Sternenstaub im Zirkuszelt
Proben im Winterquartier des Zirkus Monti zum neuen Programm «Poussière d’étoile» 2026
© Manuela Matt

Sternenstaub im Zirkuszelt

Im Winterquartier des Zirkus Monti laufen die Proben für das neue Programm – «Poussière d’étoile» – auf Hochtouren. Für jeden magischen Zirkusmoment wird hier hart trainiert. Für Magie sorgt aber auch das Publikum.


In einem Reifen mit knapp zwei Meter Durchmess­er zieht die Artistin ihre Kreise in der Manege der Train­ing­shalle des Zirkus Mon­ti. Arme und Beine wer­den zu Spe­ichen dieses Roue Cyre, wie der Reif in Zirkuskreisen genan­nt wird. Immer wenn das Rad dort den Boden berührt, wo die Fin­ger der Artistin sich fes­thal­ten, weichen diese ger­ade so viel aus, dass sie nicht eingek­lemmt wer­den. Das Rad dreht im Takt der Musik, die über die Laut­sprech­er kommt, immer schneller und schneller, bis Kör­p­er und Reifen ver­schwim­men.

Abrupt endet das Schaus­piel, die Musik ver­s­tummt. Die Härchen auf meinem Arm leg­en sich wieder. Die Artistin wen­det sich dem Regis­seur zu, bespricht sich kurz mit ihm und bringt danach das Roue Cyre wieder in Bewe­gung.

Seit einem Monat gehören vierzehn Artistin­nen und Artis­ten zur erweit­erten Fam­i­lie des Zirkus Mon­ti. In ordentlich parkierten Wohn­wa­gen haben sie sich für die Zirkus­sai­son ein­gerichtet. Im August startet das diesjährige Pro­gramm «Pous­sière d’étoile» – Ster­nen­staub – in Wohlen, wo der Aar­gauer Zirkus zu Hause ist, um dann bis Ende Jahr zu zehn Gast­spielorten in der Schweiz zu reisen.

Das Winterquartier der Zirkusfamilie

Das Wohlen­er Win­terquarti­er umfasst grosse Lager­hallen, Werk­stät­ten, Park­plätze für die grossen Fahrzeuge und seit gut zehn Jahren eine Train­ing­shalle, in der die Artistin­nen und Artis­ten unter den gle­ichen Bedin­gun­gen trainieren, die sie später unter dem Zirkuszelt wieder vorfind­en wer­den. Vor dem Ein­gang ein­er der Hallen ste­ht ein geräu­miger, kom­plett aus­geräumter Wohn­wa­gen. Eigentlich sei die Idee gewe­sen, den Wagen so auszubauen, dass ein grösser­er Tisch Platz hat, damit die gröss­er wer­dende Fam­i­lie daran Platz habe, sagt Zirkus­di­rek­tor Johannes Muntwyler, der mich durch das weitverzweigte Win­terquarti­er führt, nun aber wurde unter seinem Sohn Nico­la, der den gesamten Werk­stat­t­be­trieb leit­et, der 30-jährige Fam­i­lien­wohn­wa­gen kom­plett ren­oviert.

In der Train­ing­shalle hat es neben der Manege eine Bühne, dort besprechen die Artistin­nen und Artis­ten mit der Regie die Grup­pen­szene – auf Franzö­sisch, Englisch, Spanisch. Die Artistin­nen und Artis­ten kom­men aus acht ver­schiede­nen Län­dern. Ein­er unter ihnen fällt beson­ders auf, weil er auf sein­er Hand eine leuch­t­ende Kugel mit roten Ster­nen bal­anciert. Aber nicht nur deshalb sticht der junge Mann ins Auge. Sein Bein steckt in einem wuchti­gen orthopädis­chen Stiefel, was umso mehr irri­tiert, weil im Prober­aum Men­schen auf Hän­den gehen, einan­der auf der Schul­ter ste­hen, sich über­schla­gen und durch die Luft sprin­gen. Bis zur Pre­miere sollte das Bein des Pro­tag­o­nis­ten, der einen schrul­li­gen Wahrsager spielt, wieder heil sein.

Aus dem Gleichgewicht

Die Geschicht­en rund um den Wahrsager ver­sprechen magis­che Momente: Mit Hil­fe sein­er Kugel will der Wahrsager die Zukun­ft voraus­sagen. Aber die Prophezeiun­gen brin­gen alle Artistin­nen und Artis­ten aus dem Gle­ichgewicht. Das ist zugegeben­er­massen schwierig in einem Zirkus. Es geht ums Scheit­ern und um Mis­ser­folge und um Wun­der­bares, das entste­hen kann, wenn die Hin­dernisse über­wun­den wer­den.

Es gehört zu den Spezial­itäten des Zirkus Mon­ti, dass die Regie gemein­sam mit den Artistin­nen und Artis­ten die Szenen zwis­chen den Num­mern entwick­elt. Die Absol­ventin­nen und Absol­ven­ten der kanadis­chen École nationale de cirque de Mon­tréal etwa, die beim Zirkus Mon­ti ein Engage­ment find­en, freut das beson­ders, denn sie wer­den auch in Chore­ografie und Schaus­piel aus­ge­bildet. Johannes Muntwyler und seine Frau Armelle Fou­quer­ay besuchen jedes Jahr im April die Abschlussprü­fun­gen der renom­mierten Zirkuss­chule in Mon­tre­al und engagieren dort regelmäs­sig junge Tal­ente.

