
Macht Glaube Politik?
Parlamentarierinnen und Parlamentarier gehören häufiger einer Konfession an als der Durchschnitt der Schweizerinnen und Schweizer. Warum ist das so? Und wird die Politik durch Religion beeinflusst? Eine Diskussion am Polit-Forum in Bern.
Warum gehören Parlamentarierinnen und Parlamentarier häufiger einer Konfession an als der Durchschnitt der Schweizerinnen und Schweizer? Und wie stark wird Politik durch Religion beeinflusst? Diesen Fragen stellten sich die Gäste des Politforums in Bern am 22. Mai auf Einladung der Römisch-katholischen Zentralkonferenz und der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz.
Religiöse Praxis fördert politisches Engagement
In seinem Inputreferat legte Anastas Odermatt, Forschungsmitarbeiter des Zentrums für Religion, Wirtschaft und Politik an der Universität Luzern, die neuesten Forschungsresultate zum Thema dar. So fördere regelmässige religiöse Praxis politisches Engagement. Jedoch nicht etwa das Gebet, sondern Gespräche mit Gemeindemitgliedern nach dem Gottesdienst – sei dies in einer Kirche, Synagoge oder Moschee – kultivierten das Engagement. Dort nämlich erhalte eine engagierte Person Zuspruch, erweitere ihr Netzwerk oder werde für weiteres Engagement angefragt, erklärte Anastas Odermatt. Nun sind aber die Parlamentarierinnen und Parlamentarier nicht besonders fleissige Kirchgänger. Ausserdem hat es im Parlament auch Menschen ohne religiöse Zugehörigkeit. Vanessa Kopplin, Lehrbeauftragte am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Zürich gab zu bedenken, dass religiöse Zugehörigkeit nichts über die individuell entwickelte Religiosität, über deren Praxis und weltanschaulichen Vorstellungen aussage. Isabelle Jouveaux, Stellenleiterin des Schweizerischen Pastoralsoziologischen Instituts ergänzte, dass religiöse Zugehörigkeit nicht bedeute, dass etwa eine Katholikin automatisch die Lehrmeinung der römisch-katholischen Kirche vertrete. Darum seien die Abstimmungsvoten der Parlamentarierinnen und Parlamentarier in Bezug auf Lebensschutz oder sexuelle Orientierung liberaler als ihre konfessionelle Zugehörigkeit vermuten liesse. Ausserdem sei oft gar nicht bekannt, wer was glaube, mit der religiösen Zugehörigkeit könne dann auch nicht Politik gemacht werden.
Religion im Politbetrieb ist ambivalent
EVP-Nationalrat Marc Jost rief in Erinnerung, dass die meisten Politikerinnen und Politiker sich ja gerade nicht über ihre religiöse Zugehörigkeit wählen liessen, sondern über ihre Partei. Eine religiöse Verortung suchten sie dezidiert nicht. Die Namensänderungen der ehemaligen CVP zu Die Mitte bezeugten dies. Marc Jost persönlich erlebt das Thema Religion im Politikbetrieb als ambivalent. Seine Vergangenheit als Pfarrer diene manchmal als Brücke für Gespräche, in anderen Fällen müsse er sich rechtfertigen, inwiefern seine Religion bei einem Entscheid eine Rolle spiele.
Familientradition und der«Elite-Basis-Graben»
Neben der religiösen Motivation spielt die Familientradition ebenfalls eine Rolle beim politischen Engagement. Wer als Kind gelernt hat, dass das politische Engagement des Grossvaters wertvoll ist, wird später eher ein Amt übernehmen. Wer sich zur Wahl stellt und von der Bekanntheit eines Familienmitglieds profitieren kann, hat bessere Chancen, sagte Anastas Odermatt. Die Überrepräsentation durch die konfessionellen Parlamentarierinnen und Parlamentariern lasse sich weiter mit dem «Elite-Basis-Graben» erklären: Zur Elite gehören demnach zwei Drittel der Menschen in der Schweiz, weil nur sie wahlberechtigt sind. Das sind Menschen mit einem Schweizer Pass, die mindestens 18 Jahre alt sind. Weil unsere Gesellschaft aus mehr alten Menschen als jungen besteht, wiegen die Entscheide der Älteren schwerer bei Abstimmungen und Wahlen. Das spiegelt sich im Durchschnittsalter 50 des Nationalrats und 56 im Ständerat. Was aber hat Religion mit Alter zu tun? Die Forschung hat gezeigt, dass die Bedeutung der Religion von Generation zu Generation abnimmt. Das heisst, die älteren Generationen, die überproportional im Parlament vertreten sind, haben einen stärkeren Religionsbezug.
Historie und Stadt-Land-Graben
Auch historische Gründe führt Odermatt ins Feld: Die Überrepräsentation der Konfessionen im Ständerat lässt sich damit begründen, dass bei der Staatsgründung 1848 alle Kantone, auch die kleinen, je eine Stimme im Ständerat bekamen. Die kleinen Kantone sind häufiger ländliche Regionen, ausserdem sind die Anteile der Menschen mit Religionszugehörigkeit dort höher als in den grossen Kantonen. Da es etliche kleine Kantone gibt, bildet sich das im Ständerat ab – die Konfessionszugehörigen sind folglich überrepräsentiert. Im Ständerat dominierten, wie oben erklärt, die ländlichen Kantone über die städtischen, in denen konfessionslosen Menschen in der Mehrzahl seien, sagt Odermatt. Er sieht nur eine geringe Gefahr, dass die religiöse Zugehörigkeit sich auf sachpolitische Entscheide auswirkt. Allenfalls vermutet er solche in der Religionspolitik, aber die sei Sache der Kantone. Die Überrepräsentation der Katholikinnen und Katholiken im Ständerat führe nicht zu konservativeren Ergebnissen.
Der Referent erinnerte daran, dass die Schweizer Politik über Lobbying und Allianzen funktioniere. «Die Kirchen in der Schweiz sind jedoch nicht als Lobbyorganisationen bekannt», sagt Anastas Odermatt. Sorgen bereiteten ihm eher Menschen, «die sich nicht mehr repräsentiert fühlen. Sie könnten aufhören, die Demokratie zu unterstützen.» Die Forschung habe gezeigt, dass die Zugehörigkeit zu einer Religion sich eher demokratiefördernd auswirke. Erst religiös extremistische Gruppierungen wenden sich von der Demokratie ab. Religionen wirken demokratiestützend, solange sie nicht fundamentalistisch oder extremistisch würden.