Katholisch und darum vegan

Katholisch und darum vegan

  • In der Bibel ist der Umgang mit den Tieren von Gewalt geprägt.
  • The­olo­gin Simone Horstmann aber ste­ht für eine The­olo­gie der Tiere.
  • Veg­an sein ist für sie deshalb kein Verzicht, son­dern religiöse Überzeu­gung.

Simone Horstmann, sind Sie Veg­aner­in?
Simone Horstmann:
Ja, wobei ich diesen Begriff nicht mag.

Wieso nicht?
Der Begriff polar­isiert so stark, dass er kaum hil­fre­ich ist – ich spreche meist nur davon, dass ich mich pflan­zlich ernähre.

Seit wann sind Sie Veg­aner­in und warum sind Sie es gewor­den?
Ich habe mit sieben Jahren beschlossen, dass ich kein Fleisch mehr essen wollte. Ich würde gerne sagen, dass das moralis­che Gründe hat­te, aber damals war es mir ein­fach auf ein­er kör­per­lichen, auf ein­er Gefühlsebene zuwider. Im Studi­um kam ich in Kon­takt mit veg­an leben­den Studieren­den. Ich habe mich mit der Milchin­dus­trie auseinan­derge­set­zt und gese­hen, was wir den Tieren antun. Das war für mich der Anstoss, veg­an zu wer­den. Ich wollte das, was ich als Veg­e­tari­erin begonnen hat­te, nun kon­se­quent weit­er­führen.

Veganuary, der vegane Monat

In der Schweiz find­et zum vierten Mal (inter­na­tion­al zum zehn­ten Mal) der Veg­an­uary statt. Der veg­ane Monat wird von der Veg­a­nen Gesellschaft Schweiz durchge­führt. Inter­essierte reg­istri­eren sich kosten­los auf der Seite veganuary.ch und erhal­ten einen täglichen Newslet­ter mit All­t­agstipps, Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen und Rezepten für eine veg­ane Lebensweise. Die Veg­ane Gesellschaft Schweiz hofft, dass sie 2023 weltweit 3 Mil­lio­nen Teil­nehmende seit Beginn der Kam­pagne im Jan­u­ar 2014 erre­icht.

Die veg­ane Bewe­gung nen­nt ökol­o­gis­che und tierethis­che Gründe für eine veg­ane Lebensweise. Gibt es auch religiöse Gründe?
Wir soll­ten diese ver­meintlich säku­laren Gründe auch als religiöse Gründe anerken­nen, sie sind ein­fach zu wichtig. Ein möglich­er Mehrw­ert religiös­er Zugänge kön­nte allerd­ings darin beste­hen, dass Reli­gio­nen nicht neue Gründe, eher neue Wahrnehmungen ermöglichen: Als Christin­nen schauen wir auf die Natur und sehen die Schöp­fung. Die Reli­gion ver­hil­ft zu ein­er anderen Wahrnehmung der Wirk­lichkeit, wirft ein anderes Licht auf sie.

Haben Sie ein Beispiel für diese andere Wahrnehmung?
Viele hal­ten eine veg­ane Ernährung für eine radikale Form des Verzichts. Für mich ist es aber kein Verzicht, son­dern eine andere Wahrnehmungsweise. Auf­grund mein­er religiösen Überzeu­gung nehme ich Tiere anders wahr: Sie sind von ein­er blossen Ressource zu etwas nicht mehr Ess­barem gewor­den.

Diese The­olo­gie scheint mir aber nicht die vorherrschende Tra­di­tion zu sein?
Nein, wir ste­hen in ein­er Tra­di­tion, die Tiere ver­ob­jek­tiviert hat, sie als min­der­w­er­tig, ver­w­ert- und ess­bar wahrn­immt. Dog­ma­tisch gese­hen, wer­den die Tiere sog­ar als ver­nicht­bar ange­se­hen. In der vol­len­de­ten Wirk­lichkeit der klas­sis­chen The­olo­gie fehlen die Tiere. Die Tiere wer­den oft auch als das Andere aufge­fasst. Ger­ade diese Ander­sar­tigkeit von Tieren kann aber auch eine the­ol­o­gis­che Ressource sein.

Inwiefern?
Weil wir so häu­fig die Ander­sar­tigkeit von Tieren erleben, doch nur schw­er ertra­gen: Diese Erfahrun­gen fordern uns her­aus, oft über­fordern sie uns. Wir ver­ste­hen die Tiere nicht, wir müssen mit ihrem Lei­den und Ster­ben klarkom­men. Die einen Men­schen reagieren mit Gewalt auf diese Über­forderung, andere mit anstren­gen­den, klein­teili­gen Annäherungs­be­we­gun­gen. Der Herrschaft­sauf­trag in der Gen­e­sis 1,28 erk­läre ich mir so, dass hier Gewalt emp­fohlen wird, um der Unord­nung dieser anderen Welt Herr zu wer­den.

