistes, das uns über­rascht und aufrüt­telt?

Ein Lied, das weitergeht

Ich fahre mit tiefer Dankbarkeit aus Würzburg ab. Der absolute Höhep­unkt war für mich der Abschlussgottes­di­enst. Als Bischof Wilmer in sein­er Predigt rief «Hab Mut! Steh auf!», traf mich das mit­ten ins Herz. Er erin­nerte daran, dass die Welt bren­nt und wir die Men­schen in Afri­ka nicht vergessen dür­fen. Bere­its bei der Mis­sio-Ver­anstal­tung zuvor wurde über den Kon­go gesprochen – über die Aus­beu­tung unser­er natür­lichen Ressourcen wie Coltan für Smart­phones. Dass meine Heimat hier auf dem Altar der Debat­ten und des Gebets lag, hat mich tief bewegt.
Wer neugierig ist, sollte auf jeden Fall ein­mal einen Katho­liken­tag besuchen. Nicht, weil alles per­fekt ist, son­dern weil man hier ehrlich ver­sucht, im Dia­log an ein­er gerechteren Welt zu bauen. Für mich geht die Reise weit­er. Der Ruf «Hab Mut! Steh auf!» begleit­et mich zurück nach Freiburg. Wie im Buch Exo­dus sind wir ein Volk auf dem Weg – bere­it, unsere Stimme für die Stum­men zu erheben.


Chadrack Mpungu
studiert Philosophie und Theologie und ​ist Mitglied der Ordensgemeinschaft ​der Herz-Jesu-Priester (SCJ)

Redaktion Lichtblick
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