Im Zeichen des Labyrinths
32 Jahre nach Planungsstart konnten die ­Labyrinth-Frauen das Steinlabyrinth neben dem Grossmünster am 25. Juni 2023 einweihen. Am rechten Bildrand steht Agnes Barmettler und hinter ihr, ebenfalls mit Hut, ihre Weggefährtin Rosmarie Schmid.
© Eva Meienberg

Im Zeichen des Labyrinths

Agnes Barmettler ​und die Internationale Labyrinthbewegung

Das Labyrinth vor der Basler Leonhardskirche ist mehr als ein Kunstwerk. Es gehört zu einer internationalen Bewegung, die von der Schweizer Künstlerin Agnes Barmettler mitbegründet wurde. Ihre Idee: öffentliche Labyrinthe als Orte der Begegnung und der Besinnung. Heute gibt es davon weit mehr, als die Gründerinnen je geplant hatten.


Die Schöpferin des Labyrinths auf dem Platz vor der Leon­hard­kirche (Bild auf Seite 3) ist die Kün­st­lerin Agnes Barmet­tler. 133 öffentliche Labyrinth­plätze woll­ten sie und die Philosophin und Frauen­recht­lerin Ros­marie Schmid ini­ti­ieren. Das Pio­nier­pro­jekt dazu war das 1991 gestal­tete Garten­labyrinth im Zürcher Zeughaushof. Gemein­sam mit der Nach­barschaft im Zürcher Kreis 4, der geprägt ist von Bars und Bor­dellen, ent­stand ein Gemein­schafts­garten, ein Ort des Aus­tauschs und des Innehal­tens, wo dem zyk­lis­chen Lauf der Jahreszeit­en gedacht und das Wer­den und Verge­hen gefeiert wird – bis heute. Im August dieses Jahres feiert das Garten­labyrinth sein 35-jähriges Beste­hen.

Labyrinth international

Agnes Barmet­tler und Ros­marie Schmid begrün­de­ten mit dem Garten­labyrinth in Zürich auch die Län­der über­greifende Labyrinth-Bewe­gung «Labyrinth inter­na­tion­al», durch die weit mehr als die geplanten 133 Labyrinthe ent­standen sind.

Agnes Barmet­tlers Fasz­i­na­tion für Labyrinthe ist ver­bun­den mit ihrem Besuch der Kathe­drale in Chartres in den 1970er-Jahren. Die Kün­st­lerin set­zte sich damals inten­siv mit Sym­bol­en und Zeichen auseinan­der. Einige Jahre später kam sie durch ihre Amerikareise in Kon­takt mit Ange­höri­gen der Hopi, einem indi­ge­nen Volk der Pueblo-Kul­tur in Ari­zona, und lernte über Jahre des Zusam­men­lebens mit ihnen ihre Lebensweise, ihre Zeichen und Sym­bole ken­nen, unter denen sich auch Labyrinthe find­en.

Reise nach Chartres

Ankom­men bei mir – und bei Gott

Esther Salathé – Fam­i­lienseel­sorg­erin, Clown­in und Rit­u­al­frau – und Sabine Brantschen – Seel­sorg­erin, Märchen­frau und Rit­u­al­be­glei­t­erin – organ­isieren im Früh­ling 2027, vom 30. März bis 3. April, eine Reise nach Chartres.

«Die Kathe­drale und das Labyrinth in Chartres zu sehen, war für uns eine tiefe und lebendi­ge Erfahrung, darum haben wir uns entsch­ieden, dies mit anderen zu teilen», schreiben die Organ­isatorin­nen.

Kosten: Im Dop­pelz­im­mer 900.–, Einzelz­im­merzuschlag: 250.–

Infor­ma­tio­nen und Anmel­dung bis August 2026 unter:  oder s

Sabine Brantschen und Esther Salathé, was geschieht beim ­Bege­hen eines Labyrinths?

Im Labyrinth kön­nen wir uns selb­st begeg­nen. Auf Um-Wegen machen wir uns auf in die Mitte. Das Ankom­men bei mir – bei Gott – wird zu ein­er tiefen Erfahrung.Dabei frage ich mich:

Welche Wege bin ich schon gegan­gen?Wo möchte ich noch hin?Was lasse ich zurück?Was macht mich reich?Jedes Mal ist es neu und anders.

Inwiefern ist das Labyrinth ein religiös­es Sym­bol?

Weg zur Mitte, Weg zu Gott. Weg zum Licht. Weg zu sich selb­st.In Chartres wech­selt der Blick immer wieder auf die wun­der­schö­nen Fen­ster mit religiösen Motiv­en: Maria, die Arche Noah, Adam und Eva.

