«Kirche muss nicht geliebt, sondern respektiert werden» — Wenn Bischöfe politisch werden

«Kirche muss nicht geliebt, sondern respektiert werden» — Wenn Bischöfe politisch werden

  • Thomas Wal­li­mann-Sasa­ki ist Sozialethik­er und Präsi­dent a.i. von Justi­tia et Pax, der Nation­alkom­mis­sion der Schweiz­er Bischof­skon­ferenz (SBK). Im Inter­view erk­lärt er, dass Kirche immer poli­tisch ist, auch wenn sie schweigt.
  • Die Kirche sollte mehr Mut zeigen, als Gemein­wohl-ori­en­tiertes Gewis­sen auf die unan­genehmen Wider­sprüche in der Gesellschaft hinzuweisen, fordert der Thomas Wal­li­mann, der eben­so das sozialethis­che Insti­tut «ethik22» leit­et, das aus dem Sozialin­sti­tut der KAB her­aus ent­standen ist.
 Gibt es Kri­te­rien, nach denen die SBK oder Justi­tia et Pax Stel­lung­nah­men oder Empfehlun­gen zu Abstim­mungen veröf­fentlichen? Thomas Wal­li­mann-Sasa­ki: Meines Wis­sens gibt es keine Kri­te­rien. Oft wird recht kurzfristig entsch­ieden, wer sich äussert. Eine Faus­tregel ist allerd­ings, dass die SBK nicht zu oft sel­ber veröf­fentlichen soll, damit ihr Wort dann entsprechend Gewicht hat. Für Justi­tia et Pax sind die The­men Umgang mit Frem­den, Asyl, Ster­be­hil­fe, Energie, Kriegs­ma­te­ri­alaus­fuhr und ganz all­ge­mein Gerechtigkeits­fra­gen von gross­er Bedeu­tung. Dazu hat Justi­tia et Pax in der Ver­gan­gen­heit auch unab­hängig von Volksab­stim­mungen gear­beit­et. Bei diesen The­men äussern wir uns dann auch entsprechend.Manch­mal veröf­fentlicht Justi­tia et Pax sehr frühzeit­ig eine Empfehlung, manch­mal erst knapp zur Abstim­mung hin.  «No-Bil­lag» kam 41 Tage vor Abstim­mung zur Sprache, die Durch­set­zungsini­tia­tive 2016 erst 33 Tage vorher. Welche Gründe hat das? Auch für den Zeit­punkt der Abfas­sung von Stel­lung­nah­men der Kom­mis­sion Justi­tia et Pax spielt die öffentliche Wahrnehmung eines Abstim­mungs­the­mas eine Rolle. «No-Bil­lag» ist bere­its seit Monat­en in der Diskus­sion, während sich am Abstim­mungswoch­enende der Durch­set­zungsini­tia­tive die medi­ale Aufmerk­samkeit eher auf die Abstim­mung über die zweite Got­thardröhre konzen­tri­erte.Die Bis­chöfe haben in ihrem Medi­en­com­mu­niqué zu ihrer 118. Ordentlichen Ver­samm­lung einen Absatz zu «No-Bil­lag» for­muliert. Sie zeigen sich besorgt über den dro­hen­den Ver­lust der Mei­n­ungsvielfalt und der Gefährdung der Demokratie. Keine Rede davon, dass die SRG auch Gefässe bere­it­stellt, in denen religiöse For­mate Platz find­en. Was ist von der Argu­men­ta­tion der Bis­chöfe zu hal­ten? Da sind die Bis­chöfe auf den Kern dessen gegan­gen, was in ihren Augen wichtig ist und haben damit ihre Auf­gabe als Gemein­wohl-ori­en­tiertes Gewis­sen in der Gesellschaft wahrgenom­men. Wenn sie mit dem Ver­lust der religiösen Radio­for­mate argu­men­tiert hät­ten, kön­nte man ein­wen­den: Sie argu­men­tieren nur aus Eigen­in­ter­esse, und es gibt ja auch pri­vate religiöse Sender wie zum Beispiel Radio Maria.Tun sich Kirchen und Bis­chöfe schw­er, ihre Stimme