Welchen Pluralismus verträgt die Gesellschaft?

Welchen Pluralismus verträgt die Gesellschaft?

Wenn man die Tat­sache bedenkt, dass der aktuelle gesellschaftliche Plu­ral­is­mus eine logis­che Kon­se­quenz aus dem geset­zlich garantierten Recht auf ein selb­st­bes­timmtes Leben ist, dann dürfte die Antwort auf die Titel­frage ein­deutig aus­fall­en: beliebig viel.

Und den­noch gehört der Plu­ral­is­mus, diese eigentliche Sig­natur unser­er demokratisch und säku­lar ver­fassten west­lichen Gesellschaften, zu dem vielle­icht umstrit­ten­sten Sachver­halt öffentlich­er Debat­ten. Während die einen darin das unaufhalt­same Schrumpfen bish­eriger kul­tureller und religiös­er Gemein­samkeit­en wahrnehmen, sehen die anderen im Plu­ral­is­mus ein his­torisch ein­ma­liges Poten­zial zu mehr Inno­va­tion­skraft für die Wirtschaft und für die kul­turelle Bere­icherung. Bei­de Sichtweisen sind ernst zu nehmen. Der US-amerikanis­che Lit­er­atur­wis­senschaftler Stan­ley Fisch weist auf einen grund­sät­zlichen Wider­spruch west­lich lib­eraler Gesellschaften in ihrem Umgang mit dem Plu­ral­is­mus hin. Er benen­nt das Prob­lem mit dem Begriff «Bou­tique Mul­ti­kul­tur­al­is­mus». Damit ist eine rein kon­sum- und erleb­nisori­en­tierte Fokussierung auf kuli­nar­ische, kul­turelle und ästhetis­che Aspek­te des Plu­ral­is­mus gemeint. Bild­haft aus­ge­drückt: Heute essen wir beim Chi­ne­sen, mor­gen beim Türken, am Fre­itag nehmen wir am Tag der offe­nen Moschee teil, und am Sam­stag besuchen wir ein World Music Fes­ti­val. So weit, so gut. Wenn es hinge­gen um die unter­schiedlichen moralis­chen, kul­turellen oder religiösen Werte der «kon­sum­ierten» Gemein­schaften geht, dann erhält der Plu­ral­is­mus eine bedrohliche Note.


Einen beson­ders umstrit­te­nen Teilaspekt des Plu­ral­is­mus stellt die religiöse Vielfalt dar und die Frage nach dem Umgang mit ihr. Man kann sie inzwis­chen wed­er rück­gängig machen noch irgend­wie weg­mis­sion­ieren und schon gar nicht ver­bi­eten. Die von der Poli­tik einge­forderte Verpflich­tung aller zu Gesetz und Ver­fas­sung dürfte selb­stre­dend sein, und sie funk­tion­iert auch grössten­teils in unserem Land. Aus der Per­spek­tive der etablierten Kirchen und des eige­nen Glaubens erhält die Frage nach dem Umgang mit religiösem Plu­ral­is­mus eine etwas andere Gewich­tung. Schon Mar­tin Luther scheint es bewusst gewe­sen zu sein, dass in der Begeg­nung von unter­schiedlichen Glauben­süberzeu­gun­gen der­art «Endgültigkeits-Ansprüche» aufeinan­der­prallen, dass man sie wed­er durch abstrak­te Har­mon­isierungsver­suche noch mit dem Teil­verzicht auf die eigene Glaubenswahrheit irgend­wie umschif­f­en kann. Für Luther bleibt eine latente Span­nung zwis­chen der Verpflich­tung zum Wahrheit­sanspruch der eige­nen und dem Tol­er­anzge­bot gegenüber anderen Überzeu­gun­gen. Er bringt es so zum Aus­druck: Fides nihil, car­i­tas omnia tol­er­at, d.h. «Der Glaube duldet nichts, die Liebe duldet alles». Eine zugegeben­er­massen sehr pointierte For­mulierung. Und sie kann auch missver­standen wer­den. Aus ihr lese ich aber zwei Grund­vo­raus­set­zun­gen für einen Umgang mit anderen Reli­gio­nen und Weltan­schau­un­gen aus der Per­spek­tive des eige­nen Glaubens her­aus: Ver­ankerung im eige­nen Glauben und Liebesge­bot im Umgang mit Ander­s­gläu­bi­gen und Ander­s­denk­enden. Eine solche Basiskul­tur im Umgang mit religiös­er Vielfalt und dem Plu­ral­is­mus generell ist unumgänglich. Denn je plu­raler eine Gesellschaft, desto anfäl­liger wird sie für Ver­lustäng­ste und Unter­gangsszenar­ien. Und par­al­lel dazu ver­stärkt die neuar­tige Unüber­sichtlichkeit und Kom­pliziertheit des Lebens die Suche nach Verbindlichkeit, Klarheit und Beheimatung. Wie viel und welchen Plu­ral­is­mus erträgt die Gesellschaft? Diese so schw­ergewichtige Frage ist zunächst eine – eben­so schw­ergewichtige – «An-Frage» an uns selb­st: an das eigene Ver­hält­nis zum christlichen Glauben.


Text: Dr. Samuel Behloul, Pfar­reileit­er St. Mar­tin
Ent­felden, Pas­toral­raum-Leit­er

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