Helfen reicht nicht
Mit den Händen arbeiten, etwas schaffen, etwas bewirken: Im Tun erfahren die Gäste, dass sie etwas beitragen und den Alltag mitgestalten können.
© Sonnenhügel – Haus der Gastfreundschaft

Helfen reicht nicht

Menschen in Krisen brauchen nicht nur Hilfe. Wichtiger ist, das jemand mit ihnen durch die Krise hindurchgeht und an ihrer Seite bleibt, sagt Lukas Fries-Schmid. Er lebt das in der Gemeinschaft Sonnenhügel.

«Hör auf zu helfen!» ist der pro­vokante Titel des Buch­es, das Lukas Fries-Schmid geschrieben hat. Doch ihm ist wichtig zu beto­nen: «Das bedeutet nicht, dass Helfen etwas Schlecht­es ist.»
Für ihn geschieht Helfen auf ver­schiede­nen Ebe­nen; es gibt eine Aussen- und eine Innen­seite des Helfens. Die gilt es zu unter­schei­den. Als Aussen­seite beze­ich­net er die Lebens­be­din­gun­gen der Per­son, die Hil­fe sucht. Hier darf, ja, muss etwas verän­dert wer­den, wenn diese Bedin­gun­gen den Men­schen belas­ten. Die Innen­seite kann sowohl die Per­son betr­e­f­fen, die Hil­fe sucht, als auch die helfende Per­son. Fries-Schmid ist überzeugt: «Früher oder später stossen Men­schen an Gren­zen.» Die Gren­zen der Ohn­macht nen­nt er diesen Punkt, an dem Men­schen schlicht keine Kon­trolle mehr über die Sit­u­a­tion haben. Sie tendieren in solchen Sit­u­a­tio­nen typ­is­cher­weise dazu, mit Mach­tausübung zu reagieren, so Fries-Schmid. «Das passiert sehr schnell und fast automa­tisch, weil wir Men­schen das Leben gern im Griff haben und Dinge flick­en wollen», erk­lärt er. Die Per­son, die ger­ade eine Krise erlebt, greift dabei zum Beispiel auf Macht­mit­tel wie beson­ders fleis­sig zu sein und zu funk­tion­ieren oder die Umstel­lung der Ernährung zurück. Solche Strate­gien kön­nten, je nach Sit­u­a­tion, dur­chaus nützen, sie seien aber auch unglaublich hil­fre­ich, um sich von der eige­nen Ohn­macht abzu­lenken. Auch diejeni­gen, die anderen in ein­er Krise helfen wollen, wür­den zu Macht­mit­teln greifen, so Fries-Schmid. Denn Helfen fol­gt immer ein­er Dynamik der Ungle­ich­heit zwis­chen Hil­fe­suchen­den und Hil­feleis­ten­den. Diese Dynamik gibt den Helfend­en Macht über die Hil­fe­suchen­den.

Perspektivenwechsel

Was aber ist die Alter­na­tive? In Sol­i­dar­ität, an sein­er Seite, gemein­sam mit dem Men­schen durch die Krise hin­durchge­hen.
Es gehe dabei um das gemein­same Men­sch­sein. Vor­sichtig for­muliert Fries-Schmid: «Das ist der Punkt, an dem es eigentlich keine Rolle mehr spielt, wer Hil­fe anbi­etet und wer Hil­fe sucht, weil sie gemein­sam Men­sch sind, sich auf Augen­höhe begeg­nen.» Fries-Schmid ver­weist dabei auf einen Gedanken von Madeleine Del­brêl. Sie war beschäftigt mit ihren Kochtöpfen, als es an der Türe läutete. Eigentlich kam die Störung ungele­gen, denn sie hat­te alle Hände voll zu tun. Doch als sie die Türe öffnete und einen Bet­tler vor sich ste­hen sah, erkan­nte sie darin mehr als eine Unter­brechung. Für sie stand Jesus vor der Türe und wollte ihr eine Botschaft brin­gen.
Dieser Botschaft ord­nete sie alles andere unter. Sie liess sich von ihren Kochtöpfen weg­holen und schenk­te dem Men­schen vor der Türe ihre ganze Aufmerk­samkeit.
Den Per­spek­tiven­wech­sel vol­l­zog Fries-Schmid nach ein­er Begeg­nung mit ein­er Frau, die ihm sagte: «Ich will nicht, dass du mir hil­f­st, ich will, dass du mich aushältst und mit mir zusam­men meine Krise durchgehst, auf dass sich die Sit­u­a­tion verän­dern kann.»

Bedingungslose Liebe weitergeben

Fries-Schmid find­et: «Ich darf und soll bis zu einem gewis­sen Punkt in die Krise mit hineinge­zo­gen wer­den. Bis dor­thin, wo sich die Frage auf­tut: Was trägt mich?» Diese Frage wird dann zur gemein­samen Frage. Sie sei der zen­trale Punkt, wenn man in Sol­i­dar­ität für andere da sein möchte. Das, was am Ende trägt, seien nicht die Dinge, die man sich selb­st erar­beit­en kann, die einem Sicher­heit, Kon­trolle oder ein gutes Gefühl geben. Als Seel­sorg­er beschäftigt Fries-Schmid sich immer wieder mit dieser Frage. Er geht bewusst in die Stille, dor­thin, wo nichts mehr ist und der Men­sch sich nicht mehr selb­st tra­gen kann und erfährt an diesem Punkt die Zusage Gottes: Du bist bedin­gungs­los geliebt, ohne irgen­deine Leis­tung erbrin­gen zu müssen. Er erk­lärt: «Aus dieser Erfahrung der bedin­gungslosen Liebe her­aus kann ich gar nicht anders, als diese Liebe weit­erzugeben, als mit Offen­heit, Inter­esse und Sol­i­dar­ität auf andere Men­schen zuzuge­hen. Das nährt mich so sehr, dass ich mit inner­ster Überzeu­gung die Hoff­nung aufrechter­hal­ten kann und von ihr erfüllt bin. Diese Hoff­nung kann ich dann in die Krisen­si­t­u­a­tion hinein­brin­gen. Aber sie kann mich nur erfüllen, wenn ich mich immer wieder leer mache und loslasse. Sie kann sich nicht durch das füllen, was ich mir selb­st gebe und sage.»

