Macht Glaube Politik?
Bild: © Sylvia Stam

Macht Glaube Politik?

Parlamentarierinnen und Parlamentarier gehören häufiger einer Konfession an als der Durchschnitt der ­Schweizerinnen und Schweizer. Warum ist das so? ​Und wird die Politik durch Religion beeinflusst? Eine ­Diskussion am Polit-Forum in Bern.

Warum gehören Par­la­men­tari­erin­nen und Par­la­men­tari­er häu­figer ein­er Kon­fes­sion an als der Durch­schnitt der Schweiz­erin­nen und Schweiz­er? Und wie stark wird Poli­tik durch Reli­gion bee­in­flusst? Diesen Fra­gen stell­ten sich die Gäste des Polit­fo­rums in Bern am 22. Mai auf Ein­ladung der Römisch-katholis­chen Zen­tralkon­ferenz und der Evan­ge­lisch-reformierten Kirche Schweiz.

Religiöse Praxis fördert ​politisches Engagement

In seinem Inpu­tre­fer­at legte Anas­tas Oder­matt, Forschungsmi­tar­beit­er des Zen­trums für Reli­gion, Wirtschaft und Poli­tik an der Uni­ver­sität Luzern, die neuesten Forschungsre­sul­tate zum The­ma dar. So fördere regelmäs­sige religiöse Prax­is poli­tis­ches Engage­ment. Jedoch nicht etwa das Gebet, son­dern Gespräche mit Gemein­demit­gliedern nach dem Gottes­di­enst – sei dies in ein­er Kirche, Syn­a­goge oder Moschee – kul­tivierten das Engage­ment. Dort näm­lich erhalte eine engagierte Per­son Zus­pruch, erweit­ere ihr Net­zw­erk oder werde für weit­eres Engage­ment ange­fragt, erk­lärte Anas­tas Oder­matt. Nun sind aber die Par­la­men­tari­erin­nen und Par­la­men­tari­er nicht beson­ders fleis­sige Kirchgänger. Ausser­dem hat es im Par­la­ment auch Men­schen ohne religiöse Zuge­hörigkeit. Vanes­sa Kop­plin, Lehrbeauf­tragte am Reli­gion­swis­senschaftlichen Sem­i­nar der Uni­ver­sität Zürich gab zu bedenken, dass religiöse Zuge­hörigkeit nichts über die indi­vidu­ell entwick­elte Reli­giosität, über deren Prax­is und weltan­schaulichen Vorstel­lun­gen aus­sage. Isabelle Jou­veaux, Stel­len­lei­t­erin des Schweiz­erischen Pas­toral­sozi­ol­o­gis­chen Insti­tuts ergänzte, dass religiöse Zuge­hörigkeit nicht bedeute, dass etwa eine Katho­likin automa­tisch die Lehrmei­n­ung der römisch-katholis­chen Kirche vertrete. Darum seien die Abstim­mungsvoten der Par­la­men­tari­erin­nen und Par­la­men­tari­er in Bezug auf Lebenss­chutz oder sex­uelle Ori­en­tierung lib­eraler als ihre kon­fes­sionelle Zuge­hörigkeit ver­muten liesse. Ausser­dem sei oft gar nicht bekan­nt, wer was glaube, mit der religiösen Zuge­hörigkeit könne dann auch nicht Poli­tik gemacht wer­den.

Religion im Politbetrieb ist ambivalent

EVP-Nation­al­rat Marc Jost rief in Erin­nerung, dass die meis­ten Poli­tik­erin­nen und Poli­tik­er sich ja ger­ade nicht über ihre religiöse Zuge­hörigkeit wählen liessen, son­dern über ihre Partei. Eine religiöse Veror­tung sucht­en sie dezi­diert nicht. Die Namen­sän­derun­gen der ehe­ma­li­gen CVP zu Die Mitte bezeugten dies. Marc Jost per­sön­lich erlebt das The­ma Reli­gion im Poli­tik­be­trieb als ambiva­lent. Seine Ver­gan­gen­heit als Pfar­rer diene manch­mal als Brücke für Gespräche, in anderen Fällen müsse er sich recht­fer­ti­gen, inwiefern seine Reli­gion bei einem Entscheid eine Rolle spiele.

