Seit 60 Jahren im Dialog
Papst Johannes Paul II. betet an der Klagemauer in Jerusalem am 26. März 2000. Neben ihm steht Rabbiner Michael Melchior.
Bild: © KNA

Seit 60 Jahren im Dialog

«Nostra aetate» hat den Weg geebnet für den jüdisch-­römisch-katholischen Dialog. Seit dem Massaker der ­Hamas im Oktober 2023 ist er schwierig, aber umso wichtiger.

«Wir sind zutief­st betrübt über das Ver­hal­ten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter lei­den liessen. Wir bit­ten um Verzei­hung und wollen uns dafür ein­set­zen, dass echte Brüder­lichkeit herrsche mit dem Volk des Bun­des», sagte Papst Johannes Paul II. am 12. März 2000, der als «Tag des Vergebens» in die Geschichte der römisch-katholis­chen Kirche einge­hen sollte. Zwei Wochen später, zum Abschluss sein­er Israel­reise, schob das kirch­liche Ober­haupt die Verge­bungs­bitte in eine Spalte der Klage­mauer in Jerusalem. Diese Verge­bungs­bitte war das Schuld­beken­nt­nis gegenüber Juden und Jüdin­nen, deren Geschichte über Jahrtausende von Ver­fol­gung geprägt ist. Im Holo­caust, dem sys­tem­a­tis­chen Völk­er­mord an den europäis­chen Juden durch die Nazis während des Zweit­en Weltkriegs, gipfelte diese Ver­fol­gung. Der Anti­ju­dais­mus der römisch-katholis­chen Kirche, der sich noch bis zum Zweit­en Vatikanis­chen Konzil etwa in der Kar­fre­itagsli­turgie zeigte, war dafür mitver­ant­wortlich. Das Schweigen von Papst Pius XII. zu den sys­tem­a­tis­chen Ver­fol­gun­gen der Jüdin­nen und Juden während des Zweit­en Weltkrieges beschädigte die Rolle des Ober­hauptes der römisch-katholis­chen Kirche als moralis­che Instanz schw­er. Das Schuldeingeständ­nis von Papst Johannes Paul II. wäre nicht möglich gewe­sen ohne die Erk­lärung «Nos­tra aetate». Das Dekret zum Ver­hält­nis der römisch-katholis­chen Kirche zu den nicht-christlichen Reli­gio­nen ent­stand während des Zweit­en Vatikanis­chen Konzils von 1962 bis 1965. Im vierten Kapi­tel behan­delte es das Ver­hält­nis zum Juden­tum. Bis zu diesem Datum galt die Lehre, dass der soge­nan­nte «Alte Bund», den Gott mit dem Volk Israel geschlossen hat­te, durch den «Neuen Bund», der Jesus beim let­zten Abendmahl mit seinen Jüngern geschlossen hat­te, erset­zt wor­den sei. Diese Sub­sti­tu­tion­slehre wurde mit «Nos­tra aetate» über­wun­den und der Weg für den jüdisch-­römisch-katholis­chen Dia­log geeb­net.

Jüdisch-römisch-katholischer Dialog in der Schweiz

Die Schweiz­er Bischof­skon­ferenz pflegt den insti­tu­tionellen jüdisch-römisch-katholis­chen Dia­log mit dem Schweiz­erischen Israelitis­chen Gemein­de­bund seit 1990. Die Jüdis­ch/Römisch-katholis­che Gespräch­skom­mis­sion der Schweiz (JRGK) hat am 23. Novem­ber in der Zürcher Paulus Akademie das 60-Jahr-Jubiläum der Erk­lärung «Nos­tra aetate» gefeiert und das Datum zum Anlass genom­men, nach der Bedeu­tung des Dekrets «In unser­er Zeit» – das ist die Über­set­zung von «nos­tra ­aetate» – zu fra­gen: «Wie ste­ht es heute um den jüdisch-römisch-katholis­chen Dia­log?»

Chris­t­ian Rutishauser SJ, Rab­bin­er Pin­chas Gold­schmid, Kar­di­nal Kurt Koch und Rab­bin­er Jehoshua Ahrens

Kritik an Papst Franziskus

Auf dem Podi­um disku­tierten darüber Pin­chas Gold­schmidt, Präsi­dent der Kon­ferenz Europäis­ch­er Rab­bin­er (CER), und Kar­di­nal Kurt Koch, Präsi­dent des Päp­stlichen Rates zur Förderung der Ein­heit der Chris­ten, mit den Co-Präsi­den­ten der Jüdis­ch/Römisch-katholis­che Gespräch­skom­mis­sion Chris­t­ian Rutishauser SJ und Rab­bin­er Jehoshua Ahrens. Die hochrangi­gen Vertreter ihrer Reli­gion­s­ge­mein­schaften beton­ten das fortschre­i­t­end gute Ver­hält­nis bis zum Ter­ro­ran­griff der Hamas am 7. Okto­ber 2023. «Wir hat­ten Glück mit den Päp­sten seit ‹Nos­tra aetate›, stellte Jehoshua Ahrens fest. Aber die Reak­tion von Papst Franziskus auf den Ter­ro­ran­griff stiess von jüdis­ch­er Seite auf Kri­tik, weil der Papst den Angriff nicht unmissver­ständlich verurteilte und das Mas­sak­er nicht von den zivilen Opfern des israelis­chen Selb­stvertei­di­gungskrieges unter­schieden hat­te, wie dies rund 400 Jüdin­nen und Juden aus Europa in einem Offe­nen Brief an den Papst for­mulierten.

