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Feminismus und Religion
Geht das zusammen? Mit «Girls and Gods» kommt ein Film ins Kino, der dieser Frage nachgeht. Für «Lichtblick» beantworten Carmela Engeler und Susanne Andrea Birke diese Frage.
Inwiefern stärkt Sie Ihr Glaube als Frau?
Carmela Engeler: Mein Glaube hilft mir, weil ich weiss, dass ich nicht alles allein tragen muss. Belastendes kann ich Gott abgeben. Und in der Frohen Botschaft lese ich Geschichten von Jesus, die erzählen, wie er den Frauen begegnet ist. Das stärkt mich als Frau.
Susanne Andrea Birke: Ich möchte vorausschicken, dass ich für mich den Begriff Frau nicht mehr verwende, weil er dermassen befrachtet ist mit Rollenerwartungen und Zuschreibungen. In Begegnungen mit Menschen aus der afrikanischen Diaspora, habe ich die Bezeichnungen «black bodies» und «white bodies» kennengelernt. Angelehnt an diese Begriffe spreche ich von mir als Mensch in einem weiblichen Körper. Schon von klein auf habe ich mich dagegen gewehrt, in eine Box gesteckt zu werden. Wenn du eine Frau bist, dann musst du so und so sein. Aber ich bin nicht so. Ich entspreche diesen Erwartungen nicht.
Dennoch teile ich Erfahrungen, die Menschen mit weiblichen Körpern machen, und bin in dem Sinn mit der Frauenbewegung sehr verbunden, insbesondere auch mit den queerfeministischen Kämpfen.
Mein Glaube bestärkt mich darin, die Person zu sein, die ich bin. In biblischen Geschichten begegne ich Menschen, die ihrem Ruf folgen. Dazu gehören auch kraftvolle Frauengestalten.
Filmtipp: «Girls and Gods»
Gehen Feminismus und Religion zusammen? Nicht für Inna Shevchenko. Die Aktivistin gehört den Femen an, einer radikalfeministischen Bewegung, die gegen Prostitution, Homophobie, den Krieg in Russland und religiösen Fundamentalismus kämpft. Berühmt geworden sind die Femen, weil sie mit entblössten Brüsten demonstrieren und mit schwarzer Farbe Slogans auf ihren Oberkörper schreiben. In «Girls and Gods» jedoch lässt Inna Shevchenko solche Provokation bleiben, setzt stattdessen auf Dialog und rollt die Frage nochmals auf. Dafür trifft sie Frauen verschiedener Religionszugehörigkeit aus zahlreichen Ländern.
Lesen Sie hier den ganzen Filmtipp.

Was bedeutet es für Sie, dass der christliche Gott männlich ist?
SAB: Für mich ist Gott nicht männlich. Diese Zuschreibung ist eine Verkürzung. Ich finde, wir machen Gott klein, wenn wir Gott männlich machen. Diesbezüglich ist die feministische Theologie für mich unglaublich wichtig gewesen, weil sie sehr befreiend war. Die Bibel und die Kirchengeschichte bieten uns andere Ansätze an. Die englische Heilige und Mystikerin, Juliana von Norwich, etwa bezeichnet Christus als Mutter. Es gäbe viele andere Gottesbilder. Aber leider hat sich in der katholischen Kirche die männliche Macht durchgesetzt und wir werden ständig mit einem ausschliesslich männlichen Gottesbild konfrontiert.
CE: Ich werde von den Kindern oft gefragt, wer Gott sei. Für mich ist Gott Liebe. Liebe ist etwas Schönes und vielfältig. An Weihnachten wird Gott Mensch, und Jesus – ein Junge – kommt auf die Welt. Aber mir geht es nicht darum, dass er ein Junge ist, sondern um das, was er gemacht hat. Er hat die Liebe, die Gott ist, verbildlicht. Im Unterricht mit den Schülerinnen und Schülern konzentriere ich mich auf die Erzählungen der Begegnungen von Jesus mit den Menschen. Darauf, was er über sie und Gott erzählt hat. Von ihm hat Jesus gesagt: «Wenn man mich sieht, sieht man Gott,» Für mich bedeutet das, dass man in Jesus die Liebe Gottes sieht.
Carmela Engeler
Carmela Engler ist Religionspädagogin in der Pfarrei St. Peter und Paul in Oberwil BL und begleitet da den katholischen Frauenverein. Ihr Mann leitet als Diakon die Gemeinde. Das Paar hat zwei erwachsene Kinder.

Wie gehen Sie mit Texten in der Bibel um, die wir heute als frauenfeindlich lesen?
CE: Ich arbeite nicht mit Texten, die frauenfeindlich sind. In meiner Arbeit als Religionspädagogin mit Kindern und Jugendlichen, die ich auf die Sakramente vorbereite, verwende ich Texte, die stärken. Mit dem Glauben darf man niemandem Angst machen, das sage ich auch den Schülerinnen und Schülern immer wieder. Der Glaube soll die Menschen weiterbringen.
