Er nimmt die Bibel ernst
© zVg

Er nimmt die Bibel ernst

Im Inter­view schildert der christkatholis­che Bischof Frank Bangert­er, was ihm sein Amt bedeutet, was typ­isch christkatholisch ist und wie das Miteinan­der mit anderen ­Kon­fes­sio­nen gelingt.

Was bedeutet es für Sie persönlich, Bischof zu sein?

In erster Lin­ie bedeutet das, für die mir anver­traute Kirche, also für meine Glaubens­geschwis­ter, da zu sein. Als ich Bischof wurde, habe ich ihnen ver­sprochen, nah­bar und ansprech­bar zu sein. Daher mache ich mich auch regelmäs­sig auf den Weg in die ver­schiede­nen Gemein­den und feiere mit ihnen Gottes­di­enst.
Eine weit­ere Auf­gabe ist die Kirchen­leitung, die ich gemein­sam mit dem Syn­odal­rat wahrnehme. Das ist auf der struk­turellen Ebene meine Haup­tauf­gabe. Die Zusam­me­nar­beit ist enorm wichtig, weil wir uns als bis­chöflich-syn­odal ver­ste­hen. Ich entschei­de nichts allein und muss mich und meine Posi­tio­nen vor der Syn­ode recht­fer­ti­gen. Es bedeutet aber auch, dass ich nicht alles allein machen muss. Wenn wir beispiel­weise bei der öku­menis­chen Zusam­me­nar­beit gefragt sind, kön­nen das auch andere Geistliche oder auch Laien übernehmen. Das finde ich richtig und wichtig.
Ausser­dem ist es mir wichtig, dass ich als Bischof ein Sym­bol, ein sicht­bares Zeichen der Ein­heit bin. Ich habe laut Ver­fas­sung die Auf­gabe, dafür zu sor­gen, dass wir im katholis­chen Glauben bleiben und als Bis­tum gemein­sam unter­wegs sind.
Eine weit­ere Auf­gabe ist das Hal­ten der Verbindung mit der Utrechter Union. Sie ent­stand 1889 und ist ein inter­na­tionaler Zusam­men­schluss der altkatholis­chen Kirchen. An ihrer Spitze ste­ht der Erzbischof von Utrecht. So wie der Bischof von Rom zugle­ich Papst ist, ist der Bischof von Utrecht der Erzbischof der Utrechter Union. Dank ihr ste­hen wir Altkatholis­chen Kirchen in einem guten und regelmäs­si­gen Aus­tausch. Ein­mal im Jahr tre­f­fen wir uns für eine Woche zur Inter­na­tionalen Bischof­skon­ferenz. Ich bin dort Sekretär, da das der Schweiz­er Bischof tra­di­tioneller­weise seit Beginn der Union immer gewe­sen ist. 

Bald findet in Rheinfelden der internationale Altkatholikenkongress statt. Das Thema lautet: Menschen bewegen – Gemeinschaft stärken. Wie zeigt sich das in Ihrer Arbeit als Bischof?

