
© Urs Bucher
Fenster mit Einsicht
Gabi Hangartner hat eine Woche als Inklusin eingeschlossen in einer Zelle verbracht. Dort hat sie gestickt und einiges neu verstanden.
Wie ist es Ihnen ergangen als Inklusin?
Gabi Hangartner: Ich habe die Woche gut überstanden. Es hat mir an nichts gefehlt. Jeden Morgen kam eine Seelsorgerin. Sie brachte mir Brot, das wir gemeinsam segneten und acht Liter Wasser, zum Trinken und mich Waschen. Täglich brachte mir eine Freiwillige eine selbst gekochte, warme Mahlzeit.
Wie haben Sie sich in der Zelle, die Sie während einer Woche nicht verlassen durften, eingerichtet?
Meine Klause hatte zwei Fenster. Ein grosses nach aussen, durch das ich mit den Besuchenden gesprochen habe. Durch das kleine Fenster habe ich in den Chorraum der Kirche St. Mangen gesehen, wo sich jeden Abend eine kleine Runde eingefunden hat für eine Andacht. Im Verlauf der Woche habe ich verstanden, dass das kleine Fenster das eigentlich grosse ist, weil es den Blick auf etwas Grosses freigibt.
Welche Erkenntnisse hatten Sie ausserdem?
Ich habe erfahren, was Seelsorge bedeutet, weil eine Seelsorgerin sich täglich um meine Seele gesorgt hat. Diesen Beruf sehe ich nun in einem anderen Licht.
Ich habe in dieser Woche viel über Wiborada gelesen und nachgedacht. Mich berührt, dass diese Frau ihrem Herzenswunsch gefolgt ist. Mir gefällt, dass ihre Zelle ein Fenster nach aussen hatte, durch das sie Kontakt zu Menschen und ihren Anliegen hatte und eines zur Kirche, um nahe bei Gott zu sein. Das Fenster in meiner Zelle konnte ich öffnen und wieder schliessen, um mich zurückziehen zu können. Das möchte ich in meinen Alltag mitnehmen.
Wie waren für Sie die Begegnungen mit den Besuchenden?
Es kamen einzelne Menschen vorbei, aber auch ganze Schulklassen, die sich mit der heiligen Wiborada befasst haben. Sie interessierten sich sehr für das Leben in der Zelle und wollten zum Beispiel wissen, ob ich gut schlafen könne, wie es ohne PC und Handy sei, ob ich genug zu essen hätte und ob es mir langweilig sei.
Und? War es Ihnen langweilig?
Nie. Ich habe gelesen, gestickt, gezeichnet oder einfach aus dem Fenster geschaut, wenn niemand zu Besuch da war. Die «Ereignislosigkeit» hat Leben in mein Inneres gebracht.

Gabi Hangartner hat in der Wiborada-Zelle eine Stickarbeit auf Leinen gefertigt. Der Stoff, eine alte Tischdecke aus dem Brockenhaus, hat die Masse 175×75 cm. Die Arbeit bleibt unvollendet und repräsentiert so die kurze Zeitspanne in der Zelle. Bild © Gabi Hangartner
Sind Ihnen die Menschen anders begegnet als sonst?
Ja, denn ich war in der Rolle der Vertreterin Wiboradas. In dieser Woche ging es nicht um mich, sondern um die Geschichte der Heiligen, die wir nicht vergessen sollten. Ich habe die Menschen am Fenster nicht beraten. Ich war einfach da und habe zugehört und zur Kenntnis genommen. Ich habe ihnen vorgeschlagen, eine Fürbitte zu schreiben, für die dann in der Andacht am Abend gebetet wurde.
Worum ging es in den Fürbitten?
Viele baten um den Zusammenhalt in der Familie. Das hat mich sehr berührt.
Sie haben schon öfter – auch weit weg – die Abgeschiedenheit gesucht. Haben Sie sie in Wiboradas Klause gefunden?
Ich hatte in der Klause immer wieder Zeit für mich und dabei Ruhe gefunden. Es war schön ohne Computer und Handy zu sein. Als kreativer Mensch brauche ich immer wieder Zeiten der Stille, um wahrnehmen und wertschätzen zu können, was mich umgibt. Das habe ich schon als Kind gemacht. Ich bin auf einen Schemel gestiegen und habe lange aus dem Fenster geschaut. Ich schaue oft und intensiv nach innen und nach aussen.