
© Leonie Wollensack
«Komm, erzähl – ich höre zu»
Wer ins Basler Münster geht, kann nicht nur die Architektur bestaunen, sondern findet dort auch Freiwillige wie Ruth Egger, die da sind und einfach zuhören, was auch immer die Besuchenden auf dem Herzen haben.
Wir alle kennen das: Wir haben das Bedürfnis, uns etwas von der Seele zu reden. Vielleicht haben wir gerade Stress bei der Arbeit, die Beziehung zu einer geliebten Person ist schwierig, Krankheit plagt uns selbst oder jemand Nahestehenden. Wir vertrauen uns einem Menschen an und hören: «Ach ja, das kenne ich auch, also bei mir war das so …». Und schon sind wir zur Zuhörerin geworden, statt unseren Ballast loslassen zu können. Manchmal brauchen wir weder einen Ausflug in die Lebensgeschichte einer anderen Person, noch einen grossen Katalog an möglichen Lösungen, sondern einfach nur jemanden, der zuhört.
Offene Ohren im Basler Münster
Menschen, die sich genau dafür Zeit nehmen, sitzen fast jeden Tag im Münster in Basel. Sie sind da, haben Zeit, hören zu. Eine dieser 40 Freiwilligen, die sich beim Angebot «Offene Ohren» engagieren, ist Ruth Egger. Sie sitzt während ihrer Schicht auf einem mit einer warmen Decke gepolsterten Stuhl, vor ihr ein kleines Tischlein mit einer brennenden Kerze darauf und Länderschildchen der Sprachen, die sie spricht. Ihr gegenüber steht ein zweiter deckenbedeckter Stuhl. Er ist frei, für Menschen, die ein offenes Ohr brauchen.
Vom lockeren Gespräch zum Tiefgang
Wer kommt zu ihr? Die Menschen, die ins Münster kommen, sind sehr verschieden, erzählt Ruth Egger. Junge und alte Menschen, Familien und Menschen, die allein unterwegs sind, Christinnen, Atheisten und Menschen anderer Religionen, von überall auf der Welt. Die meisten, die das Münster während der Öffnungs- und ausserhalb der Gottesdienstzeiten besuchen, sind Touristen. Wenn sie Ruth Egger sehen, dann nicken und grüssen die meisten. Einige fragen auch: «Was machen Sie da?» Es entsteht ein lockeres Gespräch. Ruth Egger ist es wichtig zu betonen: «Wir gehen nicht von allein auf die Leute zu, sondern warten, ob sie zu uns kommen wollen.» Sie ergänzt: «Die Menschen können auch jederzeit wieder aus dem Gespräch aussteigen, zum Beispiel nachdem wir ihnen Antwort gegeben haben, was es Lohnenswertes in und am Münster zu sehen gibt. Aber manchmal, wenn sie merken, dass sie sich auch auf den freien Stuhl setzen können, dann kommt plötzlich eine Frage oder ein Gedanke, der tiefer geht.»
In jedem Moment präsent
Es gibt aber auch Menschen, die ganz gezielt kommen, weil sie wissen: Da ist jemand, der zuhört. In Krisenzeiten, so merkt es Ruth Egger, haben die Menschen ein grösseres Bedürfnis darüber zu reden, wie es ihnen mit dem, was passiert, geht. «Das Thema Einsamkeit, vor allem im Alter, ist ebenfalls sehr präsent», zählt Ruth Egger weiter auf. Auch Gesundheitsthemen und Familienfragen werden oft in die offenen Ohren der Freiwilligen getragen. Auf die Frage, ab wann sie Themen abgibt, hat sie eine klare Antwort: «Wenn ich merke, dass es mehr braucht, als jemanden, der zuhört, zum Beispiel eine seelsorgerische Begleitung oder psychologische Hilfe.»
Manchmal kommt die ganze Schicht über niemand zu ihr. Ruth Egger stört das nicht: «Ich kann das aushalten. Ich finde es auch mal schön, einfach in der Kirche zu sein, und nutze diese stille Zeit dann für mich.» Lesend beispielweise möchte sie die Zeit nicht verbringen. «Mir ist es wichtig, einladend auf die Menschen zu wirken, die in die Kirche kommen», sagt Ruth Egger. Sie nehme sich diese Zeit und ob die nun mit Gesprächen gefüllt sei oder nicht – für sie sei es wichtig, in jedem Moment präsent zu sein.
Auf dem Münsterturm
Wenn jemand sich Ruth Eggers Ohr leiht, muss es nicht immer das Sitzgespräch auf den Stühlen sein. Das Sich-Gegenübersitzen sei nicht für alle etwas, manchen falle es einfacher, im Nebeneinandergehen zu sprechen. «Dann schlage ich vor, dass wir eine Runde in der Kirche gehen oder einen kleinen Spaziergang vor der Türe machen», erzählt sie.
