
Bild: © Roger Wehrli
Angekommen am Ende der Welt
Hannes Leo Meiers Camino von Santiago nach Fisterra
Nach bald vierzig Jahren hat der Autor und Geh-Coach den letzten Teil des Pilgerwegs, den er als 23-Jähriger gemacht hat, nochmals unter die Füsse genommen. Täglich hat der Pilger seine Eindrücke aufgeschrieben und mit uns geteilt. Inspiriert von einem Satz aus seinem Tagebuch, das er 1988 auf dem ersten Camino von Einsiedeln nach Santiago de Compostela und Finisterre führte. Die Sätze haben die «Lichtblick»-Redaktorinnen für ihn ausgewählt.
Liebe «Lichtblick»-Leserinnen und ‑Leser
Lesend sind Sie «mitgegangen» mit Hannes Leo Meier auf dem Weg von Santiago de Compostela nach Finisterre — oder Sie lesen jetzt dann gleich rein. Über Ihr «Mitgehen» freuen wir uns! Ebenso sind wir auch interessiert an Reaktion, Rückmeldungen oder Fragen:
* Welche Passage hat Sie besonders berührt, erstaunt, erfreut?
* Welche Textstelle hat bei Ihnen persönlich etwas ausgelöst — und was?
* Gibt es Fragen, die der Autor Ihnen beantworten könnte?
Schreiben Sie uns bis Ende November an unter dem Stichwort «Camino 2025».
Hannes Leo Meier nimmt die Zuschriften dann gerne entgegen und beantwortet Ihre Fragen.
Sonntag, 28. September 2025
Zum zweiten Mal in meinem Leben bin ich auf dem Platz vor der Kathedrale in Santiago de Compostela. Aus einer Seitengasse klingt wieder eine Gaita (Dudelsack, Anm. d. Red.), wie vor 38 Jahren, als ganze Gruppen mit diesem galizischen Instrument durch die Gassen zogen und einen Hinweis darauf gaben, dass die Galizier mehr mit den Engländern und Iren – also den Kelten – zu tun haben, als mit den eigentlichen Iberern.
Was es mit mir macht? Es ist eine Form der Rührung, der Berührung da. Einerseits freue ich mich, wieder hier zu sein oder sein zu können. Zwar habe ich diesmal keinen einzigen Pilgerkilometer gemacht und unterscheide mich deswegen ziemlich von den Hunderten, die hier täglich ankommen und teils in Jubel und Geschrei ausbrechen. Aber ich sah auch Leute unter Tränen. Und besonders die kann ich gut verstehen. Denn ein Ziel zu erreichen heisst nämlich auch, es zu verlieren.
Es gefiel mir besonders, mich auf den Platz zu legen — alle Viere von mir gestreckt, wie viele um mich herum dies auch taten. Es mag ein Zeichen des Abspannens sein, aber auch des Loslassens, des Nicht-mehr-Müssens, des grossen Ausatmens. Für mich ist das jetzt eine Feier auf mein Leben – welches auch eine grosse Wanderung ist – auf mein Leben, das ich in den letzten 38 Jahren leben und erleben durfte.
Damals, also 1988, brach ich in der Schweiz als Dreiundzwanzigjähriger auf, um die Tür zu meinem Leben vorbehaltlos aufzustossen. Ich hatte keine Ahnung, was aus mir werden könnte. Und jetzt ahne ich, was mein Weg mit mir gemacht hat und ich mit ihm.
Deswegen mag es gut sein, wenn wir im Leben ab und an Plätze aufsuchen, die uns eine Ahnung geben, welchen Weg, welche Wege wir zurückgelegt haben, zurücklegen durften – und welches immense Glück an Erfahrungen, Leistungen, Erlebnissen und Wachstum darin geborgen ist. Ähnlich einem Pilger, der sich auf seine hunderte von Fusskilometern zurückschauend freuen kann und sich jetzt, wie hier auf dem langersehnten Platz, nur noch glücklich ausstrecken darf.
Heute Abend ziehe ich nun den ersten Zettel und morgen gehe ich los, los zum Ende der Welt — nach Fisterra. Zum zweiten Mal, 38 Jahre später.



