Angekommen am Ende der Welt
Tagebücher von einst leiten Hannes Leo Meier auf seinem Weg von Santiago nach Finisterre.
Bild: © Roger Wehrli

Angekommen am Ende der Welt

Hannes Leo Meiers Camino von Santiago nach Fisterra

Nach bald vierzig Jahren hat der Autor und Geh-Coach den letzten Teil des Pilgerwegs, den er als 23-Jähriger gemacht hat, nochmals unter die Füsse genommen. Täglich hat der Pilger seine Eindrücke aufgeschrieben und mit uns geteilt. Inspiriert von einem Satz aus seinem Tagebuch, das er 1988 auf dem ersten Camino von Einsiedeln nach Santiago de Compostela und Finisterre führte. Die Sätze haben die «Lichtblick»-Redaktorinnen für ihn ausgewählt.

Liebe «Lichtblick»-Leserinnen und ‑Leser
Lesend sind Sie «mit­ge­gan­gen» mit Hannes Leo Meier auf dem Weg von San­ti­a­go de Com­postela nach Fin­is­terre — oder Sie lesen jet­zt dann gle­ich rein. Über Ihr «Mit­ge­hen» freuen wir uns! Eben­so sind wir auch inter­essiert an Reak­tion, Rück­mel­dun­gen oder Fra­gen: 
* Welche Pas­sage hat Sie beson­ders berührt, erstaunt, erfreut?
* Welche Textstelle hat bei Ihnen per­sön­lich etwas aus­gelöst — und was?
* Gibt es Fra­gen, die der Autor Ihnen beant­worten kön­nte?
Schreiben Sie uns bis Ende Novem­ber an  unter dem Stich­wort «Camino 2025».
Hannes Leo Meier nimmt die Zuschriften dann gerne ent­ge­gen und beant­wortet Ihre Fra­gen.

Sonntag, 28. September 2025

Zum zweit­en Mal in meinem Leben bin ich auf dem Platz vor der Kathe­drale in San­ti­a­go de Com­postela. Aus ein­er Seit­en­gasse klingt wieder eine Gai­ta (Dudel­sack, Anm. d. Red.), wie vor 38 Jahren, als ganze Grup­pen mit diesem gal­izis­chen Instru­ment durch die Gassen zogen und einen Hin­weis darauf gaben, dass die Gal­izier mehr mit den Englän­dern und Iren – also den Kel­ten – zu tun haben, als mit den eigentlichen Iber­ern.

Was es mit mir macht? Es ist eine Form der Rührung, der Berührung da. Ein­er­seits freue ich mich, wieder hier zu sein oder sein zu kön­nen. Zwar habe ich dies­mal keinen einzi­gen Pil­gerk­ilo­me­ter gemacht und unter­schei­de mich deswe­gen ziem­lich von den Hun­derten, die hier täglich ankom­men und teils in Jubel und Geschrei aus­brechen. Aber ich sah auch Leute unter Trä­nen. Und beson­ders die kann ich gut ver­ste­hen. Denn ein Ziel zu erre­ichen heisst näm­lich auch, es zu ver­lieren.

Es gefiel mir beson­ders, mich auf den Platz zu leg­en — alle Viere von mir gestreckt, wie viele um mich herum dies auch tat­en. Es mag ein Zeichen des Abspan­nens sein, aber auch des Loslassens, des Nicht-mehr-Müssens, des grossen Ausat­mens. Für mich ist das jet­zt eine Feier auf mein Leben – welch­es auch eine grosse Wan­derung ist – auf mein Leben, das ich in den let­zten 38 Jahren leben und erleben durfte.

Damals, also 1988, brach ich in der Schweiz als Dreiundzwanzigjähriger auf, um die Tür zu meinem Leben vor­be­halt­los aufzus­tossen. Ich hat­te keine Ahnung, was aus mir wer­den kön­nte. Und jet­zt ahne ich, was mein Weg mit mir gemacht hat und ich mit ihm.

Deswe­gen mag es gut sein, wenn wir im Leben ab und an Plätze auf­suchen, die uns eine Ahnung geben, welchen Weg, welche Wege wir zurück­gelegt haben, zurück­le­gen durften – und welch­es immense Glück an Erfahrun­gen, Leis­tun­gen, Erleb­nis­sen und Wach­s­tum darin gebor­gen ist. Ähn­lich einem Pil­ger, der sich auf seine hun­derte von Fusskilo­me­tern zurückschauend freuen kann und sich jet­zt, wie hier auf dem langersehn­ten Platz, nur noch glück­lich ausstreck­en darf.

