
Fotos: Instagram Screenshots
Im Namen Gottes auf Instagram
Christliche Influencer/innen ziehen Tausende Follower/innen an. Die Inhalte, die sie auf Social Media verbreiten, sind teils problematisch. Gerade deshalb sollten auch die Kirchen dort präsent sein.
Dieser Beitrag erschien zuerst im «Kantonalen Pfarreiblatt Luzern».
«Die wichtigste Aufgabe in diesem Leben ist es, eine Seele für Jesus Christus zu gewinnen», sagt Miro Wittwer in einem Instagram-Video. Er nennt sich selbst «von Gott berufener Evangelist und Unternehmer». Wittwer postet Videos über seine Bekehrung, seine Missionierungstätigkeit in Trams und bewirbt seine Coaching-Seminare für christliche Unternehmer/innen. Er verbreitet aber auch homophobe Aussagen, etwa dass Homosexualität für Gott ein Gräuel sei. Mit 23500 Follower/innen auf Tiktok und 27400 auf Instagram ist Wittwer der bekannteste Schweizer Christfluencer.
Der Begriff bezeichnet Menschen, die auf sozialen Medien christliche Glaubensinhalte verbreiten und damit viele Menschen erreichen. Oft werben sie gleichzeitig für eigene Produkte wie Bibeln, Seminare, Podcasts oder Bücher.
«Darf ich das als Christin?»
Religiöse Influencer/innen teilen Alltagserlebnisse, sie posten zu Glaubensinhalten, religiösem Wissen und religiöser Praxis, aber auch Lebensführung und Fragen der Moral. So fasste Anna Neumaier in ihrem Referat an der Uni Luzern im vergangenen November zentrale Themen zusammen. Die Professorin für Religionswissenschaft an der Uni Bochum forscht zu Religion und digitalen Medien. «Darf ich als Christin dies oder das tun?» sei etwa eine typische Frage in den Kurzvideos.
«Ich bin Christ. Wen soll ich wählen?» lautet denn auch die Einstiegsfrage eines Instagram-Posts der wohl bekanntesten deutschen Christfluencerin Jasmin Friesen. Sie betreibt den Instagram-Account «liebezurbibel». Als Kriterien für wählbare Politiker/innen gilt für Friesen deren Einsatz für Lebensschutz (und damit gegen Abtreibung), für Meinungsfreiheit, die auch die Missionsarbeit christlicher Gemeinden schützt, und für die klassische Familie, bestehend aus Vater, Mutter und Kindern. Friesen hat auf Instagram knapp 95 000 Follower/innen.

Jasmin Friesen zeigt auf Instagram eine intakte Ehe (hier mit Partner), Miro Wittwer missioniert in Trams.
Fotos: Instagram Screenshots
Profile mit liberalen Positionen
Nebst diesen Christfluencer/innen aus dem evangelikalen Spektrum gibt es auch solche mit liberalen Positionen. Tim Lahr, queerer evangelischer Pfarrer in Köln, postet unter dem Instagram-Account «amen_aber_sexy» (67700 Follower/innen) beispielsweise 10 Gebote für einen progressiven Glauben: «Du sollst Gott nicht zur Angstmacherei benutzen», «Du sollst Menschen immer wichtiger nehmen als Regeln», «Du sollst die Bibel im Zusammenhang lesen, nicht gegen Menschen», lauten die ersten drei Gebote.
Die deutsche evangelische Theologin Sarah Vecera setzt sich mit dem Instagram-Account «moyo.me» (18 000 Follower/innen) für eine Kirche ohne Rassismus ein. In Kurzvideos erklärt sie beispielsweise, warum es problematisch ist, wenn weisse Sternsingerkinder sich schwarz schminken.
Autorität wird zugeschrieben
Was legitimiert diese Personen, auf Social Media Glaubensinhalte zu verbreiten? «Autorität wird in den sozialen Medien zugeschrieben», sagt Anna Neumaier, also durch die Follower/innen. Sie zeige sich einerseits durch die Darstellung von Rollen, die diese Personen auch offline haben: Der evangelische Pastor Tim Lahr tritt auf Instagram im Talar auf.
