Rufer in der Wüste
«Den Amazonas zu schützen, bedeutet die Schöpfung Gottes zu beschützen» steht ​am 16. Oktober 2025 auf einer Wand in Belém (Brasilien) dem Austragungsort der Weltklimakonferenz COP30.
Bild: © KNA

Rufer in der Wüste

Die Klimakonferenz in Belém ist zu Ende gegangen. Das Abschlussdokument bleibt hinter den Erwartungen zurück.

Die COP30 Konferenz hat dort stattgefunden, wo sich der Klimawandel besonders stark zeigt: im Amazonasgebiet. Viele indigene Menschen waren anwesend und machten auf sich aufmerksam, viele fühlten sich dennoch nicht gehört. Christine Wollowski, Reporterin in Brasilien hat die Konferenz verfolgt.

Die Regen­wald-COP zu der so viele Vertreter indi­gen­er Völk­er wie noch nie gereist sind, ist vor­bei. Das abschliessende «Muti­rao Deci­sion Doku­ment», in dem die Teil­nehmenden sich gle­ich bei vier strit­ti­gen Fra­gen auf ein Paket an Entschei­dun­gen eini­gen soll­ten, ist ver­fasst und unterze­ich­net. Min­is­ter und Regierungschefs aus mehr als 190 Natio­nen soll­ten sich auf Mass­nah­men eini­gen, durch die unter anderem die Erder­wär­mung gebremst, Gelder aufgetrieben, die Ent­wal­dung aufge­hal­ten und der Ausstieg aus fos­silen Brennstof­fen fest­geschrieben wer­den. Doch das Doku­ment blieb hin­ter den Erwartun­gen zurück. Die vom brasil­ian­is­chen Präsi­den­ten, Luis Iná­cio Lula da Sil­va, angestrebte Roadmap für den Ausstieg aus fos­silen Brennstof­fen etwa, ist nicht darin enthal­ten. Das am Sam­sta­gnach­mit­tag ver­ab­schiedete Doku­ment schreibt auch keinen Zeit­plan für die Reduzierung der Ent­wal­dung fest. Viele For­mulierun­gen bleiben vage und unverbindlich: etwa, es sei wichtig «die Natur und die Ökosys­teme zu bewahren, zu schützen und wieder herzustellen», oder die Ent­wal­dung sei bis 2030 zu been­den. Auch die Finan­zlücke ist nicht geschlossen. Bis 2035 sollen die Mit­tel zur Kli­maan­pas­sung ver­dreifacht wer­den, heisst es.

Unüberhörbare indigene Proteste

Den­noch werten manche die COP30 als Erfolg. Nach Jahren der Tre­f­fen in nicht-demokratis­chen Län­dern, waren in Belém Volk­sproteste möglich und unüberse­hbar. Dutzende Indi­gene hat­ten etwa am ver­gan­genen Mittwoch die Kon­feren­zräume gestürmt, andere eine Sitzblock­ade vor dem Hauptein­gang organ­isiert. Umwelt­min­is­terin Mari­na Sil­va, Indi­ge­nen-Min­is­terin Sonia Gua­ja­jara und Gast­ge­ber André Cor­rêa de Lago haben sich ihre Forderun­gen ange­hört, unter anderem das Aus für Grosspro­jek­te in indi­ge­nen Gebi­eten, die Annul­lierung von zwei Pro­jek­ten, die einen der Haupt­flüsse in eine Verkehrsad­er ver­wan­deln und eine Eisen­bah­n­trasse durch Waldge­bi­et treiben wür­den.

Mehr Demarkierungen von Territorien, mehr Mitsprache

Vor­ange­gan­gen ist es vor allem in einem Punkt: Die Demarkierung von zehn indi­ge­nen Ter­ri­to­rien ist offiziell angekündigt, in eini­gen Fällen sog­ar abgeschlossen. Der Abschlusstext betont zudem zum ersten Mal über­haupt, in welch hohem Masse sowohl indi­gene als auch afro-brasil­ian­is­che Volks­grup­pen mass­ge­blich zum Kli­maschutz beitra­gen.

Kirchen und Hil­f­swerke an der Kli­makon­ferenz

Bernd Nilles, Direk­tor von Fas­te­nak­tion und Präsi­dent des Dachver­bands der katholis­chen Hil­f­swerke (CIDSE), berichtet im Inter­view mit Vat­i­can News über die Rolle der katholis­chen Kirche bei den Ver­hand­lun­gen in Belém. Diese bringe keine tech­nis­chen Details ein, son­dern konzen­triere sich darauf, die richti­gen Fra­gen zu stellen. Die Kirchen sorgten sich um die Kluft zwis­chen den Zusagen der Regierun­gen und den tat­säch­lich notwendi­gen Mass­nah­men zur Ein­hal­tung der glob­alen Kli­maziele.

Wenn die Regierun­gen nicht mehr Ehrgeiz an den Tag legten, werde die glob­ale Tem­per­atur zu stark ansteigen, warnte Nilles, was viele Men­schen in Hunger und Armut stürzen werde.