Heute Abend ziehe ich nun den ersten Zettel und mor­gen gehe ich los, los zum Ende der Welt — nach Fis­ter­ra. Zum zweit­en Mal, 38 Jahre später.


Mon­tag, 29. Sep­tem­ber 2025

Heute bin ich von San­ti­a­go de Com­postela aufge­brochen. Ich ging weg. Weg. Ich wollte wegge­hen und ich ging. Sei­ther bin ich weg. Ich bin so qua­si Weg. Mir gefällt diese Nähe der Bedeu­tung von «wegge­hen» und «Weg gehen». «Weg» als Prä­fix und als Nomen. Der berühmte Buchti­tel von Hape Ker­kel­ing kön­nte für mich auch heis­sen: «Ich bin dann mal Weg».

Für meinen heuti­gen Weg haben mir die «Lichtblick»-Redaktorinnen diesen Satz aus meinen Tage­büch­ern von damals mit­gegeben. Was ich da vor 38 Jahren schrieb, kommt mir heute vor wie ein Koan (Begriff aus dem Zen-Bud­dhis­mus: Satzfrag­ment, rät­sel­hafte Frage, um den Geist her­auszu­fordern, Anm. d. Red.). Vielle­icht kann ich den Satz tat­säch­lich auch in dieser Art mit­nehmen, mit­ge­hen­lassen.

Inhaltlich besagt er aber wohl, dass ich damals stark den Wun­sch hat­te, San­ti­a­go wieder zu ver­lassen. Erst wollte ich über Monate nur da hin. Und dann plöt­zlich dieser Drang, ja, dieser klare Entscheid! Es war näm­lich so, dass ich nach vier Tagen genug hat­te vom Feiern und vom Rum­mel zusam­men mit all den Fre­un­den, die ich ken­nen gel­ernt hat­te auf dem Weg in Spanien. Während dieser Tage kam ich nicht ein­mal dazu, eine einzige Notiz nur in mein Tage­buch zu schreiben. Aber geze­ich­net und skizziert habe ich wohl. Denn dass ich ein Bild, an dem ich anscheinend zweiein­halb Stun­den gear­beit­et hat­te, danach ver­schenk­te, dies schrieb ich Tage später noch nieder.

Ja, es muss mich richtigge­hend in Rich­tung Fin­is­terre gezo­gen haben. Ich denke, ich freute mich damals, wieder in den alten Gehmodus zu kom­men, näm­lich in das Alleine-Gehen. Dieses pflegte ich gezwun­gener­massen die ersten acht Wochen zwis­chen Ein­siedeln und der franzö­sisch-spanis­chen Gren­ze. Denn kaum jemand ging zu jen­er Zeit den «Camino», in Mit­teleu­ropa war er nicht bekan­nt. Es war sog­ar so, dass es in der Schweiz und danach bis nach Le Puy nicht ein­mal einen markierten Weg gab, geschweige denn Pil­ger­her­ber­gen. Und genau so war es zwis­chen San­ti­a­go und Fin­is­terre. Ich musste mich nach San­ti­a­go also wieder auf das «Wilde-Gehen» gefreut haben, um bis nach Fin­is­terre den Weg sel­ber zu find­en und auch wieder draussen zu über­nacht­en. Aus­gerüstet mit ein­er für Aut­o­fahrer gedacht­en Karte war mir deswe­gen also klar, dass ich sich­er nicht die ‹Opti­mallinie› gehen würde – was ich damals wohl mit Slalomge­hen assozi­ierte.

Mir gefällt mein Satz aber noch in ein­er weit­eren Hin­sicht: Wenn es Zeit ist, aufzubrechen, dann soll man auf­brechen! Ich sage: «Geh, geh los, mach dich auf den Weg – werde Weg. Und mach es, auch wenn du nicht sich­er bist, dass du die ‹Opti­mallinie› erwis­chen wirst.» Wichtig ist, dass du deinem Ziel ent­ge­gen gehst. Und eben­so wichtig ist es, was du unter­wegs erleb­st. Das Ziel sel­ber macht dich nicht wirk­lich zu einem neuen Men­schen, son­dern das, was mit dir unter­wegs geschieht. Also, steh auf und geh!

Ich bin heute nach guten 24 km Fuss­weg nun in Negreira angekom­men – und schon ein biss­chen ein ander­er Men­sch.



Dien­stag, 30. Sep­tem­ber 2025

Unter­wegs auf dem Camino ist es eine ständi­ge Bedin­gung, sich beständig auf die gegebe­nen Bedin­gun­gen einzu­lassen: Regen, Sonne, Kör­p­er, Men­schen… Und wom­öglich ist dieser Umstand eines der befreien­den Gefüh­le auf diesem Weg. Dass man ein­er­seits echt frei wählen kann – Gehen oder Nicht-Gehen – und dass man die Kon­se­quen­zen der Entschei­dung selb­st trägt.


