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«Europa befindet sich im Wandel»
Siebter DispuTALK in Baden mit Markus Notter, Präsident des Europa Instituts an der Uni Zürich
Am 13. Februar fand im reformierten Kirchgemeindehaus in Baden der siebte DispuTALK statt. Zu Gast war Markus Notter, ehemaliger Regierungsrat des Kantons Zürich und Präsident des Europa Instituts an der Universität Zürich. Mit Pfarrer Hans Strub sprach er über die heutige und zukünftige Lage Europas und der Schweiz in der Welt.
Markus Notter hat sich in seinem Leben viel mit Politik auseinandergesetzt. Er studierte Rechtswissenschaft an der Universität Zürich und wurde noch während seines Promotionsstudiums Teil des Zürcher Kantonsrats. Bis ins Jahr 2011 hatte Markus Notter verschiedene politische Ämter inne. Während seiner Zeit als Kantonsrat war er auch sechs Jahre lang vollamtlicher Stadtpräsident von Dietikon. 1996 wurde Markus Notter in den Zürcher Regierungsrat gewählt. In dieser Funktion stand er fünfzehn Jahre lang der Direktion der Justiz und des Innern vor. Somit hatte Notter auch die Verantwortung für die Beziehung zwischen dem Kanton Zürich und den Kirchen, denn der Direktion der Justiz und des Innern untersteht auch die Fachstelle Religion.
Das politische Geschehen beschäftigt ihn weiterhin
Während seiner Zeit als Regierungsrat hat Markus Notter nicht nur massgeblich zur Entwicklung des Rechts und der Rechtskultur im Kanton Zürich beigetragen, sondern auch bei der Etablierung der heutigen Kirchengesetzgebungen mitgewirkt. 2011 trat er als Regierungsrat zurück, doch das politische Geschehen in der Schweiz und weltweit beschäftigt ihn in seiner heutigen Funktion als Präsident des Europa Instituts an der Universität Zürich weiterhin.
«Müssen wir Angst haben?»
Die geopolitische Lage hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, der durch den Angriff der Hamas auf Israel im Oktober 2023 eskalierte Nahost-Konflikt, die erneute Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA und andere geopolitische Entwicklungen haben dazu geführt, dass die Welt deutlich instabiler ist als noch vor einigen Jahren. Wir leben, geopolitisch, in einer Zeit grosser Unsicherheit und dies ist auch in Europa und der Schweiz spürbar. Dementsprechend ist Hans Strubs erste Frage an Markus Notter: «Ist Europa gefährdet? Sind wir von Russland bedroht und von den USA im Stich gelassen worden? Müssen wir Angst haben?»
Europa muss selbständiger werden
Tatsächlich ist die Sorge der Menschen in der Schweiz und in ganz Europa in Anbetracht der aktuellen geopolitischen Lage nach Markus Notters Einschätzung gerechtfertigt. So habe die US-Regierung bereits unter Barack Obama angedeutet, dass es aus Sicht der USA an der Zeit sei, dass Europa wieder selbstständiger wird. Diese Erwartung seitens der USA hat sich unter dem aktuellen US-Präsidenten Donald Trump wohl noch einmal deutlich verstärkt. Zugleich betont er aber auch, dass Europa ja nicht völlig machtlos sei und auch über eigene Ressourcen verfüge.
Ein komplexes Gefüge, das Potenzial hat
Markus Notter sieht die aktuelle Herausforderung Europas darin, sich neu zu organisieren. «Europa ist ein komplexes Gefüge. So funktioniert beispielsweise die Europäische Union basierend auf einem langwierigen Entscheidungssystem und kann nicht zentral gelenkt werden.» Zurzeit befinde sich Europa jedoch im Umbruch, in einer grossen Veränderungsphase. Markus Notter glaubt, dass Europa durchaus das Potenzial hat, sich zu einer starken Kraft in der Welt zu entwickeln. Wie genau das Europa der Zukunft aussehen werde, sei im Moment allerdings noch schwer abzusehen. Und nicht nur Europa als Ganzes, sondern auch die Schweiz befinde sich im Wandel.
Fertig mit Durchwursteln?
Auf Hans Strubs Frage, ob es mit der Sonderposition der Schweiz endgültig vorbei sei, antwortet Markus Notter: «Ich würde sagen, tendenziell ja. Und gleichzeitig hat sich die Schweiz bisher immer irgendwie durchgewurstelt. Gewissermassen verfolgt die Schweiz nach wie vor die Strategie, sich stets im letzten Moment irgendwie anzupassen.» Er glaube allerdings nicht, dass die Schweiz länger so tun könne, als würde sie die Weltpolitik nichts angehen. Vermutlich werde sie sich in Zukunft auch stärker ins westliche Europa integrieren müssen, beispielsweise mit Hinblick auf die russischen Aggressionen. Denn allein verteidigen könne sich die Schweiz nicht. Was die Neutralität der Schweiz betrifft, sagt Markus Notter: «Wenn das Prinzip der Neutralität hinderlich wird, ist es wohl nicht sinnvoll, es weiterhin zu verfolgen.»
Frieden ist die grosse Herausforderung unserer Zeit
Zum Abschluss des Gesprächs bittet Hans Strub seinen Gast, einen der grossen Leitbegriffe der Gedenkfeierlichkeiten zum 500-jährigen Jubiläum der Badener Disputation zu wählen. Markus Notter entscheidet sich für den Begriff des Friedens, denn er ist der Ansicht, dass dies die grosse Herausforderung unserer Zeit ist, international, aber auch innerstaatlich.
Zum ganzen Programm geht es hier
Die Badener Disputation im Jahr 1526 war ein historischer Meilenstein für den Dialog zwischen den Konfessionen in der Schweiz. Die Gespräche über die theologischen Wahrheiten und Glaubensgrundlagen fanden während drei Wochen im Mai und Juni 1526 in der Badener Stadtkirche statt, Teilnehmer waren Vertreter der 13 Alten Orte der Eidgenossenschaft sowie Theologen aus dem In- und Ausland. Zur 500-Jahr-Feier der Badener Disputation organisieren die Reformierte Kirche Baden plus und die Katholische Kirchgemeinde Baden-Ennetbaden ein umfangreiches Jubiläumsprogramm unter dem Titel «Disput(N)ation». Das Projekt will Geschichte lebendig machen, den Dialog in der Gesellschaft stärken und verschiedenste Menschen einbinden.