
Warum Gemeinschaften Missbrauch relativieren
Psychologin Fanny Lalot erklärt im Interview mit ref.ch, warum Gruppen dazu tendieren, bei Vorwürfen die eigenen Mitglieder zu schützen statt Betroffenen zu glauben.
Es ist ein bekanntes Phänomen. Nach Anschuldigungen von sexuellem Missbrauch geraten mutmassliche Opfer in den Fokus: Ihre geschilderten Vorfälle werden bagatellisiert, relativiert oder es wird den Opfern gar eine Teilschuld zugeschoben.
Dass Missbrauchsanschuldigungen auch in Kirchgemeinden zu unterschiedlichen Reaktionen führen können, hat unlängst der Fall des «Jugendpfarrers» aus Baselland gezeigt. Ein langjähriger kirchlicher Mitarbeiter hatte sich durch einen Vorwand Nacktfotos von Konfirmandinnen erschlichen.
In einem offenen Brief schrieb Kirchenratspräsidentin Regine Kokontis, es gebe Menschen in der Gemeinde, die kaum glauben könnten, dass ausgerechnet dieser ehemalige Mitarbeiter die Integrität junger Menschen verletzt habe. «Ich bitte sie, auch wenn es weh tut, anzuerkennen, was zu Tage kam.» Das sei der erste wichtige Schritt, damit Heilung geschehen könne (ref.ch berichtete).
Psychologin Fanny Lalot von der Universtität Basel forscht zu Vertrauensverhältnissen, Gruppendynamiken und sozialen Identitäten. Im Interview erklärt sie die Mechanismen.
Frau Lalot, wieso reagieren Menschen mit Ablehnung auf Vorwürfe von Missbrauch, selbst wenn die Fakten klar scheinen?
Meine Antworten sollen kein Fingerzeig oder eine Entschuldigung sein, sondern Verständnis schaffen. Erst wenn wir uns eingestehen, dass wir die Tendenz haben, blind zu sein, können wir dies ändern. Abwertende Reaktionen lassen sich mit zwei Verhaltenskategorien erklären, die in Kombination besonders stark wirken: Der voreingenommenen Wahrnehmung (biased perception) und der Bereitschaft, die eigene Gruppe zu schützen (willingness to protect the group).
Zur Person
Die 35-jährige Fanny Lalot ist Doktorin der Psychologie. Sie forscht an der Fakultät der Universität Basel zu Vertrauen, Gruppendynamiken und sozialen Identitäten. Aktuell leitet sie ein vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) unterstütztes Forschungsprojekt zu zwischenmenschlichem Vertrauen. (gab)

Erklären Sie bitte.
Die Welt kann für uns mit ihrer Komplexität beängstigend sein, wir neigen dazu, sie in einer vereinfachten Sichtweise zu betrachten. Unser Hirn ist programmiert, in Kategorien zu denken. Menschen bevorzugen es, wenn Dinge schwarz oder weiss sind. Das gibt uns Sicherheit und ist komfortabel.
Sobald wir die Dinge in einem bestimmten Licht betrachten, spielt der «Confirmation Bias» eine Rolle. Wir schenken jenen Informationen mehr Aufmerksamkeit, die uns in unserer Sichtweise bestätigen. Informationen, die unserem Bild widersprechen, ignorieren wir hingegen eher. Wir sehen das auch in engen, toxischen Beziehungen. Betroffene sagen: Er oder sie ist gar nicht so ein schlechter Mensch.
Kommt es auch auf die Art und Weise an, wie die negativen Informationen auftauchen?
Ja. Wenn ich eine Person lange in einem sehr positiven Licht sehe und plötzlich tauchen beispielsweise Missbrauchsvorwürfe auf, ist das sehr widersprüchlich und konfliktgeladen. Wem kann ich vertrauen? Gerade Führungspersonen werden in solchen Situationen stark anhand der positiven Errungenschaften für die Gruppe beurteilt. Das wird gegen die schlechten Dinge abgewogen und man ist in vielen Fällen eher bereit, die schlechten Taten zu vergeben.
