
© Marie-Christine Andres
Engagiert für die Kirche im Dorf
Mitglieder für die Kirchenpflege zu finden, braucht Ausdauer und kreative Ansätze
Zwei von vier Mitgliedern der Kirchenpflege Niederwil treten Ende Legislatur zurück. Das Gremium versucht auf verschiedenen Wegen, neue Leute zu gewinnen, um nach den Erneuerungswahlen weiterhin eigenständig wirtschaften zu können.
Im aargauischen Niederwil steht die Kirche gut sichtbar an der Hauptstrasse, gleich daneben hat Jungwacht Blauring ihr Haus, etwas zurückversetzt steht das Pfarrhaus. Hier macht der Kirchenpflegepräsident Adriano Paniz Kaffee, Karin Giger und Marlis Töngi nehmen Platz am grossen Tisch. Die Dreierrunde hat sich Zeit genommen, über die Freuden, Sorgen und Herausforderungen einer Kirchenpflege zu berichten.
Ähnlich wie Pop-up-Stores
Adriano Paniz ist seit 18 Jahren Mitglied der Kirchenpflege Niederwil und seit 12 Jahren deren Präsident. Marlis Töngi ist seit zehn Jahren in der Kirchenpflege. Beide werden im Herbst ihr Amt niederlegen. Karin Giger stellt sich hingegen neu zur Wahl als Mitglied der Kirchenpflege.
Die beiden abtretenden Kirchenpflegemitglieder sind froh, dass sie mit Giger eine motivierte Kandidatin gewinnen konnten. Adriano Paniz war auch im Vorstand des Turnvereins aktiv und hat die Erfahrung gemacht, dass es nicht einfach ist, Leute für ein längerfristiges Engagement zu gewinnen. «In den letzten 20 Jahren habe ich festgestellt, dass es zunehmend schwieriger wird, Leute für eine verbindliche Aufgabe zu gewinnen.» Marlis Töngi kennt das auch: «Viele wollen sich nicht mehr binden, sondern flexibel sein. Es ist ein ähnliches Phänomen wie bei Pop-up-Stores.»
Was passiert, wenn sich niemand finden lässt?
Wenn sich in einer Kirchgemeinde nicht mehr genügend Personen für die Kirchenpflege finden lassen, obliegt es dem Kirchenrat der Römisch-Katholischen Landeskirche, Sachwaltungen für diese Kirchgemeinden zu ernennen. Eine von der Landeskirche eingesetzte Person führt die laufenden Geschäfte und strebt Ersatzwahlen an. Zurzeit bestehen im Kanton Aargau zwei Sachwaltungen nur eine Sachwaltung, im Kanton Basel-Landschaft sowie in Basel-Stadt keine.
Eine mögliche Lösung für den chronischen Personalmangel könnte eine Fusion sein. Während die pastorale Seite des dualen Systems innerhalb eines Pastoralraums als Einheit funktioniert, bestehen auf staatskirchenrechtlicher Seite meistens mehrere Kirchgemeinden. Leute für diese Gremien zu finden, ist schwierig geworden. Im Pastoralraum am Rohrdorferberg gab das den Anstoss für die Fusion der vier Kirchgemeinden Bellikon, Künten, Stetten und Rohrdorf. Seit Anfang 2025 ist die Fusion vollzogen. Aktuell laufen zwischen den Kirchgemeinden Kaisten und Ittenthal Zusammenschlussgespräche.
Wie das Führen eines KMUs
Beim Rekrutieren von Mitgliedern für die Kirchenpflege komme dazu, dass viele Leute falsche Vorstellungen hätten. «Auch ich dachte, man müsse Gebete lernen, und es ginge vor allem um die Messe und um Kirchenlieder. Das stimmt eben nicht. Deshalb ist ein Info-Gespräch wichtig», sagt Paniz.
Er erklärt, Mitglied der Kirchenpflege zu sein, bedeute eigentlich, ein KMU zu führen. Mit Personal, Finanzen, Events, Liegenschaftsverwaltungen. Es gibt Personalgespräche, Lohnverhandlungen und ein Budget. Um diese Informationen unter die Leute zu bringen, hat die Kirchenpflege Niederwil im vergangenen April den Anlass «Engagiert för d Chele im Dorf» organisiert. Ein ungezwungenes Beisammensein am Sonntagabend zusammen mit Jungwacht Blauring, Essen und einem Podiumsgespräch, an dem auch der Aargauer Kirchenratspräsident Pascal Gregor teilnahm.