Als ich mich damals vor­bere­it­ete, fragte ich mich sehr wohl, was ich denn neben dem Gehen auch noch tun würde. Es war mir bewusst, dass man nicht nur ob zu wenig Nahrung ver­hungern kann. Auch das inner­liche Aus­ge­laugt­sein erachtete ich als eine Bedro­hung für mich unter­wegs. Und so bepack­te ich meinen Ruck­sack neben den Jonglier­bällen auch noch mit ein­er Fis­cher­rute, einem Skizzen­buch, meinem Aquarel­lka­s­ten, mit Büch­ern – unter anderem mit «Der leere Spiegel» von Jan­willem van de Weter­ing, weswe­gen mir von daher klar war, was ein Koan ist – mit einem Walk­man für Kas­set­ten zum Musikhören und um von unter­wegs ein­mal eine Tonauf­nahme machen zu kön­nen, sowie – und dies ent­deck­te ich erst wieder beim Lesen der Tage­büch­er – mit ein­er «Schnöregi­ige». Am Ende des Weges kam ich dann aber wed­er als Jon­gleur an, noch als Strassen­musik­er, der zu wer­den ich mir damals auch erträumte. Das Zeich­nen und Malen aber entwick­elte ich unter­wegs tat­säch­lich so weit­er, dass ich mir nach dem Pil­gern während einiger Zeit mein Geld als Strassen­maler ver­di­enen kon­nte.

Auch heute habe ich mich auf meine Bedin­gun­gen ein­ge­lassen und mich klar entsch­ieden: «Ich gehe nicht.» Erst fuhr ich mit dem Bus wieder zurück nach Ponte Maceira. Die mit­te­lal­ter­liche Brücke dort beein­druck­te mich gestern beim Vor­beige­hen der­massen, dass ich sie heute skizzieren wollte. Und als zweites war es mir wichtig, einem mein­er Vorsätze wirk­lich Raum zu geben: Gib dir Zeit und nimm dir Zeit! Denn ich habe damals, vor 40 Jahren, den Camino auch als eine Art Schule für das Leben gelebt und so geht es mir auch heute: Hier kann ich bestens das ange­hen und mich in das hineinge­hen lassen, was ich mir wün­sche, wie es in Zukun­ft auch gehen kön­nte.


Mittwoch, 1. Okto­ber 2025

Nach dieser zweit­en Nacht in der Pil­ger­her­berge «San José», wo man im Schlaf­saal eine Studie machen kön­nte, welche Arten von Schnar­chen es gibt, stand ich heute rechtzeit­ig auf und ging auf den Weg noch im Dunkeln. Auch Nebel lag im Städtchen und machte das Hin­aus­ge­hen durchs Stadt­tor noch mehr in der Zeit ver­loren. Auf einem Pfos­ten sass im Obskuren eine Katze, als hüte sie den Weg von mir als Gral­srit­ter und im Wald dann, als es endlich «katz­dunkel» war und ich immer noch kein Licht machte, roch meine Nase plöt­zlich inten­siv­er. Ich hörte den Tau von den Bäu­men tropfen und meine Füsse erkan­nten einen wahren Tep­pich aus frisch gefal­l­enen Kas­tanienigeln, was sich wohl anfühlte, wenn ich an einen Sturz dachte, aber den Hän­den dann wohl doch nicht so gefall­en hätte. Sachte kam Licht in die Gegend und wie auf einen Schlag war plöt­zlich die Farbe da und das Herb­st­laub begann zu strahlen.

Der heutige Begleit­satz bewies mir ein­mal mehr, dass wir eben das sehen, was wir in uns tra­gen. Wie ich so vor mich hing­ing, kam plöt­zlich eine alte Frau auf mich zu, wie damals auch, mit einem eben­solchen Hut. Bis dahin war mir keine Per­son mit so ein­er Kopf­be­deck­ung aufge­fall­en. Ich sprach die Dame an und wir ver­standen uns. In den let­zten 40 Jahren hat sich hier in Gal­izien in Bezug auf die Armut wohl viel getan. Im Plaud­ern erfuhr ich von ihr, dass sie Car­men heisse und dass es ihr gut gehe.

Wie ich dann im Tage­buch nach­schlug, fand ich eine Zeich­nung zur Per­son von damals und die Beschrei­bung, dass diese Frau gestützt auf einen Stock und ein­er Rinde unter­wegs gewe­sen war. Car­men aber freute sich, denn sie ging aufrecht. Als ich sie fragte, ob wir zusam­men ein Foto machen wür­den, war sie glück­lich.