Eine besondere Begegnung dieser Art hatte sie im Dezember 2025. Ein ukrainischer Student wollte das Münster besichtigen und in diesem Zusammenhang auf den Kirchturm hinaufsteigen. Das Besteigen des Kirchturms ist allerdings nur zu zweit erlaubt. Ruth Egger bot also an, gemeinsam mit ihm hinaufzugehen. Er erzählte ihr, dass er zwei Monate später als Soldat einrücken müsse und davor noch eine Reise unternehmen durfte. Für Basel habe er sich entschieden, aber dass er gerade beim Münster vorbeikam, sei ein Zufall gewesen. «Er hat mir erzählt, dass er unbedingt wiederkommen möchte, wenn er aus dem Krieg zurück ist. Ich habe ihn gefragt, ob er möchte, dass ich für ihn bete, und er sagte: ‹Ja, gern. Viele meiner Freunde, Verwandten und Nachbarn sind nicht mehr nach Hause gekommen.› Das hat mich tief berührt», erzählt Ruth Egger.
Wir alle tragen unseren Rucksack
Der Start in den Tag beginnt für Ruth Egger mit einem Gebet. «An den Tagen, an denen ich mich für den Dienst eingetragen habe, bete ich, dass Gott mir die richtigen Worte gibt, und dass die Menschen, die kommen, den Mut haben, das anzusprechen, was ihnen auf dem Herzen liegt.»
Denn etwas auf dem Herzen, das hat Ruth Egger in den zehn Jahren, in denen sie bei den Offenen Ohren dabei ist, gemerkt, haben alle Menschen etwas. «Wir alle tragen unseren ganz eigenen Rucksack», so drückt sie es aus. «Ich finde es schön, dass wir mit dem Zuhören den Menschen ein bisschen beim Tragen helfen können.»
Seit sie bei den Offenen Ohren ist, gehe sie auch anders durch den Alltag, erzählt Ruth Egger. «Ich bin empfindlicher gegenüber Smalltalk geworden», verrät sie. Sie nehme sich seither lieber die Zeit, den Menschen wirklich zuzuhören, statt Gespräche oberflächlich plänkeln zu lassen.
Das Angebot kommt an. Ruth Egger erzählt, dass bereits Leute wiedergekommen sind und erzählt haben, dass sie in ihren Gemeinden, an anderen Orten, auch in Deutschland oder Frankreich, angeregt haben, ebenfalls ein solches Angebot aufzubauen.
Das Herz aufmachen
Was bedeutet Zuhören für Ruth Egger? Sie überlegt kurz, wählt ihre Worte sorgsam: «Zuhören bedeutet: das Herz aufmachen. Mit Liebe da sein. Und neben den offenen Ohren auch offene Augen haben, zu merken, was ein Mensch gerade von einem braucht, und dann so auf die Person einzugehen, wie sie vor einem ist.» Ganz wichtig ist es ihr, wertfrei für die Menschen da zu sein. Alle seien willkommen, im Moment, egal, was am Tag davor war oder was am Tag danach sein wird. Und sie möchte die Botschaft vermitteln: «Gott ist einer, der sagt: Wo seid ihr? Kommet!»
«Offene Ohren im Münster»
Das Angebot der Reformierten Kirche Basel-Stadt existiert seit 2015. Geschulte Freiwillige sind jeweils von Dienstag bis Freitag von 13 bis 16 Uhr sowie am Samstag von 14 bis 15.30 Uhr präsent. Es ist Teil der stadtkirchlichen Seelsorge am Münster und richtet sich an Menschen jeden Alters. Koordiniert wird es von David Meyle, Partnerorganisation ist die Dargebotene Hand Basel.
Wer sich engagieren möchten, durchläuft ein Eintrittsgespräch mit Münsterpfarrerin Dr. Caroline Schröder Field sowie einer Vertretung der Dargebotenen Hand. Ein- bis zweimal pro Jahr findet ein zweitägiges Einführungsseminar für neue Freiwillige statt. Alle Beteiligten treffen sich zweimal jährlich zu einem Austauschabend.
Das Segensköfferli
Seit neuestem steht in der Nähe des Tisches der freiwilligen Zuhörerinnen und Zuhörer ein Koffer, aus dem sich Besuchende einen Segensspruch mitnehmen können, kleine Säckchen, die den verschiedenen Sprachen zugeordnet sind. Segenssprüche gibt es auf Deutsch, Französisch, Italienisch, Englisch und Spanisch. Ruth Egger hat sie selbst gesammelt und ausgewählt. «Nicht alle Leute fühlen sich wohl damit, uns nach einem Segen zu fragen, aber freuen sich über einen Segensspruch zum Mitnehmen», erklärt sie.