Montag, 29. September 2025
Heute bin ich von Santiago de Compostela aufgebrochen. Ich ging weg. Weg. Ich wollte weggehen und ich ging. Seither bin ich weg. Ich bin so quasi Weg. Mir gefällt diese Nähe der Bedeutung von «weggehen» und «Weg gehen». «Weg» als Präfix und als Nomen. Der berühmte Buchtitel von Hape Kerkeling könnte für mich auch heissen: «Ich bin dann mal Weg».

Für meinen heutigen Weg haben mir die «Lichtblick»-Redaktorinnen diesen Satz aus meinen Tagebüchern von damals mitgegeben. Was ich da vor 38 Jahren schrieb, kommt mir heute vor wie ein Koan (Begriff aus dem Zen-Buddhismus: Satzfragment, rätselhafte Frage, um den Geist herauszufordern, Anm. d. Red.). Vielleicht kann ich den Satz tatsächlich auch in dieser Art mitnehmen, mitgehenlassen.
Inhaltlich besagt er aber wohl, dass ich damals stark den Wunsch hatte, Santiago wieder zu verlassen. Erst wollte ich über Monate nur da hin. Und dann plötzlich dieser Drang, ja, dieser klare Entscheid! Es war nämlich so, dass ich nach vier Tagen genug hatte vom Feiern und vom Rummel zusammen mit all den Freunden, die ich kennen gelernt hatte auf dem Weg in Spanien. Während dieser Tage kam ich nicht einmal dazu, eine einzige Notiz nur in mein Tagebuch zu schreiben. Aber gezeichnet und skizziert habe ich wohl. Denn dass ich ein Bild, an dem ich anscheinend zweieinhalb Stunden gearbeitet hatte, danach verschenkte, dies schrieb ich Tage später noch nieder.
Ja, es muss mich richtiggehend in Richtung Finisterre gezogen haben. Ich denke, ich freute mich damals, wieder in den alten Gehmodus zu kommen, nämlich in das Alleine-Gehen. Dieses pflegte ich gezwungenermassen die ersten acht Wochen zwischen Einsiedeln und der französisch-spanischen Grenze. Denn kaum jemand ging zu jener Zeit den «Camino», in Mitteleuropa war er nicht bekannt. Es war sogar so, dass es in der Schweiz und danach bis nach Le Puy nicht einmal einen markierten Weg gab, geschweige denn Pilgerherbergen. Und genau so war es zwischen Santiago und Finisterre. Ich musste mich nach Santiago also wieder auf das «Wilde-Gehen» gefreut haben, um bis nach Finisterre den Weg selber zu finden und auch wieder draussen zu übernachten. Ausgerüstet mit einer für Autofahrer gedachten Karte war mir deswegen also klar, dass ich sicher nicht die ‹Optimallinie› gehen würde – was ich damals wohl mit Slalomgehen assoziierte.
Mir gefällt mein Satz aber noch in einer weiteren Hinsicht: Wenn es Zeit ist, aufzubrechen, dann soll man aufbrechen! Ich sage: «Geh, geh los, mach dich auf den Weg – werde Weg. Und mach es, auch wenn du nicht sicher bist, dass du die ‹Optimallinie› erwischen wirst.» Wichtig ist, dass du deinem Ziel entgegen gehst. Und ebenso wichtig ist es, was du unterwegs erlebst. Das Ziel selber macht dich nicht wirklich zu einem neuen Menschen, sondern das, was mit dir unterwegs geschieht. Also, steh auf und geh!
Ich bin heute nach guten 24 km Fussweg nun in Negreira angekommen – und schon ein bisschen ein anderer Mensch.




