Kinder finden eigene Bilder

Kinder finden eigene Bilder

«Schon länger hat­te die Ente so ein Gefühl. ‚Wer bist du – und was schle­ichst du hin­ter mir her?‘ ‚Schön, dass du mich endlich bemerkst‘, sagte der Tod. ‚Ich bin der Tod.‘» So begin­nt eines der nach­den­klich­sten und schön­sten Bilder­büch­er über den Tod: Ente, Tod und Tulpe. Ein Buch, das Kinder wie Erwach­sene gle­icher­massen berührt. Weil es behut­sam und offen mit einem The­ma umge­ht, über das kaum ein­er nach­denkt oder spricht. Beson­ders nicht vor Kindern. Doch warum eigentlich?Malin ist acht Jahre alt, als sie den Sarg für ihren 2010 ver­stor­be­nen Brud­er Till, damals 10-jährig, nicht nur anmalt, son­dern kurz­er­hand in «Regen­bo­gen­hülle» umtauft. Weil sie das Wort Sarg hässlich find­et. Heute ist Malin eine aufgeweck­te 12-jährige, die malt, während ihre Mut­ter Ker­stin Birke­land die Geschichte von Till erzählt. Eine Geschichte, die zeigt, wie eine Fam­i­lie mit vier Jahren Kreb­serkrankung, Tod, Trauer und Abschied umge­hen kann: offen, unbe­fan­gen und im pos­i­tiv­en Sinne eigen­willig.Bess­er loslassen Unge­wohnt auch die Äusserung von Veron­i­ca Ernst, Hebamme in Brugg: «Vie­len Eltern ist nicht bewusst, dass sie frühver­stor­bene Kinder mit heim nehmen dür­fen. Zum Abschied nehmen. Für Eltern und ältere Geschwis­ter kann es heil­sam sein, wenn sie das Baby, «dass still­ge­boren wurde», pfle­gen dür­fen. Darauf haben sich alle über Monate gefreut. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Eltern und Kinder bess­er Loslassen kön­nen, wenn sie mutig wenig­stens diese kurze Zeit mit dem Kind ver­brin­gen.».Zumu­tung und Tabu Der Tod ist für ganz viele von uns ein tabuisiertes The­ma. Kinder aber ken­nen meist kein Tabu. Und Kinder merken zuver­läs­sig, wenn etwas nicht in Ord­nung ist. Deshalb ist es wichtig, offen und ehrlich mit ihnen über das The­ma zu sprechen. Daniel Münger, Kinder­arzt, Kinderpsy­chi­ater und zugle­ich der lei­t­ende Ober­arzt der Kinder- und Jugend­klinik am Kan­ton­sspi­tal Aarau dif­feren­ziert weit­er: «Es sind zwei The­men. Ein­mal die grund­sät­zliche Hal­tung: Mute ich einem Kind etwas zu oder ver­heim­liche ich? Die Ten­denz, zu ver­heim­lichen, ist gross und liegt oft in fehlen­dem Wis­sen über die Fähigkeit­en von Kindern. Ich sage da, wir kön­nen den Kindern sich­er mehr zutrauen. Das andere ist der indi­vidu­elle Fall: Da muss ich fra­gen, ob es vielle­icht bere­its trau­ma­tis­che Ver­lus­ter­leb­nisse in ein­er Fam­i­lie gab. Zudem wird das Alter entschei­dend. Es ist ein Unter­schied, ob es um einen Zwei­jähri­gen oder einen 15-Jähri­gen geht.» Dass Erwach­sene den Kindern mehr zumuten kön­nen als häu­fig angenom­men, ist eine Überzeu­gung, die nicht nur Daniel Münger teilt. Auch Veron­i­ca Ernst und Ker­stin Birke­land haben diese Erfahrung gemacht. Doch es braucht grosse Acht­samkeit. Das The­ma will behut­sam ertastet wer­den mit guter Begleitung für die Trauern­den.Gut zuhören Im ein­gangs erwäh­n­ten Bilder­buch unter­hält sich die Ente mit dem Tod. «Manche Enten sagen, dass man zum Engel wird und auf ein­er Wolke sitzt und runter auf die Erde guck­en kann», erk­lärt sie. Der Tod hält das für möglich. «Kinder ver­ste­hen bis zu einem gewis­sen Alter nicht, was ‚tot sein‘ bedeutet. Sie haben eigene Vorstel­lun­gen davon, find­en eigene Bilder und Ideen für das, was es mit Ster­ben, Tod und dem ‚Danach‘ auf sich hat. Darauf sollte man unbe­d­ingt hören», betont Veron­i­ca Ernst. Sie benutzt meist Tier­büch­er zum The­ma, gibt damit aber auch den Eltern ein Hil­f­s­mit­tel an die Hand.Sprach­los und betrof­fen Ker­stin Birke­land war es wichtig, dass «wir ein Fam­i­lien­kli­ma schufen, in dem Till und Malin alles fra­gen und sagen durften. Wir haben zuge­hört, nachge­fragt. Wir kon­nten bei­den gerecht wer­den, obwohl sie völ­lig unter­schiedlich mit der Sit­u­a­tion umgin­gen.» Daniel Münger erlebt bei sein­er Arbeit im Spi­tal, dass die Patien­ten und deren Geschwis­ter unglaubliche Bilder find­en. Er erin­nert sich an einen Regen­bo­gen, der «ein­er­seits Fröh­lichkeit und ander­er­seits Trau­rigkeit ausstrahlte. Ein Über­gangssym­bol.» Doch Daniel Münger betont: «Wir ver­suchen, nicht zu viel zu inter­pretieren.». Die Kun­st, Tod und Trauer behut­sam in Worte und Bilder zu brin­gen, alles Nach­fra­gen und Zuhören, stösst irgend­wann an Gren­zen. Ver­liert eine Fam­i­lie ein Kind, bleiben Geschwis­ter und Eltern in Trauer zurück. Es ist unmöglich, allen gerecht zu wer­den. «Wenn ein Kind sich ver­ab­schiedet, ist das eine der schw­er­sten Sit­u­a­tio­nen über­haupt. Da erre­ichen wir einen Punkt, wo wir ehrlicher­weise sagen müssen, das wir sprach­los und mit­be­trof­fen sind», sagt Daniel Münger nach­den­klich. Es heisst dann, die «Ohn­macht» mit aushal­ten, innezuhal­ten und dann durch Hand­lun­gen und Gespräche den Trauer­prozess heil­sam zu gestal­ten.Und danach? Bleibt die Frage nach dem Glauben. Der Tod trifft jeden; er ist kon­fes­sion­s­los und nimmt keine Rück­sicht auf religiöse Überzeu­gun­gen. Gehen Fam­i­lien mit Trauer und Abschied anders um, wenn sie gläu­big oder kon­fes­sionell einge­bun­den sind? Die Antworten fall­en unter­schiedlich aus. Veron­i­ca Ernst bestätigt: «Eltern, die eine Jen­seits-Vorstel­lung haben – egal wie diese aussieht – lei­den oft weniger an der Frage, ob es das Kind jet­zt gut hat, wo es ist. Sie sind davon überzeugt und das hil­ft ihnen.» Till, aufgewach­sen in ein­er kirchen­fer­nen Fam­i­lie, wün­schte sich irgend­wann die Taufe. Ker­stin Birke­land erk­lärt, dass «er hat im Him­mel mehr gese­hen, als wir, wollte mit ihm ver­bun­den sein. Und Malin lies sich eben­falls taufen. Als Verbindung zu Till».Anne Burgmer
Anne Burgmer
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