Fün­fzehn Kilo­me­ter später fiel mir in ein­er Schenke nochmals ein solch­er Hut auf. Dieser hing an der Wand als Relikt aus früheren Zeit­en. Hätte mich mein Satz nicht geleit­et, hätte ich ihn wohl nicht gese­hen und die Frau nicht bemerkt. Zum The­ma Armut: Einen Wagen mit Holzrädern habe ich nur einen gese­hen, aus­gestellt als anti­quar­isches Objekt in einem Garten. Alle Bauern hier sind inzwis­chen mit Trak­toren unter­wegs. Vor 40 Jahren zogen manch­mal noch Kühe solche Gefährte aus Holz und Frauen gin­gen mit zwei Kühen am Halfter zum Grasen auf die öffentlichen Feld­wege hin­aus. Es hat sich viel getan.

Zum The­ma Armut und Pil­gern liesse sich aber auch noch einiges sagen: Pil­gern – oder Gehen auf dem Camino – ist im Kern ein frei­williger Verzicht, eine Reduk­tion aufs Min­i­mum und die Hingabe an die Entschle­u­ni­gung. Anscheinend tut es vie­len gut, denn der Camino wird von vie­len Men­schen began­gen.

Heute ging ich gute 22 Kilo­me­ter und kam in San­ta Mar­iña an. Jet­zt lege ich mich in den Schlaf­saal und werde mich wieder damit befassen, welche Arten von Schnar­chen es gibt.


Don­ner­stag, 2. Okto­ber 2025

Wie kam nur dieser Satz in meinem Tage­buch? Er ste­ht tat­säch­lich so und eben­so allein, ohne irgen­deinen Bezug, der aus dem Heute noch erken­nen liesse, woher dieser Wun­sch nach ein­er Bibelschule rührte. Eine Bibelschule? Wären dort wom­öglich all jene Fra­gen beant­wortet wor­den, die ich damals auf dem Camino in Bezug zum Chris­ten­tum und zum Katholizis­mus gesam­melt hat­te?

So tönt es, wenn Hannes Leo Meier unter­wegs ist auf seinem Weg ans Ende der Welt.

So tönt es, wenn Hannes Leo Meier unter­wegs ist auf seinem Weg ans Ende der Welt.

Tat­säch­lich machte ich mich 1988 mit fünf Inter­essen­feldern auf den Weg: Die eine Suche galt der Gretchen­frage: «Wie hast du’s mit der Reli­gion?». Damals sagte ich mir: «Entwed­er ich komme in San­ti­a­go als Heiliger an oder als Athe­ist». Weit­er beschäftigte ich mich damit, was ich in Zukun­ft beru­flich machen werde. Als Drittes inter­essiert es mich, den Begriff der Frei­heit auszu­loten. Als Viertes fragte ich mich, wo ich mich wohl nieder­lassen werde, wo meine Heimat sei. Und als Fün­ftes ging ich auf den Weg, um in der part­ner­schaftlichen Liebe zwei bis vielle­icht möglicher­weise gar sieben Schritte weit­erzukom­men.

In Bezug zur Gretchen­frage schien ich am Ende des Caminos einen grossen Hunger gehabt zu haben, die Bibel bess­er ver­ste­hen zu kön­nen. Ob ich heute mehr weiss als damals?

Der Satz aus mein­er Ver­gan­gen­heit bescherte mir heute aber min­destens drei göt­tliche Momente: Der eine war ein Gespräch mit ein­er Fusspilgerin, die mir anver­traute, dass sie ent­täuscht sei, weil sie wider Erwarten auf dem Camino Gott nicht begeg­net sei – oder er ihr nicht. In allen Büch­ern, die sie gele­sen habe, hätte es min­destens einen solchen magis­chen Moment gegeben. Als Zweites flog mir heute eine Gotte­san­be­terin über den Weg. Gelandet ist sie kaum zu erken­nen, so gut getarnt ist sie. Eine Gotte­san­be­terin! Wenn dies kein Zeichen ist! Und als Drittes — und dies ist auch wahr und bestätigt noch ein­mal den Satz, dass wir sehen, was in uns ist — fand ich heute eine Pflanze, nach der ich seit min­destens fünf Jahren schon auf der Suche bin: Das gemeine Waldgeiss­blatt. Ich suchte es nicht, es fiel mir plöt­zlich ein­fach auf unter­wegs.