Dienstag, 30. September 2025

Unterwegs auf dem Camino ist es eine ständige Bedingung, sich beständig auf die gegebenen Bedingungen einzulassen: Regen, Sonne, Körper, Menschen… Und womöglich ist dieser Umstand eines der befreienden Gefühle auf diesem Weg. Dass man einerseits echt frei wählen kann – Gehen oder Nicht-Gehen – und dass man die Konsequenzen der Entscheidung selbst trägt.
Als ich mich damals vorbereitete, fragte ich mich sehr wohl, was ich denn neben dem Gehen auch noch tun würde. Es war mir bewusst, dass man nicht nur ob zu wenig Nahrung verhungern kann. Auch das innerliche Ausgelaugtsein erachtete ich als eine Bedrohung für mich unterwegs. Und so bepackte ich meinen Rucksack neben den Jonglierbällen auch noch mit einer Fischerrute, einem Skizzenbuch, meinem Aquarellkasten, mit Büchern – unter anderem mit «Der leere Spiegel» von Janwillem van de Wetering, weswegen mir von daher klar war, was ein Koan ist – mit einem Walkman für Kassetten zum Musikhören und um von unterwegs einmal eine Tonaufnahme machen zu können, sowie – und dies entdeckte ich erst wieder beim Lesen der Tagebücher – mit einer «Schnöregiige». Am Ende des Weges kam ich dann aber weder als Jongleur an, noch als Strassenmusiker, der zu werden ich mir damals auch erträumte. Das Zeichnen und Malen aber entwickelte ich unterwegs tatsächlich so weiter, dass ich mir nach dem Pilgern während einiger Zeit mein Geld als Strassenmaler verdienen konnte.
Auch heute habe ich mich auf meine Bedingungen eingelassen und mich klar entschieden: «Ich gehe nicht.» Erst fuhr ich mit dem Bus wieder zurück nach Ponte Maceira. Die mittelalterliche Brücke dort beeindruckte mich gestern beim Vorbeigehen dermassen, dass ich sie heute skizzieren wollte. Und als zweites war es mir wichtig, einem meiner Vorsätze wirklich Raum zu geben: Gib dir Zeit und nimm dir Zeit! Denn ich habe damals, vor 40 Jahren, den Camino auch als eine Art Schule für das Leben gelebt und so geht es mir auch heute: Hier kann ich bestens das angehen und mich in das hineingehen lassen, was ich mir wünsche, wie es in Zukunft auch gehen könnte.




Mittwoch, 1. Oktober 2025
Nach dieser zweiten Nacht in der Pilgerherberge «San José», wo man im Schlafsaal eine Studie machen könnte, welche Arten von Schnarchen es gibt, stand ich heute rechtzeitig auf und ging auf den Weg noch im Dunkeln. Auch Nebel lag im Städtchen und machte das Hinausgehen durchs Stadttor noch mehr in der Zeit verloren. Auf einem Pfosten sass im Obskuren eine Katze, als hüte sie den Weg von mir als Gralsritter und im Wald dann, als es endlich «katzdunkel» war und ich immer noch kein Licht machte, roch meine Nase plötzlich intensiver. Ich hörte den Tau von den Bäumen tropfen und meine Füsse erkannten einen wahren Teppich aus frisch gefallenen Kastanienigeln, was sich wohl anfühlte, wenn ich an einen Sturz dachte, aber den Händen dann wohl doch nicht so gefallen hätte. Sachte kam Licht in die Gegend und wie auf einen Schlag war plötzlich die Farbe da und das Herbstlaub begann zu strahlen.

Der heutige Begleitsatz bewies mir einmal mehr, dass wir eben das sehen, was wir in uns tragen. Wie ich so vor mich hinging, kam plötzlich eine alte Frau auf mich zu, wie damals auch, mit einem ebensolchen Hut. Bis dahin war mir keine Person mit so einer Kopfbedeckung aufgefallen. Ich sprach die Dame an und wir verstanden uns. In den letzten 40 Jahren hat sich hier in Galizien in Bezug auf die Armut wohl viel getan. Im Plaudern erfuhr ich von ihr, dass sie Carmen heisse und dass es ihr gut gehe.
Wie ich dann im Tagebuch nachschlug, fand ich eine Zeichnung zur Person von damals und die Beschreibung, dass diese Frau gestützt auf einen Stock und einer Rinde unterwegs gewesen war. Carmen aber freute sich, denn sie ging aufrecht. Als ich sie fragte, ob wir zusammen ein Foto machen würden, war sie glücklich.

