«Wo können wir als Kirche mitschwingen?»
Seit September leitet Jörg Harald Werron die OKE gemeinsam mit Frank Lorenz. Werron folgt als Römisch-Katholische Leitungsperson auf Anne Burgmer.
Bild: © Leonie Wollensack

«Wo können wir als Kirche mitschwingen?»

Die OKE hat einen neuen Co-Leiter

Wie tickt der neue Leiter der Offenen Kirche Elisabethen? Welchen Blick bringt er mit, wie findet er heraus, was die Menschen bewegt, und wann ist Kirche für ihn himmlisch?


Die Türe seines Büros ste­ht offen, Jörg Har­ald Wer­ron ist an seinem neuen Arbeit­splatz, bere­it für das Inter­view.
Offen. Das ist das Leit­bild sein­er neuen Arbeit­ge­berin, der Offe­nen Kirche Elis­a­bethen (OKE), die diese Eigen­schaft in ihrem Namen trägt. Aber es ist auch ein Mot­to von Wer­ron selb­st. «Als ich im Mai die Stel­lenauss­chrei­bung gese­hen habe, wusste ich: Das ist meine Stelle!», erin­nert er sich. Für ihn ist die OKE ein Ort, an dem er als Per­son offen sein kann. «In der Kirche gibt es für mich nicht viele Räume dieser Art», erk­lärt er. An seinem vorheri­gen Arbeit­splatz hat er nicht öffentlich gemacht, dass er in ein­er homo­sex­uellen Part­ner­schaft lebt. Bei der OKE ist dies nun etwas, das expliz­it offen gezeigt wer­den kann; eine Erfahrung, die für ihn neu ist.

Gemeindearbeit und Theaterpädagogik als Grundlage

Wer­ron ist Sprech­er, Schaus­piel­er, Präsen­ta­tion­scoach, Dozent für Litur­gis­che Bil­dung, The­ater­päd­a­goge und Reli­gion­späd­a­goge. Der Vorteil sein­er reli­gion­späd­a­gogis­chen Aus­bil­dung und der 23 Jahre Beruf­ser­fahrung in Schule und Gemeinde liegt auf der Hand. Doch Wer­ron hofft, auch seine the­ater­päd­a­gogis­chen Fähigkeit­en für seine neue Arbeitsstelle nutzen zu kön­nen. «Mal sehen, ob in Zukun­ft Pro­jek­te in diese Rich­tung möglich sind», über­legt er. In den ersten Wochen war es ihm aber zunächst wichtig, die vielfälti­gen Auf­gaben­felder der OKE und die vie­len ver­schiede­nen Men­schen ken­nen­zuler­nen, mit denen er in Kon­takt ste­hen wird.
Damit das Schaus­pie­len nicht ganz zu kurz kommt, ist er dem­nächst bei einem Film­dreh im Schwarzwald mit dabei. Doch er weiss: «Das Schaus­pie­len ist sehr zeit­in­ten­siv, vor allem die Proben.» Daher sei es momen­tan auch in Ord­nung, wenn das Schaus­pie­len keine Pri­or­ität hat.

«Draussen» mit den Menschen ins Gespräch kommen

Wer­ron hat die let­zten neun Jahre in der City­pas­toral in Frank­furt am Main gear­beit­et. City­pas­toral bedeutet: Die Kirche geht zu den Men­schen und an die bedeu­ten­den Orte ihres All­t­ags. Mit der Frage, wie Kirche den Men­schen in ihrem städtis­chen Leben­sraum begeg­nen kann, ken­nt Wer­ron sich also aus. Und trotz­dem erlebt er in der OKE Neues. «In Frank­furt waren wir direkt in der Fuss­gänger­zone präsent und im Kon­takt mit den Men­schen, die in dem Moment vor­beika­men. Das Ange­bot war also sehr punk­tuell. Hier in der OKE gibt es eine Menge Ange­bote, die langfristig mit den vie­len Frei­willi­gen vor­bere­it­et und durchge­führt wer­den», erk­lärt er. Vor allem das Zusam­men­spiel von Kun­st, Kul­tur, Spir­i­tu­al­ität und sozialem Engage­ment hat ihn fasziniert, als er sich für die Stelle der Co-Leitung bewor­ben hat.
Was Wer­ron aus sein­er Zeit in der City­pas­toral in Frank­furt mitgenom­men hat: Die Kirche muss ihren Raum ver­lassen und mit den Men­schen «draussen» ins Gespräch kom­men. Dafür eignen sich sein­er Mei­n­ung nach Strasse­nak­tio­nen gut. Er hat ein Beispiel mit­ge­bracht: «Wir haben gemein­sam mit dem Trauerzen­trum eine Aktion zum The­ma «Before I die» (deutsch: Bevor ich sterbe, Anm. d. Red.) durchge­führt. Es brauchte nichts als eine schwarze Wand und diesen Schriftzug, und schon kamen die Men­schen und schrieben etwas zum The­ma auf die Wand. Dieses The­ma berührt die Men­schen über die Gren­zen von Kon­fes­sion, Reli­gion und Nation­al­ität hin­aus.» Wer­ron sieht in solchen Aktio­nen eine grosse Chance für die Seel­sor­gen­den, mit den Men­schen über diese exis­ten­ziellen The­men ins Gespräch zu kom­men.

