
Bild: © Leonie Wollensack
Licht erzählt Glaube
«Es werde Licht», ist das Erste, was Gott in der Bibel sagt. Unsere Redaktorin hat sich auf den Weg in die Antoniuskirche in Basel gemacht, in deren Konzept Licht und Fenster eine besondere Rolle spielen. Über einen Disput zwischen Kunst und Kirche und über die Bedeutung des Lichts im Kirchenraum.
Ich gehe auf die Antoniuskirche zu. Wäre da nicht der Kirchturm, sie wäre kaum als Kirche auszumachen. Quadratisch, schlicht und aus grauem Beton fügt sie sich unauffällig in das Strassenbild der Basler Kannenfeldstrasse ein. Ich biege vom Trottoir zum Eingangsbereich der Kirche ab. Es wird dunkel, über mir erzeugen die immer kleiner werdenden schachtelartigen Fassadenquadrate eine erdrückende Enge, fast habe ich das Gefühl, mich zur Kirchentür hinunterbücken zu müssen. Ich trete durch die Kirchentüre und die Enge weicht einer monumentalen Weite. Der Kontrast ist radikal. Ich stehe in einem sehr hohen, an eine römische Basilika erinnernden Hallenraum, der von buntem Licht durchflutet wird. Es fällt auf die schlichten Sichtbetonwände, auf die Bilder des Kreuzweges und auf schlanke Betonpfeiler, die dadurch wirken, als würden sie selbst leuchten.
Moderne Bausprache, alte Symbolik
Das Zusammenspiel von modernem Sichtbeton und den bunten Farbflächen, die das Sonnenlicht durch die Fenster hindurch auf die Wände malt, überraschen das Besucherinnenauge.
Der Raum an sich wirkt nüchtern, so wie ich es von manchen modernen Kirchen kenne. Die farbigen Fenster erinnern hingegen an die Kirchenfenster der Gotik: Das Licht von aussen, aus der Welt, fällt auf die Fenster, die meist Heiligenbilder zeigen, und verwandeln es in ein neues, sakrales Licht.
Das Licht zelebrieren – darum geht es auch in der Antoniuskirche. Wir finden auf den Fenstern ebenfalls Heiligenbilder. Aber nicht nur.
Revolutionäre Fenster mit Konfliktpotenzial
Das Gesamtkonzept dieser ersten reinen Betonkirche, die 1925–1927 erbaut wurde, stammt vom Architekten Karl Moser. Die Fenster wurden von den beiden Glaskünstlern Otto Staiger und Hans Stocker angefertigt.
Schon Moser hatte in seinem Konzept angelegt, dass das Licht und seine Wirkung im Kirchenraum eine besondere Rolle spielen sollten. Für die beiden Künstler ging es anschliessend um die konkrete Umsetzung. Doch die Motive wurden nicht einfach so umgesetzt, wie die Künstler sie entworfen hatten, sondern machten eine Entwicklung durch. Der Grund: Verschiedene Ansprüche an die Fenster von der «Kunstseite», zu der die auftragsvergebende Kunstkommission, der Architekt und die Künstler gehörten, und der «Kirchenseite», auf der der Domherr und der Priester der Gemeinde standen, trafen aufeinander. Die «Kunstseite» wollte weg vom damals vorherrschenden historistischen Baustil und eine moderne Bildsprache verwenden. Der «Kirchenseite» war es wichtig, die Bedürfnisse der Pfarrei zu beachten. Sie wollten, dass die Kirchenfenster zur Andacht anregen. Es gab jahrelange Diskussionen über das Konzept und es brauchte einige Überzeugungsarbeit seitens der Kunstschaffenden, damit ihr schlüssiges, modernes Konzept nicht durch historistische Fenster gebrochen wurde. Am Ende stand ein Kompromiss: Die Figuren wurden sanft nach den Wünschen der kirchlichen Seite modifiziert.
St. Antonius auf der einen, Jesus auf der anderen Seite
Die Heiligenbilder, die schliesslich umgesetzt wurden, zeigen auf der einen Fensterseite des Gebäudes den Namenspatron der Kirche, den heiligen Antonius. Die Künstler setzten Szenen aus seinem Leben parallel zum Leben Jesu Christi, das auf den gegenüberliegenden Fenstern dargestellt wird. So können wir beispielweise auf einem Bild die sogenannte Fischerpredigt des heiligen Antonius sehen. Weil ihm bei seinem Kampf gegen Irrlehren zunächst niemand zuhören wollte, soll Antonius stattdessen den Fischen gepredigt haben. Auf der gegenüberliegenden Seite haben die Künstler die Seepredigt Jesu abgebildet. Den Höhe- und Endpunkt der Bilderserie bilden die Verherrlichung des heiligen Antonius und gegenüberliegend die Auferstehung Jesu Christi.
Fensterlicht: ein Zeichen für Gott als Ursprung der Schönheit
Welche Bedeutung haben die Fenster und ihr Licht für die Gottesdienstfeiern in der Antoniuskirche? Dazu sagt mir die Theologin Nadja Müller: «Wenn an einem sonnigen Tag das Licht durch die Szenen in den Fenstern fällt und den Raum bunt färbt, werden der Gottesdienst und seine Botschaft, die oft vom Hören geprägt sind, durch das Farbenspiel auf eine weitere, neue Weise erfahrbar. Das Licht und seine vielen Farben lassen uns etwas erfahren von diesem gewaltigen Gott und von Gott als dem Ursprung der Schönheit. Aber auch vom Ursprung allen Seins. Licht symbolisiert vom Anfang der Bibel an das Göttliche, aus dem heraus alles entstanden ist.»
Bevor ich die Antoniuskirche verlasse, versuche ich, den Farbenzauber mit meiner Kamera einzufangen. Es ist schwierig einen Winkel zu finden, von dem aus ich die ganze Wirkung festhalten kann. Als ich einigermassen zufrieden bin, drücke ich auf den Auslöser. Ein letzter Blick, dann verlasse ich die Kirche, lasse das Farbenspiel hinter mir.

Nur vom Sonnenlicht durch die Fenster angestrahlt: Die Säulen der Antoniuskirche wirken, als würden sie selbst leuchten.

Der Altarraum der Antoniuskirche im Nachmittagslicht.

Das Fenster zeigt die Szene, wie der heilige Antonius den Fischen predigt.
Archiv Regionaler Künstler*innen-Nachlässe
Der Text entstand aus einem Interview mit Nadja Müller, Theologin und Projektleiterin beim «Archiv Regionaler Künstler*innen-Nachlässe» (ARK). Das Archiv sammelt Nachlässe von bedeutenden regionalen Künstlerinnen und Künstlern. Den Nachlass von Hans Stocker, einem der beiden Künstler, die die Fenster der Antoniuskirche gestaltet haben, erhielt das Archiv 2021.
ARK Basel bietet Führungen in der Kirche an, um die Fenster und die Architektur einem breiteren Publikum bekannt zu machen.
«Raum und Licht» – Die Antoniuskirche Basel und ihre Glasfenster
Samstag, 7. Februar 2026, 14 Uhr (Dauer ca. 1,5 Stunden)
Kannenfeldstrasse 45, 4056 Basel
Die Führung kann auf Anfrage für private Gruppen gebucht werden.
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