Fünfzehn Kilometer später fiel mir in einer Schenke nochmals ein solcher Hut auf. Dieser hing an der Wand als Relikt aus früheren Zeiten. Hätte mich mein Satz nicht geleitet, hätte ich ihn wohl nicht gesehen und die Frau nicht bemerkt. Zum Thema Armut: Einen Wagen mit Holzrädern habe ich nur einen gesehen, ausgestellt als antiquarisches Objekt in einem Garten. Alle Bauern hier sind inzwischen mit Traktoren unterwegs. Vor 40 Jahren zogen manchmal noch Kühe solche Gefährte aus Holz und Frauen gingen mit zwei Kühen am Halfter zum Grasen auf die öffentlichen Feldwege hinaus. Es hat sich viel getan.
Zum Thema Armut und Pilgern liesse sich aber auch noch einiges sagen: Pilgern – oder Gehen auf dem Camino – ist im Kern ein freiwilliger Verzicht, eine Reduktion aufs Minimum und die Hingabe an die Entschleunigung. Anscheinend tut es vielen gut, denn der Camino wird von vielen Menschen begangen.
Heute ging ich gute 22 Kilometer und kam in Santa Mariña an. Jetzt lege ich mich in den Schlafsaal und werde mich wieder damit befassen, welche Arten von Schnarchen es gibt.








Donnerstag, 2. Oktober 2025
Wie kam nur dieser Satz in meinem Tagebuch? Er steht tatsächlich so und ebenso allein, ohne irgendeinen Bezug, der aus dem Heute noch erkennen liesse, woher dieser Wunsch nach einer Bibelschule rührte. Eine Bibelschule? Wären dort womöglich all jene Fragen beantwortet worden, die ich damals auf dem Camino in Bezug zum Christentum und zum Katholizismus gesammelt hatte?

So tönt es, wenn Hannes Leo Meier unterwegs ist auf seinem Weg ans Ende der Welt.
Tatsächlich machte ich mich 1988 mit fünf Interessenfeldern auf den Weg: Die eine Suche galt der Gretchenfrage: «Wie hast du’s mit der Religion?». Damals sagte ich mir: «Entweder ich komme in Santiago als Heiliger an oder als Atheist». Weiter beschäftigte ich mich damit, was ich in Zukunft beruflich machen werde. Als Drittes interessiert es mich, den Begriff der Freiheit auszuloten. Als Viertes fragte ich mich, wo ich mich wohl niederlassen werde, wo meine Heimat sei. Und als Fünftes ging ich auf den Weg, um in der partnerschaftlichen Liebe zwei bis vielleicht möglicherweise gar sieben Schritte weiterzukommen.
In Bezug zur Gretchenfrage schien ich am Ende des Caminos einen grossen Hunger gehabt zu haben, die Bibel besser verstehen zu können. Ob ich heute mehr weiss als damals?
Der Satz aus meiner Vergangenheit bescherte mir heute aber mindestens drei göttliche Momente: Der eine war ein Gespräch mit einer Fusspilgerin, die mir anvertraute, dass sie enttäuscht sei, weil sie wider Erwarten auf dem Camino Gott nicht begegnet sei – oder er ihr nicht. In allen Büchern, die sie gelesen habe, hätte es mindestens einen solchen magischen Moment gegeben. Als Zweites flog mir heute eine Gottesanbeterin über den Weg. Gelandet ist sie kaum zu erkennen, so gut getarnt ist sie. Eine Gottesanbeterin! Wenn dies kein Zeichen ist! Und als Drittes — und dies ist auch wahr und bestätigt noch einmal den Satz, dass wir sehen, was in uns ist — fand ich heute eine Pflanze, nach der ich seit mindestens fünf Jahren schon auf der Suche bin: Das gemeine Waldgeissblatt. Ich suchte es nicht, es fiel mir plötzlich einfach auf unterwegs.