Die User/innen belohnten auf Social Media aber auch die Darstellung persönlicher Qualitäten: Biografische Erfahrungen wie eine Bekehrung zu Jesus, das Vorleben einer intakten Ehe, Charisma und Attraktivität sind laut Neumeier weitere Attribute, aufgrund deren Autorität zugeschrieben wird. Die Konfession spiele dabei eine untergeordnete Rolle. «Religiöse Influencer/innen zeigen, dass Glaube nicht nur im Kirchenraum stattfindet, sondern mitten im Alltag gelebt wird», sagt Fritz Reinhard, Fachlehrer für Religionskunde, Schulseelsorger und Prorektor am Gymnasium St. Klemens in Ebikon. Genau diese persönliche Perspektive mache religiöse Inhalte für viele Menschen zugänglicher als klassische Predigten oder kirchliche Texte.
Wenn persönliche Qualitäten Autorität verleihen, dann werden Laien und Laiinnen zu Experten/innen. Auf Social Media finde sozusagen eine «Selbstermächtigung in religiösen Fragen statt», sagt Anna Neumaier, und zwar auf beiden Seiten. Denn auch die User/innen wählen selbst, wen sie für authentisch genug halten, um ihm oder ihr zu folgen.
Bestätigung des eigenen Weltbilds
Genau hier zeigt sich aber auch die problematische Seite von Christfluencer/innen: User/innen folgen Menschen, die sie in ihrem eigenen Weltbild bestätigen, so ein Fazit von Anna Neumaiers Follower/innenbefragung: «Autorität wird zugestanden, wenn die Position der Influencer/innen, ihre Expertise oder ihre Authentizität stimmen.» Massstab dafür sei der oder die Rezipient/in selbst. Für Fritz Reinhard stellt sich auch die Frage nach theologischer Qualität und Verantwortung. «Religion kann auf Social Media schnell vereinfacht oder emotionalisiert werden, weil komplexe Inhalte in kurze Posts oder Videos gepresst werden müssen.»
Wenn Glaube auf diese Weise personalisiert werde, könnten individuelle Meinungen als religiöse Wahrheit erscheinen. Eine wesentliche Rolle bei der Verbreitung von Posts spielen Algorithmen: Social Media belohnt extreme Meinungen. Denn polarisierende Inhalte generieren meist mehr Reaktionen als solche mit gemässigtem Inhalt. Das Medium registriert, welche Posts User/innen liken oder kommentieren, und zeigt umso mehr ähnlichen Content an.
Und die Kirchen?
Themen, die viel Aufmerksamkeit generieren, sind laut Neumaier Gender, Sexualität, Geschlechterrollen und Beziehungen. «Darum bemisst sich ein grosser Teil der religiösen Identifikation in diesem Feld», sagt Neumaier. Für User/innen gehe es also um die Frage: Stehe ich näher bei Jasmin Friesen oder bei Tim Lahr?
Was bedeuten diese Entwicklungen für die traditionellen Kirchen? «Digitale Räume ermöglichen erste Kontakte mit religiösen Themen, besonders für Menschen, die sonst nie eine Kirche betreten würden», sagt Reinhard. «Die eigentliche Tiefe von Gemeinschaft – Rituale, Sakramente, persönliche Begegnung – lässt sich aber nur begrenzt digital erleben.»
Er sieht Social Media daher eher als Vorraum kirchlicher Gemeinschaft. Im Idealfall könne der digitale Raum neue Menschen in die reale Gemeinschaft führen.
Glaubensinhalte einordnen
Reinhard betont zudem die Bedeutung von Theologen/innen: Gerade weil religiöse Stimmen heute so vielfältig geworden seien, brauche es Menschen, die Glaubensinhalte reflektieren und einordnen könnten.
Theologie sei jedoch nicht mehr die alleinige Stimme der Autorität, sondern «eine Stimme im Gespräch mit vielen anderen». Wichtig sei allerdings, dass die Kirchen selbst auf Social Media präsent seien und verstünden, wie Glaubenskommunikation dort funktioniert, nämlich «dialogisch und lebensnah».