«Als alte Frauen haben wir mit unserem Aktivismus ein Tabu gebrochen»
Pia Hollenstein, Rosmarie Wydler-Wälti und Anne Mahrer bei den Verhandlungen am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. «Filmbild aus Trop chaud-KlimaSeniorinnen vs. Switzerland»
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«Als alte Frauen haben wir mit unserem Aktivismus ein Tabu gebrochen»

Rosmarie Wydler-Wälti ist Co-Präsidentin der KlimaSeniorinnen und denkt auch mit 75 Jahren nicht ans Aufgeben.

Die KlimaSeniorinnen haben den Schweizer Staat verklagt und Recht bekommen. Rosmarie-Wydler Wälti sagt im Interview, woraus sie Kraft schöpft und warum die Reaktionen der bürgerlichen Politiker auf den Sieg der alten Frauen so harsch ausfällt.

Wie geht es Ihnen als 75-jährige Frau?
Ros­marie Wydler-Wälti: Ich per­sön­lich füh­le mich als alte Frau nicht benachteiligt. Als Fem­i­nistin weiss ich, dass Frauen im Alter unsicht­bar wer­den. Aber ich habe nie unter Alter­diskri­m­inierung gelit­ten. Seit die Anhörun­gen am Europäis­chen Gericht­shof begonnen haben und ich dadurch in den Medi­en bekan­nt wurde, nehmen mich die Men­schen wieder wahr. Sie sprechen mich an, lächeln mir zu.

Was ist das Schöne am Alter?
Das Schöne ist, dass wir uns alles leis­ten kön­nen. Wir müssen nie­man­dem gefall­en, nicht Angst haben um unsere Arbeitsstelle. Isabel Allende hat es so for­muliert: «Wir alten Frauen haben nichts zu ver­lieren. Wir müssen nicht mehr beliebt sein, wir müssen nichts mehr tun, um schön zu sein, um aufz­u­fall­en. Wir kön­nen uns alles leis­ten. Nun müssen wir uns nur noch zusam­men­schliessen und die Welt ret­ten.»

Läuft man dann nicht Gefahr, nicht mehr ernst genom­men zu wer­den?
Die bürg­er­lichen Män­ner find­en uns wohl schon lange lächer­lich. Als alte Frauen haben wir mit unserem Aktivis­mus ein Tabu gebrochen. Nor­maler­weise hüten wir Kinder und back­en Kuchen. Zu hören sind nur die alten weis­sen Män­ner, die uns die Welt erk­lären. Seit wir den Schweiz­er Staat verk­lagt haben, kamen wir in allen Medi­en und sind in der ganzen Welt bekan­nt und erhal­ten Anerken­nung. Das ist eine narzis­stis­che Kränkung für viele Män­ner.

«TROP CHAUD – Kli­maSe­nior­in­nen vs. Switzer­land»

Der Dok­film erzählt die Geschichte der klimabe­wegten Senior­in­nen, die vor dem Europäis­chen Gericht­shof für Men­schen­rechte gegen den Schweiz­er Staat wegen unzure­ichen­dem Kli­maschutz klagten. Nach mehreren Abweisun­gen vor Schweiz­er Gericht­en wurde dort ihr Recht auf ein gesun­des Umfeld anerkan­nt. Das Urteil ist darum über die Schweiz­er Gren­zen hin­aus bahn­brechend, weil es den Kli­maschutz als Men­schen­recht etabliert.

Trotz­dem entsch­ied die Schweiz­er Regierung, das Urteil nicht zu befol­gen, was zu Kon­tro­ver­sen über Demokratie und Gewal­tenteilung führte. Der Film ist ein Gericht­skri­mi und rollt den Fall nochmals ver­ständlich von vorne auf. So rück­en ein Jahr nach dem Urteil des EGM die kämpferischen Kli­maSe­nior­in­nen wieder ins Ram­p­en­licht, die weit­er­hin uner­müdlich für wirk­same Kli­ma­mass­nah­men kämpfen, damit auch die Schweiz die Paris­er Kli­maziele erre­ichen kann.

«TROP CHAUD – Kli­maSe­nior­in­nen vs. Switzer­land» Schweiz 2025; Regie: Daniel Hitzig und Ben­jamin Weiss; Beset­zung: Kli­maSe­nior­in­nen

Kinos­tart: 15. Mai

Hier find­en Sie die Spezialvorstel­lun­gen, an denen Kli­maSe­nior­in­nen anwe­send sind.

Welche Reak­tio­nen haben Sie bekom­men?
«Euch hätte man früher auf dem Scheit­er­haufen ver­bran­nt», stand in ein­er E‑Mail an mich. Meine Antwort darauf: Heute kann man uns nicht mehr umbrin­gen, nur noch ignori­eren. Wir wur­den auch als medi­engeile alte Weiber beze­ich­net. Daraus sprechen Neid und Frust.

