Schnittmenge​ Medizin und Religion

Dieses Fresko im Kloster Muri stellt die Heilung eines Blinden durch Jesus dar. Das Motiv steht in Verbindung zur klösterlichen Tradition der Benediktiner Muris, die während Jahrhunderten Arzneigärten pflegten, medizinisches Wissen sammelten und Krankenpflege betrieben.
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Schnittmenge​ Medizin und Religion

Über 30 Jahre war Urs Pilgrim Facharzt in Muri und merkte früh, dass Schulmedizin ohne Spiritualität an Grenzen stösst. Inspiriert vom Kloster Muri verfasste der Kulturförderer Bücher über die tiefe Verbindung von Biologie, Glauben und Heilen.

Urs Pilgrim, Sie blicken auf eine lange praktische Tätigkeit als Hausarzt in Muri zurück. Wie sind Sie dazu gekommen, sich intensiv mit der Schnittmenge von Medizin und Religion auseinanderzusetzen?

Urs Pil­grim: Diese Erken­nt­nis ist über Jahrzehnte in der täglichen Begeg­nung mit meinen Pati­entin­nen und Patien­ten gereift. Wenn man eine Prax­is in ein­er ländlichen Region wie dem Freiamt führt, teilt man Lebens­geschicht­en. Ich habe gemerkt, dass die wis­senschaftlich ori­en­tierte Schul­medi­zin wohl ein unverzicht­bares Fun­da­ment bildet, den Men­schen aber oft unvoll­ständig darstellt.

Wie meinen Sie das?

Beson­ders am Kranken­bett stösst unsere Appa­ratemedi­zin in exis­ten­ziellen Phasen an Gren­zen. Ich durfte erleben, dass gläu­bige Men­schen in Krisen oft eine bemerkenswerte innere Gebor­gen­heit besassen. Sie hat­ten weniger Angst vor dem Tod, weil sie sich getra­gen fühlten – sei es durch Gott oder eine tiefe Spir­i­tu­al­ität. Das prägte mich zutief­st.

Sie sind aber auch sehr mit der ­Geschichte der Medizin verbunden.

Ja, denn par­al­lel zu mein­er prak­tis­chen Arbeit faszinierte mich die Geschichte des Klosters Muri. Beim Betra­cht­en der jahrhun­derteal­ten Fresken wurde mir bewusst: Früher waren Medi­zin und Reli­gion untrennbar ver­woben. Die Mönche waren Seel­sorg­er und «Kör­per­sorg­er» zugle­ich. Diese his­torische Beobach­tung brachte mich dazu, sys­tem­a­tisch zu erforschen, wie stark unsere Biolo­gie mit unser­er Spir­i­tu­al­ität verknüpft ist.

Urs Pil­grim ist pen­sion­iert­er Hausarzt, Internist und Rheuma­tologe. Neben der Medi­zin beschäftigt sich Urs Pil­grim mit Geschichte, Reli­gion und Kul­tur und engagiert sich für das ehe­ma­lige Kloster Muri. Sein Buch «Was hil­ft? Medi­zin und Reli­gion in Bildern aus dem Kloster Muri» ist 2020 im The­ol­o­gis­chen Ver­lag Zürich erschienen (ISBN 978–3‑290–20191‑3). | © zVg


Was unterscheidet Religion und Medizin im Kern – und wo liegt die entscheidende Verbindung, die Sie in Ihren Büchern beschreiben?

Die mod­erne Medi­zin sucht nach dem «Wie»: Sie analysiert bio­chemis­che Prozesse und ther­a­piert den materiellen Kör­p­er mit Medika­menten oder Oper­a­tio­nen. Die Reli­gion hinge­gen fragt nach dem «Warum»: Sie sucht nach Sinn, Trost und Ori­en­tierung im Lei­den. Die Medi­zin repari­ert, die Reli­gion deutet.

Gibt es denn da noch Schnittmengen?

Trotz dieser schein­baren Gegen­sätze gibt es eine riesige, wis­senschaftlich mess­bare Schnittmenge. In meinem Buch «Homo reli­gio­sus» zeige ich auf, dass Spir­i­tu­al­ität tief in unser­er Biolo­gie und Evo­lu­tion­s­geschichte ver­ankert ist. Wenn ein Men­sch glaubt, betet oder medi­tiert, schal­tet er den Ver­stand keineswegs aus. Im Gehirn wer­den nach­weis­bar neu­ro­bi­ol­o­gis­che Prozesse in Gang geset­zt. Die Auss­chüt­tung von Stresshormo­nen wie Cor­ti­sol sinkt, während das Immun­sys­tem gestärkt und Schmerzen gelin­dert wer­den. Glaube ist kein the­o­retis­ches Kon­strukt, son­dern eine hochwirk­same psy­cho­so­ma­tis­che Ressource für das Gesundw­er­den und Gesund­bleiben. Kör­p­er und Seele bilden eine untrennbare Ein­heit.


