Mutterglück im Gnadenthal

Mutterglück im Gnadenthal

  • Die bewegte Geschichte des Klosters Gnaden­thal live erleben: Hor­i­zonte ver­lost zwei Plätze für eine szenis­che Führung am 20. Feb­ru­ar 2022. Alle Infor­ma­tio­nen zur Ver­losung find­en Sie im Artikel.
  • Vom Mit­te­lal­ter bis zur Aufhe­bung der Klöster lebten im Gnaden­thal Zis­terzienserin­nen.
  • Im 19. Jahrhun­dert kamen Gerüchte auf, die Gnaden­thaler Non­nen hät­ten gegen das Keuschheits­ge­bot ver­stossen. Nach­forschun­gen des His­torik­ers Hein­rich Briner ent­lar­ven die Gerüchte zwar als «Fake News», doch ent­deck­te er ein ver­i­ta­bles Sakri­leg in den Akten.

Das Leben der Non­nen, abgeschirmt hin­ter Kloster­mauern, war schon immer Anlass für wildeste Phan­tasien. Buss­gür­tel mit Stacheln aus Eisen sollen sie getra­gen haben, um sex­uelle Ver­suchun­gen abzutöten. Man kann Exem­plare solch­er Züch­ti­gungsin­stru­mente noch im Muse­um vor Ort besichti­gen. Aber irgend­wie nahm man den from­men Frauen ihren religiösen Furor nicht ganz ab.

Propaganda gegen das Kloster

So unter­stellte Augustin Keller, der als «Kloster­mörder» in die Geschichte einge­gan­gen ist, den Non­nen des Klosters Gnaden­thal unver­hohlen fol­gen­re­iche Ver­fehlun­gen gegen das Keuschheits­ge­bot: «Und wenn auf dem Wege des notorischen Gerücht­es aus Gnaden­thal zwiefach­es Mut­ter­glück und die Für­sorge des Her­rn Beichtigers von Wet­tin­gen gemeldet wurde, so kon­nten wir dem Gerüchte keine gerichtlich erhobene That­sache zu Grunde leg­en: aber das wis­sen wir, daß das Gerücht ein all­ge­mein­er Skan­dal, und dieser Skan­dal eine wirk­liche, kon­sta­tierte That­sache war.» Gnaden­thaler Non­nen als gefal­l­ene Engel? Das mochte der Pro­pa­gan­da gegen die Klöster dienen, ernst zu nehmen war es nicht. Allein die For­mulierung zeigt, dass Keller wohl selb­st nicht an das Gerücht geglaubt hat. Nichts von alle­dem lässt sich bele­gen. Fake News at it’s best.

Jetzt mitmachen und gewinnen

[esf_wordpressimage id=34614][/esf_wordpressimage]Horizonte ver­lost unter den Newslet­ter­abon­nen­ten zwei Plätze für den szenis­chen Rundgang «Suppe zum Zmit­tag. Suppe zum Znacht» am Son­ntag, 20. Feb­ru­ar 2022.

Um an der Ver­losung teilzunehmen, schick­en Sie ein E‑Mail mit Ihrem Namen an . Teil­nahmeschluss ist der kom­mende Son­ntag, 17. Okto­ber 2021. Der Gewin­ner wird direkt benachrichtigt. Über die Ver­losung wird keine Kor­re­spon­denz geführt; der Rechtsweg ist aus­geschlossen.

Weit­ere Infor­ma­tio­nen zum ehe­ma­li­gen Kloster an der Reuss, wo heute die Pflege­in­sti­tu­tion «Reuss­park» sowie das Ende August eröffnete Muse­um Gnaden­thal daheim sind, find­en Sie hier: www.reusspark.ch | www.museum-gnadenthal.ch

Lockere Klausur?

Belegt ist allerd­ings, dass die «Klosterzucht» sog­ar in der Tagsatzung, dem höch­sten Organ der Alten Eidgenossen­schaft, mehrmals The­ma war. Es ist auch belegt, dass sechs junge Män­ner aus der Umge­bung 1525 in einem nächtlichen «Über­fall» in die Klausur einge­drun­gen sind. Was genau vorge­fall­en ist, geht aus den fünf Bericht­en der Tagsatzung nicht her­vor. Noch viel mehr bleibt ver­schlossen, welche Rolle die Non­nen bei dem «Über­fall» (mit)gespielt haben.

Geburtsort: «Gnadenthal»

Es scheint den­noch, dass das Kloster Gnaden­thal die Wirren der Ref­or­ma­tion einiger­massen unbeschadet über­standen hat. Belegt ist mit einem Tagsatzungs­bericht aus dem Jahr 1532 immer­hin der Aus­tritt von zwei Non­nen, die «sich vere­he­licht haben». Man ken­nt sie aus dem von Irene Briner imple­men­tierten «Szenis­chen Rundgang», der im Gnaden­thal hie und da aufge­führt wird.

Im Gegen­satz zu Kellers unsäglich ver­querem Fake von den zwei Geburten im Non­nen­kloster Gnaden­thal lassen sich im Geburts- und im Taufreg­is­ter der Gemeinde Nes­selnbach tat­säch­lich zwei Niederkün­fte in den his­torischen Gemäuern des Klosters Gnaden­thal nach­weisen. Die Fam­i­lie des «Guts­be­sitzers» und Unternehmers Eschmann-von Mer­hart, die zur Zeit der Tabak­fab­rik im ehe­ma­li­gen Kloster wohnte, bekam nach­weis­bar zwei Kinder im Gnaden­thal: Am 18. August 1878 wurde Max Eugen Adolf und am 2. März 1881 Franz Ulrich Hein­rich geboren. Als Geburt­sort ist im Geburt­sreg­is­ter der Gemeinde Nes­selnbach für bei­de «Gnaden­thal» einge­tra­gen.

Ein Sakrileg im Taufregister

[esf_wordpressimage id=34605 width=half float=right][/esf_wordpressimage]Die Suche nach den Ein­trä­gen im Taufreg­is­ter sorgte allerd­ings für eine Über­raschung: Die Kinder wur­den nicht katholisch, son­dern reformiert getauft. Im reformierten Taufreg­is­ter ist zudem deut­lich her­vorge­hoben: Die Taufe wurde in der gewei­ht­en Klosterkirche vol­l­zo­gen!

Es ist mit hoher Wahrschein­lichkeit davon auszuge­hen, dass in der dama­li­gen Zeit ein solch­er Vor­gang als ver­i­ta­bles Sakri­leg — als ein Verge­hen gegen etwas Heiliges — ange­se­hen wurde. Als der Tabak­fab­rikant 1889 aufgeben musste, lautete der Kom­men­tar jeden­falls: «Es ging ein Aufat­men durch die katholis­che Volksseele.» Heute sind der­ar­tige Hal­tun­gen zum Glück über­wun­den.

Marie-Christine Andres Schürch
mehr zum Autor
nach
soben