Warum ste­ht in der Ein­heit­süber­set­zung der Bibel aus dem Jahr 2016 nichts mehr von herrschen?
Die Bibelex­egese hat in den let­zten Jahrzehn­ten dazu tendiert diesen Vers abzuschwächen. Sie argu­men­tiert, die hebräis­chen Begriffe «kabash» und «radah»  seien gar nicht so gewaltvoll. Damit ver­sucht die Exegese, die Tra­di­tion zu vertei­di­gen. Ich möchte die Gewalt in den Tex­ten hinge­gen her­ausstre­ichen, sicht­bar machen, sog­ar nach ihr suchen. Meine the­ol­o­gis­che Strate­gie ist es, die Gewalt in den Tex­ten stark zu machen, um sie im wirk­lichen Leben abzuschwächen.

Simone Horstmann

Die The­olo­gin Simone Horstmann (39) ist wis­senschaftliche Mitar­bei­t­erin am the­ol­o­gis­chen Insti­tut der Tech­nis­chen Uni­ver­sität Dort­mund. Im Bere­ich der The­olo­gie der Tiere hat sie mehrere Buch­pro­jek­te real­isiert. 2021 ist «Was fehlt, wenn uns die Tiere fehlen. Eine the­ol­o­gis­che Spuren­suche» erschienen.

Wie sieht eine The­olo­gie aus, die die Gewalt in der Tra­di­tion anerken­nt?
Ich erk­läre es Ihnen am Beispiel der Wund­male des aufer­stande­nen Chris­tus’. Langezeit hat man mit der Darstel­lung der Wund­male am Aufer­ste­hungsleib von Chris­tus gerun­gen. Die Erk­lärung war dann, dass die Wund­male zeigen sollen, dass die Gewalt, die Chris­tus erlit­ten hat, nicht ein­fach getil­gt wird. Sie wird dadurch geheilt, dass die Wund­male sicht­bar bleiben – aber schmer­z­los. Ich erhoffe mir, dass eine ver­gle­ich­bare Anerken­nung der Gewalt in den Tex­ten dabei hil­ft, das ganz reale Ver­hält­nis zu den Tieren zu heilen.

Was meinen Sie mit dem Mythos der erlösenden Gewalt?
Der Begriff stammt vom amerikanis­chen The­olo­gen Wal­ter Wink. Wink ist überzeugt, dass unsere Gesellschaft geprägt ist von der Vorstel­lung, dass durch die Anwen­dung von Gewalt, Gutes entste­hen kann. So wie bei James Bond, der mit Gewalt die Welt ret­tet. Auf den ersten Blick habe diese Vorstel­lung viel gemein­sam mit Chris­tus am Kreuz, der durch sein Opfer die Welt erlöst, sagt Wal­ter Wink. Dieses Opfer sei aber ein Selb­stopfer. Ger­ade in vie­len säku­laren Kon­tex­ten kann man beobacht­en, dass bei­de Motive ver­mis­cht wer­den: Wir reden dann davon, dass Tiere ihr Leben in Tierver­suchen opfern, dass sie Milch geben oder Fleisch liefern – stets unter­stellen wir ihnen ein frei­williges Opfer. Das ist offen­sichtlich absurd: Tiere opfern sich nicht. Sie stellen auch nicht ihren Kör­p­er in den Dienst der Wis­senschaft. Sie geben keine Milch, son­dern ihnen wird die Milch genom­men. Solchen Deu­tun­gen soll­ten also ger­ade The­ologin­nen und The­olo­gen wider­sprechen.

Es gibt also gute the­ol­o­gis­che Gründe, aufs Fleis­chessen zu verzicht­en.
Die gibt es, aber die haben oft wenig Wirkung. Die Inter­essen der Tiere motivieren die Men­schen zu wenig, um ihr Ver­hal­ten zu ändern. Die Wahrnehmung der Men­schen muss sich ändern. Da bieten lit­er­arische Texte, auch die bib­lis­chen Texte die Möglichkeit, zu ein­er anderen Wahrnehmung der Tiere zu kom­men.

Kön­nte man sog­ar argu­men­tieren, dass aus christlich­er Sicht auf das Fleis­chessen verzichtet wer­den soll.
Wenn Sie aus ein­er christlichen Sicht die Tiere nicht mehr als min­der­w­er­tig, ver­w­ert- und ess­bar anschauen, dann wür­den Sie in der Kon­se­quenz keine tierischen Pro­duk­te mehr essen.

Eva Meienberg
mehr zum Autor
nach
soben