
© Eva Meienberg
Im Zeichen des Labyrinths
Agnes Barmettler und die Internationale Labyrinthbewegung
Das Labyrinth vor der Basler Leonhardskirche ist mehr als ein Kunstwerk. Es gehört zu einer internationalen Bewegung, die von der Schweizer Künstlerin Agnes Barmettler mitbegründet wurde. Ihre Idee: öffentliche Labyrinthe als Orte der Begegnung und der Besinnung. Heute gibt es davon weit mehr, als die Gründerinnen je geplant hatten.
Die Schöpferin des Labyrinths auf dem Platz vor der Leonhardkirche (Bild auf Seite 3) ist die Künstlerin Agnes Barmettler. 133 öffentliche Labyrinthplätze wollten sie und die Philosophin und Frauenrechtlerin Rosmarie Schmid initiieren. Das Pionierprojekt dazu war das 1991 gestaltete Gartenlabyrinth im Zürcher Zeughaushof. Gemeinsam mit der Nachbarschaft im Zürcher Kreis 4, der geprägt ist von Bars und Bordellen, entstand ein Gemeinschaftsgarten, ein Ort des Austauschs und des Innehaltens, wo dem zyklischen Lauf der Jahreszeiten gedacht und das Werden und Vergehen gefeiert wird – bis heute. Im August dieses Jahres feiert das Gartenlabyrinth sein 35-jähriges Bestehen.
Labyrinth international
Agnes Barmettler und Rosmarie Schmid begründeten mit dem Gartenlabyrinth in Zürich auch die Länder übergreifende Labyrinth-Bewegung «Labyrinth international», durch die weit mehr als die geplanten 133 Labyrinthe entstanden sind.
Agnes Barmettlers Faszination für Labyrinthe ist verbunden mit ihrem Besuch der Kathedrale in Chartres in den 1970er-Jahren. Die Künstlerin setzte sich damals intensiv mit Symbolen und Zeichen auseinander. Einige Jahre später kam sie durch ihre Amerikareise in Kontakt mit Angehörigen der Hopi, einem indigenen Volk der Pueblo-Kultur in Arizona, und lernte über Jahre des Zusammenlebens mit ihnen ihre Lebensweise, ihre Zeichen und Symbole kennen, unter denen sich auch Labyrinthe finden.
Reise nach Chartres
Ankommen bei mir – und bei Gott
Esther Salathé – Familienseelsorgerin, Clownin und Ritualfrau – und Sabine Brantschen – Seelsorgerin, Märchenfrau und Ritualbegleiterin – organisieren im Frühling 2027, vom 30. März bis 3. April, eine Reise nach Chartres.
«Die Kathedrale und das Labyrinth in Chartres zu sehen, war für uns eine tiefe und lebendige Erfahrung, darum haben wir uns entschieden, dies mit anderen zu teilen», schreiben die Organisatorinnen.
Kosten: Im Doppelzimmer 900.–, Einzelzimmerzuschlag: 250.–
Informationen und Anmeldung bis August 2026 unter: oder s
Sabine Brantschen und Esther Salathé, was geschieht beim Begehen eines Labyrinths?
Im Labyrinth können wir uns selbst begegnen. Auf Um-Wegen machen wir uns auf in die Mitte. Das Ankommen bei mir – bei Gott – wird zu einer tiefen Erfahrung.Dabei frage ich mich:
Welche Wege bin ich schon gegangen?Wo möchte ich noch hin?Was lasse ich zurück?Was macht mich reich?Jedes Mal ist es neu und anders.
Inwiefern ist das Labyrinth ein religiöses Symbol?
Weg zur Mitte, Weg zu Gott. Weg zum Licht. Weg zu sich selbst.In Chartres wechselt der Blick immer wieder auf die wunderschönen Fenster mit religiösen Motiven: Maria, die Arche Noah, Adam und Eva.

Die Erde als Tauschplatz
Agnes Barmettler erkannte im Labyrinth ein Symbol für den Lauf des Lebens. Es fand Eingang in ihre Malerei, in Ausstellungsräumen legt sie Labyrinthe aus verschiedenen Materialien, die sie zum Teil auch performativ beging. 1982 schuf die Künstlerin im Solothurner Günsberg in einem Schulhaus ein begehbares Labyrinth. Den Weg zur Mitte legte sie aus mit weissen Platten, die als Podeste dienten für Gegenstände, Bilder und Texte. Mineralische, tierische, pflanzliche, menschliche Dinge säumten diesen Weg und durften von den Besucherinnen und Besuchern durch Mitgebrachtes eingetauscht werden. So wurde das Labyrinth zum Symbol der Erde als Tauschplatz und regte die Besuchenden dazu an, über den Wert der Objekte nachzudenken und über ihren Tausch zu verhandeln. Diese partizipative Installation mit dem Namen «Juraspur – ein Labyrinth» veränderte sich stetig mit den Gaben der Besuchenden. Dazu sagte die Künstlerin: «Die Erde ist eine grosse lebende Person, die selber aus unzähligen lebenden Personen gebildet ist. Das Labyrinth ist ein Bild für diesen lebendigen Organismus und für den Weg, dich darin zu bewegen. Wie alles Lebendige ist auch die Erde mit all ihren Gliedern in schöpferischer Bewegung.»
Labyrinth als Weg
Agnes Barmettler schuf weitere Labyrinthe. Zunehmend lösten sich diese Arbeiten aus dem Kunstkontext und fanden ihre Verankerung in der Frauenbewegung. Das Labyrinth wurde für Agnes Barmettler zu einem «integralen, komplexen Zeichen, in dem die ganze Welt mit ihren Gesetzmässigkeiten verborgen zu sein scheint.» Diese Erkenntnis erschliesst sich ihr immer wieder neu im Begehen des Weges zur Mitte, wo sie nicht das Ziel findet, sondern Leere. Der Weg nach aussen ist dabei nicht der Weg zurück, nicht der gleiche wie der Hinweg, sondern ein anderer unter einer neuen Perspektive. Mindestens genau so wichtig wie der Weg selbst sind für Agnes Barmettler die Zwischenräume. Der Weg ist nicht wichtiger als jeder einzelne seiner Standpunkte, die sie auf dem Weg einnimmt. Im Labyrinth begegnet Agnes Barmettler Weggefährtinnen. Aneinander vorbeikommen, sich begegnen, sich dem Gegenüber entgegenkommend zu verhalten sind für Agnes Barmettler zentrale Wegmarken des Labyrinthweges.
Steinlabyrinth stösst auf Widerstand
Neben dem Gartenlabyrinth im Zürcher Zeughaushof planten die Labyrinth-Frauen ein Steinlabyrinth auf dem Zwingliplatz neben dem Grossmünster. Die Stadt bewilligte das Projekt, aber die Grossmünster Kirchgemeinde stellte sich quer. Die Kirchgemeindemitglieder wollten weder ein heidnisches Zeichen auf dem Platz neben ihrer Kirche, noch suchten sie den Kontakt zu den «Labyrinthweibern». Das Steinlabyrinth fand seinen Platz vorerst in der Mitte des Pflanzenlabyrinths. Erst 32 Jahre später wurde das Steinlabyrinth neben dem Grossmünster doch noch realisiert und im Juni 2023 feierlich eröffnet.