Durch den Hin­weis auf die Enzyk­li­ka Lauda­to si von Papst Franziskus könne die Kirche Stel­lung beziehen auf der Seite der Ärm­sten und Ver­wund­barsten. Die Ver­han­dler näh­men die Stel­lung­nah­men der Kirche wahr und bezö­gen sich auf sie, was ihn hoff­nungsvoll stimme.

An der Kli­makon­ferenz in Belém war neben ein­er Del­e­ga­tion von Fas­te­nak­tion auch eine fün­fzehnköp­fige Schweiz­er Del­e­ga­tion aus Wis­senschaft, Gewerbe und der Zivilge­sellschaft vertreten. Behör­den­delegierte aus dem Bun­de­samt für Umwelt und dem Staatssekre­tari­at für Wirtschaft wie auch eine Jugend­delegierte nah­men teil. Der Bun­desrat war vertreten durch Albert Rösti.

Ins­ge­samt waren die Ver­hand­lun­gen in Belém allerd­ings schlep­pend ver­laufen. Die Welt hat­te sich in Tagungsräu­men in ein­er weis­sen Zelt­stadt im neu angelegten Par­que da Cidade getrof­fen; in kli­ma­tisierten fen­ster­losen Räu­men. Doch die Real­ität hat­te es geschafft, in Form von tro­pis­chem Starkre­gen gele­gentlich durch die Däch­er zu tropfen, und die über­forderten Kli­maan­la­gen wech­sel­ten zwis­chen feuchtheis­sem Ver­sagen und eiskaltem Unterkühlen.

Kirchliches Engagement, schweizerische Zurückhaltung

Einige Pos­i­tivbeispiele waren ausser­halb der Ver­hand­lungsräume zu find­en. So haben 46 kirch­liche Geldin­sti­tute beschlossen, nicht mehr in fos­sile Energie zu investieren. Eine Zen­trale für Brand­bekämp­fung ist ent­standen, die unter anderem indi­gene Gemein­schaften unter­stützen soll. Der neue Tropen­wald­fonds TFFF – eben­falls eine Ini­tia­tive des brasil­ian­is­chen Präsi­den­ten — ist gegrün­det und Deutsch­land beteiligt sich mit ein­er Mil­liarde USD. Die Schweiz hat bish­er keine Zusage gemacht, in den Fonds TFFF einzuzahlen. Der umstrit­tene Fonds weist mit zurzeit 6,6 Mil­liar­den USD erst einen Bruchteil der ursprünglich erhofften Ein­la­gen von 10 bis 25 Mil­liar­den auf, kann aber immer­hin direk­te Unter­stützung an tra­di­tionelle Gemein­schaften leis­ten.

Der aktuelle Methan-Report nährt eine weit­ere Hoff­nung: Er stellt ein Sinken des Methan-Ausstoss­es für die nahe Zukun­ft in Aus­sicht. Dazu führen kostengün­stige Mass­nah­men wie die Reparatur von Lecks bei der Pro­duk­tion fos­siler Brennstoffe oder ver­mehrtes Recy­cling und Kom­postieren. Weniger Methanausstoss hat eine sofort sink­ende Erder­wär­mung zur Folge – und weit­ere Mass­nah­men in dieser Rich­tung kön­nten eher kon­sens­fähig sein als der Verzicht auf die Fos­silen.

Westliches Profitdenken

Ins­ge­samt hat sich in Belém wieder ein­mal die Diskrepanz zwis­chen indi­ge­nen Wertesys­te­men und west­lichem Prof­it­denken gezeigt: Die tra­di­tionellen Völk­er sehen sich als Teil der Natur und im auf Gewinn aus­gerichteten kap­i­tal­is­tis­chen Sys­tem die Ursache für die Kli­makrise, während die Regierun­gen dieses Sys­tem, das vor allem die Län­der des glob­alen Nor­dens begün­stigt, besten­falls ein wenig anpassen wollen.

Päpstliche Ermahnung

Kirchenober­haupt Papst Leo XIV mah­nt: «Ein Drit­tel der Men­schheit lebt in ein­er Sit­u­a­tion gross­er Ver­wund­barkeit wegen dieser kli­ma­tis­chen Verän­derun­gen. Für sie ist der Kli­mawan­del keine ferne Dro­hung. Diese Men­schen zu ignori­eren, würde bedeuten, unser gemein­sames Men­sch­sein zu leug­nen!» Die COP30 ist vorüber, Brasilien hält bis zur näch­sten Kon­ferenz den Vor­sitz bei Kli­maver­hand­lun­gen. Präsi­dent Lula will seine Idee der Roadmap für den Ausstieg als brasil­ian­is­che Ini­tia­tive im Laufe des Jahres 2026 weit­er­ver­fol­gen. Es bleibt den einzel­nen Natio­nen über­lassen, ob sie sich ein­er solchen Selb­stverpflich­tung anschliessen. Die kirch­liche Organ­i­sa­tion Mis­ere­or urteilt ver­nich­t­end: Die Staatenge­mein­schaft habe es ver­säumt, für mehr Klim­agerechtigkeit zu sor­gen. Denn ob den vagen Worten drin­gend notwendi­ge Tat­en fol­gen wer­den, ist mehr als fraglich.

Christine Wollowski
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