In einem seiner Briefe schreibt Paulus, dass die Frauen in der Gemeinde schweigen sollen. Was macht das mit Ihnen?
CE: Ich bin nicht fundamentalistisch unterwegs. Ich lese die Bibel nicht wörtlich. Ich versuche, in der Bibel die Botschaften der Liebe zu finden. Ich habe oft nicht geschwiegen, gerade wenn es um das Wohl der Frauen in meiner Pfarrei ging, weil ich keine Angst hatte zu reden. Und ich bin froh, denn jetzt geht es diesen Frauen gut. Mit so einem Satz stellt man die Bibel komplett in Frage. Aber so gehe ich nicht durch die Welt.
SAB: Ich kann verstehen, dass Menschen mit der Bibel Mühe haben. Als ich dreizehn Jahre alt war, habe ich sie während eines Jahres von vorne bis hinten gelesen. Meine Reaktion damals war: «Also mit diesem Gott, nein danke, mit diesem Gott will ich nichts zu tun haben.» Ich war so erschrocken über viele Texte in der Bibel, dass ich mich abgewendet habe.
Über die Jugendarbeit habe ich wieder zurückgefunden. fast Ein fast mystisches Erlebnis in meiner Pubertät brachte mich Gott wieder nahe. Damals war ich in einer Krise und fühlte mich ganz allein und konnte mit niemandem reden. Plötzlich spürte ich eine Kraft und fühlte mich getragen. Da wusste ich: «Es ist okay, ich bin angenommen, ich habe meinen Platz. Ich muss keine Angst haben.» Von da an war mir klar, dass ich nicht atheistisch sein kann. Ich habe eine Verbindung, ich kann versuchen sie zu leugnen, aber sie ist da.
Über die Jugendarbeit bin ich zum Theologiestudium gekommen, das mir einen neuen Zugang zur Bibel eröffnet hat. Wie Carmela lege ich nicht jeden Satz auf die Goldwaage. Es gibt viele Aussagen, an die ich mich nicht halten würde, oder solche, die mir als queere Person um die Ohren gehauen werden. Wenn es in Levitikus heisst, dass es ein Greuel ist, wenn ein Mann bei einem Mann wie bei einer Frau liegt. Oft halten mir Leute diese Sätze vor, die sich selbst auch nicht an alles halten. Sie tragen Kleider aus gemischten Textilien und essen Meeresfrüchte. Auch das wird als Greuel bezeichnet. Wo ich einfach finde: «Nein, das kann nicht der Massstab sein.» Der Massstab ist die Grundhaltung und das ist die Liebe. Das gilt auch für Sätze aus den Paulusbriefen.
Eine neue Perspektive hat mir auch eröffnet, dass die Bibel sich selbst kommentiert. Es gibt zum Teil unterschiedliche Versionen von Ereignissen, etwa von der Kreuzigung Jesu. Die haben wir viermal, und die Evangelien sind hier nicht gleich. Jesus selbst sagt oft: «Ich aber sage euch» und dann gibt er uns seine Auslegung. Mir gefällt am Katholischsein, dass wir zwei Standbeine haben: Die Bibel – das geschriebene Wort – und die Tradition. Tradition ist für mich gelebtes Leben und das ist nicht abgeschlossen. Beides ist gleich wichtig. Auch wenn ich darüber diskutieren würde, welche Traditionen ich lebensdienlich finde und welche eher hinderlich.
Susanne Andrea Birke
Susanne Andrea Birke arbeitet aktuell bei der Projektstelle SiTa – Seelsorge im Tabubereich, die von den Landeskirchen beider Basel getragen wird. Ausserdem arbeitet die Theologin in der Seelsorge für Asylsuchende.

Wie gehen Sie mit der Ungleichstellung der Frau in der Institution um?
SAB: Tradition ist für mich ein Konstrukt. Es ist ähnlich wie bei der Entstehung der Bibel, da wurde entschieden, welche Texte dazu gehören und welche nicht. Auch bezüglich der Tradition wurden diese Entscheide gefällt. Aber wenn wir in die Kirchengeschichte schauen, ist das ein Ringen von Beginn an: Wie soll die Kirche sein? Was gehört dazu? Der Zölibat etwa ist erst um 1200 verbindlich eingeführt worden. Ausserdem finden wir in der Kirchengeschichte Äbtissinnen, die Beichte gehört haben, die Doppelklöster, also Männer- und Frauenklöster leiteten, wie Brigida von Kildare. Damals war viel mehr möglich, als wir denken. In der Kirchengeschichte gibt es noch viele ähnliche Schätze zu heben. Leider hat es in unserer Tradition eine Engführung gegeben, weil sich männliche Macht durchgesetzt hat. Unsere Tradition ist da in eine falsche Richtung gegangen, das müssen wir korrigieren.