Warum ist das Waldgeiss­blatt für mich so wichtig? Handw­erk­er, die auf die Walz gehen, auf die Tip­pelei, haben Wan­der­stöcke mit speziellen Drehun­gen bei sich. Diese Drehun­gen ver­mag das Waldgeiss­blatt zu schaf­fen, weil es den Ast der­massen umrankt, dass der Baum nur aussen rum weit­erwach­sen kann. Diese Äste, aus denen die Stöcke gemacht wer­den kön­nen, sind fol­glich äusserst rar. Jet­zt aber jet­zt weiss ich, wo ich so einen Stock find­en kön­nte.

Heute ging ich bei Son­nenauf­gang los, ging 16 km weit, bestieg dazu noch zusät­zlich einen Berg, und bin nun in ein­er beque­men und beza­ubern­den Her­berge in Logoso angekom­men. Zusam­men mit beza­ubern­den Pil­gerin­nen und Pil­gern.


Freitag, 3. Oktober 2025

Heute ging’s auf dem Weg durchs Geniesel und ins Grau. Der Weg ver­lor sich spätestens nach 100 m rät­sel­haft. Aber da hier der Camino inzwis­chen so sich­er markiert ist, indem alle 300 m eine Stein­säule mit Pfeil und Kilo­me­terangabe ste­ht, sowie Pfeile und Muschelem­bleme gelb auf tief­blauem Grund in Mauern und Hauswän­den ein­ge­lassen sind, ist es unmöglich, sich selb­st bei schlimm­stem Wet­ter zu ver­lieren. Eine Weg­be­glei­t­erin meinte zum Camino, er sei ein Aben­teuer mit Sicher­heits­garantie.

Wobei, da möchte ich doch noch die beza­ubern­den Pil­ger­per­so­n­en anführen, von denen ich gestern schrieb. Die Alber­gue von Logoso zeigt sich wirk­lich gediegen, ist aber abgele­gen. Deswe­gen schafft es kein Gepäck­ser­vice dahin. Und fol­glich fan­den sich gestern Abend auch nur Gehende dort ein, die ihr ganzes Gepäck auf sich tra­gen, diejeni­gen, die weit­wan­dern. Und da kommt in so einem Ensem­ble ein­fach eine andere Stim­mung auf. Wer schon min­destens 800 km in den Sohlen hat, der oder die ist aller­meist schon recht bei sich. Solche Leute kön­nen zuhören, solche Leute kön­nen die Fünfe ger­adeste­hen lassen und sie wis­sen: «Heute ist heute und mor­gen geht es zu Fuss weit­er». Da gibt es nichts zu bluffen, über­haupt nichts. Wir alle kamen zu Fuss hier an und wir alle gehen zu Fuss weit­er. Und eigentlich ist das im Leben doch auch so.

Nun zum Satz des Tages: Ich geste­he, ich öffnete das Kuvert mit dem Zettel heute tat­säch­lich erst kurz bevor ich um 15 Uhr los­marschierte. Die anderen Tage davor machte ich das immer schon am Abend vorher. Heute aber war ich so beschäftigt mit meinem Stock und den Geiss­blät­tern und dem Wun­sch, noch ein­mal malen zu gehen, dass ich für den Satz noch nicht parat war. Zudem wachte ich in der Nacht auf – wie alle Nächte davor auch – aber dies­mal war mein Kopf ein­fach wohlig leer: Kein Gedanke zu oder über etwas, was ich noch müsste, oder sollte, oder nicht getan habe, oder jemand anders getan hat … nichts. Ein­fach eine stim­mige und erfüllte Leere. Kein Groll, keine Pen­denz, kein Gram, kein Neid, keine Schuld, … ein­fach: «Ja, so ist es gut».

Nun aber wirk­lich zurück zum Satz. Ich darf sagen, diese Lek­tion habe ich wirk­lich gel­ernt: Nicht ren­nen! Nicht ren­nen, wenn es nicht nötig ist! Und die eigentliche Kun­st, nicht ins Ren­nen zu kom­men, ist – so denke ich zumin­d­est – wenn man sich sein­er Schritte bewusst ist. Unser Gehen ist der grösste Gradmess­er, sowohl als Hin­weis, als auch als Werkzeug.

Wie schon gesagt, ich ging heute also erst um 15 Uhr los und machte dann bis Cor­cu­bión an die 17 km. Ich war sowohl im Gehen äusserst präsent und bei mir, als auch schon davor im «Noch-nicht-gegan­gen-Sein» – im Wald beim Suchen meines Geiss­blatt­stocks und auch am Bach beim Malen.

So, nun ste­ht die let­zte Nacht an, bevor ich mor­gen dann in Fin­is­terre zum zweit­en Mal in meinem Leben ankom­men werde.