Sie zeigen sich sol­i­darisch mit Men­schen in anderen Län­dern, die vom Kli­mawan­del betrof­fen sind, und mit Gen­er­a­tio­nen, die noch nicht mal geboren sind, und dann wird Ihnen Ego­is­mus vorge­wor­fen. Was macht das mit Ihnen?
Aus ver­fahren­stech­nis­chen Grün­den mussten wir auss­chliesslich für die Rechte von uns alten, als beson­ders vom Kli­ma betrof­fe­nen Frauen sprechen. Das wurde uns immer wieder als Ego­is­mus aus­gelegt. Nach dem Urteil dür­fen wir uns offen sol­i­darisieren mit allen Men­schen, die von den neg­a­tiv­en Fol­gen des Kli­mawan­dels betrof­fen sind. Wir kämpften und kämpfen nicht für uns alleine, son­dern für unsere Enkelkinder, die wir betreuen, alle Men­schen, den Plan­eten.

Ken­nen Sie das Argu­ment, die Baby­boomer-Gen­er­a­tion sei schuld an der Kli­makrise?
Ja, und es stimmt, dass unsere Gen­er­a­tion viel Schaden verur­sacht hat. Es gab schon damals Stim­men, die vor der Kli­maer­wär­mung warn­ten, aber die bre­ite Öffentlichkeit hat­te dieses Bewusst­sein nicht. Schuld hät­ten wir auf uns geladen, wenn wir es gewusst und nicht danach gehan­delt hät­ten.

Zwei Kli­maSe­nior­in­nen ste­hen am Fuss des Morter­atschgletsch­ers, einem ein­drück­lick­lichen Zeu­gen des Kli­mawan­dels © Film­bild aus «Trop chaud-Kli­mase­nior­in­nen vs. Switzer­land»

Wis­sen heute alle Men­schen, wie es um das Kli­ma ste­ht?
Jedes Schulkind weiss, dass es möglichst auf Flu­greisen verzicht­en und wenig Fleisch essen sollte. Wer das alles den­noch tut, macht sich schon irgend­wie schuldig. Wir müssen nicht per­fekt sein, aber wir müssen immer wieder einen Effort machen.

Wie ging es nach dem Urteil und der neg­a­tiv­en Reak­tion des Par­la­ments und des Bun­desrats weit­er?
Wir haben weit­ergemacht. Wir bleiben so lange dran, bis wir merken, dass der Bund vor­wärts macht mit neuen Geset­zen und neuen Mass­nah­men, damit er die Kli­maziele erre­ichen kann. Bis es unseren Kampf nicht mehr braucht. Ich hoffe, wir erleben das noch. Nach dem Urteil war ich so froh, dass der Kampf nun vor­bei ist, und dann kam die Reak­tion aus der Poli­tik, und der Kampf ging weit­er. Das war ein gross­er Frust.

Was haben Sie damals gedacht?
Weit­er­ma­chen, noch mehr Dri­ve! Solange unsere Poli­tik­er die Schweiz­er Klimapoli­tik loben, während wir auf dem Kli­mawan­del-Leis­tungsin­dex Jahr für Jahr zurück­fall­en, müssen wir Kli­mase­nior­in­nen dran­bleiben. Die Rede vom Schutz unseres Wohl­standes finde ich beson­ders stossend.

Warum?
Wir haben keinen Anspruch auf Wohl­stand auf Kosten ander­er Men­schen. Da melden sich bei mir meine christlichen Werte. Ausser­dem beruht unser Wohl­stand auch auf Aus­beu­tung und sog­ar Sklaven­han­del.

Wie geht es weit­er?
Wir Kli­mase­nior­in­nen gehen an Ver­anstal­tun­gen, geben Inter­views, machen uns weit­er bekan­nt. Wir bekom­men fast täglich Anfra­gen, auch aus anderen Län­dern. Wir sind etwa ein­ge­laden nach Frank­furt von der Europäis­chen Zen­tral­bank. Ver­gan­ge­nes Jahr war ich mit ein­er Kol­le­gin in Athen, ein­ge­laden von griechis­chen Frauen und Green­peace, die sich von uns inspiri­eren lassen woll­ten, von uns! Wir sind neun Frauen im Vor­stand und zwei, drei weit­ere helfen uns. Gemein­sam ver­suchen wir die Ein­ladun­gen wahrzunehmen. Wir kön­nten schon noch etwas Unter­stützung gebrauchen. Mit­glieder haben wir über 3000 Frauen ab 64 Jahren.

Woraus ziehen Sie die Kraft, immer weit­erzu­machen?
Ich füh­le mich als Teil der Bewe­gung. Ich bin nicht allein, wir hal­ten zusam­men. Ausser­dem haben wir sehr viel Arbeit in das Pro­jekt gesteckt. Wir machen weit­er gegen die Arro­ganz der Schweiz­er Poli­tik.

