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Seit 60 Jahren im Dialog
«Nostra aetate» hat den Weg geebnet für den jüdisch-römisch-katholischen Dialog. Seit dem Massaker der Hamas im Oktober 2023 ist er schwierig, aber umso wichtiger.
«Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden liessen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes», sagte Papst Johannes Paul II. am 12. März 2000, der als «Tag des Vergebens» in die Geschichte der römisch-katholischen Kirche eingehen sollte. Zwei Wochen später, zum Abschluss seiner Israelreise, schob das kirchliche Oberhaupt die Vergebungsbitte in eine Spalte der Klagemauer in Jerusalem. Diese Vergebungsbitte war das Schuldbekenntnis gegenüber Juden und Jüdinnen, deren Geschichte über Jahrtausende von Verfolgung geprägt ist. Im Holocaust, dem systematischen Völkermord an den europäischen Juden durch die Nazis während des Zweiten Weltkriegs, gipfelte diese Verfolgung. Der Antijudaismus der römisch-katholischen Kirche, der sich noch bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil etwa in der Karfreitagsliturgie zeigte, war dafür mitverantwortlich. Das Schweigen von Papst Pius XII. zu den systematischen Verfolgungen der Jüdinnen und Juden während des Zweiten Weltkrieges beschädigte die Rolle des Oberhauptes der römisch-katholischen Kirche als moralische Instanz schwer. Das Schuldeingeständnis von Papst Johannes Paul II. wäre nicht möglich gewesen ohne die Erklärung «Nostra aetate». Das Dekret zum Verhältnis der römisch-katholischen Kirche zu den nicht-christlichen Religionen entstand während des Zweiten Vatikanischen Konzils von 1962 bis 1965. Im vierten Kapitel behandelte es das Verhältnis zum Judentum. Bis zu diesem Datum galt die Lehre, dass der sogenannte «Alte Bund», den Gott mit dem Volk Israel geschlossen hatte, durch den «Neuen Bund», der Jesus beim letzten Abendmahl mit seinen Jüngern geschlossen hatte, ersetzt worden sei. Diese Substitutionslehre wurde mit «Nostra aetate» überwunden und der Weg für den jüdisch-römisch-katholischen Dialog geebnet.
Jüdisch-römisch-katholischer Dialog in der Schweiz
Die Schweizer Bischofskonferenz pflegt den institutionellen jüdisch-römisch-katholischen Dialog mit dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund seit 1990. Die Jüdisch/Römisch-katholische Gesprächskommission der Schweiz (JRGK) hat am 23. November in der Zürcher Paulus Akademie das 60-Jahr-Jubiläum der Erklärung «Nostra aetate» gefeiert und das Datum zum Anlass genommen, nach der Bedeutung des Dekrets «In unserer Zeit» – das ist die Übersetzung von «nostra aetate» – zu fragen: «Wie steht es heute um den jüdisch-römisch-katholischen Dialog?»

Kritik an Papst Franziskus
Auf dem Podium diskutierten darüber Pinchas Goldschmidt, Präsident der Konferenz Europäischer Rabbiner (CER), und Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, mit den Co-Präsidenten der Jüdisch/Römisch-katholische Gesprächskommission Christian Rutishauser SJ und Rabbiner Jehoshua Ahrens. Die hochrangigen Vertreter ihrer Religionsgemeinschaften betonten das fortschreitend gute Verhältnis bis zum Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023. «Wir hatten Glück mit den Päpsten seit ‹Nostra aetate›, stellte Jehoshua Ahrens fest. Aber die Reaktion von Papst Franziskus auf den Terrorangriff stiess von jüdischer Seite auf Kritik, weil der Papst den Angriff nicht unmissverständlich verurteilte und das Massaker nicht von den zivilen Opfern des israelischen Selbstverteidigungskrieges unterschieden hatte, wie dies rund 400 Jüdinnen und Juden aus Europa in einem Offenen Brief an den Papst formulierten.
Sprengstoff
In seiner Kolumne schreibt der Jesuit und Judaist Christian M. Rutishauser über die Kraft, welche die Erklärung «Nostra aetate» in seiner Entstehungszeit entfaltete.
Vor 60 Jahren hat das Konzil die Erklärung Nostra aetate zum Verhältnis der Kirche zu den nicht-christlichen Religionen verabschiedet. Mit fünf Abschnitten ist es der kürzeste Konzilstext. Doch er birgt Sprengstoff. Er war ein Grund, warum sich die Lefeverianer abgespaltet haben, denn der Text eröffnete den Weg für den interreligiösen Dialog. Sein Herzstück ist der Abschnitt zum Judentum. Während die Kirche alles «Heilige und Wahre» in den anderen Religionen anerkennt, ist das Judentum nicht einfach eine «andere Religion». Vielmehr gehört es «innerlich» zum Christentum. So formulierte es Papst Johannes Paul II. in den 1980er-Jahren. Jesus, Maria, die Apostel: alle waren jüdisch. Das Neue Testament besteht aus jüdisch-messianischen Schriften, und das Alte Testament gehört zur christlichen Bibel. Wieder in den Worten von Johannes Paul II.: «Der Bund Gottes mit dem jüdischen Volk ist unwiderrufen, er gilt bis heute». Papst Franziskus schrieb von einer reichen Komplementarität zwischen Juden und Christen trotz aller Differenzen. Die Bibel soll gemeinsam ausgelegt werden. Die Schweizer Bischofskonferenz hat dazu den «Tag des Judentums» für den zweiten Fastensonntag festgelegt. Angesichts des neu aufflammenden Antisemitismus nach dem Massaker vom 7. Oktober und dem Gaza-Krieg hat Papst Leo eindringlich aufgerufen, jede Form von Antisemitismus zu bekämpfen, wie dies schon Nostra aetate gemacht hat. Auch gibt es noch viel Arbeit, die Vorurteile unter Christen gegenüber den Juden zu überwinden.

Persönliche Kontakte
Kardinal Kurt Koch und Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt betonten die Wichtigkeit der persönlichen Kontakte zwischen den Vertretern der Religionsgemeinschaften für das gegenseitige Verständnis in theologischen Fragen. Aber auch für Realpolitik gebe es Anhaltspunkte in der Bibel, etwa für die Zweistaatenlösung, bemerkte Kardinal Kurt Koch. Beide Seiten zeigten sich hoffnungsvoll, dass unter dem neuen Papst Leo XIV. der jüdisch-römisch-katholische Dialog wieder an den der alten Gesprächskultur anknüpfen könne.
Erklärung der JRGK
In einer gemeinsamen Erklärung sprach sich die Jüdisch/Römisch-katholische Gesprächskommission der Schweiz 60 Jahre nach «Nostra aetate» für den gemeinsamen Dialog aus, der auf einer soliden theologischen Basis stehe. In einer Zeit des aufflammenden Antisemitismus bei gleichzeitigem Bedeutungsverlust der Kirchen sei dies umso wichtiger. Besonders dem Antijudaismus und der jüdischen Herkunftsvergessenheit der Kirche solle dieser Dialog entgegenwirken.