Arbeiten, Wohnen, Zweifeln, Glauben – Teil 3

Arbeiten, Wohnen, Zweifeln, Glauben – Teil 3

 
  • Zwei Men­schen, ein The­ma: Die Hor­i­zonte Som­merserie 2019 bringt Men­schen unter­schiedlich­er Stand­punk­te ins Gespräch.
  • Im drit­ten Teil der Hor­i­zonte-Som­merserie begeg­nen sich Mir­i­ja Weber aus Zug und Philipp Zur­briggen aus Zei­hen.
  • Sie ist aus der katholis­chen Kirche aus­ge­treten, er hat für die Tochter den Wiedere­in­tritt gewagt.
 Wäre es nach der streng katholis­chen Mut­ter gegan­gen, hätte Philipp Zur­briggen oder ein­er sein­er drei Brüder Pfar­rer wer­den sollen. Doch nach­dem Philipp Zur­briggen im Alter von 25 Jahren aus dem Wal­lis wegge­zo­gen war, ver­lor er die Verbindung zur Kirche. «Vor lauter Arbeit», wie er sagt, kon­nte er wed­er in einem Vere­in mit­machen noch Gottes­di­en­ste besuchen. So fand er am neuen Wohnort den Anschluss an die Gemein­schaft nicht. «Wenn ich in die Kirche gehe und nie­man­den kenne, bringt mir das nichts», befand er und trat als junger Erwach­sen­er aus der Kirche aus.

Gemeinschaftsgefühl

Das Gemein­schafts­ge­fühl in der Pfar­rei, welch­es Philipp Zur­briggen ausser­halb des Wal­lis fehlte, hat­te sich bei Mir­i­ja Weber gar nie eingestellt. Sie wuchs zwar eben­falls katholisch geprägt in der Stadt Zug auf, besuchte den Reli­gion­sun­ter­richt, feierte Erstkom­mu­nion und Fir­mung. «Hin­ter­fragt habe ich das als Kind nicht, es gehörte ein­fach dazu», sagt sie. «Aber ich erfuhr dabei nie ein Gemein­schafts­ge­fühl.» Zu dog­ma­tisch sei die religiöse Bil­dung gewe­sen. «Mein Glaube entsprang keinem inneren Bedürf­nis – er wurde mir aner­zo­gen.»

Zweifel und schlechtes Gewissen

Während Philipp Zur­briggen als Sohn ein­er streng katholis­chen Mut­ter und ehe­ma­liger Min­is­trant kurz­er­hand beschloss, auszutreten, machte sich Mir­i­ja Weber diesen Entscheid nicht leicht. «Erste Zweifel kamen mir im Gym­na­si­um. Ich hat­te Reli­gion als Fach abgewählt und deswe­gen sog­ar ein schlecht­es Gewis­sen.» Danach kam eine Phase, in der sie sich nicht son­der­lich mit der katholis­chen Kirche und religiösen Fra­gen beschäftigte. Doch in der Fam­i­lie wurde immer wieder über die Kirche disku­tiert. Ihr Onkel dachte zeitweise laut über einen Aus­tritt nach, ist aber bis heute Mit­glied. Er schätze die kul­turellen Errun­gen­schaften der katholis­chen Kirche. Eben­so sei ihm ein würdi­ges Begräb­nis wichtig. Über­haupt stellt Mir­i­ja Weber fest, dass der Gedanke an den Tod und die eigene Beerdi­gung ältere Men­schen eher in der Kirche hält.

Die Hoffnung verloren

Als sie mit Mitte 30 im Beruf auf einen Kol­le­gen traf, der sehr kirchenkri­tisch war, ergaben sich inten­sive Gespräche über den Sinn der katholis­chen Kirche. Mir­i­ja Weber erin­nert sich: «Angesichts der vie­len Skan­dale der Kirche – ihrer sys­tem­a­tis­chen Miss­bräuche, Ver­harm­lo­sun­gen und Ver­tuschun­gen – und mit Blick auf die his­torische Entwick­lung der katholis­chen Kirche kam mir die Hoff­nung abhan­den, dass sich diese Insti­tu­tion je ändern würde. Den Rest hat mir Bischof Vitus Huon­der gegeben. Seine reak­tionären Ansicht­en und respek­t­losen Äusserun­gen gegenüber Wiederver­heirateten, Frauen, die die Pille nehmen, und Homo­sex­uellen kon­nte ich nicht länger hin­nehmen.»

Nicht gleichgültig sein

Den Aus­tritt emp­fand Mir­i­ja Weber als Erle­ichterung: «Ich war wieder glaub­würdig vor mir sel­ber.» Über all die Wider­sprüche inner­halb der katholis­chen Kirche kann sie nicht hin­wegse­hen: «Im Min­i­mum, finde ich, darf man nicht gle­ichgültig sein.»

Urmenschliches Bedürfnis

Philipp Zur­briggen haderte wegen der Skan­dale nie mit der Insti­tu­tion Kirche: «Die Miss­bräuche stellen für mich kein spez­i­fisch katholis­ches Prob­lem dar, denn Macht­miss­brauch gibt es lei­der über­all.» Mir­i­ja Weber hält dage­gen: «Was ich der Kirche vor­w­erfe, ist, dass sie christliche Werte propagiert, Halt und Gebor­gen­heit ver­spricht, dieses urmen­schliche Bedürf­nis jedoch mis­sachtet und instru­men­tal­isiert – noch dazu mit krim­inellen Energien. Das finde ich erschüt­ternd.»

