Art Basel in der Kirche
© Leonie Wollensack

Art Basel in der Kirche

Wer an die Art Basel denkt, hat Bilder von Gale­rien, Ausstel­lungsräu­men und Freiluftin­stal­la­tio­nen im Kopf. Doch auch eine Kirche aus unserem Gebi­et wurde zum Ort, an dem Men­schen Kun­st betra­chteten.


Während der Art Basel wuseln rund um die Messe eine Menge Kun­stin­ter­essierte über das Gelände. Aber auch an anderen Orten der Stadt wer­den Pro­jek­te von Kün­st­lerin­nen und Kün­stlern aus­gestellt. Nur ein paar Strassen von der Messe ent­fer­nt, in der Clara­kirche zum Beispiel.

Dieses Jahr arbeit­en die Pfar­rei und die Art Basel bere­its zum drit­ten Mal während der Art Basel zusam­men.

Aber wie genau wird entsch­ieden, welche Werke aus­gestellt wer­den?

Ari­ane Beringer, die in der Pfar­rei für Ver­wal­tung und Kom­mu­nika­tion zuständig ist, erk­lärt uns: «Wir bekom­men zwei bis drei Kün­stler von der Art Basel für eine Ausstel­lung vorgeschla­gen. Dabei kam es auch schon vor, dass wir etwas abgelehnt haben. Die endgültige Entschei­dung trifft dann die Art Basel.» Sie erzählt weit­er, dass bei der Auswahl der Kun­stschaf­fend­en und ihren Werken seit­ens der Art Basel darauf geachtet wird, dass sie the­ma­tisch in die Kirche als Ausstel­lung­sort passen.

Beringer sieht in der Ausstel­lung das Poten­zial für einen bere­ich­ern­den Dia­log zwis­chen dem spir­ituellen Raum «Kirche» und der Kun­st. Die Kün­st­lerin­nen und Kün­stler entwick­eln ihr Kunst­werk im Rah­men der Art Basel speziell für die Clarakirche. Die diesjährige Kün­st­lerin Pélagie Gbagui­di beispiel­weise hat ihre Werke in den Far­ben der Kirche gehal­ten und im Stil an ein Mosaik im Kirchen­raum angepasst.

Während der Ausstel­lungszeit tre­f­fen in der Kirche Men­schen mit ver­schieden­sten Inter­essen aufeinan­der, berichtet Beringer. Solche, die die Kirche regelmäs­sig für Kon­tem­pla­tion auf­suchen, tre­f­fen auf Men­schen, die allein für die Kun­st da sind und nicht immer damit ver­traut sind, wie man sich in einem Kirchen­raum kor­rekt ver­hält. «Das ist nicht immer ein­fach aber es führt – so unsere Hoff­nung – zu ein­er gegen­seit­i­gen Befruch­tung», meint Beringer. Während der Ausstel­lung gibt es eine Betreu­ung durch die Art Basel. Nur dadurch gelinge diese Koop­er­a­tion.

© Leonie Wol­len­sack

Was wurde in der St. Clarakirche aus­gestellt?

Dieses Jahr war das Werk «Frag­men­ta­tion» der Kün­st­lerin Pélagie Gbagui­di in der Clarakirche zu sehen. Es bestand aus sechzehn Mehlsäck­en, die unregelmäs­sig an der Wand aufge­hängt wur­den. Die Kün­st­lerin hat sie bemalt, mit Darstel­lun­gen von Gesichtern, Glied­massen, Bäu­men, Wurzeln und Smart­phones. Kör­p­er und Beine bre­it­en sich über die Säcke aus, ver­schmelzen mit anderen Objek­ten und abstrak­ten For­men. Die Motive ste­hen für grundle­gende men­schliche Bedürfnisse, aber wollen auch auf gesellschaftliche Missstände wie Hunger hin­weisen.

Die Mehlsäcke hat die im Sene­gal geborene und in Brüs­sel lebende Gbagui­di bei ihrer Stamm­bäck­erei in Brüs­sel gesam­melt. Wie eine «Gri­ot», eine Erzäh­lerin und mündliche Ver­mit­t­lerin der west­afrikanis­chen Kul­turen, nutzt sie die Säcke, um die Gegen­wart mit indi­vidu­eller und kollek­tiv­er Erin­nerung zu verbinden. Wo die «Gri­ots» mit Worten erzählen, tut Gbagui­di dies mit den Bildern auf den Säck­en. Mit ihrem Werk arbeit­et sie die trau­ma­tis­chen Fol­gen des Kolo­nial­is­mus und seine bis heute spür­baren Auswirkun­gen auf. Das Pro­jekt beschäftigt sich mit den Brüchen und Span­nun­gen zwis­chen ver­schiede­nen Leben­sre­al­itäten, Glaubensvorstel­lun­gen und Welt­bildern, die unsere heutige Welt prä­gen. Die Sym­bole auf den Säck­en helfen, sie zu entwirren, zu bear­beit­en und zu ver­ste­hen und sollen zur Diskus­sion und zum Han­deln anre­gen.

Mit der «Frag­men­ta­tion» reagiert Gbagui­di auf ein his­torisches Werk, den Apoka­­lypse-Tep­pich aus dem Frankre­ich des 14. Jahrhun­derts. Er stellt die Geschichte der Apoka­lypse aus der Offen­barung des Johannes dar. Mit ihrer Neuin­ter­pre­ta­tion löst die Kün­st­lerin die Erzäh­lung von den bib­lis­chen Ursprün­gen und gibt ihm eine düstere Sichtweise auf die postkolo­niale Welt. Sie möchte mit ihrem Werk überse­hene Geschichte sicht­bar machen.

Leonie Wollensack
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