Dem Begriff des «Heilens» kommt in beiden Disziplinen eine zentrale Rolle zu. Welche Bedeutung kommt dem Heilen in der Medizin im Vergleich zur Religion zu?

In der Medi­zin wird Heilen oft rein funk­tion­al ver­standen: die Abwe­sen­heit von Krankheit, das Schliessen ein­er Wunde oder das Ver­schwinden eines Tumors. Das ist ein tech­nis­ch­er Erfolg. Doch ein Men­sch kann klin­isch «geheilt» ent­lassen wer­den und in sein­er Seele den­noch zutief­st gebrochen oder ein­sam sein.

Und die Religion?

Sie ver­ste­ht das Heilen in einem viel umfassenderen, ganzheitlichen Sinn: als ein «Heil-Wer­den». Es geht um die Wieder­her­stel­lung der inneren Bal­ance, um Ver­söh­nung mit dem eige­nen Schick­sal und die Ein­bet­tung in ein grösseres Ganzes. Ein his­torisches Beispiel ist Jesus von Nazaret: Seine Heilun­gen waren nie isolierte medi­zinis­che Ein­griffe. Er heilte durch Zuwen­dung, das Durch­brechen sozialer Iso­la­tion und die Ver­mit­tlung von Näch­sten­liebe.


Die Votivtafeln im Kloster Mari­astein wur­den aus Dankbarkeit ange­bracht. | © zVg


Was sind die Verbindungen?

Wahre Heilung ist ein syn­er­getis­ch­er Prozess. Die Medi­zin schafft die biol­o­gis­chen Voraus­set­zun­gen, lin­dert den Schmerz und bekämpft den Erreger. Aber das eigentliche Heil­w­er­den – das Annehmen ein­er chro­nis­chen Erkrankung oder das friedliche Loslassen am Lebensende – erfordert die Spir­i­tu­al­ität. Die Medi­zin sorgt für das Über­leben, die spir­ituelle Dimen­sion für das innere Frei­sein.

Welchen Bezug zum Heiligen und zum Heilen gibt es neben dem Christen­tum auch in anderen Religionen und Kulturen?

Das Phänomen, dass das Heilige und das Heilen Hand in Hand gehen, ist ein «anthro­pol­o­gis­ches Uni­ver­sale» – wir find­en es in fast allen Kul­turen der Men­schheits­geschichte. Die Tren­nung zwis­chen Arzt und Priester ist eine rel­a­tiv junge Errun­gen­schaft der west­lichen Aufk­lärung. In den antiken Hochkul­turen Ägyptens und Griechen­lands waren die Hei­lerin­nen und Heil­er immer auch Mit­t­lerin­nen und Mit­tler zum Göt­tlichen. Denken Sie an den Askle­pios-Kult, bei dem Kranke in Tem­peln schliefen, um im Traum Heilung durch die Göt­ter zu erfahren.

Welche Religion ist am besten für die Heilung gerüstet?

Heilung ist kein exk­lu­sives Priv­i­leg ein­er einzel­nen Weltan­schau­ung, son­dern tief in unser­er Biolo­gie, unser­er Psy­che und der Evo­lu­tion ver­ankert. Wenn die Medi­zin als Sorge um den Kör­p­er und die Reli­gion als Sorge um die Seele aufeinan­dertr­e­f­fen, geschieht dies auf vie­len tief­gründi­gen Ebe­nen. Während die monothe­is­tis­chen Reli­gio­nen – das Chris­ten­tum, das Juden­tum und der Islam – das Heil primär aus der ver­trauensvollen Beziehung zu einem Schöpfer­gott erwarten, set­zen östliche Tra­di­tio­nen wie der Bud­dhis­mus und der Hin­duis­mus auf die Erken­nt­nis kos­mis­ch­er Geset­ze und die Trans­for­ma­tion des eige­nen Bewusst­seins.

Gibt es eine Brücke zwischen Heilen und Glauben?

So unter­schiedlich die Pfade und die spir­ituellen Sprachen auch sein mögen: In ihrer biol­o­gis­chen Wirkung auf den men­schlichen Kör­p­er tre­f­fen sie sich am Ende alle auf der­sel­ben Brücke. Sie aktivieren diesel­ben evo­lu­tionären Selb­s­theilungskräfte, lin­dern Stress und schenken dem Men­schen Sinn. Das zeigt uns: Das Streben nach Ganzheit und Heilung verbindet uns alle – über alle Gren­zen des Glaubens hin­weg.

Niklas Raggenbass
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