Familie ist kein Luxus

36’500 Per­so­n­en wur­den in der Schweiz im Jahr 2014 aus­ges­teuert. Das sei der höch­ste Wert seit 2005, schreibt Car­i­tas Schweiz im Sozialal­manach 2016. Das katholis­che Hil­f­swerk nimmt im Sozialal­manach jährlich die soziale und wirtschaftliche Entwick­lung in der Schweiz unter die Lupe. Der Schw­er­punk­t­teil der Pub­lika­tion ist dieses Jahr dem The­ma «Fam­i­lie» gewid­met.
Wer seine Arbeitsstelle ver­liert, sich bei einem Regionalen Arbeitsver­mit­tlungszen­trum (RAV) reg­istri­eren lässt und in einem Zeitraum von zwei Jahren keine neue Anstel­lung find­et, wird aus­ges­teuert. Die Zahl der Auss­teuerun­gen habe in den let­zten Jahren stetig zugenom­men, heisst es im Bericht über die soziale und wirtschaftliche Entwick­lung in der Schweiz 2014/15, den Bet­ti­na Fredrich für den Sozialal­manach ver­fasst hat. 2014 waren dem­nach monatlich über 3000 Men­schen von Auss­teuerun­gen betrof­fen – ins­ge­samt rund 36 500 Per­so­n­en.
Fast dop­pelt so viele Auss­teuerun­gen wie 2008 Das ist dem Bericht zufolge der höch­ste Wert seit 2005. Ver­glichen mit 2008 habe sich die Anzahl Auss­teuerun­gen fast ver­dop­pelt. Über­durch­schnit­tlich betrof­fen sind Per­so­n­en über 45 Jahre, Aus­län­der, Frauen, Allein­lebende und Per­so­n­en, die nach der oblig­a­torischen Schule keine Aus­bil­dung absolvierten. Viele der Betrof­fe­nen find­en nach der Auss­teuerung keine Arbeit mehr und sind auf Sozial­hil­fe angewiesen. Wer einen Job find­et, muss sich häu­fig mit unsicheren Arbeitsver­hält­nis­sen zufrieden geben: Auf Abruf oder tem­porär arbeit­en oder mit einem zu kleinen Pen­sum.Kürzun­gen bei Sozial­hil­fe tre­f­fen auch Allein­erziehende Weit­er stellt der Bericht fest, dass für viele Haushalte die steigen­den Krankenkassen­prämien und immer höhere Mieten zunehmend ein Prob­lem darstellen. Die Stan­dard­prämie der Kranken­ver­sicherung sei in den let­zten 20 Jahren jährlich um durch­schnit­tlich 4,7 Prozent angestiegen, von monatlich 173 Franken im Jahr 1996 auf 396 Franken im Jahr 2014. Seit der Jahrtausendwende haben die Fixkosten der Haushalte stetig zugenom­men. Beim einkom­menss­chwäch­sten Fün­f­tel der Bevölkerung falle ins­beson­dere der starke Anstieg der Krankenkassen­prämien ins Gewicht. Es erstaune deshalb nicht, dass eine erschreck­end hohe Zahl von Men­schen in der Schweiz Mühe habe, ihre Exis­tenz zu sich­ern, heisst es in dem Bericht. Derzeit seien 590 000 Men­schen von Armut betrof­fen, 130 000 seien trotz Erwerb­sar­beit arm.Richtlin­ien ver­schärft Das Hil­f­swerk stellt zudem fest, dass bei der Sozial­hil­fe die Leis­tun­gen nach und nach abge­baut wer­den. 2015 sind dem­nach die Skos-Richtlin­ien ver­schärft wor­den. Diese Richtlin­ien definieren, wie die Sozial­hil­fe berech­net wird und mit welchen Mass­nah­men die soziale und die beru­fliche Inte­gra­tion der Betrof­fe­nen unter­stützt wer­den kann. Mit der Revi­sion sei das soziale Exis­tenzmini­um für grosse Fam­i­lien und Jugendliche nicht mehr gewährleis­tet, kri­tisiert Car­i­tas Schweiz. Zudem sei die Zulage für Men­schen, die sich aus gesund­heitlichen oder famil­iären Grün­den nicht um eine Arbeitsstelle bemühen kön­nen, gestrichen wor­den. Diese Kürzun­gen tre­f­fen auch Allein­erziehende, die auf­grund ihrer Betreu­ungspflicht­en bei der Erwerb­sar­beit eingeschränkt sind, schreibt das Hil­f­swerk in ein­er Mit­teilung vom 21. Dezem­ber.Fam­i­lien als Leis­tungser­bringer unter­stützen Der Sozialal­manach, der dieses Jahr mit dem Unter­ti­tel «Fam­i­lie ist kein Luxus» erscheint, enthält neb­st dem Bericht von Bet­ti­na Fredrich einen Schw­er­punk­t­teil mit Essays und Fach­beiträ­gen zur Fam­i­lie. «Die Fam­i­lie ist nicht nur Ort indi­vidu­ellen Wohlbefind­ens und Rück­zugs, son­dern auch zahlre­ich­er gesellschaftlich­er Auf­gaben und Leis­tun­gen», heisst es auf der Web­seite von Car­i­tas Schweiz zum neusten Sozialal­manach. Von den Leis­tun­gen prof­i­tiere die ganze Gesellschaft. Aus Sicht des Hil­f­swerks ist es nicht zu recht­fer­ti­gen, dass «250 000 Eltern und Kinder in der Schweiz von Armut betrof­fen sind». Armut hin­dere die betrof­fe­nen Fam­i­lie daran, ihre Leis­tun­gen zu erbrin­gen und ver­let­ze ihre Rechte auf Chan­cen­gle­ich­heit. Car­i­tas Schweiz fordert deshalb eine Fam­i­lien­poli­tik, die Armut ver­hin­dert, wie es auf der Web­seite heisst.Car­i­tas-Forum am 29. Jan­u­ar 2016 Das diesjährige Car­i­tas-Forum ste­ht eben­falls unter dem Mot­to «Fam­i­lie ist kein Luxus». Am 29. Jan­u­ar disku­tieren in Bern Exper­tin­nen und Experten aus Wirtschaft, Poli­tik und dem Sozial­bere­ich in Refer­at­en und Podi­ums­ge­sprächen Strate­gien und Lösungsan­sätze für eine gerechte Poli­tik.Zum Pro­gramm des Car­i­tas-Forums Sozialal­manach 2016«Fam­i­lie ist kein Luxus». Das Car­i­tas-Jahrbuch zur sozialen Lage der Schweiz, Trends, Analy­sen, Zahlen. Car­i­tas-Ver­lag Luzern, Dezem­ber 2015. 220 Seit­en, 36 Franken. ISBN: 978–3‑85592–140‑9. ISBN e‑book: 978–85592-141–6Bestel­lung: oder online unter www.caritas.ch/shop
Marie-Christine Andres Schürch
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