Was Kirche himmlisch macht

Das seel­sorg­erische Gespräch ist für ihn zen­tral – für die Begeg­nung mit den Men­schen in den wichti­gen Momenten und für eine Kirche, die offen sein will. «In den per­sön­lichen Seel­sorgege­sprächen finde ich uns als Kirche ganz wertvoll», erk­lärt Wer­ron und ergänzt: «Die Men­schen brin­gen uns in diesen Augen­blick­en gross­es Ver­trauen ent­ge­gen, und es entste­ht eine beson­dere Verbindung.» Für ihn als Seel­sorg­er ist es wichtig, sich in diesen Momenten zurück­zunehmen und ganz für das Gegenüber da zu sein. «In solchen Momenten kann Seel­sorge, ja, himm­lisch sein», find­et er.
Und wie find­et er nun her­aus, was die Men­schen bewegt und wo Kirche für sie da sein kann? «Diese Frage stelle ich mir kon­tinuier­lich», sagt Wer­ron. Für ihn ist es wichtig, unter die Men­schen zu gehen, sich zu ver­net­zen und hinzuschauen: Wo schwingt die Stadt ger­ade? «Und dann frage ich mich: Wo kön­nen wir als Kirche mitschwin­gen?» Was er aus seinen Beobach­tun­gen mit- und wahrn­immt, lässt er dann in neue Pro­jek­te ein­fliessen. Die OKE habe ein gutes Net­zw­erk, um leben­snah an den Men­schen dran zu sein. «Mein Leitungskol­lege Frank Lorenz und die vie­len Mitar­bei­t­en­den haben da schon grossar­tige Arbeit geleis­tet», betont Wer­ron. Ausser­dem ist es ihm wichtig, andere mit hineinzunehmen in die Entwick­lung von neuen Konzepten. Daher hat Wer­ron beispiel­weise die Frei­willi­gen nach ihren Ideen gefragt. «Solche Ideen soll­ten im Team entwick­elt wer­den», find­et er.

Vorwärts gehen

Und wie geht es mit der Kirche sein­er Mei­n­ung nach weit­er? Wer­ron zählt sich inner­halb der Kirche zur «zukun­ft­sori­en­tierten Mitte». Er erk­lärt: «Das Leben geht immer vor­wärts, das zeigen schon unsere Füsse. Sie sind nach vorne gerichtet, nicht nach hin­ten. Daher frage ich mich oft: Wenn wir nach vorne gehen, warum denken wir dann rück­wärts?» Für ihn bedeutet das nicht, auf jeden Trend aufzus­prin­gen und alles gutzuheis­sen. Es geht eher darum, zu schauen, wo sich Ele­mente find­en, die auch die Kirche weit­er­brin­gen.

Das ist auch der Blick, mit dem Wer­ron durchs Leben geht. Offen und inter­essiert. Er trifft sich gern mit Fre­undin­nen und Fre­un­den oder erkun­det neue Städte. Er fährt Velo, lässt sich von The­ater und Museen anre­gen und geniesst gutes Essen. Seine Energie aber nährt sich aus der Stille: aus acht­samen Momenten, aus Med­i­ta­tion und Gebet und aus der jährlichen Auszeit im Carmel de la Paix in Bur­gund, wo er zur Ruhe kommt, und Kraft schöpft.
So wie die Türe seines Büros am Ende des Gesprächs auch weit­er offen­bleibt, bleibt auch Wer­ron offen für Begeg­nun­gen und neue Gedanken.

Regen­bo­gen­gottes­di­enst zur Amt­sein­set­zung

Am 16. Novem­ber um 17 Uhr wird im Rah­men eines fes­tlichen Gottes­di­en­stes der neue Co-Leit­er der OKE in sein Amt einge­führt. Der Anlass ist zugle­ich eine Regen­bo­gen­feier, ein For­mat, das für Vielfalt und Offen­heit ste­ht und mit dem die OKE Men­schen mit unter­schiedlichen Lebensen­twür­fen ein­lädt, Gottes gren­zen­lose Liebe zu feiern.

16. Novem­ber, 17 UhrOffene Kirche Elis­a­bethen, Elis­a­bethen­strasse 10–14, 4051 BaselMusik: Surpise-Strassen­­chorApéro im Anschluss.

Weitre Infos zum Ange­bot der OKE, find­en Sie hier.

Leonie Wollensack
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