Das zeigt sich in ganz unter­schiedlichen Bere­ichen.
Ein wichtiges Anliegen ist es, die Gemein­den und Lan­deskirchen zu stärken und ihnen mehr Raum und Energie für Spir­i­tu­al­ität zu geben. Dafür ver­suchen wir, Struk­turen zu vere­in­fachen und Pfar­rämter zu ent­las­ten.
Ein zweit­er Schw­er­punkt ist die akademis­che Bil­dung. Die the­ol­o­gis­che Aus­bil­dung hat bei uns eine lange Tra­di­tion, die dama­lige «Katholis­che Fakultät» der Uni­ver­sität Bern (heute: Christkatholis­ches Insti­tut der The­ol­o­gis­chen Fakultät der Uni­ver­sität Bern) gab es tat­säch­lich schon vor Instal­la­tion unseres Bis­tums! Wir haben derzeit noch zwei Christkatholis­che Pro­fes­suren an der the­ol­o­gis­chen Fakultät. Eine davon wird durch die Pen­sion­ierung ein­er Pro­fes­sorin im näch­sten Jahr frei. Auf­grund der Spar­mass­nah­men des Kan­tons stellt sich die Frage, wie wir diese Pro­fes­sur finanziell erhal­ten kön­nen. Wir set­zen uns sehr dafür ein, und im Moment sieht es gut aus.
Wenn es darum geht, Gemein­schaft zu stärken, müssen wir uns immer wieder vor Augen führen: Als kleine Kirche kön­nen wir nicht alles gle­ichzeit­ig leis­ten, dafür fehlen uns schlicht die per­son­ellen und finanziellen Ressourcen. Ich sage deshalb manch­mal, es gren­zt an ein Wun­der, dass es uns gelingt, all die Struk­turen unseres Bis­tums mit den Lan­deskirchen und den Kirchge­mein­den zu «bespie­len». Wir ste­hen unter densel­ben kan­tonalen Vor­gaben wie grössere Kirchen, müssen Berichte ein­re­ichen und uns recht­fer­ti­gen. Dass wir diese Struk­turen trotz­dem aufrechter­hal­ten kön­nen, macht mich ehrlich gesagt stolz. Das schaf­fen wir nur dank der engagierten und hochmo­tivierten Men­schen in unser­er Kirche.
Deshalb ist es uns wichtig, das Poten­zial unser­er Mit­glieder zu stärken. Es gibt viele Men­schen, die sich engagieren möcht­en, etwa in Gottes­di­en­sten, in der Ökumene oder in anderen Bere­ichen der Kirche. Diese Men­schen müssen wir ermuti­gen und befähi­gen, ihre Charis­men einzubrin­gen.
Ein weit­er­er ganz wichtiger Bere­ich ist die Präven­tion und Bekämp­fung von Miss­brauch. Hier arbeit­en wir seit zwei Jahren inten­siv daran, eine nach­haltige Kul­turverän­derung zu erre­ichen.
Und natür­lich beschäfti­gen uns auch struk­turelle Fra­gen, etwa die laufende Ver­fas­sungsre­vi­sion. Das klingt zunächst wenig geistlich, gehört aber dazu: Wir als Men­schen, und somit als Kirche, brauchen Struk­turen.
Die Spir­i­tu­al­ität bleibt für mich aber das Herzstück. Deshalb bin ich gerne in den Gemein­den und feiere mit ihnen Gottes­di­enst. Mir ist wichtig, dass wir uns als eine Kirche ver­ste­hen und erleben, dass wir gemein­sam unter­wegs sind.

Einige Menschen kennen die Christkatholische Kirche nicht oder kaum. Was würden Sie ihnen als Erstes über Ihre Kirche erzählen?

Wir haben unseren Bischof­s­sitz in Bern im Botschaft­squarti­er und ich sage jew­eils: Wir sind hier die gute Botschaft.
Unser Grun­dauf­trag ist die Verkündi­gung des Evan­geli­ums, und zwar durch unsere Hal­tung, dass wir die Botschaft, die wir von Gott emp­fan­gen haben, ins Heute hinein­le­sen. Ich ori­en­tiere mich dabei an einem Zitat des jüdis­chen Reli­gion­swis­senschaftlers Pin­chas Lapi­de: «Man kann die Bibel wörtlich nehmen oder ernst. Bei­des zusam­men verträgt sich sehr schlecht.» Wir wollen die Bibel ernst nehmen. Deshalb fra­gen wir, in welchem Zusam­men­hang die jew­eili­gen Texte ent­standen sind und was sie uns heute sagen kön­nen. Für uns ist die Bibel das Wort Gottes. Gle­ichzeit­ig ist sie so geschrieben, dass sie zu jed­er Zeit neu gele­sen und ver­standen wer­den kann. Wir sind deshalb offen für den Heili­gen Geist, der uns dabei hil­ft, die Bibel nicht nur mit dem Ver­stand, son­dern auch mit dem Herzen zu lesen und zu erken­nen, was für unsere Zeit wichtig und aktuell ist.
Bei der Schaf­fung des christkatholis­chen Bis­tums war der Ansatz: Wir wollen katholisch bleiben, wie wir es immer gewe­sen sind. Deshalb lehn­ten und lehnen wir die bei­den Pap­st­dog­men von 1870 ab: Die Unfehlbarkeit (Infal­li­bil­ität) und die ober­ste Rechts­ge­walt (Juris­dik­tion­spri­mat) des Pap­stes. Für uns gehören diese bei­den Dog­men nicht zum über­liefer­ten katholis­chen Glaubenss­chatz. Der Papst hat­te und hat für uns immer ein beson­deres Gewicht, eine her­aus­ra­gende Stel­lung und eine zen­trale Rolle bei der Ein­heit der katholis­chen Kirche. Das ist auch für uns unbe­strit­ten.
Die Ökumene ist seit jeher wichtig für die Christkatholis­che Kirche. Am Anfang war das Ver­hält­nis zu Rom selb­stver­ständlich schwierig, aber seit Jahrzehn­ten sind wir als Utrechter Union im inten­siv­en Dia­log mit Rom. Die Utrechter Union war auch zur Ein­set­zung des neuen Pap­stes ein­ge­laden. Das sind schöne Zeichen der Zusam­menge­hörigkeit.

Die Christkatholische Kirche versteht sich als katholisch und zugleich als reformoffen. Wie halten Sie Tradition und Veränderung zusammen?

