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Wenn Gehörtes gefährlich wird
Bei der Flüsterpost ist es lustig, bei Gerüchten manchmal nervig und bei Verschwörungstheorien kann es tödlich enden: Wenn das Gehörte und die Wirklichkeit nicht übereinstimmen. Werfen wir einen Blick auf einige christliche Verschwörungserzählungen.
Ein Gerücht, ein Mythos, eine Verschwörungserzählung beginnt, weil jemand etwas erzählt, aber auch immer, weil jemand hört. Hören ist eine Einladung zur Interpretation: Menschen füllen Lücken, ergänzen Fakten, schaffen Bedeutungen. Wo Inhalte gehört und weitergegeben werden, entstehen Zwischenräume für Spekulationen und Konstruktionen.
Genau in diesen Räumen entstehen Gerüchte und Verschwörungsnarrative, seit Jahrhunderten, auch im Christentum.
Die Christen zündeten Rom an
Am Anfang ihrer Geschichte wird den Christinnen und Christen Ungeheuerliches angehängt: Sie sollen Rom angezündet haben.
Im Jahr 64 nach Christus brennen viele Quartiere der Stadt, die Zerstörung ist gross. Der damalige Kaiser Nero lenkt das Misstrauen der Bevölkerung auf eine damals neue, kleine Religion: das Christentum. Die Christinnen und Christen werden der Brandstiftung beschuldigt, es kommt zu Verhaftungen und brutalen Hinrichtungen. Viele erleiden eine damals wohl übliche Todesstrafe für Brandstifter: Sie werden als menschliche Fackeln benutzt, um im Dunkeln die Strassen zu beleuchten.
Im Clemensbrief, einer frühen christlichen Quelle, wird darauf hingewiesen, dass auch Petrus und Paulus während dieser Hinrichtungswelle getötet wurden. Aber auch nichtchristliche Quellen bezeugen das Vorgehen gegen Christinnen und Christen. Sueton, ein römischer Schriftsteller und Verwaltungsbeamter, der dies als eine gute Sache ansieht, schreibt: «Mit Todesurteilen ging man gegen Christen vor, eine Menschengattung, die sich einem neuen und ruchlosen Aberglauben hingegeben hatte.»
Man geht heute davon aus, dass Nero die Brandstiftung selbst veranlasst hat, da er ein Interesse daran hatte, die alten, übelriechenden Stadteile zu zerstören. Er schaffte es aber, die Schuld den Christinnen und Christen zuzuschieben, weil sie im Volk nicht beliebt waren.
Die Tempelritter waren Götzenanbeter
Im Jahr 1120 gründen neun Ritter aus Frankreich in Jerusalem eine Gemeinschaft, mit der Absicht, Pilgerinnen und Pilger auf dem Weg zu den heiligen Stätten vor Räubern zu schützen. Der damalige König von Jerusalem, Balduin II., schenkt ihnen einen Teil seines Palastes in Jerusalem, der auf den Fundamenten des Salomonischen Tempels steht. So bekommt die Gemeinschaft ihren Namen: die Tempelritter oder Templer.
Nicht einmal 200 Jahre später, am Morgen des 13. Oktober 1307, holen königliche Verfolgungstrupps die Tempelritter aus ihren Betten und führen sie in Ketten in Foltergefängnisse ab, einige werden später hingerichtet, viele bleiben jahrelang im Gefängnis. 1312 suspendiert Papst Clemens II. den Orden.
Wie wurden die Templer in der Wahrnehmung von frommen Rittern zu Abtrünnigen?
Den Befehl zur Verhaftung und Folter hatte der französische König Philipp IV. gegeben. Die Anschuldigungen: Die Templer gingen gotteslästerlichen Handlungen nach, beteten Götzen an, hätten Kontakte zu Geheimbünden und vollzögen homosexuelle Praktiken. Die Ritter werden auf brutale Weise gefoltert, viele gestehen dadurch alles, was man ihnen vorwirft. König Philipp und die Kirche arbeiten dabei zusammen, eine Bischofssynode verurteilt in Paris 54 Tempelritter zum Tod auf dem Scheiterhaufen. Zwei Jahre später: Der Grossmeister der Templer, Jacques de Molay, hat alle Folterorgien überlebt. Am 18. März 1314 fällt auch gegen ihn der Schuldspruch, öffentlichkeitswirksam vor dem Portal von Notre Dame.
Heute weiss man: Das Ganze war ein Kalkül des damaligen Königs Philipp IV. Er hatte sich für seine Kriege hoch verschuldet. Erhöhung der Steuern, Abwertung der Währung, Konfiszierung des Besitzes der französischen Juden: All das reichte nicht. Und so nahm er das Vermögen des Templerordens ins Visier. Die Verfolgung der Templer und die Auflösung des Ordens waren ein Coup, um an den Templerschatz zu kommen. Und Philipp hatte Erfolg. Zwar wurde der Besitz der Templer vom Papst an den Johanniterorden überschrieben, doch Philipp stellte eine extrem hohe Rechnung für den Unterhalt der Gefängnisse für die Tempelritter, und so landete am Ende fast das ganze Eigentum des Ordens in seiner Tasche.
