
Hinter einer Fassade
Lena ist im Spielgruppenalter. Sie ist hübsch und herzig. Wie in der Spielgruppe hat auch sie zuhause Begeisterung, irgendetwas mit den anderen zu gestalten. So hilft sie ihrer Mama Anna zum Beispiel beim Tischen oder beim Aufräumen der Küche.
An einem Wochenende sagt Anna zu ihr: „Wenn Sandra dann kommt, sag ihr, dass ich nicht zuhause bin! Okay für dich?“ „Ja, Mama, ich tue das gerne!“ antwortet Lena und hüpft vor Freude, dass sie ihrer Mutter helfen kann. Sandra gehört zu den engsten Kolleginnen der Familie. Aber manchmal ist ihr Besuch lästig für die Familie, weil sie das meistens spontan tut, sie bleibt lange und will fast nicht weggehen.
Kurz darauf klingelt es an der Tür. Lena springt dorthin und macht die Tür auf. Tatsächlich steht Sandra da. Sie umarmt Lena herzlich und fragt: „Ist deine Mama daheim?“ Darauf antwortet Lena: „Ja, aber Mama hat mir gesagt, ich soll dir sagen, dass sie nicht zuhause ist!“ „Aber ist sie sicher daheim?“, bohrt Sandra nach. „Ja, ganz sicher ist Mama zuhause. Komm, sieh mal ihre Füsse!“, antwortet Lena und zeigt die Füsse ihrer Mama, die hinter dem Vorhang zwischen Wohnzimmer und Gästeraum versteckt steht.
„Hallo Sandra. Schön, du bist da. Du hast Glück, dass ich noch nicht zum Einkaufen gegangen bin,“ versucht Anna ihre Verlegenheit offensiv zu retten. „Aber Mama, du hast nichts vom Einkaufen gesagt! Protestiert Lena. „Ja, deine Mama hat dir das vergessen zu sagen“, interveniert die Besucherin um Lena zum Schweigen zu bringen.
Die Menschen brauchen oft (Not)Lügen, um sich zu schützen. Denn die Wahrheit tut manchmal weh. Lügen bleibt doch schädlich für das gegenseitige Vertrauen. Auch für die kleine Lena! Das Vertrauen ist die entscheidende Basis für ein friedliches Miteinander.
Adolf Büttiker