Für uns ist das kein Wider­spruch. Nehmen wir als Beispiel die Sprache. Manche Men­schen, die heute unsere Gottes­di­en­ste besuchen, ver­ste­hen bes­timmte Gebete teil­weise nicht mehr. Oft wis­sen sie nicht, dass viele dieser Gebete einen bib­lis­chen Hin­ter­grund haben. Sie ken­nen die entsprechen­den Bibel­stellen nicht und kön­nen deshalb auch nicht nachvol­lziehen, warum wir bes­timmte For­mulierun­gen ver­wen­den.
Ich denke, eine wichtige Auf­gabe für uns ist deshalb, unsere Tra­di­tion, die uns über­liefert wurde und die wir sehr schätzen, immer wieder ins heute zu über­set­zen und ver­ständlich zu machen. Refor­mof­fen­heit bedeutet nicht, die Tra­di­tion aufzugeben, son­dern sie immer wieder neu zu ver­ste­hen und dort weit­erzuen­twick­eln, wo es sin­nvoll und notwendig ist.

Wo sehen Sie Ihre Kirche in zwanzig Jahren?

Ich hoffe, dass wir unsere Kirche auf den Weg gebracht haben, sodass wir noch mit Freude unter­wegs sind, unseren Glauben ins Heute hineinzus­prechen. Und ich hoffe, dass wir mit noch mehr Kirchen Gemein­schaften haben. Als Utrechter Union haben wir schon heute mit vier Kirchen volle Kirchenge­mein­schaft: mit der anglikanis­chen Kirche, der Mar-Thoma-Kirche in Südin­di­en – das ist bemerkenswert, weil wir als west­liche katholis­che Kirche damit erst­mals seit der Tren­nung von Ost und West wieder volle Gemein­schaft mit ein­er Ostkirche haben. Wir haben Gemein­schaft mit der Igle­sia Fil­ip­ina Inde­pen­di­ente auf den Philip­pinen und der Schwedis­chen Kirche. Sie ist zwar evan­ge­lisch-lutherisch, hat aber die apos­tolis­che Sukzes­sion und ein katholis­ches Amtsver­ständ­nis bewahrt. Ich hoffe, dass wir diese Kirchenge­mein­schaften in zwanzig Jahren inten­siviert haben und dass es vielle­icht gar nicht mehr nötig ist, dass wir ver­schiedene Kirchen sind.

Gibt es etwas, das die Christkatholische Kirche besser kann als andere Kirchen?

Ob es bess­er ist, darüber lässt sich disku­tieren. Was sie anders macht: Geistliche und Laien entschei­den immer gemein­sam. Selb­st ich als Bischof kann nicht allein entschei­den. Ich finde, das ist unsere grosse Stärke, manch­mal aber auch eine Her­aus­forderung. Ausser­dem ver­hil­ft uns unsere Grösse zu mehr Flex­i­bil­ität und oft auch zu schnelleren Entschei­dun­gen. Die Wege sind bei uns direk­ter.

Wo funktioniert das Miteinander zwischen den Konfessionen in der Schweiz gut und wo würden Sie sich mehr Zusammenarbeit wünschen?

Wir sind gemein­sam mit den bei­den Lan­deskirchen, mit Freikirchen, ortho­dox­en Kirchen und der anglikanis­chen Kirche Teil der Arbeits­ge­mein­schaft der Christlichen Kirchen in der Schweiz (AGCK). Wir haben sehr guten Kon­takt zueinan­der und feiern auch miteinan­der. Trotz­dem gibt es Tren­nun­gen und die sind unschön. Darüber, wie man Dinge ver­ste­hen muss, wie das, was Jesus gesagt hat, und wie die Über­liefer­un­gen inter­pretiert wer­den müssen, gehen manch­mal die Mei­n­un­gen auseinan­der.
Und hier stellen sich für mich Fra­gen: Wir kön­nen gut miteinan­der feiern, aber was bedeutet das? Was kommt danach? Wie geht es weit­er? Diese Fra­gen bleiben offen. Ich finde es wichtig, dass wir im Kon­takt und im Aus­tausch bleiben und auch in der Diskus­sion.

Über welche Themen wird denn mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Konfessionen gesprochen?