CE: Wir müssen im Gespräch bleiben und Frauen ermutigen, Theologie zu studieren, weil nur das uns noch freier und dialogfähiger macht. Nur wissend können wir Frauen mitreden. Wissen macht frei und stark. Wenn mir junge Frauen sagen, für sie mache es keinen Sinn, Theologie zu studieren, weil sie nicht Priesterin, Bischöfin oder Päpstin werden können, bestärke ich sie, es dennoch zu tun. Wir Frauen müssen dranbleiben. In den Liturgien, die wir in unserer Pfarrei feiern, ermutige ich immer so viele Menschen wie möglich, teilzunehmen und mit ihrer Stimme zu sprechen. Es ist wichtig, dass wir im Gottesdienst viele Stimmen hören, nicht nur eine.
SAB: Ich möchte, dass alle Menschen von allen Geschlechtern vollumfänglich ihren Platz in der Kirche einnehmen können. Als ich studierte, hätte ich es nicht für möglich gehalten, dass es irgendwann in Rom kirchliche Versammlungen geben würde, wo neben den Bischöfen oder Kardinälen auch Frauen mitentscheiden.
Ich wünsche mir, dass in der katholischen Kirche wirklich für alle Platz ist und die Mitgestaltung nicht davon abhängt, in welcher Pfarrei ich bin oder ob ich Vorgesetzte habe, die mir den Rücken stärken. Denn es gibt auch an der Basis Menschen, die die Kirche hierarchisch streng sehen wollen und am Klerus festhalten.
Finden Sie es legitim, Frauenrechte in der Kirche durchzusetzen, ohne die Erlaubnis der Kirchenleitung?
CE: Solches Verhalten bringt Spaltungen, das finde ich nicht gut. Spaltungen haben wir genug. Ich bin dafür, dass wir uns den Mund nicht verbieten lassen. Nur so bekommen wir Änderungen, nach denen wir uns sehnen.
SAB: Ich arbeite im «Globalen Netzwerk der Regenbogenkatholik:innen». Da gibt es einen Rat, der von einer trans Frau geleitet wird, die zur Priesterin geweiht wurde. Ich kann verstehen, dass jemand diesen Weg geht. Ich würde mich nicht weihen lassen, aber in der Junia-Initiative engagiere ich mich auch für Ordination zum sakralen Dienst für Frauen. Persönlich hätte ich lieber die Abschaffung der Zwei-Stände-Kirche. Aber solange es die Weihe gibt, muss sie für alle möglich sein. Der radikale Weg bringt auch Verluste, denn diese Frauen werden exkommuniziert. Dazu muss frau bereit sein. Die grosse Stärke der Frauenbewegung und auch der queeren Bewegung ist die Spannbreite von Menschen, die innerhalb aber auch ausserhalb der Institutionen ihre Rechte eingefordert haben. Alle Stimmen zusammen haben etwas bewirkt. Zur Veränderung braucht es beide. Oft ist eben auch Druck dazu nötig.
«Mein Körper – meine Entscheidung» – wie beurteilen Sie diese feministische Forderung als Katholikin?
CE: Ich möchte auch hier im Dialog bleiben. Ich würde nie eine Frau verurteilen, wenn sie abtreibt. Diese Entscheidung will ich ihr überlassen, ganz grundsätzlich. Gleichzeitig möchte ich mehr mit den jungen Frauen darüber sprechen können, was diese Haltung bedeutet. Was es auslösen kann, wenn sie abtreiben. Immer wieder bekomme ich mit, dass 14-Jährige das Gefühl haben, sie müssten schon viele sexuelle Erfahrungen sammeln.
SAB: Frauen, die abtreiben, fällen ihren Entscheid nicht leichtfertig, sie ringen mit sich und gehen einen langen Weg. Abtreibung als Auftragsmord zu bezeichnen, wie das Papst Franziskus gemacht hat, finde ich grausam für diese Frauen.
In diesem Zusammenhang will ich erwähnen, dass das Lehramt nach wie vor Verhütung verbietet. Das finde ich unsäglich. Wenn Frauen der Lehre folgen, kann sie das in Situationen bringen, die unzumutbar sind. Auch deshalb finde ich, können wir als Kirche Frauen, die abtreiben, nicht einfach verurteilen. Da müssen wir echt einen Weg machen und uns komplett verändern, was die Lehre zu Verhütung angeht.
Es gibt den feministischen Ansatz, der von der weiblichen Freiheit spricht. Es geht dabei darum, den eigenen Ruf zu erkennen und ihm zu folgen. Was soll ich in die Welt bringen? Für mich ist das der göttliche Funke, der in uns ist und unser Gespür, das uns sagt, wohin wir gerufen sind. Dem sollten wir Freiheit zur Entfaltung geben und nicht versuchen, es mit Verboten und Zwängen aufgrund des Geschlechts zu regulieren. Es ist wichtig, diese Freiheit leben zu können und nicht gefangen zu sein in einem Leben, nur weil ich einen bestimmten Körper habe, dem aufgrund der Geschlechtsmerkmale gewisse Fähigkeiten und Aufgaben zugeschrieben oder abgesprochen werden.