
Was Gott und Clowns gemeinsam haben
Kirche und Humor – passt das zusammen? Gisela Matthiae, Theologin und Clownin, findet: ja.
Auf den ersten Blick scheinen Verzicht und Bescheidenheit, die im kirchlichen Leben eine wichtige Rolle spielen, nicht mit Ausgelassenheit und Lachen zusammenzupassen. Es gibt zwar humorvolle Elemente, wie das Osterlachen oder die Fasnacht, aber sie sind auf eine bestimmte Zeit begrenzt. Matthiae ist der Meinung: «Wir tun gut daran, den Humor und das Lachen mit in die Kirche zu nehmen.» Das Lachen gehöre zum Menschsein dazu. Beim Blick in die Bibel findet Matthiae viel Überraschendes, Aufrüttelndes, verrückte Visionen und Erzählungen, die unserer alltäglichen Logik widersprechen. Sie erklärt: «Komik sehe ich hier in dem Sinne, dass wir mit einer Botschaft konfrontiert sind, die schräg zu unserer Realität geht, uns aufrüttelt und zum Handeln bringt.» Hier tun sich Parallelen zur Komik und zur Clownerie auf.
Humor hat für Matthiae ausserdem eine starke gesellschaftspolitische Komponente. Er hilft, widerständig zu sein gegenüber Herrschaftsverhältnissen und Normen, wie zum Beispiel dem Anspruch von Perfektion, dem Gedanken, dass wir immer effizient sein müssen. Hier knüpfen Humor und christliches Menschenbild für sie gleichermassen an. Beide erkennen an, dass wir Menschen dem nicht gerecht werden können. Matthiae fasst zusammen: «Wir sind vollkommen unvollkommen und zugleich unvollkommen vollkommen.» Für Matthiae verbinden Glaube und Humor ausserdem beide Trotz und Trost: «Ich trotze den Umständen und bewahre mir einen Spielraum, Dinge anders zu deuten, anders zu agieren – im Humor und im Glauben.»
Clowns statt Predigt
Die Predigt ist dazu da, die biblischen Texte verständlich zu machen und den Gläubigen Impulse für den Alltag mitzugeben. Matthiae findet: Clownerie kann das auch. Sie ist Körper- und Emotionstheater. Im Gegensatz zur klassischen Predigt kommt sie ohne Worte aus. Clowns bringen durch Töne Erstaunen und Befindlichkeiten zum Ausdruck. Sie drücken also durch Bewegung, Gestik und Mimik aus, was in den biblischen Texten an Emotionen oder Sehnsüchten steckt. Matthiae: «Ein schönes Beispiel ist die Bibelstelle ‹Wer suchet, der findet›. Das ist für eine Clownin super, sie sucht dann wirklich überall: unter den Bänken, im Beichtstuhl, hinter dem Altar. Und vielleicht findet sie dann einen Putzeimer und freut sich. Sie bringt den Alltag mit in den Gottesdienst.» Dadurch können sich die Menschen mit ihr identifizieren.
Staunen und kreativ sein
Für Matthiae ist das Staunen eine elementare Grundhaltung der Clownerie. Clowns gehen staunend durch die Welt, sind sehr neugierig, haben keine Scheu, Dinge auszuprobieren. Oft geht dabei etwas schief, jemand scheitert. Clowns bleiben dann aber weder resigniert vor der Situation stehen, noch kehren sie den «Mist», in dem sie sich befinden, einfach unter den Teppich. Sie versuchen, durch Kreativität ungewöhnliche Lösungen zu finden, geben dem «Mist» eine neue Deutung. «Und das macht der Glaube auch», betont Matthiae.
Clownin Gott
Durch die Clownerie hat Matthiae einen neuen Blick auf die Theologie bekommen und einen eigenen Begriff geprägt, mit dem sie Gott beschreibt: Clownin Gott. Sie erklärt: «In der Bibel gibt es viele Beispiele für Clowneskes oder Komisches. Es werden Rollenbilder und das übliche Denken durchbrochen. Ich wollte eine Metapher kreieren, die das Göttliche verständlich macht, ohne zu einem Bild zu werden, das festfriert, wie der Vater oder der Herr. Wie bei der Figur des Clowns wechseln sich die Bilder, die wir von Gott haben, immer wieder ab und entsprechen unserem Leben immer wieder anders.» Ausserdem sieht sie in Clownin Gott auch die Dreifaltigkeit ausgedrückt. Das ist Gott, voller Schöpfungsenergie, Jesus, der scheitert und scheinbar schwach ist und die Geistkraft, die weht, wo sie will und Dinge durcheinanderrüttelt.
Grenzenloser Humor?
Gibt es für Matthiae Grenzen, die der Humor nicht überschreiten darf? «Ich sage mal mutig nein, um es dann doch wieder einzuschränken.» Matthiae erklärt, sie orientiere sich an Jesus, der immer auf der Seite der Menschen stand, vor allem, auf der der Ausgegrenzten. Er ist den Menschen stets mit Respekt begegnet. Daher dürfe Humor auch niemals auf Kosten von Menschen gehen. Das sei auch die Basis für ihre Arbeit: «Humor braucht den Respekt vor den Menschen. Aber dann gilt es, Grenzen auszuloten, Verhaltensformen in Frage zu stellen, Rollenmuster zu sprengen.»
Ausbildung «Kirchenclownerie»
Wer selbst Kirchenclownerie erlernen möchte, kann an Gisela Matthiaes Fortbildungen teilnehmen. Jährlich werden sie an wechselnden Orten in Deutschland sowie in Kooperation mit Einrichtungen in Österreich und der Schweiz angeboten. Die Fortbildung umfasst etwa 25 Kurstage. Es können aber auch Schnupperwochenenden und Humorseminare besucht werden.
Weitere Infos zu den Kursen und zu Gisela Matthiae gibt es hier.
