
© Manuela Matt
Sternenstaub im Zirkuszelt
Im Winterquartier des Zirkus Monti laufen die Proben für das neue Programm – «Poussière d’étoile» – auf Hochtouren. Für jeden magischen Zirkusmoment wird hier hart trainiert. Für Magie sorgt aber auch das Publikum.
In einem Reifen mit knapp zwei Meter Durchmesser zieht die Artistin ihre Kreise in der Manege der Trainingshalle des Zirkus Monti. Arme und Beine werden zu Speichen dieses Roue Cyre, wie der Reif in Zirkuskreisen genannt wird. Immer wenn das Rad dort den Boden berührt, wo die Finger der Artistin sich festhalten, weichen diese gerade so viel aus, dass sie nicht eingeklemmt werden. Das Rad dreht im Takt der Musik, die über die Lautsprecher kommt, immer schneller und schneller, bis Körper und Reifen verschwimmen.
Abrupt endet das Schauspiel, die Musik verstummt. Die Härchen auf meinem Arm legen sich wieder. Die Artistin wendet sich dem Regisseur zu, bespricht sich kurz mit ihm und bringt danach das Roue Cyre wieder in Bewegung.
Seit einem Monat gehören vierzehn Artistinnen und Artisten zur erweiterten Familie des Zirkus Monti. In ordentlich parkierten Wohnwagen haben sie sich für die Zirkussaison eingerichtet. Im August startet das diesjährige Programm «Poussière d’étoile» – Sternenstaub – in Wohlen, wo der Aargauer Zirkus zu Hause ist, um dann bis Ende Jahr zu zehn Gastspielorten in der Schweiz zu reisen.




Das Winterquartier der Zirkusfamilie
Das Wohlener Winterquartier umfasst grosse Lagerhallen, Werkstätten, Parkplätze für die grossen Fahrzeuge und seit gut zehn Jahren eine Trainingshalle, in der die Artistinnen und Artisten unter den gleichen Bedingungen trainieren, die sie später unter dem Zirkuszelt wieder vorfinden werden. Vor dem Eingang einer der Hallen steht ein geräumiger, komplett ausgeräumter Wohnwagen. Eigentlich sei die Idee gewesen, den Wagen so auszubauen, dass ein grösserer Tisch Platz hat, damit die grösser werdende Familie daran Platz habe, sagt Zirkusdirektor Johannes Muntwyler, der mich durch das weitverzweigte Winterquartier führt, nun aber wurde unter seinem Sohn Nicola, der den gesamten Werkstattbetrieb leitet, der 30-jährige Familienwohnwagen komplett renoviert.
In der Trainingshalle hat es neben der Manege eine Bühne, dort besprechen die Artistinnen und Artisten mit der Regie die Gruppenszene – auf Französisch, Englisch, Spanisch. Die Artistinnen und Artisten kommen aus acht verschiedenen Ländern. Einer unter ihnen fällt besonders auf, weil er auf seiner Hand eine leuchtende Kugel mit roten Sternen balanciert. Aber nicht nur deshalb sticht der junge Mann ins Auge. Sein Bein steckt in einem wuchtigen orthopädischen Stiefel, was umso mehr irritiert, weil im Proberaum Menschen auf Händen gehen, einander auf der Schulter stehen, sich überschlagen und durch die Luft springen. Bis zur Premiere sollte das Bein des Protagonisten, der einen schrulligen Wahrsager spielt, wieder heil sein.
Aus dem Gleichgewicht
Die Geschichten rund um den Wahrsager versprechen magische Momente: Mit Hilfe seiner Kugel will der Wahrsager die Zukunft voraussagen. Aber die Prophezeiungen bringen alle Artistinnen und Artisten aus dem Gleichgewicht. Das ist zugegebenermassen schwierig in einem Zirkus. Es geht ums Scheitern und um Misserfolge und um Wunderbares, das entstehen kann, wenn die Hindernisse überwunden werden.
Es gehört zu den Spezialitäten des Zirkus Monti, dass die Regie gemeinsam mit den Artistinnen und Artisten die Szenen zwischen den Nummern entwickelt. Die Absolventinnen und Absolventen der kanadischen École nationale de cirque de Montréal etwa, die beim Zirkus Monti ein Engagement finden, freut das besonders, denn sie werden auch in Choreografie und Schauspiel ausgebildet. Johannes Muntwyler und seine Frau Armelle Fouqueray besuchen jedes Jahr im April die Abschlussprüfungen der renommierten Zirkusschule in Montreal und engagieren dort regelmässig junge Talente.