Warum ist das Waldgeissblatt für mich so wichtig? Handwerker, die auf die Walz gehen, auf die Tippelei, haben Wanderstöcke mit speziellen Drehungen bei sich. Diese Drehungen vermag das Waldgeissblatt zu schaffen, weil es den Ast dermassen umrankt, dass der Baum nur aussen rum weiterwachsen kann. Diese Äste, aus denen die Stöcke gemacht werden können, sind folglich äusserst rar. Jetzt aber jetzt weiss ich, wo ich so einen Stock finden könnte.
Heute ging ich bei Sonnenaufgang los, ging 16 km weit, bestieg dazu noch zusätzlich einen Berg, und bin nun in einer bequemen und bezaubernden Herberge in Logoso angekommen. Zusammen mit bezaubernden Pilgerinnen und Pilgern.
Freitag, 3. Oktober 2025
Heute ging’s auf dem Weg durchs Geniesel und ins Grau. Der Weg verlor sich spätestens nach 100 m rätselhaft. Aber da hier der Camino inzwischen so sicher markiert ist, indem alle 300 m eine Steinsäule mit Pfeil und Kilometerangabe steht, sowie Pfeile und Muschelembleme gelb auf tiefblauem Grund in Mauern und Hauswänden eingelassen sind, ist es unmöglich, sich selbst bei schlimmstem Wetter zu verlieren. Eine Wegbegleiterin meinte zum Camino, er sei ein Abenteuer mit Sicherheitsgarantie.





Wobei, da möchte ich doch noch die bezaubernden Pilgerpersonen anführen, von denen ich gestern schrieb. Die Albergue von Logoso zeigt sich wirklich gediegen, ist aber abgelegen. Deswegen schafft es kein Gepäckservice dahin. Und folglich fanden sich gestern Abend auch nur Gehende dort ein, die ihr ganzes Gepäck auf sich tragen, diejenigen, die weitwandern. Und da kommt in so einem Ensemble einfach eine andere Stimmung auf. Wer schon mindestens 800 km in den Sohlen hat, der oder die ist allermeist schon recht bei sich. Solche Leute können zuhören, solche Leute können die Fünfe geradestehen lassen und sie wissen: «Heute ist heute und morgen geht es zu Fuss weiter». Da gibt es nichts zu bluffen, überhaupt nichts. Wir alle kamen zu Fuss hier an und wir alle gehen zu Fuss weiter. Und eigentlich ist das im Leben doch auch so.
Nun zum Satz des Tages: Ich gestehe, ich öffnete das Kuvert mit dem Zettel heute tatsächlich erst kurz bevor ich um 15 Uhr losmarschierte. Die anderen Tage davor machte ich das immer schon am Abend vorher. Heute aber war ich so beschäftigt mit meinem Stock und den Geissblättern und dem Wunsch, noch einmal malen zu gehen, dass ich für den Satz noch nicht parat war. Zudem wachte ich in der Nacht auf – wie alle Nächte davor auch – aber diesmal war mein Kopf einfach wohlig leer: Kein Gedanke zu oder über etwas, was ich noch müsste, oder sollte, oder nicht getan habe, oder jemand anders getan hat … nichts. Einfach eine stimmige und erfüllte Leere. Kein Groll, keine Pendenz, kein Gram, kein Neid, keine Schuld, … einfach: «Ja, so ist es gut».
Nun aber wirklich zurück zum Satz. Ich darf sagen, diese Lektion habe ich wirklich gelernt: Nicht rennen! Nicht rennen, wenn es nicht nötig ist! Und die eigentliche Kunst, nicht ins Rennen zu kommen, ist – so denke ich zumindest – wenn man sich seiner Schritte bewusst ist. Unser Gehen ist der grösste Gradmesser, sowohl als Hinweis, als auch als Werkzeug.
Wie schon gesagt, ich ging heute also erst um 15 Uhr los und machte dann bis Corcubión an die 17 km. Ich war sowohl im Gehen äusserst präsent und bei mir, als auch schon davor im «Noch-nicht-gegangen-Sein» – im Wald beim Suchen meines Geissblattstocks und auch am Bach beim Malen.
So, nun steht die letzte Nacht an, bevor ich morgen dann in Finisterre zum zweiten Mal in meinem Leben ankommen werde.
Warum ist das gemeine Waldgeissblatt für mich so wichtig? Handwerker, die auf die Walz gehen, auf die Tippelei, haben Wanderstöcke mit speziellen Drehungen bei sich. Diese Drehungen vermag das Waldgeissblatt zu schaffen, weil es den Ast dermassen umrankt, dass der Baum nur aussen rum weiter wachsen kann. Diese Äste, aus denen die Stöcke gemacht werden können, sind rar. Ich aber weiss jetzt, wo ich so einen Stock finden könnte.
Heute ging ich bei Sonnenaufgang los, ging 16 km weit, bestieg dazu noch zusätzlich einen Berg, und bin nun in einer bequemen und bezaubernden Herberge in Logoso angekommen. Zusammen mit bezaubernden Pilgerinnen und Pilgern.
4. Oktober 2025
Heute ist der 4. Oktober. Es ist 10.25 Uhr. Bald muss ich das Zimmer verlassen. Gestern beim Verfassen des Textes merkte ich, dass Nervosität aufkommt. Oder war es einfach die Müdigkeit, weil ich 17 km mit einer einzigen kurzen Essenspause zurückgelegt hatte? Nein, ich glaube nicht. Es ist das Ziel, welches mich nervös macht. Ankommen ist eine grosse Sache. Ankommen ist ein Geschwisterpaar mit dem Losgehen. Und im Ankommen wartet sehr viel auf einen, in meinem Falle sind es sogar mehrere Ebenen. Aber sicher ist, dass man kein Ziel erreichen kann, ohne es zu verlieren. Und meistens handelt man sich damit dann auch eine rechte Leere ein. Je grösser das Ziel ist, desto grösser ist auch die Leere danach.

