Welche Werte ​in der Weltkirche?
Bild: © Mikhail Nilov/pexels

Welche Werte ​in der Weltkirche?

Die Weltsynode ist vorbei – die ganz heissen Eisen, wie der Umgang mit Frauen und homosexuellen Menschen, wurden nicht angefasst. Welche Themen werden in Zukunft auf der Agenda der Kirche landen, und wer bestimmt das? Quo vadis, katholische Kirche?


Wer­den Frauen Zugang zu Wei­heämtern bekom­men, da die katholis­che Kirche das Argu­ment der man­gel­nden Eig­nung von Frauen qua Geschlecht als überkom­men ansieht? Wird die Kirche sich damit befassen, dass die Verurteilung der Homo­sex­u­al­ität in der Bibel keine moralis­chen, son­dern his­torische, kul­tische Wurzeln hat? Wer­den homo­sex­uelle Paare eben­falls kirch­lich heirat­en dür­fen?

Nicht wenige – vor allem junge – Katho­likin­nen und Katho­liken hat­ten die Hoff­nung, dass die Welt­syn­ode in Rom in diesen Fra­gen zumin­d­est den Anstoss zu ein­er Verän­derung hätte brin­gen kön­nen. Anfang des Jahres hat­te der Papst verkün­det, diese Fra­gen aus der Syn­ode auszuk­lam­mern. Bei eini­gen Gläu­bi­gen sorgte das für Frus­tra­tion. Eine Kirche, die die Men­schen­rechte ernst nimmt, die sich an ihnen ori­en­tiert – dafür set­zen sie sich ein.

Inner­halb der Weltkirche wer­den diese The­men weit­er­hin kon­tro­vers disku­tiert. In ver­schiede­nen Kul­turen herrschen ver­schiedene Sichtweisen auf den Umgang mit Homo­sex­u­al­ität vor. Auch die Über­win­dung patri­ar­chaler Struk­turen, die seit jeher in vie­len Kul­turen rund um den Globus zu find­en sind, ist ver­schieden weit fort­geschrit­ten, was sich auf die Stel­lung und Rolle der Frau auswirkt.

Die Frage, die hin­ter diesem Rin­gen ste­ht, hin­ter der Entschei­dung, welche The­men sich auf der Agen­da des Pap­stes und der Kurie befind­en, ist mein­er Mei­n­ung nach: Welche Rolle wer­den europäisch ini­ti­ierte The­men in Zukun­ft in der katholis­chen Kirche spie­len?

Blick zurück

Schauen wir auf etwa 2000 Jahre Kirchengeschichte zurück, zeigt sich klar: Europa hat den Ton angegeben. Die aller­meis­ten Päp­ste waren kul­turell Europäer. Die Werte und Nor­men des his­torisch europäis­chen Kernge­bi­ets der katholis­chen Kirche spiel­ten und spie­len eine zen­trale Rolle für ihre Lehre. Sie ist nicht im luftleeren Raum, allein auf Basis der Bibel ent­standen. Die Bibel wurde und wird von Men­schen inter­pretiert, und deren kul­tureller und philosophis­ch­er Hin­ter­grund hat­te einen wesentlichen Ein­fluss auf die Über­tra­gung des Bibel­textes in eine «Lehre». In den mis­sion­ierten Erdteilen wurde diese eurozen­tris­tis­che Lehre grössten­teils als Norm und Massstab über­nom­men.

Und heute?

Es zeich­net sich ein Wan­del ab. Mit Franziskus sitzt zum ersten Mal ein Papst aus dem Glob­alen Süden auf dem Sanc­ta Sedes. Gle­ichzeit­ig nimmt der prozen­tuale Anteil der europäis­chen Katho­likin­nen und Katho­liken an der Gesamtzahl der katholis­chen Men­schen ab. 1900 macht­en die Europäerin­nen und Europäer noch 68% der katholis­chen Men­schen weltweit aus, 2022 waren es nur noch etwa 20%. Die Katho­likin­nen und Katho­liken im Glob­alen Süden stellen also die Mehrheit in unser­er Kirche.

