
Die gerechte Bibel
Die «Bibel in gerechter Sprache» ist zwanzig Jahre alt. Sie war schon am Tag ihrer Publikation überholt und dennoch wirkt sie bis heute.
Die Bibel ist das meistverkaufte Buch der Welt. Fraglich ist, ob sie auch das meist Gelesene ist. Wer sie schon einmal gelesen hat, weiss, dass sie schwierig zu verstehen ist. Ihre ältesten Texte sind rund 3000 Jahre alt. Das Leben der Menschen damals war ganz anders als heute. Sie wohnten anders, hatten andere Berufe, andere Rechte. Nicht zuletzt war auch das Verhältnis zwischen Mann und Frau ein anderes. Wenn wir also mit unserem heutigen Verständnis eine Bibel lesen, kommt uns vieles unverständlich und ungerecht vor.
Vor 25 Jahren haben 52 Übersetzerinnen und Übersetzer aus Deutschland, der Schweiz und Österreich begonnen, die biblischen Texte neu zu übersetzen – in gerechte deutsche Sprache. Gerecht sollten die Texte zuerst ihren Originaltexten gegenüber sein. Dazu braucht es ein tiefes Wissen über die oft sehr breite Bedeutung der verwendeten Begriffe und Transparenz darüber. Aus diesem Grund gibt es in der Bibel in Gerechter Sprache (BigS) ein Glossar, in dem die mit einem kleinen Kreis gekennzeichneten Begriffe mit ihren Wortfeldern erklärt werden.
Gerecht sollte sie aber auch in Bezug auf ihre Verständlichkeit sein. Darum haben die Übersetzenden ihre Texte immer wieder in Versuchsgruppen gelesen.
Der Text der BigS sollte zudem geschlechtergerecht sein. Frauen sollten nicht länger einfach mitgemeint sein, sondern auch genannt werden. Die Apostelin Junia, die von früheren Übersetzern der Bibel zu Junias und damit zu einem Mann gemacht wurde, durfte in der BigS eine Frau bleiben. Textstellen mit frauenfeindlichem Inhalt wurden sogenannte Gesprächstexte zur Seite gestellt, die Frauen in ermächtigter Position beschreiben. Die Übersetzenden versuchten die damalige soziale Wirklichkeit nach bestem Wissen abzubilden. Wenn Luther etwa in seiner Bibel von Mägden sprach, wird in der BigS von Sklavinnen gesprochen, denn so würden wir die Situation dieser Frauen heute bezeichnen. Die Bibel in gerechter Sprache ist ohne den Einfluss einer Kirche in ökumenischer Arbeit entstanden. In einem Crowdfunding-Projekt wurden 400 000 Euro gesammelt. Die Übersetzenden arbeiteten überwiegend ehrenamtlich. Als die BigS auf den Markt kam, wurde sie in einer Auflage von 20 000 Exemplaren gedruckt in der Meinung, dass dies für zwei Jahre reichen würde. Nach zehn Tagen war die Bibel ausverkauft. 2023 ist die BigS in vierter überarbeiteter und verbesserter Taschenausgabe erschienen. Seit 2016 ist ihr Volltext online kostenlos zugänglich .
Detlef Dieckmann, einer der Übersetzenden, sagte jüngst in einem Vortrag des Theologisch-pastoralen Bildungsinstituts in Zürich: «Die BigS war an dem Tag überholt, an dem sie erschienen ist,» und meint damit, dass die Arbeit an den biblischen Texten nie aufhört. Unbestritten sei jedoch, dass neue Übersetzungsprojekte nicht an der BigS vorbeikämen: «Es gibt die Zeit vor und die Zeit nach der Bibel in gerechter Sprache.»
Salon Theologie am TBI
Das Theologisch-pastorale Bildungsinstitut TBI ist das Kompetenzzentrum für theologische Bildung Erwachsener und berufsbezogener Weiterbildung kirchlicher Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Deutschschweiz. Am letzten Dienstag oder Mittwoch im Monat veranstaltet das Institut den digitalen «Salon Theologie». Während 90 Minuten bekommen die Teilnehmenden einen spannenden Einblick in ein Fachgebiet. Am 31. März geht es um «Dämonen, Besessenheit und Exorzismen im Neuen Testament und seiner Welt». Michael Hölscher, Professor für Exegese des Neuen Testaments an der Ruhr Universität Bochum, referiert und beantwortet Fragen.