Eine der Lehren aus meinem Camino von 1988 war, dass es sich lohnt, sich vor dem Ziel zu fragen, was alles noch getan oder gelebt oder erlebt sein müsse, dass wenn man dann das Ziel erreicht hat, man sich schlicht und einfach in diese Leere hineinfallen lassen kann. «Orientieren» ist die sechste meiner «Sieben Komponenten des Gehens» und gibt dir den Auftrag: Frage dich, woher du kommst. Frage dich, weswegen du überhaupt aufgebrochen bist. Frage dich, ob du unterwegs so erlebt und gelebt hast, dass es nun stimmig sein kann, anzukommen. Und sollte dem nicht so sein, dann mache noch alles, was es deiner Meinung nach braucht, damit du dich am Ziel nur noch in diese magische Leere hineinfallen lassen kannst; In diese Leere, die deinen Weg nun würdigt. Ja, dieses Loch, welches wir nicht gern haben, es ist elementar wichtig. Diese Leere ist der Raum, wo Anfang und Ende sich die Hand geben. Ohne Ankommen kein Losgehen. Und mit dieser Leere hinter dem Ziel würdigst du deinen Weg.
Und nun wartet eben diese Leere auf mich. 38 Jahre später werde ich heute zum zweiten Mal am Kap von Finisterre ankommen. Und in meiner Person werden mehrere Seiten von mir dann sehen, wie der Weg in die Wogen des Meeres verschwindet. Als Erstes wird da der jetzige Fusspilger sein, der seine sechstägige Wanderreise abschliesst. Aber es ist weiter auch ein Ich, welches sich lange danach sehnte, diese letzte Etappe noch einmal gehen zu können. Weiter ist es der 61-Jährige, der da an der Küste mit dem Blick in die Unendlichkeit dem imaginären 23-jährigen Ich begegnet (und wie ich dies hier schreibe, schiessen mir die Tränen in die Augen). Und vielleicht als Viertes kommt da auch ein 61-jähriger Mann an, der unendlich dankbar ist für sein Leben und sich in der sich zeigenden Leere auch die Frage stellen darf: «Quo vadis? Wohin des Weges? Worum geht es nun die kommenden Jahre?»
Nun aber wirklich zurück zum Satz: Diese Lektion habe ich wirklich gelernt. Nicht rennen! Nicht rennen, wenn es nicht nötig ist! Und die eigentliche Kunst, nicht ins Rennen zu kommen, ist – so denke ich zumindest – wenn man sich seiner Schritte bewusst ist. Unser Gehen ist der grösste Gradmesser, sowohl als Hinweis, als auch als Werkzeug.
Wie schon gesagt, ich ging heute also erst um 15Uhr los und machte dann bis Corcubión an die 17 km. Ich war sowohl im Gehen äusserst präsent und bei mir, wie auch davor im «Noch-nicht-gegangen-Sein» – im Wald beim Recherchieren um die Geissblätter und am Bach beim Malen.
So, nun steht die letzte Nacht an, bevor ich morgen dann in Finisterre zum zweiten Mal in meinem Leben ankommen werde.
4. Oktober 2025, zweiter Eintrag
Zwei Texte an einem Tag, das war weder so vorgesehen, noch war es mit der Redaktion abgemacht. Aber nun ist es so und es hat seinen Grund. Mir ist auf diesem Weg bewusst geworden, dass das Ankommen mindestens zwei explizite Seiten hat: Jene vor dem Ankommen und jene, nachdem man angekommen ist. Es gibt also – dies jedenfalls ist meine Erfahrung jetzt – die Welt der Vorstellung, wie das Ziel erreicht wird, mit all seinen Emotionen, Strategien, Plänen und Vorsätzen. Und dann gibt es den Weg zum Ziel, der sich dann möglicherweise ziemlich anders zeigt als vorgedacht. Und dann gibt es natürlich auch noch das Danach, diese schon eben zitierte mögliche wunderbare Leere.


