
© Marie-Christine Andres
«Drei Katholiken – und niemand bemerkte es!»
9. DispuTALK mit Urs Hofmann, ehemaliger Regierungsrat des Kantons Aargau
Am Freitag, dem 13. März, fand der neunte DispuTALK statt. Diesmal war der ehemalige Aargauer Regierungsrat Urs Hofmann zu Gast in der FassBar in Baden. Mit Hans Strub sprach Hofmann engagiert über die Herausforderungen unserer Zeit, wies aber auch immer wieder auf positive Entwicklungen hin.
Viele der Fragen und Anekdoten, die im Anschluss an das Gespräch aus dem Publikum kommen, drücken Wertschätzung und Dankbarkeit für Urs Hofmanns politisches Wirken aus. Seine differenzierte und undogmatische Art zu politisieren, ist auch sechs Jahre nach seinem Ausstieg aus der Politik vielen in bester Erinnerung geblieben.
Nachkriegsgeneration
Eine wichtige Differenzierung macht Hofmann gleich zu Beginn. Gesprächsleiter Hans Strub stellt fest, dass Hofmann mit Jahrgang 1956 in der Nachkriegszeit geboren sei und zur Generation der sogenannten «Boomer» gehöre. Strub schliesst die Frage an, ob man heute den Begriff «Nachkriegszeit» überhaupt noch verwenden könne angesichts der wiederum von Krieg geprägten Gegenwart. Hofmann findet: «Der zweite Weltkrieg war eine grosse Zäsur, welche die darauffolgenden Jahre geprägt hat. Deshalb passt der Begriff Nachkriegszeit immer noch. Die Eltern waren unmittelbar vom Krieg geprägt, das ist das Besondere dieser Nachkriegsgeneration, der ich angehöre.»
Krieg war immer Thema
Dass es für die Boomer nur immer aufwärts gegangen sei und sie von einer friedlichen Welt profitiert haben, könne er nicht ganz so stehen lassen, erklärt Hofmann. «Der Krieg war durchaus real – der Vietnamkrieg und der Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei, später der Krieg im ehemaligen Jugoslawien: Die Kriegsthematik war immer da und hat uns beschäftigt.» Auch der Kalte Krieg habe bedrohlich gewirkt und vielen Angst gemacht. Das erlebte Hofmann besonders stark während seiner Rekrutenschulzeit im Jahr 1976.
Einschneidend
Während seiner Zeit als Regierungsrat zwischen 2009 und 2020 sei das einschneidendste Ereignis die Covid-Pandemie gewesen, erinnert sich Hofmann. Dass Grossanlässe von einem Tag auf den anderen abgesagt würden und während Monaten keine Events mehr stattfinden könnten, hätte man sich vor der Pandemie nie vorstellen können, sagt er. Er verdeutlicht: «Meine Grossmutter erwähnte manchmal, als ich noch ein Kind war, dass der Aarauer Maienzug früher einmal wegen einer Scharlach-Epidemie abgesagt worden sei. Und die Basler Fasnacht musste einmal wegen des Ausbruchs der Pest ausfallen.»
Alternative Energien nicht ausbremsen
Ein weiteres prägendes Ereignis war der Unfall im Atomkraftwerk Fukushima im Jahr 2011. Der Aargauer Regierungsrat stützte die damalige Linie des Bundesrats, aus der Atomkraft auszusteigen. «Damals wurde den Leuten bewusst, dass bei der Stromversorgung auch die Dezentralität eine Rolle spielt. Weil die Atomkraftwerke Beznau 1 und 2, Leibstadt und Gösgen so nahe beieinanderstehen, haben wir ein «Klumpenrisiko»», erklärt Hofmann. Dass im Schweizer Parlament heute wieder über die Aufhebung des Verbots neuer Kernkraftwerke diskutiert werde, bremse den nötigen Ausbau alternativer Energie wie Wind‑, Solar- und Wasserkraft, mahnt er.
Klima und Wohnen als grösste Herausforderungen
Neben der sicheren Energiezukunft gibt es zahlreiche weitere Herausforderungen. Hans Strub möchte wissen, welche Fragen den Aargau vor allem beschäftigen. Doch Hofmann ist überzeugt, dass es keine aargau-spezifischen Herausforderungen gebe, sondern der Kanton als Teil eines grösseren Ganzen funktioniere. Die Gesellschaft sei so vielschichtig, dass alle Herausforderungen zusammenhingen und man nicht die zwei, drei wichtigsten herauspicken könne. Dennoch nennt der ehemalige Regierungsrat zwei Themen, die ihn beschäftigen: «Eine grosse Herausforderung ist das Klima, eine weitere das Wohnen. Die Frage lautet: Wie können wir für alle Menschen eine Lebensumgebung schaffen, wo es ihnen wohl ist?» Hoffnung, dass es Lösungen gibt, hat Hofmann durchaus: «Ich sehe nicht schwarz. Solange die Leute sich nicht zurückziehen, sondern sich weiter engagieren, habe ich Hoffnung.»