zu poli­tis­chen The­men zu erheben? Immer­hin sind die Reak­tio­nen auf poli­tis­che Äusserun­gen durch die Kirche meist heftig. Ein Hund, dem man auf den Schwanz ste­ht, der bellt. Die Leute merken intu­itiv, dass viele poli­tis­che The­men und Debat­ten mit Werte­hal­tun­gen zusam­men­hän­gen, die dem wider­sprechen, was «eigentlich richtig» wäre. Die Kirche erin­nert unan­genehm an diese Zwiespältigkeit und die grundle­gen­den Werte des Zusam­men­lebens. Ein zweit­er Fak­tor: hin­ter der Kri­tik ste­ht let­ztlich auch eine Anerken­nung, dass die Kirche doch noch zu ihren Werten ste­ht.Soll­ten Kirchen und Bis­chöfe mehr poli­tis­chen Ein­satz zeigen? Kirche ist immer poli­tisch. Wenn sie nichts sagt, ist sie auch poli­tisch. Sie ist dann auf der Seite der Gewin­ner­in­nen und Mächti­gen. Es ist eine verkürzte Sichtweise, wenn man denkt, Kirche sei nur poli­tisch, wenn sie etwas sagt. Ich wün­schte mir manch­mal mehr Mut, dass Kirche ihre Priv­i­legien zum Wohl der Benachteiligten ein­set­zt. Den Mut hat man nicht immer, das ist mir klar. In dem Zusam­men­hang kann man vielle­icht auch noch sagen, wenn sich ein Bischof zu einem brisan­ten The­ma äussert, reicht es zur Zeit häu­fig, wenn er den Papst zitiert. Der Papst gibt dem Bischof sozusagen Rück­endeck­ung. Ein Bischof der dann eine Option für die Armen konkretisiert, gibt wiederum seinen Leuten, die sich für Arme ein­set­zen, Rück­endeck­ung.Was ist Ihrer Mei­n­ung nach eine der grossen Her­aus­forderun­gen für die kirch­liche Stimme heute? Dass sie authen­tisch ist. Sprechen und Han­deln müssen übere­in­stim­men. Pointiert gesprochen: Wenn in einem Wirtschaft­sun­ternehmen Sprechen und Han­deln nicht zusam­men­passen, find­et man das vielle­icht nicht gut, doch man wun­dert sich nicht beson­ders, weil man let­ztlich annimmt, dass Geld ver­di­enen trotz allen anderen Beteuerun­gen legit­im ist. Die Kirche ste­ht auch in der Gesellschaft vor viel grösseren Erwartun­gen und Ansprüchen. Sie kann sich eine Wider­sprüch­lichkeit aber auch aus the­ol­o­gis­chen wie ethis­chen Grün­den nicht leis­ten. Kirche muss ja von der Gesellschaft nicht geliebt wer­den, Kirche muss respek­tiert wer­den.Als Vertreter der SBK sitzt Bischof Felix Gmür mit bera­ten­der Stimme in der Kom­mis­sion Justi­tia et Pax. Trägt er The­men und Anliegen aus der Kom­mis­sion in die SBK oder umgekehrt? Bei­des. Wenn wir von Justi­tia et Pax aus etwas machen wollen, stellt er den Kon­takt zum Prä­sid­i­um der SBK her. Und er informiert die Kom­mis­sion umgekehrt über die The­men, die in der SBK disku­tiert wer­den. Darüber hin­aus ist Justi­tia et Pax Mit­glied in unter­schiedlichen Beiräten und zivilge­sellschaftlichen Gremien zu bes­timmten The­men – zum Beispiel zum The­ma Men­schen­rechte. Oder die Kom­mis­sion wird punk­tuell zu bes­timmten The­men hinzuge­zo­gen – beispiel­sweise bei der Wiedergut­machungsini­tia­tive. Der Aus­tausch ist sehr unkom­pliziert und prag­ma­tisch.Wie ist der Zusam­men­hang von Justi­tia et Pax und