Die Kli­maSe­nior­in­nen an der nationalen Kli­made­mo in Bern am 30. Sep­tem­ber 2023 © Film­bild aus Film­bild aus «Trop chaud-Kli­mase­nior­in­nen vs. Switzer­land»

Hat die Reak­tion auf das Urteil Ihr Ver­hält­nis zur Schweiz verän­dert?

Ich bin nach wie vor stolz, Schweiz­erin zu sein. Aber die Schweiz hat eine Chance ver­passt, Pio­nierin zu sein. Ich wün­schte mir, die Schweiz­er Poli­tik würde ein­mal nicht abwarten, son­dern proak­tiv etwas anpack­en.

Seit Kaiser­augst sind Sie Aktivistin, warum gin­gen Sie nicht in die Poli­tik?
Anfänglich woll­ten wir Fem­i­nistin­nen die Frauen­partei grün­den. Wir waren gegen Grosskonz­erne, gegen Atom­kraftwerke und Atom­waf­fen, gegen die Wehrpflicht und für Sozialein­sätze und gegen Kitas, weil wir die Sorgear­beit mit den Vätern teilen woll­ten. Damals war ich scheu und hätte niemals öffentlich sprechen kön­nen. Als es darum ging, Kan­di­datin­nen für den Nation­al­rat aufzustellen, scheit­erte das Pro­jekt. Von 2007 bis 2019 war ich Mit­glied der Inte­gralen Poli­tik. Mit meinem Kol­le­gen und Umweltak­tivis­ten Mar­tin Vos­sel­er haben wir uns für den Nation­al­rat auf­stellen lassen, wur­den aber nicht gewählt.

Heute sind Sie nicht mehr scheu.
Nein, ich habe durch meine Arbeit als Kindergärt­ner­in und Erwach­se­nen­bild­ner­in gel­ernt vor Men­schen zu sprechen. Wenn ich etwas sage, das mir wichtig ist, dann habe ich kein Lam­p­en­fieber. Neulich am Kirchen­tag in Han­nover habe ich in ein­er vollen Kirche gesprochen, da war ich in mein­er Mis­sion. Ich werde ausser­dem bestärkt durch Men­schen, die auf mich zukom­men und mir sagen, dass sie durch mich Inspi­ra­tion, Hoff­nung und Mut bekom­men.

Welche Rolle spielt Ihr Glaube?
Früher war ich fromm und habe Son­ntagss­chule gegeben. Heute spüre ich das Bedürf­nis, mich für die Kinder einzuset­zen, die nichts dafür kön­nen, dass wir den Plan­eten kaputt machen. Und für meine Näch­sten im glob­alen Süden, die unter den Fol­gen lei­den, die wir verur­sacht haben.

Abstim­mung bei den Kli­maSe­nior­in­nen © Film­bild aus «Trop chaud-Kli­mase­nior­in­nen vs. Switzer­land»

Woraus schöpfen Sie Ihre Kraft?
Es gibt mir Kraft, wenn ich an Ver­anstal­tun­gen bin und dort Zus­pruch bekomme. Ich brauche aber auch den täglichen Spazier­gang in der Natur mit meinem Mann. Stille, schöne Konz­erte, meine Grosskinder, über­haupt meine Fam­i­lie.

Was kön­nen wir als Christin­nen und als Chris­ten vom Kli­mawan­del ler­nen?
Den sorgfälti­gen Umgang mit der Natur als einem Lebe­we­sen. Der Garten Eden ist uns anver­traut und wir soll­ten ihn, anders als es in der Bibel ste­ht, nicht unter­w­er­fen und aus­beuten. Wir müssen Respekt haben vor der Mitwelt und ihr Sorge tra­gen. Auch die Men­schen, die tausende Kilo­me­ter von uns ent­fer­nt leben, sind unsere Näch­sten, und wir dür­fen hier in der tech­nisch hoch entwick­el­ten Welt nicht so leben, dass sie geschädigt wer­den.

Was sagen Sie den Men­schen, welche die Hoff­nung auf eine Verbesserung des Kli­mas aufgegeben haben?
Die kle­in­ste Anstren­gung, um CO2-Ausstoss zu ver­hin­dern, wirkt etwas. Es geben sich viel mehr Men­schen Mühe, als wir meinen. Je mehr wir zeigen, dass wir bere­it sind, uns einzuschränken, umso gröss­er wird der Druck auf die Poli­tik. Da ver­steck­en sich immer noch viele Poli­tik­er hin­ter der Aus­sage: «Solange das Volk nicht bere­it ist, sich einzuschränken, müssen wir nichts tun. Wir kön­nen nicht am Volk vor­bei Mass­nah­men ergreifen.» Mit unserem Ver­hal­ten kön­nen wir Poli­tik­erin­nen und Poli­tik­er davon überzeu­gen, geeignete Mass­nah­men zu tre­f­fen, um die Kli­maziele zu erre­ichen.

Eva Meienberg
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