Eine Familie lebt den Zirkus vor

Auch in den eige­nen Rei­hen der Fam­i­lie Muntwyler hat es Artistin­nen und Artis­ten. Zirkus­di­rek­tor Johannes Muntwylers Teller-Num­mer ist unvergessen. Dabei kreis­ten auf vie­len dün­nen Stöck­en Teller. Atem­los war der Jon­gleur damit beschäftigt, die Teller durch das Bewe­gen der Stöcke am Kreisen zu hal­ten. Seit ein paar Jahren über­lässt er die Bühne jedoch seinen Söh­nen. Im Jubiläum­s­jahr kehrte er aus­nahm­sweise für eine Sai­son gemein­sam mit Tobias und Mario auf die Bühne zurück. Was er sich aber nicht nehmen lässt, ist nach jed­er Vor­führung die per­sön­liche Ver­ab­schiedung des Pub­likums am Zeltaus­gang. Da erlebt der Zirkus­mach­er seinen magis­chen Moment. «Ich bin immer wieder berührt, wenn die Zuschauerin­nen und Zuschauer begeis­tert den Zirkus ver­lassen und sich dafür bei mir bedanken. Für mich bringt das Pub­likum die Magie in den Zirkus.»

Rund 60 Men­schen arbeit­en während ein­er Zirkus­sai­son mit. Es sei aufwendi­ger als früher, alle Stellen zu beset­zen, sagt Johannes Muntwyler, aber auch dieses Jahr hät­ten sie nun das Team kom­plett. «Es läuft so chao­tisch wie jedes Jahr», sagt der 62-Jährige mit der nöti­gen Gelassen­heit und erk­lärt, dass die jün­gere Gen­er­a­tion viele Ideen habe, die immer wieder Rou­ti­nen sprengten. Aber das sei gut so. Er habe sich von seinen Eltern auch nicht zurück­binden lassen.

Mario Muntwyler ist der Zweit­ge­borene und seit Jahren als Jon­gleur in der Manege. Treue Zuschauerin­nen und Zuschauer kon­nten ihn und seinen Brud­er Tobias im Zirkus­rund aufwach­sen sehen. Dieses Jahr zeigt er mit seinem Kol­le­gen John Witte eine Ball­num­mer. Die Keulen habe er für ein­mal zur Seite gelegt. Mit den kleinen Bällen sei es jedoch schwieriger, einen visuellen Effekt zu erzie­len, sagt Mario Muntwyler. Es brauche viel mehr Bewe­gung des Artis­ten selb­st, damit die Num­mer funk­tion­iere.

Die famil­iäre Atmo­sphäre unter allen Mitar­bei­t­en­den sei der Kern des Zirkus Mon­ti, sagt Mario Muntwyler, der mit seinen zwei Brüdern inmit­ten des Zirkus­be­triebs aufgewach­sen ist. Wenn der Zirkus­funken der Fam­i­lie auf die Mitar­bei­t­en­den über­springe, falle es ihnen leichter die harte Arbeit zu machen. Dabei helfe, dass alle – auch die Fam­i­lie Muntwyler – auf dem Zirkus­gelände wohnen. Auch die gemein­samen Essen und die regelmäs­si­gen Tea­man­lässe tra­gen zum Zusam­men­halt bei.

Vom Traum zur Erfolgsgeschichte

Mario Muntwyler wohnt seit zwei Jahren im Zirkuswa­gen, der sein­er Gross­mut­ter Hilde­gard Muntwyler gehört hat, die 2019 ver­stor­ben ist. Ihr Mann – Gui­do Muntwyler – war der berühmte Clown Mon­ti und Mit-­Grün­der des Zirkus. Der Lehrer wollte schon als Kind Clown wer­den und ver­wirk­lichte seinen Traum 1985 mit einem eige­nen Zirkus. Der gewagte Entscheid des Ehep­aars Muntwyler, Eltern von vier Kindern, sorgte damals bei vie­len Wohlen­er für Kopf­schüt­teln. Mit Lei­den­schaft ver­fol­gten Gui­do und Hilde­gard Muntwyler diesen Traum. Die über 40-jährige Erfol­gs­geschichte des preis­gekrön­ten Zirkus Mon­ti dürfte inzwis­chen alle Zweifel der Kri­tik­erin­nen und Kri­tik­er aus­geräumt haben.

Die Vorfreude wächst

Unter­dessen sind die Proben in der Train­ing­shalle fast vor­bei. Die meis­ten Artistin­nen und Artis­ten haben sich in ihre Wohn­wa­gen zurück­ge­zo­gen. Nun hat es Platz für den rus­sis­chen Bar­ren. Zwei Artis­ten tra­gen einen schmalen elastis­chen Balken auf ihren Schul­tern und brin­gen ihn mit rhyth­mis­chen Bewe­gun­gen zum Schwin­gen. In ihrer Mitte nimmt eine dritte Artistin den Schwung auf, über­schlägt sich in der Luft und kommt wieder auf dem Bar­ren zu ste­hen. Da ist sie wieder die Gänse­haut, und die Vor­freude auf den Moment, wenn im Zirkus das Licht auf die Manege fällt, das Orch­ester zu spie­len begin­nt und die Artistin­nen und Artis­ten das Pub­likum zwei Stun­den in Atem hal­ten.

Eva Meienberg
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