Im Zeichen des Labyrinths - Lichtblick Römisch-katholisches Pfarrblatt der Nordwestschweiz 1
Chartres: Das Stein­labyrinth im Kathe­dral­bo­den aus dem 13. Jh. hat über 12 m Durchmess­er. Der Weg windet sich über 261,5 m durch 11 konzen­trische Kreise und 34 Kehren zum Zen­trum hin. © wiki­me­dia com­mons

Die Erde als Tauschplatz

Agnes Barmet­tler erkan­nte im Labyrinth ein Sym­bol für den Lauf des Lebens. Es fand Ein­gang in ihre Malerei, in Ausstel­lungsräu­men legt sie Labyrinthe aus ver­schiede­nen Mate­ri­alien, die sie zum Teil auch per­for­ma­tiv beg­ing. 1982 schuf die Kün­st­lerin im Solothurn­er Güns­berg in einem Schul­haus ein bege­hbares Labyrinth. Den Weg zur Mitte legte sie aus mit weis­sen Plat­ten, die als Podeste dien­ten für Gegen­stände, Bilder und Texte. Min­er­alis­che, tierische, pflan­zliche, men­schliche Dinge säumten diesen Weg und durften von den Besucherin­nen und Besuch­ern durch Mit­ge­bracht­es einge­tauscht wer­den. So wurde das Labyrinth zum Sym­bol der Erde als Tausch­platz und regte die Besuchen­den dazu an, über den Wert der Objek­te nachzu­denken und über ihren Tausch zu ver­han­deln. Diese par­tizipa­tive Instal­la­tion mit dem Namen «Juraspur – ein Labyrinth» verän­derte sich stetig mit den Gaben der Besuchen­den. Dazu sagte die Kün­st­lerin: «Die Erde ist eine grosse lebende Per­son, die sel­ber aus unzäh­li­gen leben­den Per­so­n­en gebildet ist. Das Labyrinth ist ein Bild für diesen lebendi­gen Organ­is­mus und für den Weg, dich darin zu bewe­gen. Wie alles Lebendi­ge ist auch die Erde mit all ihren Gliedern in schöpferisch­er Bewe­gung.»

Labyrinth als Weg

Agnes Barmet­tler schuf weit­ere Labyrinthe. Zunehmend lösten sich diese Arbeit­en aus dem Kun­stkon­text und fan­den ihre Ver­ankerung in der Frauen­be­we­gung. Das Labyrinth wurde für Agnes Barmet­tler zu einem «inte­gralen, kom­plex­en Zeichen, in dem die ganze Welt mit ihren Geset­zmäs­sigkeit­en ver­bor­gen zu sein scheint.» Diese Erken­nt­nis erschliesst sich ihr immer wieder neu im Bege­hen des Weges zur Mitte, wo sie nicht das Ziel find­et, son­dern Leere. Der Weg nach aussen ist dabei nicht der Weg zurück, nicht der gle­iche wie der Hin­weg, son­dern ein ander­er unter ein­er neuen Per­spek­tive. Min­destens genau so wichtig wie der Weg selb­st sind für Agnes Barmet­tler die Zwis­chen­räume. Der Weg ist nicht wichtiger als jed­er einzelne sein­er Stand­punk­te, die sie auf dem Weg ein­nimmt. Im Labyrinth begeg­net Agnes Barmet­tler Wegge­fährtin­nen. Aneinan­der vor­beikom­men, sich begeg­nen, sich dem Gegenüber ent­ge­genk­om­mend zu ver­hal­ten sind für Agnes Barmet­tler zen­trale Weg­marken des Labyrinth­weges.

Steinlabyrinth stösst auf Widerstand

Neben dem Garten­labyrinth im Zürcher Zeughaushof planten die Labyrinth-Frauen ein Stein­labyrinth auf dem Zwingli­platz neben dem Gross­mün­ster. Die Stadt bewil­ligte das Pro­jekt, aber die Gross­mün­ster Kirchge­meinde stellte sich quer. Die Kirchge­mein­demit­glieder woll­ten wed­er ein hei­d­nis­ches Zeichen auf dem Platz neben ihrer Kirche, noch sucht­en sie den Kon­takt zu den «Labyrinth­weibern». Das Stein­labyrinth fand seinen Platz vor­erst in der Mitte des Pflanzen­labyrinths. Erst 32 Jahre später wurde das Stein­labyrinth neben dem Gross­mün­ster doch noch real­isiert und im Juni 2023 feier­lich eröffnet.

Eva Meienberg
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