Neue Wege, Leute zu finden
«Wir hofften, dass die, die den Anlass besuchen, das Gehörte wirken lassen und später der eine oder die andere Interesse an der Kirchenpflege anmeldet», erklärt Paniz. Es war ein schönes Fest mit guten Begegnungen. Die Langzeitwirkung muss sich aber erst noch zeigen.
Karin Giger war im Vorstand der Frauengemeinschaft und hatte das Amt als Co-Präsidentin gerade frisch abgegeben, als Marlis Töngi sie für die Kirchenpflege anfragte. Zwei Dinge gaben den Ausschlag für Gigers Zusage: «Ich wusste, dass die Kirchenpflege dringend neue Mitglieder sucht, und ich mache gerne Vorstandsarbeit. In einem Gespräch mit Töngi erfuhr sie, worum es bei diesem Amt geht. Auch der Präsident und der Gemeindeleiter nahmen sich Zeit für ein Gespräch mit ihr. Karin Giger erklärt: «Ich gehe jetzt meinerseits direkt auf Leute zu, von denen ich denke, dass sie in der Kirchenpflege mitwirken könnten.»

Ein Zeichen setzen
Die Synode hat am 10. Juni 2026 beschlossen, dass künftig alle vom katholischen Stimmvolk gewählten Behördenmitglieder zu Beginn ihrer Amtszeit offiziell in Pflicht genommen werden. Erstmals werden an der konstituierenden Synode vom 13. Januar 2027 die Synodalen, die Mitglieder des Kirchenrats und des Rekursgerichts ihr Gelöbnis ablegen. Die Mitglieder der Kirchenpflegen werden im Rahmen von vier regionalen Feierlichkeiten in ihr Amt eingeführt.
Mit der Inpflichtnahme soll sichtbar werden, dass diese Ämter Verantwortung, Verlässlichkeit und Engagement für die Kirche voraussetzen. Sie ist Ausdruck von Wertschätzung gegenüber den gewählten Behördenmitgliedern und verleiht ihrem Amt Würde und Bedeutung. Gleichzeitig bekräftigen die Amtsträgerinnen und Amtsträger mit einem Gelöbnis ihre Bereitschaft, die Verfassung, das Organisationsstatut sowie die gesetzlichen Grundlagen der Landeskirche und der Kirchgemeinden gewissenhaft zu beachten. Über die Formulierung dieses Gelöbnisses wurde an der Synode intensiv diskutiert, bevor sie verabschiedet wurde.
Mir persönlich ist wichtig, dass wir damit nicht einfach einen formellen Akt schaffen, sondern ein Zeichen setzen: Das Engagement in Synode, Kirchenrat, Rekursgericht und Kirchenpflegen ist ein wertvoller Dienst an der Kirche und an den Menschen. Dieses Engagement verdient Anerkennung und einen würdigen Beginn.
Pascal Gregor, Kirchenratspräsident Römisch-Katholische Kirche im Aargau
Persönlich wachsen und lernen
Früher sei im Dorf noch jedes Amt ein Ehrenamt gewesen, sagt Paniz. Da habe sich jemand gebauchpinselt gefühlt, wenn er angefragt wurde. Heute wird das Amt vor allem als Arbeit, Verpflichtung und Verantwortung gesehen.
Dabei sei ein solches Amt spannend, findet Adriano Paniz. Er habe Situationen meistern müssen, aus denen er viel gelernt habe. Zum Beispiel, wie er eine Sitzung sinnvoll vorbereite oder zwischenmenschliche Konflikte angehen könne. «Ich habe persönlich, aber auch für meine berufliche Tätigkeit von diesen Erfahrungen profitiert.» Marlis Töngi erklärt ebenfalls, sie sei an ihrer Aufgabe gewachsen: «Heute stehe ich selbstbewusst vor Leute hin, das habe ich mich früher viel weniger getraut.» Auch knifflige Situationen gebe es, sagt Paniz: «Personalfragen können schwierig sein, weil dort rechtliche Vorgaben eingehalten werden müssen.» Unterstützung gibt es von der Landeskirche. Das hat Paniz selbst erfahren: «Bei der Verpachtung unseres Weinbergs hat uns die Finanzabteilung der Landeskirche beraten.»