Doch ganz zu Ende ist die Verschwörungserzählung hier noch nicht. Nur fünf Wochen nach der Hinrichtung von Jacques de Molay stirbt Papst Clemens. Einige Monate später fällt König Philipp bei der Jagd vom Pferd und stirbt ebenfalls. Es entsteht das Gerücht, dass Jacques de Molay kurz vor seinem Tod seine Peiniger verflucht hat.
Frauen waren Hexen und verkehrten mit dem Teufel
Wenn Menschen Katastrophen erleben, die sie sich nicht erklären können, neigen sie dazu, einen Sündenbock zu suchen. Das gibt es zwar auch heute noch, früher war dieses Phänomen aber noch verbreiteter, da vieles, was wir heute mit naturwissenschaftlichen Methoden erklären können, die Menschen vor grosse Rätsel stellte.
Meistens siedeln wir die Hexenverfolgungen im als dunkel bezeichneten Mittelalter an, ihren Höhepunkt hatten sie aber in der frühen Neuzeit. Vor allem Frauen wird in dieser Zeit von den kirchlichen Vertretern aber auch von den weltlichen Behörden vorgeworfen, einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und sogar sexuellen Verkehr mit ihm zu haben. Sie würden Schadenszauber gegen ihre Mitmenschen anwenden, andere Menschen verhexen und auf Besen durch die Nacht fliegen. Mit seinem Werk «Hexenhammer» fasst der Dominikanermönch Heinrich Kramer den Hexenwahn in einem pseudowissenschaftlichen Werk zusammen. Seine Vorstellungen – geprägt von Angst, Vorurteilen und Frauenhass – bestimmen daraufhin über Jahrhunderte Gerichte und Rechtsprechung.
Diese Anschuldigungen kosten zwischen 1450 und 1750 in Europa 40 000 bis 60 000 Menschen das Leben, etwa 80% davon sind Frauen. In der Schweiz sind es 6000; in Glarus wird im Jahr 1782 Anna Göldi als letzte Frau in Europa als Hexe hingerichtet. Gerade Rebellinnen oder Aussenseiterinnen, Frauen, die nicht ins System passten, und alleinstehende Frauen wurden als Hexen verraten.
Als Hexe verurteilt werden können die Frauen aber nur nach einem Geständnis. Und das wird ihnen mit aller Brutalität abgezwungen: Beine brechen, Fingernägel ausreissen, Wasserfolter sind einige der grausamen Methoden.
Die Rehabilitierung der damals als Hexen getöteten Frauen beginnt spät: Erst in diesem Jahrtausend kommt es in der Schweiz zu formellen Rehabilitierungen. Im Jahr 2019 beispielsweise wird dem Grossen Rat des Kantons Basel-Stadt ein Antrag betreffend «Rehabilitierung der Opfer von Hexenverfolgung in Basel» überwiesen. Es ging darum, «ob drei Personen, die wegen Hexerei verurteilt und hingerichtet wurden, ‹öffentlich exemplarisch für unschuldig erklärt werden können […] und ob ihnen in Form einer Gedenktafel im Stadtbild ein Erinnerungsort geschaffen werden könnte.›» Die Tafel wird am 22. März 2019 an der Mittleren Rheinbrücke gegenüber dem Käppelijoch angebracht und von der ehemaligen Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann eingeweiht.
Papst Johannes Paul I. wurde ermordet
Albino Luciani wird am 26. August 1978 zu Papst Johannes Paul I., nur 33 Tage später, am 28. September, ist er tot. Der Vatikan verzichtet auf eine Obduktion. Das facht die Gerüchteküche an: Wurde Papst Johannes Paul I. absichtlich beseitigt? Die Gerüchte flammen erneut auf, als sechs Jahre nach seinem Tod der britischen Autor David Yallop sein Buch «Im Namen Gottes?» veröffentlicht. Er behauptet darin, der Papst hätte einen Korruptionsskandal rund um die Vatikanbank aufdecken, hochrangige Mitarbeiter des Vatikans entlassen und kirchliche Reformen anstossen wollen und sei daher vergiftet worden. Für das Buch, so Yallop, habe er mit Zeugen gesprochen und drei Jahre lang recherchiert.
Einem späteren Faktencheck hielt sein Buch allerdings nicht stand. Bis 2017 beschäftigte der Fall den Vatikan. Laut den 2017 veröffentlichten Aufzeichnungen des damaligen päpstlichen Leibarztes wird die offizielle Darstellung bestätigt, wonach Johannes Paul I. an einem Herzinfarkt starb.