Fenster mit Einsicht
v.l.n.r.: Bettina Ehrle, Ulrike Hasselmann, Gabi Hangartner, Samuel Rüegg und Simone Curau-Aepli verbrachten als Inklusinnen und Inkluse eine Woche in der Klause neben der Kirche St. Mangen in St. Gallen.
© Urs Bucher

Fenster mit Einsicht

Gabi Hangartner hat eine Woche als Inklusin eingeschlossen in einer Zelle verbracht. Dort hat sie gestickt und einiges neu verstanden.

Wie ist es Ihnen ergan­gen als Inklusin?
Gabi Hangart­ner: Ich habe die Woche gut über­standen. Es hat mir an nichts gefehlt. Jeden Mor­gen kam eine Seel­sorg­erin. Sie brachte mir Brot, das wir gemein­sam seg­neten und acht Liter Wass­er, zum Trinken und mich Waschen. Täglich brachte mir eine Frei­willige eine selb­st gekochte, warme Mahlzeit.

Wie haben Sie sich in der Zelle, die Sie während ein­er Woche nicht ver­lassen durften, ein­gerichtet?
Meine Klause hat­te zwei Fen­ster. Ein gross­es nach aussen, durch das ich mit den Besuchen­den gesprochen habe. Durch das kleine Fen­ster habe ich in den Chor­raum der Kirche St. Man­gen gese­hen, wo sich jeden Abend eine kleine Runde einge­fun­den hat für eine Andacht. Im Ver­lauf der Woche habe ich ver­standen, dass das kleine Fen­ster das eigentlich grosse ist, weil es den Blick auf etwas Gross­es frei­gibt.

Welche Erken­nt­nisse hat­ten Sie ausser­dem?
Ich habe erfahren, was Seel­sorge bedeutet, weil eine Seel­sorg­erin sich täglich um meine Seele gesorgt hat. Diesen Beruf sehe ich nun in einem anderen Licht.

Ich habe in dieser Woche viel über Wib­o­ra­da gele­sen und nachgedacht. Mich berührt, dass diese Frau ihrem Herzenswun­sch gefol­gt ist. Mir gefällt, dass ihre Zelle ein Fen­ster nach aussen hat­te, durch das sie Kon­takt zu Men­schen und ihren Anliegen hat­te und eines zur Kirche, um nahe bei Gott zu sein. Das Fen­ster in mein­er Zelle kon­nte ich öff­nen und wieder schliessen, um mich zurückziehen zu kön­nen. Das möchte ich in meinen All­t­ag mit­nehmen.

Wie waren für Sie die Begeg­nun­gen mit den Besuchen­den?
Es kamen einzelne Men­schen vor­bei, aber auch ganze Schulk­lassen, die sich mit der heili­gen Wib­o­ra­da befasst haben. Sie inter­essierten sich sehr für das Leben in der Zelle und woll­ten zum Beispiel wis­sen, ob ich gut schlafen könne, wie es ohne PC und Handy sei, ob ich genug zu essen hätte und ob es mir lang­weilig sei.

Und? War es Ihnen lang­weilig?
Nie. Ich habe gele­sen, gestickt, geze­ich­net oder ein­fach aus dem Fen­ster geschaut, wenn nie­mand zu Besuch da war. Die «Ereignis­losigkeit» hat Leben in mein Inneres gebracht.


Gabi Hangart­ner hat in der Wib­o­ra­da-Zelle eine Stickar­beit auf Leinen gefer­tigt. Der Stoff, eine alte Tis­chdecke aus dem Brock­en­haus, hat die Masse 175×75 cm. Die Arbeit bleibt unvol­len­det und repräsen­tiert so die kurze Zeitspanne in der Zelle. Bild © Gabi Hangart­ner

Sind Ihnen die Men­schen anders begeg­net als son­st?
Ja, denn ich war in der Rolle der Vertreterin Wib­o­radas. In dieser Woche ging es nicht um mich, son­dern um die Geschichte der Heili­gen, die wir nicht vergessen soll­ten. Ich habe die Men­schen am Fen­ster nicht berat­en. Ich war ein­fach da und habe zuge­hört und zur Ken­nt­nis genom­men. Ich habe ihnen vorgeschla­gen, eine Für­bitte zu schreiben, für die dann in der Andacht am Abend gebetet wurde.

Worum ging es in den Für­bit­ten?
Viele bat­en um den Zusam­men­halt in der Fam­i­lie. Das hat mich sehr berührt.

Sie haben schon öfter – auch weit weg – die Abgeschieden­heit gesucht. Haben Sie sie in Wib­o­radas Klause gefun­den?
Ich hat­te in der Klause immer wieder Zeit für mich und dabei Ruhe gefun­den. Es war schön ohne Com­put­er und Handy zu sein. Als kreativ­er Men­sch brauche ich immer wieder Zeit­en der Stille, um wahrnehmen und wertschätzen zu kön­nen, was mich umgibt. Das habe ich schon als Kind gemacht. Ich bin auf einen Schemel gestiegen und habe lange aus dem Fen­ster geschaut. Ich schaue oft und inten­siv nach innen und nach aussen.

Eva Meienberg
mehr zum Autor
nach
soben