Gestern und heute Morgen vor dem Aufbrechen war ich ziemlich gerührt. Während dem Morgenessen zum Beispiel lief am Fernseher – in allen spanischen Lokalen läuft zu allen Zeiten ein Fernseher – auf einem Kanal ein Zusammenschnitt von Preisübergaben und Siegerehrungen an Männer, die alle aus Ergriffenheit und Rührung weinten. Weiter berührte mich dies nicht. Erst als eine Familie gezeigt wurde, die sich nach 15 Jahren Trennung wieder fand, flossen auch bei mir die Tränen. Anscheinend fühlte ich mich mit ihnen verwandt in meinem kurz bevorstehenden Wiedersehen mit dem Kap und dem Städtchen Finisterre.
Dann aber ging ich wirklich los, draussen im Regen und im Niesel und ich schritt fest voran. Es war gar, als ob ich gezogen würde. Mein Lieblingssatz: «Der Mensch kommt zur Welt, um zu gehen», schien mich ganz zu ergreifen. In unterschiedlichen Tempi ging ich meinem Ziel entgegen. Und als ich das erste Mal in weiter Ferne das Kap erblickte, jauchzte ich. Als ich Finisterre zum ersten Mal sah, schrie ich, so dass Gehende um mich herum erschraken. Sie konnten ja nicht wissen, dass sich da nach 38 Jahren zwei zum ersten Mal wieder sehen.



Und dann ging’s ganz speziell weiter: Als ich das Dorf Fisterra in Richtung Kap verliess, verlangsamte sich mein Schritt. Ich zählte 88 Takte in einer Minute. Wie schön! Zwei aufgestellte Unendlichzeichen.
Und plötzlich ging mein junges Ich neben mir her. Manchmal nahm ich es sogar bei der Hand. Gemeinsam schritten wir auf das Kap zu und es erzählte mir, wie es hergekommen sei. Ich hörte ihm zu wie ein Vater. So, wie ich mir früher wünschte, mein Vater hätte mir so zuhören können. Es erzählte mir auch, wie sein Leben nach Finisterre weiterging damals, wie es nach Madrid gekommen sei, später nach Berlin und schliesslich nach Zürich an die Schauspielschule. Irgendwann erzählte ich ihm, wie ich jetzt lebe, dass ich drei Töchter hätte, weswegen ich überhaupt hergekommen sei und dass meine Partnerin schon seit zwei Tagen in Fisterra sei und wir uns hier nun während einer Woche der Leere hingeben könnten. Kurz bevor wir zusammen das Kap erreichten, schlüpfte mein junges Ich in mich hinein und wir gingen zusammen dahin, wo das Meer noch viel stärker brauste, als ich es in Erinnerung hatte. Und wieder war es, wie vor 38 Jahren, einfach gut.

