
Welche Werte in der Weltkirche?
Die Weltsynode ist vorbei – die ganz heissen Eisen, wie der Umgang mit Frauen und homosexuellen Menschen, wurden nicht angefasst. Welche Themen werden in Zukunft auf der Agenda der Kirche landen, und wer bestimmt das? Quo vadis, katholische Kirche?
Werden Frauen Zugang zu Weiheämtern bekommen, da die katholische Kirche das Argument der mangelnden Eignung von Frauen qua Geschlecht als überkommen ansieht? Wird die Kirche sich damit befassen, dass die Verurteilung der Homosexualität in der Bibel keine moralischen, sondern historische, kultische Wurzeln hat? Werden homosexuelle Paare ebenfalls kirchlich heiraten dürfen?
Nicht wenige – vor allem junge – Katholikinnen und Katholiken hatten die Hoffnung, dass die Weltsynode in Rom in diesen Fragen zumindest den Anstoss zu einer Veränderung hätte bringen können. Anfang des Jahres hatte der Papst verkündet, diese Fragen aus der Synode auszuklammern. Bei einigen Gläubigen sorgte das für Frustration. Eine Kirche, die die Menschenrechte ernst nimmt, die sich an ihnen orientiert – dafür setzen sie sich ein.
Innerhalb der Weltkirche werden diese Themen weiterhin kontrovers diskutiert. In verschiedenen Kulturen herrschen verschiedene Sichtweisen auf den Umgang mit Homosexualität vor. Auch die Überwindung patriarchaler Strukturen, die seit jeher in vielen Kulturen rund um den Globus zu finden sind, ist verschieden weit fortgeschritten, was sich auf die Stellung und Rolle der Frau auswirkt.
Die Frage, die hinter diesem Ringen steht, hinter der Entscheidung, welche Themen sich auf der Agenda des Papstes und der Kurie befinden, ist meiner Meinung nach: Welche Rolle werden europäisch initiierte Themen in Zukunft in der katholischen Kirche spielen?
Blick zurück
Schauen wir auf etwa 2000 Jahre Kirchengeschichte zurück, zeigt sich klar: Europa hat den Ton angegeben. Die allermeisten Päpste waren kulturell Europäer. Die Werte und Normen des historisch europäischen Kerngebiets der katholischen Kirche spielten und spielen eine zentrale Rolle für ihre Lehre. Sie ist nicht im luftleeren Raum, allein auf Basis der Bibel entstanden. Die Bibel wurde und wird von Menschen interpretiert, und deren kultureller und philosophischer Hintergrund hatte einen wesentlichen Einfluss auf die Übertragung des Bibeltextes in eine «Lehre». In den missionierten Erdteilen wurde diese eurozentristische Lehre grösstenteils als Norm und Massstab übernommen.
Und heute?
Es zeichnet sich ein Wandel ab. Mit Franziskus sitzt zum ersten Mal ein Papst aus dem Globalen Süden auf dem Sancta Sedes. Gleichzeitig nimmt der prozentuale Anteil der europäischen Katholikinnen und Katholiken an der Gesamtzahl der katholischen Menschen ab. 1900 machten die Europäerinnen und Europäer noch 68% der katholischen Menschen weltweit aus, 2022 waren es nur noch etwa 20%. Die Katholikinnen und Katholiken im Globalen Süden stellen also die Mehrheit in unserer Kirche.
Ich mutmasse, dass der Papst, als jemand, der selbst aus diesem Teil der Erde kommt, vielleicht ehrlicher darüber nachdenkt, dass die Zukunft der Kirche nicht mehr in Europa, sondern in Südamerika, Afrika und Asien liegen könnte. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf hätte er ein Interesse daran, sich in Fragen zu den oben genannten Themen an diesen Teilen der Kirche zu orientieren.
Eine Zerreissprobe
Die Vereinten Nationen haben bestimmte Menschenrechte definiert, hinter die auch die Kirche nicht mehr zurückgehen darf. Inwieweit diese Rechte im Globalen Norden vollumfänglich für alle Menschen umgesetzt werden und inwieweit wir Europäerinnen und Europäer bei diesen Themen eine Doppelmoral an den Tag legen, weil diese Rechte nicht für alle, sondern eben doch nur für einige Privilegierte gelten – das steht auf einem anderen Blatt.
Im Globalen Süden weichen die Ansichten zu manchen Menschenrechtsthemen – beispielweise zur Frage, wie mit nicht-heterosexuellen Menschen umgegangen wird – von unseren in Westeuropa ab. Beispiel Afrika: Die Ehe war und ist dort immer noch stark mit der Reproduktion verbunden. Die Ehe wird nicht nur für das Paar sondern für die gesamte Familie geschlossen, und aus ihr sollen Kinder hervorgehen. Ist einer der beiden Ehepartner unfruchtbar, wird erwartet, dass die fruchtbare Person auf anderem Weg Kinder in die Beziehung bringt. Ist die Frau unfruchtbar, kann Polygamie eine kulturell akzeptierte Lösung sein. Ein heterosexuelles Paar, das sich bewusst gegen Kinder entscheidet, wird höchstwahrscheinlich den Segen der Familien nicht bekommen, und es wird gar nicht erst zur Hochzeit kommen. Mit diesem spezifischen Bild von Ehe und Familie ist eine homosexuelle Ehe nicht vereinbar.
In uns Europäerinnen und Europäern kommt der Impuls hoch zu sagen: «Aber das sind Menschenrechte, die gelten universal und sollten auch universal anerkannt werden, erst recht von der Kirche.» Auch ich finde diesen Gedanken absolut legitim. Gleichzeitig dürfen wir die Geschichte nicht vergessen. Staaten und Kirchen aus Europa haben während der Kolonialisierung und Missionierung den Ländern des Globalen Südens die eigenen Strukturen und Lehren aufgezwungen. In gewissen Gebieten haben die Europäer patriarchale Strukturen überhaupt erst eingeführt. Die noch immer von der Kolonialzeit und ihren Folgen geprägten Lebensumstände verhindern ein Überwinden dieser Strukturen, denn da, wo Mangel herrscht, sind vor allem Frauen die Leidtragenden. Der Druck des Globalen Nordens auf den Globalen Süden zu einer erneuten Anpassung kann aus meiner Sicht leicht als Rückfall in alte Machtstrukturen oder als Neokolonialismus verstanden werden. Gleichzeitig finde ich es wichtig, auf der Universalität der Rechte von Frauen und nicht-heterosexuellen Menschen zu bestehen.
Ich bin gespannt, in welche Richtung sich die Kirche hier in den nächsten Jahren entwickeln wird.