In der Psychologie gibt es auch den sogenannten «Just-World-Belief». Wofür steht dieser?
Gewisse Leute glauben, dass die Welt grundsätzlich gerecht ist. Wenn einer Person etwas Schlimmes widerfährt, wie etwa ein Missbrauch, verdient es diese Person aus Sichtweise des «Just-World-Beliefs» in einem gewissen Mass. Ansonsten könnte man das Bild der gerechten Welt nicht aufrechterhalten.
Wie äussert sich das?
Der Klassiker ist das «Victim-Blaming»: Es dient dem Zweck, die Aussenstehenden zu beruhigen. Die Logik dahinter: Solange ich mich selbst nicht in eine «gefährliche» Situation begebe, bin ich sicher. Man sieht viele Frauen oder Angehörige, die Vergewaltigungsopfern eine Mitschuld geben. Sie sagen: Sie war so spät unterwegs oder hast du gesehen, was sie anhatte? Wir machen das, um uns selbst zu schützen. Wir denken: Solange ich nicht spätabends in gewissen Kleidern unterwegs bin, wird mir das nie passieren.
Bei den Betroffenen kann eine Selbstbeschuldigung stattfinden. Sie starten mit Selbstzweifeln: Vielleicht haben sie Signale gesendet, die falsch interpretiert werden konnten. Je vertrauenswürdiger eine Täterperson ist und je mehr Macht sie hat, umso öfter passiert das. Das macht es für die Betroffene noch viel schwieriger, ihr Opfersein zu anerkennen.
Sie haben eingangs von der Bereitschaft, eine Gruppe zu schützen, gesprochen. Können Sie das ausführen?
Gruppen können auf Missbrauchsfälle auf drei Arten reagieren: Öffentliches Handeln, internes Handeln oder aber man ignoriert das Problem. Internes Handeln kann je nach Fall angebracht sein, das ist die Einzelfall-Theorie des schlechten Apfels, den man aussortieren muss. Das Problem dabei ist: Sobald man sich auf dieser Ebene befindet, ist es verlockend, sich nicht mehr um die Aufarbeitung zu kümmern.
Wer sich stark mit der Gruppe identifiziert, setzt sich wahrscheinlich sehr für sie ein.
Genau. Das ist grundsätzlich etwas Gutes. Es hat aber zwei Seiten: Es gibt Menschen mit einer «sicheren» Identität, die psychische Grundbedürfnisse wie positives Selbstvertrauen und Zugehörigkeit mitbringen. Sie können die Gruppe toll finden und sich dennoch eingestehen, dass es Probleme gibt, über die man ehrlich sprechen muss. Es braucht ein Fundament der Selbstsicherheit, um eine Gruppe konstruktiv zu kritisieren.
Auf der anderen Seite stehen Personen mit einer defensiven sozialen Identität. Sie halten ihre Gruppe für das Allerbeste und verstehen nicht, wieso der Rest der Gesellschaft das nicht teilt. Man muss anderen beweisen, dass die eigene Gruppe das Allergrösste ist. Das ist keine gute Form von Identität. Individuen mit einer defensiven Identität haben ihre psychischen Grundbedürfnisse nicht vollends erfüllt. Sie holen sich den Selbstwert in der Gruppe. Das macht sie hypersensibel gegenüber allem, das das positive Image der Gruppe bedrohen könnte.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Viele interreligiöse Konflikte lassen sich auf dieses Phänomen zurückführen. Jeder glaubt, der eigene Gott sei der Richtige. Es gibt zudem eine interessante Studie aus Polen von 2022. Sie konnte eine positive Korrelation zwischen der defensiven Identität und dem «Victim-Blaming» von Pädophilie-Betroffenen nachweisen. In solchen Fällen gibt es auch innerhalb der Gruppe viel Feindseligkeit. Man macht also nicht nur die Betroffenen mundtot, sondern auch Mitglieder, die bereit wären, das Problem anzusprechen und zu lösen. Das Aufrechterhalten des positiven Images wird höher gewichtet als das Wohlbefinden von einzelnen Gruppenmitgliedern.