Reaktionen

Als Mir­i­ja Webers Vater von ihrem Kirchenaus­tritt erfuhr, meinte er fast entschuldigend zu ihr: «Aber gell, ich bleibe trotz­dem…». Philipp Zur­briggens Mut­ter hinge­gen durfte auf keinen Fall vom Aus­tritt ihres Sohnes wis­sen: «Das hätte sie ein Jahr ihres Lebens gekostet», sagt er und schmun­zelt. Seine Frau, die in der ehe­ma­li­gen DDR geboren war, hat­te ohne­hin keinen Bezug zu Kirche und Glauben. Deshalb liessen sie ihre Tochter nicht taufen: «Sie wuchs ohne Reli­gion­sun­ter­richt und ohne Bezug zur Kirche auf.»

«Ich lasse mich taufen!»

Unge­fähr vor anderthalb Jahren äusserte die Elfjährige aber völ­lig uner­wartet den Wun­sch, sich taufen zu lassen. Philipp Zur­briggen erin­nert sich: «Zuerst dacht­en wir, das sei eine vorüberge­hende Laune. Doch sie sagte ganz entsch­ieden, dass sie an Gott glaube und sich taufen lasse.» Philipp Zur­briggen ahnt, dass ein weit­er­er Grund war, dass die Tochter ihrer Gross­mut­ter – sein­er Mut­ter – eine Freude machen wollte.

Volle Unterstützung

Ob der Taufwun­sch wirk­lich rei­flich über­legt sei, fragte der zuständi­ge Diakon Andreas Wieland. Dann organ­isierte er den nöti­gen Unter­richt und bere­it­ete das Mäd­chen auf die Taufe vor. Heute sei der schön­ste Tag ihres Lebens, sagte die Gross­mut­ter, als sich die Enke­lin taufen liess. Da fällte Philipp Zur­briggen – eben­so prag­ma­tisch, wie er vor dreis­sig Jahren aus der Kirche aus­ge­treten war – den Entscheid, wieder Kirchen­mit­glied zu wer­den. «Ich bin wegen mein­er Tochter wieder einge­treten. Weil ich sie voll und ganz unter­stütze, in dem, was sie tut.»

Kulturschock

Sei­ther besucht Philipp Zur­briggen wieder den Gottes­di­enst, wenn die Tochter min­istri­ert. Doch nach dreis­sig Jahren und ausser­halb des Wal­lis wieder in der Kirche dabei zu sein, war für ihn ein Kul­turschock. «Im Wal­lis eine ganz andere Form von Katholizis­mus prak­tiziert wird. Das begin­nt schon beim Kirchenge­bäude: Jede Wal­lis­er Kirche ist schön­er als die in Zei­hen», erzählt er. Doch man müsse berück­sichti­gen, dass im Wal­lis noch eine ganz andere Men­tal­ität herrsche. Die Leute dort hiel­ten viel enger zusam­men, der Kon­takt sei direk­ter, man kenne einan­der eher.

Kirche ist aussen, Glaube innen

Mit dem Glauben habe wed­er sein Aus- noch sein Wiedere­in­tritt etwas zu tun, betont Philipp Zur­briggen. «Kirche und Glauben sind für mich zwei kom­plett ver­schiedene Dinge. Glauben kommt von tief innen. Das beobachte ich auch bei mein­er Tochter. Sie wollte die Taufe aus ihrem Inneren.» Dass sie nicht an den Kanon ein­er bes­timmten Reli­gion glaube, bedeute nicht, dass sie nicht spir­ituell sei, bekräftigt Mir­i­ja Weber. «Ich erfahre Spir­i­tu­al­ität ausser­halb jeglich­er Reli­gion – etwa beim Sport, in der Natur oder in der Lit­er­atur.»

Aufwiegen

In Zei­hen hat Philipp Zur­briggen die Gemein­schaft in der Kirche wieder ent­deckt. «Unser Diakon ist sehr aufgeschlossen. Er reisst die Leute mit und formt eine Gemein­schaft. So stimmt es für mich.» Dass in den einzel­nen Kirchge­mein­den viel Gutes getan wird, bestre­it­et Mir­i­ja Weber nicht: «Gewisse Gemein­den und Akteure sind sehr sozial und sol­i­darisch, das stimmt!» Doch dahin­ter stecke ein Mach­tap­pa­rat, der verän­derungsre­sistent sei. «Das Gute wiegt für mich das Schlechte nicht auf.» Deshalb zweifelt Mir­i­ja Weber auch. An der Integrität und an der Glaub­würdigkeit der katholis­chen Kirche. «Angesichts des Wertekat­a­logs, den die Kirche ver­tritt, finde ich die sys­temim­ma­nente Ungle­ich­be­hand­lung von Frauen, Homo­sex­uellen und allen Ander­s­denk­enden oder ‑füh­len­den empörend.»

Agent des Guten

Mit weltweit 1,3 Mil­liar­den Mit­gliedern trage die Kirche nicht nur eine enorme Ver­ant­wor­tung, find­et Mir­i­ja Weber. Sie kön­nte damit auch ein gewaltiger Agent des Guten sein, meint sie. «Dass die Kirche nicht so funk­tion­iert, macht mich wütend und trau­rig.» Den Gläu­bi­gen in den Pfar­reien wie Philipp Zur­briggen macht sie allerd­ings keine Vor­würfe. «Ich kri­tisiere ins­beson­dere die Kurie und die Bis­chöfe. All jene, die den Schal­ter umle­gen kön­nten und es nicht tun.» 
Marie-Christine Andres Schürch
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