Warum ist das gemeine Waldgeiss­blatt für mich so wichtig? Handw­erk­er, die auf die Walz gehen, auf die Tip­pelei, haben Wan­der­stöcke mit speziellen Drehun­gen bei sich. Diese Drehun­gen ver­mag das Waldgeiss­blatt zu schaf­fen, weil es den Ast der­massen umrankt, dass der Baum nur aussen rum weit­er wach­sen kann. Diese Äste, aus denen die Stöcke gemacht wer­den kön­nen, sind rar. Ich aber weiss jet­zt, wo ich so einen Stock find­en kön­nte.

Heute ging ich bei Son­nenauf­gang los, ging 16 km weit, bestieg dazu noch zusät­zlich einen Berg, und bin nun in ein­er beque­men und beza­ubern­den Her­berge in Logoso angekom­men. Zusam­men mit beza­ubern­den Pil­gerin­nen und Pil­gern.


4. Oktober 2025

Heute ist der 4. Okto­ber. Es ist 10.25 Uhr. Bald muss ich das Zim­mer ver­lassen. Gestern beim Ver­fassen des Textes merk­te ich, dass Ner­vosität aufkommt. Oder war es ein­fach die Müdigkeit, weil ich 17 km mit ein­er einzi­gen kurzen Essenspause zurück­gelegt hat­te? Nein, ich glaube nicht. Es ist das Ziel, welch­es mich nervös macht. Ankom­men ist eine grosse Sache. Ankom­men ist ein Geschwis­ter­paar mit dem Los­ge­hen. Und im Ankom­men wartet sehr viel auf einen, in meinem Falle sind es sog­ar mehrere Ebe­nen. Aber sich­er ist, dass man kein Ziel erre­ichen kann, ohne es zu ver­lieren. Und meis­tens han­delt man sich damit dann auch eine rechte Leere ein. Je gröss­er das Ziel ist, desto gröss­er ist auch die Leere danach.

Eine der Lehren aus meinem Camino von 1988 war, dass es sich lohnt, sich vor dem Ziel zu fra­gen, was alles noch getan oder gelebt oder erlebt sein müsse, dass wenn man dann das Ziel erre­icht hat, man sich schlicht und ein­fach in diese Leere hine­in­fall­en lassen kann. «Ori­en­tieren» ist die sech­ste mein­er «Sieben Kom­po­nen­ten des Gehens» und gibt dir den Auf­trag: Frage dich, woher du kommst. Frage dich, weswe­gen du über­haupt aufge­brochen bist. Frage dich, ob du unter­wegs so erlebt und gelebt hast, dass es nun stim­mig sein kann, anzukom­men. Und sollte dem nicht so sein, dann mache noch alles, was es dein­er Mei­n­ung nach braucht, damit du dich am Ziel nur noch in diese magis­che Leere hine­in­fall­en lassen kannst; In diese Leere, die deinen Weg nun würdigt. Ja, dieses Loch, welch­es wir nicht gern haben, es ist ele­men­tar wichtig. Diese Leere ist der Raum, wo Anfang und Ende sich die Hand geben. Ohne Ankom­men kein Los­ge­hen. Und mit dieser Leere hin­ter dem Ziel würdigst du deinen Weg.

Und nun wartet eben diese Leere auf mich. 38 Jahre später werde ich heute zum zweit­en Mal am Kap von Fin­is­terre ankom­men. Und in mein­er Per­son wer­den mehrere Seit­en von mir dann sehen, wie der Weg in die Wogen des Meeres ver­schwindet. Als Erstes wird da der jet­zige Fusspilger sein, der seine sech­stägige Wan­der­reise abschliesst. Aber es ist weit­er auch ein Ich, welch­es sich lange danach sehnte, diese let­zte Etappe noch ein­mal gehen zu kön­nen. Weit­er ist es der 61-Jährige, der da an der Küste mit dem Blick in die Unendlichkeit dem imag­inären 23-jähri­gen Ich begeg­net (und wie ich dies hier schreibe, schiessen mir die Trä­nen in die Augen). Und vielle­icht als Viertes kommt da auch ein 61-jähriger Mann an, der unendlich dankbar ist für sein Leben und sich in der sich zeigen­den Leere auch die Frage stellen darf: «Quo vadis? Wohin des Weges? Worum geht es nun die kom­menden Jahre?»

Nun aber wirk­lich zurück zum Satz: Diese Lek­tion habe ich wirk­lich gel­ernt. Nicht ren­nen! Nicht ren­nen, wenn es nicht nötig ist! Und die eigentliche Kun­st, nicht ins Ren­nen zu kom­men, ist – so denke ich zumin­d­est – wenn man sich sein­er Schritte bewusst ist. Unser Gehen ist der grösste Gradmess­er, sowohl als Hin­weis, als auch als Werkzeug.