Familientradition und der​«Elite-Basis-Graben»

Neben der religiösen Moti­va­tion spielt die Fam­i­lien­tra­di­tion eben­falls eine Rolle beim poli­tis­chen Engage­ment. Wer als Kind gel­ernt hat, dass das poli­tis­che Engage­ment des Gross­vaters wertvoll ist, wird später eher ein Amt übernehmen. Wer sich zur Wahl stellt und von der Bekan­ntheit eines Fam­i­lien­mit­glieds prof­i­tieren kann, hat bessere Chan­cen, sagte Anas­tas Oder­matt. Die Über­repräsen­ta­tion durch die kon­fes­sionellen Par­la­men­tari­erin­nen und Par­la­men­tari­ern lasse sich weit­er mit dem «Elite-Basis-Graben» erk­lären: Zur Elite gehören dem­nach zwei Drit­tel der Men­schen in der Schweiz, weil nur sie wahlberechtigt sind. Das sind Men­schen mit einem Schweiz­er Pass, die min­destens 18 Jahre alt sind. Weil unsere Gesellschaft aus mehr alten Men­schen als jun­gen beste­ht, wiegen die Entschei­de der Älteren schw­er­er bei Abstim­mungen und Wahlen. Das spiegelt sich im Durch­schnittsalter 50 des Nation­al­rats und 56 im Stän­der­at. Was aber hat Reli­gion mit Alter zu tun? Die Forschung hat gezeigt, dass die Bedeu­tung der Reli­gion von Gen­er­a­tion zu Gen­er­a­tion abn­immt. Das heisst, die älteren Gen­er­a­tio­nen, die über­pro­por­tion­al im Par­la­ment vertreten sind, haben einen stärk­eren Reli­gions­bezug.

Historie und Stadt-Land-Graben

Auch his­torische Gründe führt Oder­matt ins Feld: Die Über­repräsen­ta­tion der Kon­fes­sio­nen im Stän­der­at lässt sich damit begrün­den, dass bei der Staats­grün­dung 1848 alle Kan­tone, auch die kleinen, je eine Stimme im Stän­der­at beka­men. Die kleinen Kan­tone sind häu­figer ländliche Regio­nen, ausser­dem sind die Anteile der Men­schen mit Reli­gion­szuge­hörigkeit dort höher als in den grossen Kan­to­nen. Da es etliche kleine Kan­tone gibt, bildet sich das im Stän­der­at ab – die Kon­fes­sion­szuge­höri­gen sind fol­glich über­repräsen­tiert. Im Stän­der­at dominierten, wie oben erk­lärt, die ländlichen Kan­tone über die städtis­chen, in denen kon­fes­sion­slosen Men­schen in der Mehrzahl seien, sagt Oder­matt. Er sieht nur eine geringe Gefahr, dass die religiöse Zuge­hörigkeit sich auf sach­poli­tis­che Entschei­de auswirkt. Allen­falls ver­mutet er solche in der Reli­gion­spoli­tik, aber die sei Sache der Kan­tone. Die Über­repräsen­ta­tion der Katho­likin­nen und Katho­liken im Stän­der­at führe nicht zu kon­ser­v­a­tiv­eren Ergeb­nis­sen.

Der Ref­er­ent erin­nerte daran, dass die Schweiz­er Poli­tik über Lob­by­ing und Allianzen funk­tion­iere. «Die Kirchen in der Schweiz sind jedoch nicht als Lob­by­or­gan­i­sa­tio­nen bekan­nt», sagt Anas­tas Oder­matt. Sor­gen bere­it­eten ihm eher Men­schen, «die sich nicht mehr repräsen­tiert fühlen. Sie kön­nten aufhören, die Demokratie zu unter­stützen.» Die Forschung habe gezeigt, dass die Zuge­hörigkeit zu ein­er Reli­gion sich eher demokratiefördernd auswirke. Erst religiös extrem­istis­che Grup­pierun­gen wen­den sich von der Demokratie ab. Reli­gio­nen wirken demokrati­estützend, solange sie nicht fun­da­men­tal­is­tisch oder extrem­istisch wür­den.

Eva Meienberg
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