Eine Familie lebt den Zirkus vor
Auch in den eigenen Reihen der Familie Muntwyler hat es Artistinnen und Artisten. Zirkusdirektor Johannes Muntwylers Teller-Nummer ist unvergessen. Dabei kreisten auf vielen dünnen Stöcken Teller. Atemlos war der Jongleur damit beschäftigt, die Teller durch das Bewegen der Stöcke am Kreisen zu halten. Seit ein paar Jahren überlässt er die Bühne jedoch seinen Söhnen. Im Jubiläumsjahr kehrte er ausnahmsweise für eine Saison gemeinsam mit Tobias und Mario auf die Bühne zurück. Was er sich aber nicht nehmen lässt, ist nach jeder Vorführung die persönliche Verabschiedung des Publikums am Zeltausgang. Da erlebt der Zirkusmacher seinen magischen Moment. «Ich bin immer wieder berührt, wenn die Zuschauerinnen und Zuschauer begeistert den Zirkus verlassen und sich dafür bei mir bedanken. Für mich bringt das Publikum die Magie in den Zirkus.»
Rund 60 Menschen arbeiten während einer Zirkussaison mit. Es sei aufwendiger als früher, alle Stellen zu besetzen, sagt Johannes Muntwyler, aber auch dieses Jahr hätten sie nun das Team komplett. «Es läuft so chaotisch wie jedes Jahr», sagt der 62-Jährige mit der nötigen Gelassenheit und erklärt, dass die jüngere Generation viele Ideen habe, die immer wieder Routinen sprengten. Aber das sei gut so. Er habe sich von seinen Eltern auch nicht zurückbinden lassen.




Mario Muntwyler ist der Zweitgeborene und seit Jahren als Jongleur in der Manege. Treue Zuschauerinnen und Zuschauer konnten ihn und seinen Bruder Tobias im Zirkusrund aufwachsen sehen. Dieses Jahr zeigt er mit seinem Kollegen John Witte eine Ballnummer. Die Keulen habe er für einmal zur Seite gelegt. Mit den kleinen Bällen sei es jedoch schwieriger, einen visuellen Effekt zu erzielen, sagt Mario Muntwyler. Es brauche viel mehr Bewegung des Artisten selbst, damit die Nummer funktioniere.
Die familiäre Atmosphäre unter allen Mitarbeitenden sei der Kern des Zirkus Monti, sagt Mario Muntwyler, der mit seinen zwei Brüdern inmitten des Zirkusbetriebs aufgewachsen ist. Wenn der Zirkusfunken der Familie auf die Mitarbeitenden überspringe, falle es ihnen leichter die harte Arbeit zu machen. Dabei helfe, dass alle – auch die Familie Muntwyler – auf dem Zirkusgelände wohnen. Auch die gemeinsamen Essen und die regelmässigen Teamanlässe tragen zum Zusammenhalt bei.
Vom Traum zur Erfolgsgeschichte
Mario Muntwyler wohnt seit zwei Jahren im Zirkuswagen, der seiner Grossmutter Hildegard Muntwyler gehört hat, die 2019 verstorben ist. Ihr Mann – Guido Muntwyler – war der berühmte Clown Monti und Mit-Gründer des Zirkus. Der Lehrer wollte schon als Kind Clown werden und verwirklichte seinen Traum 1985 mit einem eigenen Zirkus. Der gewagte Entscheid des Ehepaars Muntwyler, Eltern von vier Kindern, sorgte damals bei vielen Wohlener für Kopfschütteln. Mit Leidenschaft verfolgten Guido und Hildegard Muntwyler diesen Traum. Die über 40-jährige Erfolgsgeschichte des preisgekrönten Zirkus Monti dürfte inzwischen alle Zweifel der Kritikerinnen und Kritiker ausgeräumt haben.
Die Vorfreude wächst
Unterdessen sind die Proben in der Trainingshalle fast vorbei. Die meisten Artistinnen und Artisten haben sich in ihre Wohnwagen zurückgezogen. Nun hat es Platz für den russischen Barren. Zwei Artisten tragen einen schmalen elastischen Balken auf ihren Schultern und bringen ihn mit rhythmischen Bewegungen zum Schwingen. In ihrer Mitte nimmt eine dritte Artistin den Schwung auf, überschlägt sich in der Luft und kommt wieder auf dem Barren zu stehen. Da ist sie wieder die Gänsehaut, und die Vorfreude auf den Moment, wenn im Zirkus das Licht auf die Manege fällt, das Orchester zu spielen beginnt und die Artistinnen und Artisten das Publikum zwei Stunden in Atem halten.