Jubiläum: Eugen Vogel ist schon seit 70 Jahren Priester

Jubiläum: Eugen Vogel ist schon seit 70 Jahren Priester

  • Vor 70 Jahren, am 29. Juni 1950, wurde Eugen Vogel in Solothurn zum Priester gewei­ht. Er ist nach dem Tod von August Berz der älteste Priester im Bis­tum­skan­ton Aar­gau.
  • Hor­i­zonte besuchte den Jubi­laren in seinem Haus in Hausen, wo er engagiert und humor­voll Rückschau hielt auf sein Leben und Wirken als Priester, das für ihn immer eine Beru­fung und niemals ein­fach nur ein Job war.
  • Zu seinem Jubiläum wün­schte sich Eugen Vogel kein Fest, son­dern eine Messe. Und eine solche hat er erhal­ten: am 29. Juni im Kirchen­zen­trum St. Marien in Windisch, wo er während 27 Jahren Pfar­rer war.
 Herr Vogel, am ver­gan­genen Mon­tag durften Sie Ihr 70. Jahr als Priester feiern. Warum sind Sie über­haupt Priester gewor­den? Eugen Vogel: Das begann schon sehr früh. In der vierten Klasse wollte ich entwed­er Schrein­er, Schnei­der oder Pfar­rer wer­den. In der fün­ften Klasse war die Entschei­dung in mir gereift: ich wollte Pfar­rer wer­den. Ein Onkel von mir war Pfar­rer. Er hat­te einen grossen Ein­fluss auf mich. Ausser­dem entstamme ich ein­er elfköp­fi­gen Fam­i­lie aus Escholz­matt im Entle­buch. Wenn man da etwas aus sich machen wollte, dann blieb einem fast nur dieser Weg. In der fün­ften Klasse hat­te ich lauter Sechser im Zeug­nis – nur in «Diszi­plin» war ich nicht so gut… (lacht)Wie ist es heute, Priester zu sein, ver­glichen mit Ihren Anfän­gen 1950? Heute ist es viel schwieriger. Das Priester­amt hat­te früher eine viel grössere Bedeu­tung. Ich glaube, die Art von Priester, wie ich noch ein­er bin, stirbt aus. Wir waren noch wirk­lich für alles zuständig in unseren Gemein­den. Heute ist ein Priester ja nur noch ein priester­lich­er Mitar­beit­er in einem Ver­band. Er hat vor allem die Auf­gabe, Eucharistie zu feiern. Die ganze Viel­seit­igkeit von früher geht ver­loren.Haben Sie Ihre Beruf­swahl je bereut? Nein, bereut habe ich sie nie, aber in Frage gestellt. Das war, als ich in der Kloster­schule Dis­en­tis die Matur machte. Da fragte ich mich, ob ich nicht doch lieber Medi­zin studieren sollte. Aber ich entsch­ied mich den­noch dazu, Pfar­rer zu wer­den. Ich besuchte das Priestersem­i­nar in Luzern und, im let­zten Jahr, in Solothurn. Dann studierte ich noch ein Jahr in St. Sulpice in Paris. Ich hat­te immer eine pos­i­tive Ein­stel­lung zu meinem Beruf und habe ihn gern gemacht. Ich hat­te auch das Glück, dass ich dabei sel­ber nie in Frage gestellt wurde.Welche waren ihre prä­gend­sten Erleb­nisse im Laufe Ihrer Kar­riere als Priester? Schön war meine Zeit als Vikar in Aarau. Ich war bei Armen und Reichen damals gle­icher­massen willkom­men, bei den armen Leuten in der Halde genau­so wie beim Teig­waren-Businger. Ich hat­te mir immer gewün­scht, ein­mal eine Dias­po­ra-Gemeinde übernehmen zu dür­fen. In Windisch habe ich das bekom­men. Ich wurde da der erste katholis­che Pfar­rer in der ersten katholis­chen Kirche seit der Ref­or­ma­tion. Das war 1965, als wir die Marienkirche ein­wei­ht­en. Und schon im Jahr darauf durfte ich die Pauluskirche Bir­rfeld ein­wei­hen. Damals herrschte eine echte Auf­bruch­stim­mung in der Kirche. Schön war auch die Zusam­me­nar­beit mit dem reformierten Pfar­rer von Windisch. Wir wur­den richtige Fre­unde. Ich war sowieso immer gegen die Abgren­zung zwis­chen den Kon­fes­sio­nen. Das sind doch alle getaufte Chris­ten wie wir, das alleine zählt. Der Kon­takt mit den Men­schen war mir immer ein Bedürf­nis. Das hat mich erfüllt, und das wurde auch geschätzt. 