Wie schon gesagt, ich ging heute also erst um 15Uhr los und machte dann bis Cor­cu­bión an die 17 km. Ich war sowohl im Gehen äusserst präsent und bei mir, wie auch davor im «Noch-nicht-gegan­gen-Sein» – im Wald beim Recher­chieren um die Geiss­blät­ter und am Bach beim Malen.

So, nun ste­ht die let­zte Nacht an, bevor ich mor­gen dann in Fin­is­terre zum zweit­en Mal in meinem Leben ankom­men werde.


4. Okto­ber 2025, zweit­er Ein­trag

Zwei Texte an einem Tag, das war wed­er so vorge­se­hen, noch war es mit der Redak­tion abgemacht. Aber nun ist es so und es hat seinen Grund. Mir ist auf diesem Weg bewusst gewor­den, dass das Ankom­men min­destens zwei explizite Seit­en hat: Jene vor dem Ankom­men und jene, nach­dem man angekom­men ist. Es gibt also – dies jeden­falls ist meine Erfahrung jet­zt – die Welt der Vorstel­lung, wie das Ziel erre­icht wird, mit all seinen Emo­tio­nen, Strate­gien, Plä­nen und Vorsätzen. Und dann gibt es den Weg zum Ziel, der sich dann möglicher­weise ziem­lich anders zeigt als vorgedacht. Und dann gibt es natür­lich auch noch das Danach, diese schon eben zitierte mögliche wun­der­bare Leere.

Gestern und heute Mor­gen vor dem Auf­brechen war ich ziem­lich gerührt. Während dem Mor­ge­nessen zum Beispiel lief am Fernse­her – in allen spanis­chen Lokalen läuft zu allen Zeit­en ein Fernse­her – auf einem Kanal ein Zusam­men­schnitt von Preisüber­gaben und Siegerehrun­gen an Män­ner, die alle aus Ergrif­f­en­heit und Rührung wein­ten. Weit­er berührte mich dies nicht. Erst als eine Fam­i­lie gezeigt wurde, die sich nach 15 Jahren Tren­nung wieder fand, flossen auch bei mir die Trä­nen. Anscheinend fühlte ich mich mit ihnen ver­wandt in meinem kurz bevorste­hen­den Wieder­se­hen mit dem Kap und dem Städtchen Fin­is­terre.

Dann aber ging ich wirk­lich los, draussen im Regen und im Niesel und ich schritt fest voran. Es war gar, als ob ich gezo­gen würde. Mein Lieblingssatz: «Der Men­sch kommt zur Welt, um zu gehen», schien mich ganz zu ergreifen. In unter­schiedlichen Tem­pi ging ich meinem Ziel ent­ge­gen. Und als ich das erste Mal in weit­er Ferne das Kap erblick­te, jauchzte ich. Als ich Fin­is­terre zum ersten Mal sah, schrie ich, so dass Gehende um mich herum erschrak­en. Sie kon­nten ja nicht wis­sen, dass sich da nach 38 Jahren zwei zum ersten Mal wieder sehen.

Und dann ging’s ganz speziell weit­er: Als ich das Dorf Fis­ter­ra in Rich­tung Kap ver­liess, ver­langsamte sich mein Schritt. Ich zählte 88 Tak­te in ein­er Minute. Wie schön! Zwei aufgestellte Unendlichze­ichen.

Und plöt­zlich ging mein junges Ich neben mir her. Manch­mal nahm ich es sog­ar bei der Hand. Gemein­sam schrit­ten wir auf das Kap zu und es erzählte mir, wie es hergekom­men sei. Ich hörte ihm zu wie ein Vater. So, wie ich mir früher wün­schte, mein Vater hätte mir so zuhören kön­nen. Es erzählte mir auch, wie sein Leben nach Fin­is­terre weit­erg­ing damals, wie es nach Madrid gekom­men sei, später nach Berlin und schliesslich nach Zürich an die Schaus­pielschule. Irgend­wann erzählte ich ihm, wie ich jet­zt lebe, dass ich drei Töchter hätte, weswe­gen ich über­haupt hergekom­men sei und dass meine Part­ner­in schon seit zwei Tagen in Fis­ter­ra sei und wir uns hier nun während ein­er Woche der Leere hingeben kön­nten. Kurz bevor wir zusam­men das Kap erre­icht­en, schlüpfte mein junges Ich in mich hinein und wir gin­gen zusam­men dahin, wo das Meer noch viel stärk­er brauste, als ich es in Erin­nerung hat­te. Und wieder war es, wie vor 38 Jahren, ein­fach gut.