Kirchenpflegende sind nicht allein
Ausserdem sind da noch die Kirchenpflegetagungen in der Propstei Wislikofen, die jedes Jahr stattfinden. «Eine super Sache», findet Paniz. Die Tagungen mit Diskussionsrunden und Ateliers zu Themen wie Konfliktlösung, Liegenschaftsunterhalt, Personalentwicklung oder Finanzen haben ihm wertvolles Wissen für die Praxis vermittelt. «In den 18 Jahren Kirchenpflege habe ich 17-mal in Wislikofen teilgenommen», fasst der abtretende Präsident zusammen. Marlis Töngi fügt an: «Auch der Erfahrungsaustausch und das Zusammensein mit den anderen Kirchenpflegenden aus dem ganzen Kanton sind sehr wertvoll.»
Marlis Töngi organisiert in der Kirche Niederwil regelmässig das Angebot «Wort und Musik». Musik und selbst geschriebene Gedichte lassen die Zuhörenden durchatmen und zur Ruhe kommen. Dieser Anlass steht zwar nicht im Pflichtenheft einer Kirchenpflegerin, liegt ihr aber persönlich am Herzen. Wichtig ist ihr vor allem, dass alle willkommen sind, ob katholisch oder nicht: «Die Kirche muss sich öffnen», ist sie überzeugt, «so trauen sich die Leute wieder, hinzugehen.»
«Auch das ist Kirche»
Dem stimmt Karin Giger zu. Sie findet es schön, dass an einem solchen Anlass verschiedene Generationen vertreten sind und die Kirche fast voll ist: «Wenn viele Leute kommen, wird die Hemmschwelle kleiner. Man traut sich eher, allein hinzugehen, weil klar ist, dass man dort jemanden trifft.» Karin Giger freut sich über solche neuen Formen, Gemeinschaft in der Kirche zu leben. In ihrem Status postete sie ein kurzes Video des Anlasses mit den Worten: «Auch das ist Kirche.»
Mit Karin Giger wird die Niederwiler Kirchenpflege ab Ende Jahr drei Mitglieder haben. «Zu dritt dürfen wir noch selbst wirtschaften – mit einer Ausnahmebewilligung», sagt Paniz. Bei weniger Mitgliedern droht die Sachwaltung (siehe Box). Die Runde ist sich einig, dass sie alles daransetzen will, genügend Mitglieder zu finden, um selbständig zu bleiben.
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt
Karin Giger ist motiviert für das Amt, weil sie bei ihrer Tätigkeit in der Frauengemeinschaft grosse Wertschätzung erfahren und Menschen aller Generationen kennengelernt hat. Die Kirche befinde sich in einer spannenden Phase der Veränderung: «Wer Teil dieser Veränderung sein möchte, muss jetzt mitmachen», findet sie.
Auch der Zusammenschluss mehrerer Kirchgemeinden und die Bildung einer einzigen Kirchenpflege für den ganzen Pastoralraum sind ein Thema: «Ich glaube, es ist nötig, das zu diskutieren. Es ist doch absurd, dass wir sechs Kirchenpflegen haben und jede um Mitglieder kämpft», sagt Paniz. Das Beispiel des Pastoralraums am Rohrdorferberg, wo vier Kirchgemeinden fusioniert haben, zeigt, dass das funktionieren kann (siehe Box).
Kirche hat viele Aspekte
Für die Wahl in die Kirchenpflege muss man Mitglied der Kirche sein. «Aber man ist nicht verpflichtet, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen», meint Marlis Töngi. Karin Giger würde sich selbst nicht als regelmässige Kirchgängerin bezeichnen. «Aber die Kirche ist Teil unserer Kultur, und ich empfinde den sozialen Auftrag der Kirche enorm wichtig.»