2004 wurde ich sog­ar zum Ehren­bürg­er der Gemeinde Windisch ernan­nt.Wenn Sie Papst wären, was wür­den Sie ändern in der Kirche? Einiges, wahrschein­lich! (hebt die Arme und lacht)Und was zuerst? Den Zöli­bat würde ich aufheben. Nicht jet­zt wegen mir, aber aus Notwendigkeit für die Kirche. Er ist ein Grund dafür, dass es zu wenig Priester gibt. Nicht der einzige, aber ein wichtiger. Es gibt zwar schon einen Wan­del zum Guten in unser­er Kirche, aber halt nur langsam. Ich sage immer: die Mühlen Gottes mahlen langsam – und die Mühlen der Kirche noch langsamer (lacht). Wichtig ist, dass man den Jun­gen hil­ft, eine tiefe Reli­giosität zu entwick­eln. Dazu braucht es gute Leute in den Sem­i­nar­ien. Vor­bilder sind notwendig.Wie haben Sie Ihr Jubiläum am ver­gan­genen Mon­tag erlebt? Ich wollte ja kein Fest, ich wollte eine Messe, und das war ein wun­der­bar­er Gottes­di­enst! Wegen der Vor­sichts­mass­nah­men durften ja nur 100 Leute in die Kirche, son­st wäre sie wohl ganz voll gewe­sen. Aber der Kirchen­chor sang, und viele Grat­u­lanten richteten ihre Gruss­worte an mich. Vom Bis­tum kam ein schön­er Brief, und Bischof Felix hat mir das Buch «Im Fahr» geschenkt. Diese Lebens­geschicht­en von ganz ein­fachen Schwest­ern im Koster Fahr habe ich von vorn bis hin­ten durchge­le­sen. Das hat mir sehr imponiert.Wenn Sie nochmals von vorn begin­nen kön­nten, wür­den Sie wieder diesen Weg wählen? Wahrschein­lich schon. Mein Beruf hat mich erfüllt. Ich bin damit gut gefahren und ich hat­te auch immer gute Stellen, als Vikar in Aarau und Brugg, dann in den 27 Jahren als Pfar­rer in Windisch, wo ich auch noch Dekan des Dekanats Brugg und Syn­oden­präsi­dent der römisch-katholis­chen Lan­deskirche im Aar­gau war, und dann noch in meinen sieben Jahren in Wohlen­schwil, wo ich prak­tisch auch Pfar­rer war, ein­fach mit halbem Lohn und ganz­er Arbeit. (lacht und schlägt die Hände zusam­men)Als Sie Priester wur­den, genoss dieser Beruf­s­stand noch hohes Anse­hen. Was müsste man heute tun, um den Respekt und das Ver­trauen von früher zurück­zugewin­nen? Vor allem muss die Kirche bei der Auswahl und der Schu­lung kün­ftiger The­olo­gen bess­er darauf acht­en, wer sich wirk­lich dazu eignet. Zu mein­er Zeit war es ja ger­adezu ein Trend, Pfar­rer zu wer­den. Da wurde auch manch ein­er genom­men, der nicht wirk­lich für diesen Beruf geschaf­fen war. Wichtig ist auch, dass man heute eine The­olo­gie ver­tritt, die attrak­tiv ist. Näch­sten­liebe und Gottes­liebe müssen dabei ganz im Vorder­grund ste­hen. Nicht wie früher, als es noch hiess: Wer am Son­ntag nicht zur Kirche geht, bege­ht eine schwere Sünde, und wer eine schwere Sünde bege­ht, kommt in die Hölle. Meine Devise ist: Men­sch ist Men­sch und Christ ist Christ – ich will sie begleit­en, nicht bedro­hen.Was wün­schen Sie sich für die Zukun­ft? Für die Kirche und die Welt, dass die Reli­giosität wieder wichtiger wird und zunimmt. Wir sind schon sehr wis­senschafts­gläu­big gewor­den. Aber ger­ade die Coro­n­akrise zeigt uns, dass das nicht reicht, und die Leute merken das auch. Was mich per­sön­lich anbe­langt, da muss ich sagen, dass man sich mit 96 Jahren dur­chaus mit dem Lebensende auseinan­der­set­zt. Mir geht es gut, ich bin zufrieden – und ich kann sagen, ich kann jeden Tag gehen.
Christian Breitschmid
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