Armut kann jeden treffen

Armut kann jeden treffen

Lydia Weiss-Schmid leit­et den Kirch­lichen Regionalen Sozial­dienst Aar­gau-West in Oftrin­gen in Zusam­me­nar­beit mit Car­i­tas Aar­gau. An einem Vor­tragsabend der öku­menis­chen Erwach­se­nen­bil­dung Zofin­gen spricht sie zum The­ma «Armut in unser­er Region – gibt’s das über­haupt?»Lydia Weiss, Sie sprechen an einem Vor­tragsabend der öku­menis­chen Erwach­se­nen­bil­dung Zofin­gen über Armut in unser­er Region. Seit wann befassen Sie sich mit dem The­ma? Lydia Weiss: Schon während mein­er Aus­bil­dung zur Sozialar­bei­t­erin war Armut ein The­ma. Seit April 2012 leite ich den Kirch­lichen Regionalen Sozial­dienst Aar­gau-West in Oftrin­gen in Zusam­me­nar­beit mit Car­i­tas Aar­gau. Car­i­tas Schweiz hat schon vor vier Jahren die Kam­pagne «Armut hal­bieren» lanciert, das bis ins Jahr 2020 die Zahl armuts­be­trof­fen­er Men­schen in der Schweiz hal­bieren will. Um dies zu erre­ichen, muss sich sozialpoli­tisch etwas bewe­gen, muss sich struk­turell etwas ändern.Genügt denn das Sozial­sys­tem in der Schweiz nicht? Unser Sozial­sys­tem ist gut, geht jedoch von einem tra­di­tionellen Fam­i­lien­mod­ell und von dauer­haften Anstel­lun­gen mit exis­ten­zsich­ern­dem Lohn aus. Fam­i­lien­for­men, Geschlechter­rollen und Arbeitswelt haben sich seit dem Entste­hen des Sozial­staats jedoch stark verän­dert, und es gibt immer mehr Men­schen, die ungenü­gend abgesichert sind. Die neuen Risiken sind prekäre Arbeitsver­hält­nisse, Langzeitar­beit­slosigkeit und Schei­dun­gen. Darum sind viele Allein­erziehende von Armut betrof­fen. Es nützt nichts, wenn man nur bei der Einzelper­son anset­zt und meint, er oder sie müsse sich ein­fach mehr anstren­gen. Wenn die Struk­turen nicht stim­men, nützt alles Stram­peln nichts.Der Titel Ihres Vor­trags lautet: «Armut in unser­er Region – gibt’s das über­haupt?» Ja, diese Armut gibt es. Das Bun­de­samt für Sta­tis­tik und der Sozial­bericht des Kan­tons Aar­gau liefern dazu konkrete Zahlen. Schweizweit ist fast jed­er zehnte Ein­wohn­er arm oder stark armutsge­fährdet, davon 260’000 Kinder. Im Aar­gau waren 2012 zwei Prozent der Bevölkerung auf Sozial­hil­fe angewiesen. Allerd­ings stellen sehr viele Men­schen, die Anspruch auf Sozial­hil­fe hät­ten, gar keinen Antrag.Warum ist es nötig, die Men­schen für das The­ma Armut zu sen­si­bil­isieren? Ich erlebe, dass Leute sehr erstaunt reagieren, wenn sie diese hohen Zahlen hören. Die zweite Reak­tion ist dann oft: «Aber bei uns muss doch nie­mand ver­hungern!» Damit ist die so genan­nte absolute Armut ange­sprochen, die das Leben ganz direkt gefährdet. Diese absolute Armut ver­hin­dert unser Sys­tem weitest­ge­hend. Wir sprechen bei den Armuts­be­trof­fe­nen von «rel­a­tiv­er Armut».Arm im Ver­hält­nis zum Umfeld? Ja. Wichtig ist dabei die soziale Teil­habe. Um am gesellschaftlichen Leben teil­haben zu kön­nen, braucht es mehr als Essen und ein Dach über dem Kopf. Men­schen, die zum Beispiel kein Zug­bil­lett ver­mö­gen, kön­nen ihre Fre­unde nicht besuchen und vere­in­samen. Ein Kind kann zum Beispiel den Schwimmkurs nicht besuchen oder kein Instru­ment ler­nen. Armut schränkt ein, macht ein­sam und häu­fig auch krank.Wie schwierig ist es, da einen Ausweg zu find­en? Meis­tens ist es sehr schwierig, wieder aus der Armut her­auszufind­en. Etwas ganz anderes ist beispiel­sweise, wenn ein Stu­dent ein paar Jahre knapp bei Kasse ist und sich mit Gele­gen­heit­sjobs über Wass­er hält. Der hat näm­lich Aus­sicht auf ein gutes Einkom­men, die mageren Jahre wer­den irgend­wann vor­bei sein. Den von Armut Betrof­fe­nen fehlen solche Per­spek­tiv­en. Und find­en sie wieder eine bess­er bezahlte Arbeit, müssen sie – min­destens im Kan­ton Aar­gau – das bezo­gene Sozial­hil­fegeld zurück­zahlen. Das ist prob­lema­tisch, es erschw­ert den Ausstieg aus der Armut.Das «Neue Hand­buch Armut Schweiz» spricht auch von «Armutsge­fährde­ten». Welche Gruppe ist damit gemeint? Das sind Leute, häu­fig Fam­i­lien, bei denen das Geld ger­ade so reicht. Ver­liert ein Fam­i­lien­vater seine Arbeit oder wird krank, reicht das Geld rasch nicht mehr aus, um die Fixkosten zu deck­en. Jede fün­fte Per­son in der Schweiz ist nicht in der Lage, eine unvorherge­se­hene Aus­gabe von 2000 Franken zu bezahlen, zum Beispiel eine uner­wartete Zah­narztrech­nung. Bei Armutsge­fährde­ten mag es «nüüt liide».Was kann man als Pri­vat­per­son tun, um von Armut betrof­fene Men­schen in sein­er Umge­bung zu unter­stützen? Ich kön­nte mir vorstellen, dass es Betrof­fe­nen am ehesten hil­ft, wenn man sich auf eine echte Beziehung mit ihnen ein­lässt. Die Nach­barin und ihre Kinder zwis­chen­durch zum Mit­tagessen einzu­laden, schafft Kon­takt und nützt mehr als ein­fach Geld zu geben. Geld geben allein hin­ter­lässt ein Gefälle, eine Abhängigkeit, ein schlecht­es Gefühl. Im frei­willi­gen Engage­ment hinge­gen liegt ein hohes Poten­zial. Und ich finde es ganz wichtig, sich bewusst zu sein, dass Armut jeden von uns tre­f­fen kön­nte.Marie-Chris­tine Andres 
Redaktion Lichtblick
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