5. Oktober 2025

Ich schreibe diesen let­zten Ein­trag auf dem Balkon unseres Apparte­ments, welch­es wir die näch­sten Tage bewohnen dür­fen. Mein Blick geht hin­aus auf den Strand, über welchen ich gestern hier­her nach Fis­ter­ra reinge­wan­dert kam. Jet­zt geht der Wind heftig und kühl, so dass die Win­dräder am Hor­i­zont, die ich Tage zuvor noch ruhend passierte, sich heftig drehen. Nun bin ich also wieder ein Sesshafter. Und auch die näch­sten Tage geht es weit­er ums Ankom­men. Wirk­lich Ankom­men heisst, die Vorstel­lun­gen vom Ziel mit den erre­icht­en Wirk­lichkeit­en tauschen. Dieser Satz geht nun schon seit gut zehn Jahren mit mir, seit ich mich als Sesshafter auch, aber schreibend, mit meinen Camino-Erin­nerun­gen auseinan­der­set­zte. Und ich glaube immer noch, dass wir uns selb­st, aber auch allen Men­schen um uns herum, Gutes tun, wenn wir das Los­ge­hen, das Unter­wegs­sein und das Ankom­men üben und stetig lebendi­ger und organ­is­ch­er zu leben pfle­gen. Denn alles Leben ist Gehen. Und im Gehen erleben wir, wie es geht, dass es geht und warum es geht; es lässt uns erleben, wie mit steti­gen kleinen Schrit­ten unendliche Wege zurück­gelegt wer­den.

So kann ich es heute näm­lich kaum glauben, dass ich gestern noch daherkam, über jene Hügel hin­weg. Und auch kon­nte ich es gestern kaum glauben, was ich am «Cabo Fis­ter­ra» vor­fand. Ich meinte, mich zu erin­nern, dass vor 40 Jahren sich der Weg dort san­ft in die Fluten geneigt habe. Aber nichts da! Neben all den Touris­ten, den Cars, dem Sou­venir­shop und der Bar, die heute neu da sind und auf die ich mich bestens vor­bere­it­et hat­te, stürzte sich das Gelände vom Leucht­turmhaus her förm­lich über gute 100 m in die Tiefe. Was? Da stieg ich damals als 23-Jähriger runter zum Meer? Und keine Notiz davon in meinem Tage­buch? Wenn es nicht aber den Text gäbe in meinem Tage­buch, wo ich beein­druckt von den Wellen schrieb und ich mich mutig dem Kitsch ver­wehrte und deswe­gen die im West­en unterge­hende Sonne, die das Wass­er färbte, mit der Farbe von Orangen­saft ver­glich, dann kön­nte ich dies heute kaum glauben.

Die kom­menden Tage werde dort noch hin­un­ter­steigen, weil ich es gestern nicht tat. Und dann werfe ich die drei Eicheln ins Meer, die sieben Mar­roni, die zwei Steine, die Zitrone, die Rinde und die rät­sel­haften Samen, die ich auf dem Weg von San­ti­a­go hier­her trug. Sie alle ste­hen für einen grossen Dank oder je eine starke Bitte. Und bis dahin schnitze ich weit­er an meinem Wan­der­stab, welch­er vom Geiss­blatt schon vorge­formt ist. Und auch ihn werde ich dem Meer übergeben. Denn vor 40 Jahren war es noch ein Cre­do, dass man den Wan­der­stab ins Meer wirft, wenn man ankommt: Wie sin­nig! Dies aber ver­mochte ich 1988 nicht. Denn mein Pil­gern damals war zumin­d­est im weltlichen Sinne noch nicht fer­tig und mein junges Ich brachte es nicht übers Herz, den Stock loszu­lassen. Dies wurmte mich sei­ther all die Jahre ein biss­chen… Deswe­gen erfülle ich mir nun diesen Traum noch – respek­tive, erledi­ge ich diese Pen­denz.

Ankom­men heisst also auch, das loslassen kön­nen, was einen unglaublich herz­na­he begleit­ete. In diesem Sinne sage ich nun auch zu dir und zu euch allen, die ihr mich begleit­et habt: «Adieu!» Respek­tive: «Buen Camino!». Und ein riesiges Dankeschön geht auch an die Redak­tion von «Licht­blick»! Was wäre dieser Weg gewe­sen ohne diesen Kon­takt zu euch?

Ich sel­ber komme hier am Ende der Welt weit­er­hin gut an und sage zu mir: «Auch wenn ich wüsste, dass ich mor­gen gehen müsste, ich würde mir heute noch einen Wan­der­stab schnitzen».


Hannes Leo Meier
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