Das grösste The­ma ist immer wieder die Frage, wie wir in einem gemein­samen Gottes­di­enst Eucharistie oder Abendmahl feiern. Da weichen wir oft auf eine gemein­same Agape­feier aus. Man seg­net das Brot zusam­men, aber es ist keine Eucharistie.
Bei anderen the­ol­o­gis­chen Unter­schieden wis­sen wir, dass wir ver­schieden sind. Das erken­nen wir an und respek­tieren wir. Umso wichtiger ist es, das gegen­seit­ige Ver­ständ­nis für andere Hal­tun­gen zu fördern und ganz zen­tral: trotz allem im Dia­log zu bleiben.
Anson­sten geht es oft um konkrete Fra­gen aus dem All­t­ag und um ethis­che The­men. Ein aktuelles Beispiel ist die gemein­same Richtlin­ie zum Umgang mit KI, an der wir öku­menisch gear­beit­et haben. Auch Fra­gen über religiöse Sym­bole in Schul­räu­men oder die Dien­st­be­freiung im Mil­itär wer­den miteinan­der besprochen. Bei let­zterem wur­den die Kirchen bei einem The­ma, das sie direkt bet­rifft, zunächst nicht ein­be­zo­gen. Deshalb haben wir gemein­sam einen Brief an den Bun­desrat geschrieben und darauf aufmerk­sam gemacht. Der Bun­desrat hat darauf reagiert und sich dafür entschuldigt. Ger­ade bei solchen The­men kön­nen die Kirchen gemein­sam mehr erre­ichen. Wenn wir mit ein­er gemein­samen Hal­tung auftreten, haben wir natür­lich mehr Gewicht, als wenn jede Kirche für sich spricht.

Welche Bibelstelle begleitet Sie persönlich besonders und warum?

Da gibt es natür­lich mehrere.
Alttes­ta­mentlich ist es das Psalm­wort, das ich als Siegel­spruch führe: «Mit meinem Gott über­springe ich Mauern.» Darin befind­en sich zwei Ele­mente, die mein­er Mei­n­ung nach für den Glauben eine wichtige Rolle spie­len. Ein­er­seits stat­tet Gott mich mit allem aus, was ich brauche, um mutig über ein Hin­der­nis zu sprin­gen. Ander­er­seits aber trägt er mich nicht drüber, es ist jet­zt an mir, den Sprung zu wagen. Deswe­gen mag ich diesen Spruch so sehr.
Im neuen Tes­ta­ment ist es unter anderem der Aufruf: «Liebt einan­der!» Da kön­nte man zunächst sagen: Ein biss­chen viel ver­langt, oder? Aber da geht es mit heuti­gen Worten darum, dass wir uns gegen­seit­ig mit Offen­heit, mit Wohlwollen, Aufmerk­samkeit und Respekt begeg­nen. Es geht nicht um Sex­u­al­ität, son­dern es geht um Ver­ant­wor­tung füreinan­der. Ver­ant­wor­tung ist ein grundle­gen­der Teil unseres Christ­seins, dazu Demut vor dem, was uns begeg­net, und davor, dass uns im Gegenüber Gott erscheint, auch wenn es uns manch­mal nicht passt.

Zur Per­son

Bischof Frank Bangert­er wuchs in Lyss in einem reformierten, lib­eralen und frei­heitlichen Umfeld auf. Der Glaube war für ihn dabei von Anfang an selb­stver­ständlich. Schon als Kind zog es ihn in Kirchen, unab­hängig von der Kon­fes­sion. Durch eine katholis­che Hüte­frau lernte er früh auch die römisch-katholis­che Kirche und ihre Gottes­di­en­ste ken­nen.

Nach dem Wirtschafts­gym­na­si­um in Biel studierte er Betrieb­swirtschaft und arbeit­ete in der Pri­vatwirtschaft, vor allem im Per­son­al­bere­ich. Nach elf Jahren wollte er sich umori­en­tieren und begann eine sozi­ol­o­gis­che Dis­ser­ta­tion. Dabei wurde ihm zunehmend bewusst, dass ihn vor allem Glaubens­fra­gen inter­essierten, und das was über den Men­schen hin­aus­ge­ht. Er entsch­ied sich deshalb stattdessen für ein The­olo­gi­es­tudi­um an der Uni­ver­sität Bern und wech­selte nach dem evan­ge­lis­chen Propädeu­tikum ins Christkatholis­che Departe­ment. Ein prä­gen­des Erleb­nis während eines Prak­tikums in der reformierten Kirche hat­te ihm deut­lich gemacht, dass sein eigen­er Zugang zum Glauben katholisch geprägt ist: Für ihn ist die Kirche ein heiliger Raum.

Aus den ursprünglich geplanten Schw­er­punk­ten Wirtschaft und The­olo­gie wurde schliesslich der Weg ins Pfar­ramt. Nach sein­er Diakon- und Priester­wei­he in Basel war er rund vierzehnein­halb Jahre Pfar­rer in Zürich.

Nach dem Rück­tritt seines Vorgängers wurde er schliesslich von der Syn­ode zum Bischof der Christkatholis­chen Kirche der Schweiz gewählt.

Vorlage (kurz, Beitrag) - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz 20
© zVg
Leonie Wollensack
mehr zum Autor
nach
soben