Heilen nach prophetischer Tradition
© Véronique Högger

Heilen nach prophetischer Tradition

Asima Onur schröpft die Haut ihrer Kundschaft nach einer Tradition, die schon Prophet Mohammed empfahl. Ein Besuch bei der Hijama-Praktikerin aus Olten, die mit alter muslimischer Heilkunst Menschen etwas Gutes tun will.

Der Kunde liegt auf dem Bauch, das Gesicht nach unten, der Oberkör­p­er frei. Asi­ma Onur set­zt ein halbes Dutzend fün­fliber­grosse Gläs­er auf den Rück­en. Mit ein­er Hand­pumpe saugt sie Luft aus den Gläsern. Unter­druck entste­ht. Langsam bilden sich blaue Fleck­en. Hija­ma – blutiges oder nass­es Schröpfen – gehört im Islam zur prophetis­chen Medi­zin. Diese stützt sich auf Über­liefer­un­gen aus dem Leben Mohammeds. Dazu zählen Heilmit­tel wie Honig, das Rez­i­tieren von Koransuren oder eben das Schröpfen. «Die beste Behand­lung, die ihr anwen­den kön­nt, ist Hija­ma», sagte Mohammed laut einem Hadith von Sahih al-Bukhari, ein­er Über­liefer­ung über das Leben des Reli­gion­s­grün­ders.

Nach eini­gen Minuten ent­fer­nt Onur die Gläs­er, desin­fiziert die Haut und ritzt die Fleck­en mit ein­er Klinge ein. Sie set­zt die Schröpfgläs­er wieder auf die Wun­den und pumpt erneut Luft ab. Blut quillt aus der aufger­itzten Haut. Zum Schluss reibt Onur die Wun­den mit Johan­niskrautöl ein. «Das hil­ft bei der Heilung», erk­lärt sie. Zum Schröpfen kam Onur auf Umwe­gen. Schon als Kind wollte sie kranken Men­schen helfen. «Meine Mut­ter war ständig krank», erin­nert sie sich. «Ich begleit­ete sie oft zum Arzt, um zu über­set­zen.» Ein Medi­zin­studi­um sei für sie aber nie in Frage gekom­men. «Da muss man Leichen sezieren, und davor habe ich zu viel Respekt.»

Stattdessen machte Onur eine kaufmän­nis­che Aus­bil­dung und arbeit­ete im Büro. Der Wun­sch, kranken Men­schen zu helfen, blieb aber. Als sie von Hija­ma hörte, war sie fasziniert: «Wenn der Prophet es emp­fohlen hat, muss es etwas Gutes sein», dachte Onur, die in ein­er kur­dis­chen Fam­i­lie mus­lim­is­chen Glaubens in Bern aufwuchs. Auf der Suche nach ein­er Aus­bil­dungsmöglichkeit stiess sie auf eine Fach­schule für Chi­ne­sis­che Medi­zin in Basel. Dort absolvierte sie die Aus­bil­dung zur Kom­ple­men­tärther­a­peutin. Heute führt die 38-Jährige eine Prax­is in Olten.

Die meis­ten Kun­den, die bei Onur eine Hija­ma-Sitzung buchen, sind Mus­lime. Son­st ist die Kund­schaft aber durch­mis­cht. Wer nicht zum Schröpfen kommt, sucht andere Ther­a­piemeth­o­d­en auf. Dass es vor allem in mus­lim­is­chen Kreisen bekan­nt sei, könne sich ändern, betont Onur. Die Meth­ode tue allen Men­schen gut, ist sie überzeugt. Schröpfen ist eine uralte Heil­meth­ode. Schröpfköpfe, die in Mesopotamien gefun­den wur­den, sind über 5000 Jahre alt. Laut den US-amerikanis­chen Nation­al Insti­tutes of Health deuten einzelne Stu­di­en darauf hin, dass Schröpfen Schmerzen lin­dern und das Wohlbefind­en steigern kann. Belast­bare wis­senschaftliche Belege fehlen aber. Manche Krankenkassen übernehmen die Kosten bei ein­er Zusatzver­sicherung im Bere­ich Kom­ple­men­tärmedi­zin.

Von «heilen» möchte Asi­ma Onur aber nicht sprechen. Und als «Hei­lerin» sieht sie sich erst recht nicht. «Man wird nicht automa­tisch geheilt, wenn man Hija­ma macht», stellt sie klar. Für sie ist das Schröpfen eine ganzheitliche Ther­a­pie, bei der die Patien­ten selb­st mithälfen, damit sich die Beschw­er­den lin­derten, ähn­lich wie in der tra­di­tionellen chi­ne­sis­chen Medi­zin. Zudem kämen auch Gesunde zum Schröpfen, um ihr Wohlbefind­en zu steigern. «Men­schen etwas Gutes zu tun, ist meine Beru­fung», sagt Onur.

Stefan Degen
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