Ballast abwerfen
Astrid Jäggi, Aufräumcoach © zVg

Ballast abwerfen

Aufräum-Coach Astrid Jäggi hilft dabei

Äussere und innere Ordnung hängen zusammen, davon ist Astrid Jäggi überzeugt. Sie hilft Menschen, denen die Unordnung über den Kopf gewachsen ist.


Kommt Ihnen das bekan­nt vor? Das Tele­fon läutet. Fre­unde, die in der Nähe auf einem Son­ntagss­pazier­gang sind, laden sich spon­tan zum Kaf­fee ein. In ein­er hal­ben Stunde wer­den sie ein­tr­e­f­fen. Der Blick schweift durch das Wohnz­im­mer und bleibt an der sauberen Wäsche auf dem Tisch hän­gen, die noch nicht ver­sorgt ist. Auf der Kom­mode liegt Kleinkram – Mah­n­male unerledigter Pro­jek­te: Zeitun­gen, eine von der Fre­undin vergessene Haarspange, ungeöffnete Briefe, eine Socke mit Loch zum Flick­en. Sie sehen über­all Baustellen und Unord­nung, die sie schon lange ange­hen woll­ten, und fühlen sich über­fordert. Wo die Unord­nung zur Belas­tung gewor­den ist, hil­ft Aufräum-Coach Astrid Jäg­gi.

Sie hat selb­st erfahren, was zu viel Bal­last bewirken kann. Die gel­ernte langjährige Pflege­fach­frau erlitt im Jahr 2019 eine psy­chis­che Krise. Neben der Wirk­samkeit gängiger Ther­a­pi­en, hat sie damals gespürt, wie die Tätigkeit des Aufräu­mens sie auf ihrem Heilungsweg unter­stützt hat. «Ich habe beim Aufräu­men Selb­st­wirk­samkeit gespürt und die Kon­trolle über die Dinge um mich herum wieder zurück­bekom­men.»

Aufräumen braucht Zeit

Als es ihr wieder bess­er ging, hat die Mut­ter von zwei erwach­se­nen Kindern im Rah­men des Pro­jek­ts «Weg­be­gleitung» der reformierten und katholis­chen Kirche im Kan­ton Aar­gau eine Frau begleit­et, die in eine Wohn­gruppe umziehen wollte. Während eines hal­ben Jahres hat Astrid Jäg­gi ihr geholfen, ihre Sieben­sachen zu ord­nen, wegzugeben und umzuziehen. Das musste sie langsam und behut­sam ange­hen. Denn es brauche Ver­trauen im Umgang mit per­sön­lichen Din­gen, an denen oft viele Emo­tio­nen hän­gen.

Dieses Pro­jekt hat Astrid Jäg­gi motiviert, eine Aus­bil­dung zum Aufräum-Coach zu machen. Dabei hat sie gel­ernt, das Aufräu­men nach Kat­e­gorien anzuge­hen und mit ein­er ein­fachen Auf­gabe zu begin­nen, wie zum Beispiel ein­er Hausapotheke mit Gegen­stän­den, an denen wenig Emo­tio­nen hän­gen und welche sich in klare Kat­e­gorien unterteilen lassen: abge­laufene Medika­mente, Medika­mente, die noch gut sind, aber nicht mehr gebraucht wer­den, und solche, die gut sind und noch gebraucht wer­den. Astrid Jäg­gi arbeit­et mit Box­en, die sie gemein­sam mit ihren Kundin­nen und Kun­den beschriftet, damit sofort ersichtlich ist, was mit den jew­eili­gen Gegen­stän­den passieren soll. Dies erle­ichtere den Prozess des Aufräu­mens enorm, sagt Astrid Jäg­gi. Was nicht mehr gebraucht wird, soll zeit­nah aus dem Haus geschafft wer­den, und die Medika­mente in der aufgeräumten Hausapotheke über­sichtlich ver­sorgt wer­den. Ein zufriedenes und erle­ichtertes Lächeln auf dem Gesicht des Kun­den zeige den Erfolg des Aufräumpro­jek­ts meist sofort an, erzählt Astrid Jäg­gi.