Wie schafft man es, das Vertrauen nach einem Bruch wieder aufzubauen?
Das ist sehr kompliziert. Die Frage ist, ob man das als Betroffene überhaupt noch will. Bei einem einzelnen Vorfall, der von einem Täter stark bereut wird, kann das möglich sein. Vergeben zu können ist ein wichtiger Teil davon. Institutionen müssen sich der Aufarbeitung stellen, um das Vertrauen stückweise zurückzugewinnen. Sie müssen den Betroffenen Glauben schenken und ihnen ihre Unterstützung anbieten. Diese Bereitschaft zur Veränderung auszustrahlen ist sehr wichtig.
Wenn sich die Institution gegenüber einer Aufarbeitung hingegen verschliesst, kommt es für die Betroffenen zu einem zweiten Verrat: Die Institution scheiterte schon an ihrer Aufsicht, dass eine Person solchen Schaden anrichten kann und danach hilft man nicht genügend. Bei religiösen Institutionen ist der moralische Anspruch besonders hoch. Wer wenn nicht die Kirche müsste den Opfern Gehör schenken?
Wenn Sie den Fall in Baselland betrachten: Fiel die Reaktion der Kirche gut genug aus?
Eine gute Entschuldigung besteht laut der Forschung aus sechs Elementen. Zunächst wird Bedauern ausgedrückt, darauf folgt eine Erklärung, die darlegt, weshalb es zum Fehlverhalten gekommen ist, ohne dieses zu relativieren. Zentral ist die Anerkennung der eigenen Verantwortung, indem klar benannt wird, dass das eigene Handeln falsch war. Ergänzt wird dies durch eine Erklärung der Reue, verbunden mit dem Versprechen, den Fehler künftig nicht zu wiederholen. Ein weiteres wichtiges Element ist das Angebot der Wiedergutmachung, also ein konkreter Vorschlag, wie der entstandene Schaden behoben werden kann. Den Abschluss bildet die ausdrückliche Bitte um Vergebung gegenüber der betroffenen Person.
Basierend auf der Berichterstattung hat die Kirche Baselland diese sechs Elemente alle berücksichtigt. Es sieht so aus, als habe sie eine perfekte Antwort gegeben, oder zumindest eine so gute, wie es unter den gegebenen Umständen möglich ist. Ich weiss nicht, ob man daraus schliessen kann, dass die Kirche genug gemacht hat. Aber zumindest bringen sie klar zum Ausdruck, dass sie die Angelegenheit sehr ernst nehmen, die Opfer sehr ernst nehmen und bereit sind, die notwendigen Änderungen vorzunehmen, damit sich ein solcher Vorfall nicht wiederholt. Insofern ein starker Anfang.
Wie können Geldzahlungen mutmasslichen Opfern helfen?
Für Betroffene steht meist nicht das Geld als Wiedergutmachung im Zentrum. Entscheidend ist vielmehr, dass Verantwortung übernommen wird, die Tatsachen anerkannt werden und glaubhaft sichergestellt ist, dass sich solche Vorfälle nicht wiederholen. Eine finanzielle Entschädigung ohne ein einziges Wort der Entschuldigung kann leicht als Versuch wahrgenommen werden, ein Opfer «freizukaufen» und zum Schweigen zu bringen, ohne dass dies Konsequenzen für den Täter hätte. Wenn ein Schaden klar identifizier- und quantifizierbar ist, wird eine direkte Entschädigung eher geschätzt. Ist der Schaden hingegen schwer messbar, etwa bei psychischen Folgen oder Vertrauensbruch, kann eine symbolische Wiedergutmachung genauso wichtig sein. Teilweise reicht sogar eine glaubwürdige Entschuldigung aus.
Der Artikel ist zuerst bei ref.ch erschienen.