Höhe- und Tiefpunkte
Eines seiner Hauptanliegen als Vorsteher des Departements Volkswirtschaft und Inneres sei gewesen, die Durchlässigkeit zwischen Forschung und Wirtschaft zu erhöhen und die Vernetzung zu fördern. Das im Jahr 2012 gegründete Hightech Zentrum, das kleine und mittlere Unternehmen unkompliziert und praxisnah bei Innovationsvorhaben unterstützt, verdankt der Aargau zu einem grossen Teil der Idee und Überzeugungskraft von Urs Hofmann. Ein Tiefpunkt seiner Amtszeit seien die Verhandlungen mit dem Unternehmen General Electric gewesen, das seit 2015 über 3000 Stellen im Kanton abbaute.
Schuss ins Knie
Angesprochen auf die Initiative gegen eine 10 Millionen-Schweiz findet Hofmann klare Worte: «Es war immer eines meiner zentralen Themen in Referaten, wie viele Menschen in der Schweiz in den nächsten Jahren aus dem Arbeitsprozess ausscheiden und wie wenige nachkommen. Wir sind auf Arbeitskräfte angewiesen. Trotzdem kommen von einigen Politikern noch immer illusorische Vorschläge, wie zum Beispiel, den Familiennachzug abzuschaffen.» Die Initiative erinnert Hofmann an seine politischen Anfänge. Als junger Politiker habe er die «mitenand»-Initiative unterstützt, die Gegeninitiative zur Schwarzenbach-Initiative. Am Parteitag der SVP habe er die «mitenand»-Initiative vorstellen und vertreten müssen. Danach stimmten die Delegierten ab und verwarfen sein Anliegen mit null Gegenstimmen. Hofmann ist überzeugt: «Die Alternative zur 10-Millionen-Schweiz wäre, dass es uns wirtschaftlich schlechter geht. Ich hoffe, dass das Schweizer Volk im Juni diese Initiative ablehnt. Dieser Schuss könnte nicht nur nach hinten losgehen, sondern ein Schuss ins eigene Knie sein.
Wichtig ist ihm, zu betonen, dass die Schweiz über viele Jahrzehnte hinweg gute Integrationsarbeit geleistet hat. In der Schweiz gebe es keine Ghettos, Schweizer und Ausländer wohnen Tür an Tür und das Zusammenleben funktioniere relativ gut. Das hätten die letzten 30, 40 Jahre gezeigt.
Untergang des Kantons Aargau – und der ganzen Welt!
Urs Hofmann hat in seiner Kinder- und Jugendzeit noch erlebt, dass konfessionelle Unterschiede eine wichtige Rolle spielten. Etwas, das viele ältere Menschen selbst erlebt haben, worüber aber jüngere Menschen nur den Kopf schütteln oder lachen.
Hofmanns Grossmutter war Christkatholikin. Deren Mutter, Hofmanns Urgrossmutter, pflegte zu sagen, dass, sollten in der Aargauer Regierung einmal drei römisch-katholische Mitglieder sitzen, nicht nur der Aargau, sondern die Welt untergehen würde. In früheren Zeiten hatte man versucht, ein solches Szenario zu verhindern. Doch im Jahr 2009 war es soweit: «Nach meiner Wahl sassen mit Roland Brogli, Alex Hürzeler und mir drei römisch-katholische Mitglieder in der Kantonsregierung», erzählt Urs Hofmann Und der Clou: «Niemand bemerkte es!», erinnert er sich.
Ministrant
Auch habe er als Junge unbedingt Ministrant werden wollen. Als er sich jedoch im Religionsunterricht meldete, wurde er nicht ausgewählt – weil sein Vater reformiert war: «Ich stammte aus einer sogenannten Mischehe», erklärt Hofmann. Heute schmunzelt er bei der Erinnerung, damals jedoch weinte und tobte er, so dass seine Mutter beim Vikar vorsprach. Dieser lenkte schliesslich ein und sagte: «Also, machen wir eine Ausnahme. Es darf einfach niemand davon wissen.»
Nicht nur die politischen Beziehungen, sondern auch das private Umfeld gut zu pflegen, war für Urs Hofmann zeitlebens wichtig und hat sich als wertvoll erwiesen. «Diese Menschen bleiben dir auch, wenn das Amt und die politischen Weggefährten wegfallen.» Der Abend in der FassBar hat gezeigt, dass ihn nebst Verwandten und Freunden viele weitere Menschen weiterhin als wichtige Stimme schätzen.
Zur Person
Urs Hofmann, Jahrgang 1956, studierte Rechtswissenschaften an der Uni Zürich und führte ein Anwalt- und Notariatsbüro in Aarau. Seine politische Karriere als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei (SP) startete er im Aarauer Einwohnerrat, war danach Mitglied des Aarauer Stadtrats, später des Grossen Rats, von 1999–2009 war Hofmann Nationalrat und während dieser Zeit Präsident der Finanzdelegation der Eidgeössischen Räte. Von 2009 bis 2020 amtete Urs Hofmann als Regierungsrat des Kantons Aargau mit dem Ressort Volkswirtschaft und Inneres. Hofmann engagiert sich als Präsident der Freunde des Zentrums für Demokratie Aarau, im Verwaltungsrat der SIX Terravis AG und als Präsident der Stiftung LEBENSRAUM AARGAU. Hofmann lebt in Aarau, ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. www.urs-hofmann.ch