Radikale Solidarität leben

Fries-Schmid lebt diese radikale Sol­i­dar­ität in der Gemein­schaft des Son­nen­hügels. Hier teilt eine Kernge­mein­schaft, beste­hend aus Lukas Fries-Schmid, San­dra Schmid Fries und Manuela Fölm­li, ihren All­t­ag mit Men­schen in Krisen­si­t­u­a­tio­nen. Wichtig sind dabei die gemein­sam ein­genomme­nen Mahlzeit­en. Aber auch der Vor­mit­tag ist der Gemein­schaft gewid­met. Gemein­sam etwas schaf­fen, darum geht es. «Das ist für die Gäste wertvoll und wichtig, weil die Arbeit mit den Hän­den den Men­schen die Erfahrung zurück­gibt: Ich kann etwas tun, ich kann etwas bewirken, ich kann einen Unter­schied machen für das gemein­same Zusam­men­leben. Es macht für unser Mit­tagessen einen Unter­schied, ob jemand mor­gens den Salat im Garten ern­tet, oder nicht», erzählt Fries-Schmid. Dabei wird Rück­sicht auf die Einzel­nen genom­men, was und wieviel sie arbeit­en mögen und kön­nen.

Freiwillige Spiritualität

Im Son­nen­hügel gibt es auch spir­ituelle Ange­bote, die sind allerd­ings frei­willig. Fries-Schmid ist das wichtig, denn die Gren­ze zum sub­tilen Mis­sions­druck sei sehr schmal. Einige Men­schen hät­ten bere­its neg­a­tive Erfahrun­gen mit religiösen Hil­f­sange­boten gemacht, bei denen sub­til die Botschaft trans­portiert wurde: «Wenn du richtig beten würdest, dann gin­ge es dir bess­er.» Fries-Schmid betont: «Davon gren­zen wir uns klar ab. Deshalb bin ich auch zurück­hal­tend, wenn es darum geht, zu benen­nen, welche Rolle Gott spielt. Vielle­icht insofern, als dass grundle­gende Fra­gen nach dem Sinn des Lebens, nach Gerechtigkeit oder nach der Gegen­wart des Göt­tlichen eine wichtige Rolle spie­len. In welch­er Form und in welch­er Sprache diese Fra­gen zum Aus­druck kom­men, ist jedoch sehr vielfältig und häu­fig nicht unmit­tel­bar religiös.»

Kein Feierabend

Der Son­nen­hügel ist ein Leben­sort auf Zeit. Men­schen kön­nen hier bleiben, bis sie ihre Krise über­wun­den haben. Während dieser Zeit gibt es keinen Feier­abend. Fries-Schmid erin­nert sich: «Ein­mal sagte eine Per­son, die zuvor in ein­er Klinik war, zu mir: ‹Ich hat­te eine Ther­a­pi­es­tunde. Und dann hiess es: Ich habe jet­zt Feier­abend. Ich antwortete: Meine Krise hat nie Feier­abend.› Das ist bei uns anders. Wir sind eine Lebens­ge­mein­schaft.» Es gehe darum, bei dem Men­sch zu bleiben, auch wenn es schwierig wird, wenn man selb­st keine Lösung hat, und darum, der Per­son das Ver­sprechen zu geben: Ich bleibe dir treu, auch wenn ich selb­st ger­ade nicht weit­er weiss, und zusam­men hal­ten wir das aus und wenn du magst, ver­trauen wir darauf, dass Gott wirkt.

Lukas Fries-Schmid und der Son­nen­hügel

Lukas Fries-Schmid, aufgewach­sen in Ober­wil BL, ist römisch-katholis­ch­er The­ologe und hat eine Weit­er­bil­dung in Pas­toralpsy­cholo­gie absolviert. Seit 17 Jahren lebt er im Son­nen­hügel in Schüpfheim, ein­er kleinen Gemein­schaft, die Men­schen in akuten Krisen­si­t­u­a­tio­nen als Gäste aufn­immt. Die Gemein­schaft teilt den All­t­ag mit ihnen: Sie kochen, putzen, arbeit­en im Garten und gestal­ten gemein­sam den Tagesablauf. So entste­ht eine tra­gende Struk­tur, in der die Gäste für eine gewisse Zeit mitleben kön­nen.

Der Son­nen­hügel befind­et sich in einem ehe­ma­li­gen Kapuzin­erk­loster. Die Gemein­schaft knüpft an diese franziskanis­che Tra­di­tion an und entwick­elt sie unter neuen Vorze­ichen weit­er.

Vorlage (kurz, Beitrag) - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz 28
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Leonie Wollensack
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