der SBK grund­sät­zlich? Es ist eine kreative Zusam­me­nar­beit. Die Büros von Justi­tia et Pax und SBK befind­en sich ja im gle­ichen Haus. So lan­den viele Anfra­gen zu Vernehm­las­sun­gen bei uns auf dem Pult und wir schreiben die Antworten im Namen der Bis­chöfe. Ander­er­seits sind wir frei, zu öffentlichen The­men zu kom­mu­nizieren. Dabei acht­en wir aber darauf, dass wir nicht offen­sichtlich gegen die Bis­chöfe agieren. Darin spiegelt sich auch die Tat­sache, dass eben wed­er Bis­chöfe noch Kom­mis­sio­nen «die» Wahrheit gepachtet haben, und dass eine sozialethis­che Stimme immer auch her­aus­fordert, wenn sie prophetisch sein will.Die Bis­chöfe sind aber ja nicht zwin­gend ein­er Mei­n­ung. Schla­gen sich Mei­n­ungsver­schieden­heit­en inner­halb der SBK auch in den Mit­teilun­gen nieder oder äussern sich SBK und Justi­ta et Pax dann erst gar nicht? Mei­n­ungsver­schieden­heit­en gehören zu ein­er gesun­den Demokratie wie auch zu ein­er gesun­den Kirche. Wie zum Beispiel die Grund­sätze und Prinzip­i­en der Katholis­chen Soziallehre konkret umge­set­zt wer­den, kann darum dur­chaus span­nungs­ge­laden inner­halb wie ausser­halb der Kirche disku­tiert wer­den. Ich erin­nere mich zur Zeit nicht an eine Sit­u­a­tion, die es verun­möglicht hätte, auf­grund intern­er Mei­n­ungsver­schieden­heit­en nicht Stel­lung zu nehmen. Auf diese Weise wird ja auch sicht­bar, dass wir als Kirche eben­so auf der Suche nach ein­er gerechteren Gesellschaft und Welt sind wie andere auch! Wer meint, Bis­chöfe, Kom­mis­sio­nen und kirch­liche Men­schen müssten immer mit ein­er Stimme sprechen, ver­wech­selt Kirche und Volk Gottes mit ein­er Dik­tatur oder Sek­te.Sie sind nicht nur Präsi­dent a.i. der Kom­mis­sion Justi­tia et Pax, son­dern auch Leit­er von ethik22, einem sozialethis­chen Insti­tut, das aus dem Sozialin­sti­tut der KAB her­aus ent­standen ist. Was ist ihr Haup­tan­liegen bei ethik22? Unsere Gesellschaft braucht den Dia­log über Werte und moralis­che Fra­gen. Dieser Dia­log soll mit konkreten Fra­gen unser­er Zeit ver­bun­den sein. Wir wollen dafür einen Raum bieten, online, mit einem gedruck­ten Mag­a­zin und mit Ver­anstal­tun­gen, Tagun­gen und Gesprächen. So wollen wir einen Beitrag leis­ten, damit Men­schen fundiert Per­spek­tiv­en entwick­eln kön­nen. Dazu gehören die sozialethis­che Dimen­sion, Fra­gen der Gerechtigkeit und des guten Lebens. In den Prinzip­i­en der Katholis­chen Soziallehre-Tra­di­tion erken­nen wir wertvolle Weg­weis­er für unsere öku­menisch geprägte Arbeit. Bei Vorträ­gen, auf Podi­en und aus Rück­mel­dun­gen von Artikeln spüre ich immer wieder, dass ethik22 Per­spek­tiv­en schaf­fen und Freude für die Zukun­ft machen kann. www.ethik22.chethik22 pub­liziert vor Abstim­mungen entsprechende Unter­la­gen, in denen die Abstim­mungsvor­la­gen neu­tral und ver­ständlich auf­bere­it­et wer­den. Die aktuelle Pub­lika­tion zu den Vor­la­gen vom 4. März 2018 find­en sie hier.
Anne Burgmer
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