Schmerz, der alles verändert
Weiter, bis zum nächsten Atemzug, aller Schmerzen zum Trotz: Autorin Hannah Einhaus
© Véronique Högger

Schmerz, der alles verändert

Erlischt die Hoffnung auf Heilung, bleibt nur das Leben mit Schmerzen, die nicht zum Aushalten sind. Bis die Religion das Fundament freilegt, auf dem wieder Schritte möglich werden.

Wenn der Schmerz in dein Leben dringt, ist nichts mehr gle­ich. Deine geliebten Mit­men­schen zeigen Mit­ge­fühl, doch mit deinem Schmerz bleib­st du allein. Er macht dich ver­rückt. Er macht dich aggres­siv. Du willst ihn loswer­den, doch er bleibt. Behar­rlich. Medika­mente wirken nicht. Es gibt keine Heilung. Du bist gefan­gen. Der Schmerz wird erst enden mit deinem let­zten Atemzug. Du willst raus aus dieser Haut. Jet­zt. Deine Gedanken begin­nen zu fan­tasieren. Am Fuss­gänger­streifen, wenn ein Last­wa­gen kommt. Am Gleis, wenn ein Zug ein­fährt, auf einem Balkon im acht­en Stock. Stop!

Ein lästiges Kribbeln in den Zehen, wie Ameisen, begleit­ete mich seit zehn Jahren. Daraus wurde im August 2022 ein Krabbeln, Klem­men, Stechen und Kitzeln in den Unter­beinen. Die Ameisen mutierten zu Schlangen, die sei­ther ihr Gewicht um meine Beine schlin­gen. 60 Sekun­den, 60 Minuten, 24  Stun­den, 365 Tage, 365 Nächte. Seit über vier Jahren.

Wer mir gegenüber­ste­ht, sieht, hört und spürt nichts davon. Nur ein etwas unregelmäs­siger Gang gibt Hin­weise.  Am Anfang ver­suchte ich die Schmerzen zu ignori­eren. Ein Pro­jekt mit Herzblut hielt die Schlangen in Schach. Doch mein Gedulds­faden wurde dün­ner und mein Ton schär­fer, wenn im All­t­ag oder beru­flich etwas nicht auf Anhieb nach Wun­sch lief.

Dazu kamen der 7. Okto­ber 2023 und der Gaza­krieg. Bern hat sich sei­ther für mich in eine Stadt des Schmerzes ver­wan­delt. Sei­ther ist das Stadtzen­trum über­sät mit anti­semi­tis­chen Sym­bol­en wie roten Hamas-Dreieck­en und Ver­nich­tungsparolen wie «Abol­ish Zion­ism». Sie sprechen dem jüdis­chen Volk – und damit auch mir – das Recht auf Exis­tenz und Selb­st­bes­tim­mung ab. Jed­er Kle­ber, jede Parole ist für mich ein Stich ins Herz. Sie sagen mir: «Nur als tot­er Jude bist du ein guter Jude.» So ver­mis­chen sich die Schmerzen durch meine Schlangen mit dem Schmerz, dass Unsag­bares wieder sag­bar gewor­den ist. Den Schmerz über den offen sicht­baren Juden­hass in Bern kon­nte ich teilen, was zu neuen Fre­und­schaften führte. Mit den Schlangen blieb ich allein. In jen­em Som­mer begann ich mich nach dem let­zten Atemzug zu sehnen. Gle­ichzeit­ig pro­duzierte ich eine Zeitschrift. Arbeit­ete für ein The­ater. Erfüllte Pflicht­en. Hielt Ter­mine ein. Die Strasse über­querte ich erst, wenn das Auto hielt.

«Dawka. Trotz­dem. Kadi­ma. Vor­wärts. Dawka. Kadi­ma. Trotz­dem. Vor­wärts.» Als ich in jun­gen Jahren in Israel Hebräisch lernte, prägte sich diese Wörter tief in mir ein. Men­schen, die den Holo­caust über­lebt hat­ten, erzählten mir, wie sie trotz allem die Kraft gefun­den hat­ten, weit­erzuleben und dieses Land aufzubauen. Sie schrieben Torarollen für die näch­ste Gen­er­a­tion – die Schrift, die unverän­dert seit über 3000 Jahren das jüdis­che Fun­da­ment der monothe­is­tis­chen Reli­gio­nen bildet. Die Schrift, die in jed­er Gen­er­a­tion neue Wege aufzeigt, im Hier und Jet­zt den All­t­ag zu heili­gen. Dawka. Trotz allem. Kadi­ma. Weit­er. Ohne ständig an den let­zten Atemzug zu denken.

Fra­gen nach Sinn, Schick­sal, Vorse­hung oder Strafe stellte ich nicht. Keine Antwort würde etwas an den Schmerzen ändern. Ich musste einen Weg zur Resilienz find­en, um mit dieser Dauer­be­lagerung durch die Schlangen zu leben.

Die Zeitschrift war gedruckt. Ich gab die Redak­tionsver­ant­wor­tung ab, um die beru­fliche Belas­tung zu reduzieren und dem Schmerz im All­t­ag einen Platz einzuräu­men. Für den men­tal­en Umgang mit dem Schmerz ohne Ende fand ich medi­zinis­che Beratung. In einem Inter­view mit einem 80-jähri­gen Autor über das Älter­w­er­den fiel der Satz: «Ich schreibe, also bin ich.»

Es machte Klick. Auch ich schreibe. Das Wort war der Schlüs­sel zur Schöp­fung: Im Anfang war das Wort. Die Sprache unter­schei­det den Men­schen von anderen Wesen. Solange mir die Kraft der Worte bleibt, und solange ich der Sprache mächtig bin, bin ich stärk­er als der Schmerz. Die Schmerzther­a­pie hat dazu geführt, dass ich den Schlangen einen Platz in meinem All­t­ag zugeste­he. Solange sie in ihrer Ecke bleiben und ich die Macht über die Worte behalte, kann ich mich allmäh­lich mit ihnen arrang­ieren.

Seit diesem Jahr schwimme ich wieder. Mit zusät­zlichen Nadel­stichen im Wass­er, dafür schw­ere­los. Einat­men über dem Wass­er. Ausat­men unter dem Wass­er. Einat­men. Den Wider­stand des Wassers über­winden. Kadi­ma. Zug um Zug. Hier. Jet­zt. Dawka. Zum näch­sten Atemzug. Trotz aller Schmerzen. Kadi­ma. Weit­er.

Han­nah Ein­haus
Die Autorin ist Jour­nal­istin, His­torik­erin und und ­Präsi­dentin des Bern­er Kul­turvere­ins Tayelet70 ​(jüdis­che Kul­tur und Demokratie)

Hannah Einhaus
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