5. Oktober 2025
Ich schreibe diesen letzten Eintrag auf dem Balkon unseres Appartements, welches wir die nächsten Tage bewohnen dürfen. Mein Blick geht hinaus auf den Strand, über welchen ich gestern hierher nach Fisterra reingewandert kam. Jetzt geht der Wind heftig und kühl, so dass die Windräder am Horizont, die ich Tage zuvor noch ruhend passierte, sich heftig drehen. Nun bin ich also wieder ein Sesshafter. Und auch die nächsten Tage geht es weiter ums Ankommen. Wirklich Ankommen heisst, die Vorstellungen vom Ziel mit den erreichten Wirklichkeiten tauschen. Dieser Satz geht nun schon seit gut zehn Jahren mit mir, seit ich mich als Sesshafter auch, aber schreibend, mit meinen Camino-Erinnerungen auseinandersetzte. Und ich glaube immer noch, dass wir uns selbst, aber auch allen Menschen um uns herum, Gutes tun, wenn wir das Losgehen, das Unterwegssein und das Ankommen üben und stetig lebendiger und organischer zu leben pflegen. Denn alles Leben ist Gehen. Und im Gehen erleben wir, wie es geht, dass es geht und warum es geht; es lässt uns erleben, wie mit stetigen kleinen Schritten unendliche Wege zurückgelegt werden.

So kann ich es heute nämlich kaum glauben, dass ich gestern noch daherkam, über jene Hügel hinweg. Und auch konnte ich es gestern kaum glauben, was ich am «Cabo Fisterra» vorfand. Ich meinte, mich zu erinnern, dass vor 40 Jahren sich der Weg dort sanft in die Fluten geneigt habe. Aber nichts da! Neben all den Touristen, den Cars, dem Souvenirshop und der Bar, die heute neu da sind und auf die ich mich bestens vorbereitet hatte, stürzte sich das Gelände vom Leuchtturmhaus her förmlich über gute 100 m in die Tiefe. Was? Da stieg ich damals als 23-Jähriger runter zum Meer? Und keine Notiz davon in meinem Tagebuch? Wenn es nicht aber den Text gäbe in meinem Tagebuch, wo ich beeindruckt von den Wellen schrieb und ich mich mutig dem Kitsch verwehrte und deswegen die im Westen untergehende Sonne, die das Wasser färbte, mit der Farbe von Orangensaft verglich, dann könnte ich dies heute kaum glauben.

Die kommenden Tage werde dort noch hinuntersteigen, weil ich es gestern nicht tat. Und dann werfe ich die drei Eicheln ins Meer, die sieben Marroni, die zwei Steine, die Zitrone, die Rinde und die rätselhaften Samen, die ich auf dem Weg von Santiago hierher trug. Sie alle stehen für einen grossen Dank oder je eine starke Bitte. Und bis dahin schnitze ich weiter an meinem Wanderstab, welcher vom Geissblatt schon vorgeformt ist. Und auch ihn werde ich dem Meer übergeben. Denn vor 40 Jahren war es noch ein Credo, dass man den Wanderstab ins Meer wirft, wenn man ankommt: Wie sinnig! Dies aber vermochte ich 1988 nicht. Denn mein Pilgern damals war zumindest im weltlichen Sinne noch nicht fertig und mein junges Ich brachte es nicht übers Herz, den Stock loszulassen. Dies wurmte mich seither all die Jahre ein bisschen… Deswegen erfülle ich mir nun diesen Traum noch – respektive, erledige ich diese Pendenz.





Ankommen heisst also auch, das loslassen können, was einen unglaublich herznahe begleitete. In diesem Sinne sage ich nun auch zu dir und zu euch allen, die ihr mich begleitet habt: «Adieu!» Respektive: «Buen Camino!». Und ein riesiges Dankeschön geht auch an die Redaktion von «Lichtblick»! Was wäre dieser Weg gewesen ohne diesen Kontakt zu euch?
Ich selber komme hier am Ende der Welt weiterhin gut an und sage zu mir: «Auch wenn ich wüsste, dass ich morgen gehen müsste, ich würde mir heute noch einen Wanderstab schnitzen».