… und will gelernt sein

Nach eini­gen ein­fachen Aufräu­mak­tio­nen seien die Kundin­nen und Kun­den bere­it für schwierigere Pro­jek­te. Zum Beispiel ein Büchergestell. Aber auch dabei komme es auf ihre Glaubenssätze an, die ganz unter­schiedlich sein kön­nen. Für die einen Men­schen sei ein Buch ein gle­ich­sam heiliges Objekt. Andere hät­ten kein Prob­lem, ihre halbe Bib­lio­thek ins Bücher­broc­ki zu tra­gen, kön­nen sich aber nicht von den Spiel­sachen ihrer Kinder tren­nen. Die zugrun­deliegende ein­fache Frage sei: «Was bedeutet mir dieser Gegen­stand?» Die Antwort darauf sei jedoch kom­plex, geprägt von der Erziehung, von Wertvorstel­lun­gen und Erfahrun­gen. Ein Men­sch mit ein­er Flucht­geschichte oder ältere Men­schen aus ein­er anderen Gen­er­a­tion, welche die Kriegszeit noch erlebt haben, hät­ten höchst­wahrschein­lich ein anderes Ver­hält­nis zum Besitz. Ausser­dem sind Gegen­stände oft mit Erin­nerun­gen ver­bun­den. Diese vie­len Aspek­te kön­nen schw­er wiegen und Dinge zu ein­er Last wer­den lassen.

Ordnung, die passt

Für Astrid Jäg­gi ist klar, Ord­nung ist indi­vidu­ell. Aber wie find­en wir her­aus, welche Ord­nung für uns richtig ist? «Wenn wir in einen Raum kom­men und wir fühlen uns darin wohl, dann stimmt die Ord­nung», sagt der Aufräum-Coach. Inter­es­sant ist, dass das per­sön­liche Ord­nungsempfind­en vari­ieren kann, je nach eigen­em Befind­en geht einem die Unord­nung eher auf die Ner­ven. «Die äussere Ord­nung und das Innen­leben ste­hen in engem Bezug zueinan­der», erk­lärt Astrid Jäg­gi und fügt an: «Ord­nung hat auch mit dem Bild zu tun, das ich nach aussen abgeben möchte». Damit sind wir wieder beim spon­ta­nen Besuch am Son­nta­gnach­mit­tag. Den Stress, den dieser aus­löst, hängt mit diesem Selb­st­bild zusam­men. Es gibt Men­schen, die schä­men sich für ihre Unord­nung. Andere wür­den diese nicht ein­mal als Unord­nung tax­ieren. Astrid Jäg­gi geht es aber nicht um den Vorzeige­sa­lon. Per­fek­tion­is­mus liegt ihrem Ord­nungs­denken fern. Ihr geht es um die innere Frei­heit. «Weniger Bal­last, mehr Leben», ist ihr Slo­gan.

… auch für die Umwelt

Ökol­o­gis­che Aspek­te sind Astrid Jäg­gi wichtig. Mate­r­i­al soll zum einen nicht unüber­legt angeschafft und zum anderen nicht ein­fach entsorgt wer­den. Funk­tion­ierende, saubere Sachen ver­di­enen ein zweites Leben. Für solche Zwecke gibt es Brock­en­häuser, Inter­net­plat­tfor­men, Schwarze Bret­ter, Tauschbörsen. Dafür sei aber ein sorgsamer Umgang mit den Din­gen wichtig, sagt Astrid Jäg­gi. Noch ein Wort zu Keller und Estrich: Das sind die richti­gen Orte für die Dinge, die zu einem späteren Zeit­punkt – real­is­tis­cher­weise – wieder zum Ein­satz kom­men wer­den.

Die Ord­nung, die Astrid Jäg­gi in ihrem Haushalt geschaf­fen hat, beste­ht bis heute. Kein Ding, von dem sie sich getren­nt hat, hat sie bis jet­zt ver­misst. Und falls sich bei ihr spon­tan­er Besuch anmeldet, kann sie sich entspan­nt auf ihre Gäste freuen.

6 Aufräum-Tipps ­​von Astrid Jäg­gi

  • Nur eigene Dinge aufräu­men
  • Sich Zeit lassen beim Aufräu­men
  • Nach Kat­e­gorien aufräu­men
  • Jedes Ding hat seinen fes­ten Platz
  • Gestelle und Schränke nur zu 80 Prozent füllen
  • Ehrlich sein mit sich selb­st was die Ver­wen­dung von Gegen­stän­den ange­ht

Astrid Jäg­gi hil­ft Men­schen, sich von Bal­last zu befreien. Weit­ere Angaben zu ihrem Ange­bot find­en Sie auf www.mindorder.ch.

Ballast abwerfen - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz
Astrid Jäg­gi © zVg
Eva Meienberg
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