Sprengstoff

In sein­er Kolumne schreibt der Jesuit und Judaist Chris­t­ian M. Rutishauser über die Kraft, welche die Erk­lärung «Nos­tra aetate» in sein­er Entste­hungszeit ent­fal­tete.

Vor 60 Jahren hat das Konzil die Erk­lärung Nos­tra aetate zum Ver­hält­nis der Kirche zu den nicht-christlichen Reli­gio­nen ver­ab­schiedet. Mit fünf Abschnit­ten ist es der kürzeste Konzil­s­text. Doch er birgt Sprengstoff. Er war ein Grund, warum sich die Lefeve­ri­an­er abges­pal­tet haben, denn der Text eröffnete den Weg für den inter­re­ligiösen Dia­log. Sein Herzstück ist der Abschnitt zum Juden­tum. Während die Kirche alles «Heilige und Wahre» in den anderen Reli­gio­nen anerken­nt, ist das Juden­tum nicht ein­fach eine «andere Reli­gion». Vielmehr gehört es «inner­lich» zum Chris­ten­tum. So for­mulierte es Papst Johannes Paul II. in den 1980er-Jahren. Jesus, Maria, die Apos­tel: alle waren jüdisch. Das Neue Tes­ta­ment beste­ht aus jüdisch-mes­sian­is­chen Schriften, und das Alte Tes­ta­ment gehört zur christlichen Bibel. Wieder in den Worten von Johannes Paul II.: «Der Bund Gottes mit dem jüdis­chen Volk ist unwider­rufen, er gilt bis heute». Papst Franziskus schrieb von ein­er reichen Kom­ple­men­tar­ität zwis­chen Juden und Chris­ten trotz aller Dif­feren­zen. Die Bibel soll gemein­sam aus­gelegt wer­den. Die Schweiz­er Bischof­skon­ferenz hat dazu den «Tag des Juden­tums» für den zweit­en Fas­ten­son­ntag fest­gelegt. Angesichts des neu auf­flam­menden Anti­semitismus nach dem Mas­sak­er vom 7. Okto­ber und dem Gaza-Krieg hat Papst Leo ein­dringlich aufgerufen, jede Form von Anti­semitismus zu bekämpfen, wie dies schon Nos­tra aetate gemacht hat. Auch gibt es noch viel Arbeit, die Vorurteile unter Chris­ten gegenüber den Juden zu über­winden.

 

Seit 60 Jahren im Dialog - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz
Chris­t­ian M. Rutishauser SJ, Co-Präsi­­dent der Jüdis­­ch/Römisch-katholis­chen Gesprächs­komission der Schweiz (JRGK)© Christoph Knoch

Persönliche Kontakte

Kar­di­nal Kurt Koch und Oberrab­bin­er Pin­chas Gold­schmidt beton­ten die Wichtigkeit der per­sön­lichen Kon­tak­te zwis­chen den Vertretern der Reli­gion­s­ge­mein­schaften für das gegen­seit­ige Ver­ständ­nis in the­ol­o­gis­chen Fra­gen. Aber auch für Realpoli­tik gebe es Anhalt­spunk­te in der Bibel, etwa für die Zweis­taaten­lö­sung, bemerk­te Kar­di­nal Kurt Koch. Bei­de Seit­en zeigten sich hoff­nungsvoll, dass unter dem neuen Papst Leo XIV. der jüdisch-­römisch-katholis­che Dia­log wieder an den der alten Gespräch­skul­tur anknüpfen könne.

Erklärung der JRGK

In ein­er gemein­samen Erk­lärung sprach sich die Jüdis­ch/Römisch-katholis­che Gespräch­skom­mis­sion der Schweiz 60 Jahre nach «Nos­tra aetate» für den gemein­samen Dia­log aus, der auf ein­er soli­den the­ol­o­gis­chen Basis ste­he. In ein­er Zeit des auf­flam­menden Anti­semitismus bei gle­ichzeit­igem Bedeu­tungsver­lust der Kirchen sei dies umso wichtiger. Beson­ders dem Anti­ju­dais­mus und der jüdis­chen Herkun­ftsvergessen­heit der Kirche solle dieser Dia­log ent­ge­gen­wirken.

Eva Meienberg
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