Ich mut­masse, dass der Papst, als jemand, der selb­st aus diesem Teil der Erde kommt, vielle­icht ehrlich­er darüber nach­denkt, dass die Zukun­ft der Kirche nicht mehr in Europa, son­dern in Südameri­ka, Afri­ka und Asien liegen kön­nte. Mit diesem Gedanken im Hin­terkopf hätte er ein Inter­esse daran, sich in Fra­gen zu den oben genan­nten The­men an diesen Teilen der Kirche zu ori­en­tieren.

Eine Zerreissprobe

Die Vere­in­ten Natio­nen haben bes­timmte Men­schen­rechte definiert, hin­ter die auch die Kirche nicht mehr zurück­ge­hen darf. Inwieweit diese Rechte im Glob­alen Nor­den vol­lum­fänglich für alle Men­schen umge­set­zt wer­den und inwieweit wir Europäerin­nen und Europäer bei diesen The­men eine Dop­pel­moral an den Tag leg­en, weil diese Rechte nicht für alle, son­dern eben doch nur für einige Priv­i­legierte gel­ten – das ste­ht auf einem anderen Blatt.

Im Glob­alen Süden weichen die Ansicht­en zu manchen Men­schen­recht­s­the­men – beispiel­weise zur Frage, wie mit nicht-het­ero­sex­uellen Men­schen umge­gan­gen wird – von unseren in Wes­teu­ropa ab. Beispiel Afri­ka: Die Ehe war und ist dort immer noch stark mit der Repro­duk­tion ver­bun­den. Die Ehe wird nicht nur für das Paar son­dern für die gesamte Fam­i­lie geschlossen, und aus ihr sollen Kinder her­vorge­hen. Ist ein­er der bei­den Ehep­art­ner unfrucht­bar, wird erwartet, dass die frucht­bare Per­son auf anderem Weg Kinder in die Beziehung bringt. Ist die Frau unfrucht­bar, kann Polyg­a­mie eine kul­turell akzep­tierte Lösung sein. Ein het­ero­sex­uelles Paar, das sich bewusst gegen Kinder entschei­det, wird höchst­wahrschein­lich den Segen der Fam­i­lien nicht bekom­men, und es wird gar nicht erst zur Hochzeit kom­men. Mit diesem spez­i­fis­chen Bild von Ehe und Fam­i­lie ist eine homo­sex­uelle Ehe nicht vere­in­bar.

In uns Europäerin­nen und Europäern kommt der Impuls hoch zu sagen: «Aber das sind Men­schen­rechte, die gel­ten uni­ver­sal und soll­ten auch uni­ver­sal anerkan­nt wer­den, erst recht von der Kirche.» Auch ich finde diesen Gedanken abso­lut legit­im. Gle­ichzeit­ig dür­fen wir die Geschichte nicht vergessen. Staat­en und Kirchen aus Europa haben während der Kolo­nial­isierung und Mis­sion­ierung den Län­dern des Glob­alen Südens die eige­nen Struk­turen und Lehren aufgezwun­gen. In gewis­sen Gebi­eten haben die Europäer patri­ar­chale Struk­turen über­haupt erst einge­führt. Die noch immer von der Kolo­nialzeit und ihren Fol­gen geprägten Leben­sum­stände ver­hin­dern ein Über­winden dieser Struk­turen, denn da, wo Man­gel herrscht, sind vor allem Frauen die Lei­d­tra­gen­den. Der Druck des Glob­alen Nor­dens auf den Glob­alen Süden zu ein­er erneuten Anpas­sung kann aus mein­er Sicht leicht als Rück­fall in alte Macht­struk­turen oder als Neokolo­nial­is­mus ver­standen wer­den. Gle­ichzeit­ig finde ich es wichtig, auf der Uni­ver­sal­ität der Rechte von Frauen und nicht-het­ero­sex­uellen Men­schen zu beste­hen.

Ich bin ges­pan­nt, in welche Rich­tung sich die Kirche hier in den näch­sten Jahren entwick­eln wird.

Leonie Wollensack
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