Religion unter der Haut
Georg der Drachentöter ist eines der Motive, die eine lange Tradition haben bei den Pilgertattoos. Die Familie Razzouk, welche die Tätowierkunst aus Ägypten nach Jerusalem gebracht hat, besitzt antike Holzstempel mit den traditionellen Motiven.
Bild: © Andrea Krogmann

Religion unter der Haut

Seit Jahrhunderten lassen sich Christinnen und Christen in Jerusalem Pilgertattoos stechen. Die Journalistin Andrea Krogmann hat sich die Bilder auf der Haut genau angesehen.


Bei ihrer Arbeit als Nahostko­r­re­spon­dentin in Jerusalem ist Andrea Krog­mann den Pil­ger­tat­toos zuerst begeg­net. Die Tätowierun­gen haben eine jahrhun­dertealte Tra­di­tion und wer­den vor allem in der Osterzeit gestochen. Die kop­tis­che Fam­i­lie Raz­zouk pflegt die Tra­di­tion der religiösen Tätowierun­gen in Jerusalem seit mehr als 700 Jahren. Sie nehmen für sich in Anspruch das älteste Tätowier­stu­dio der Welt zu führen, das ohne Unter­bruch betrieben wor­den sei.

Für Andrea Krog­mann waren religiöse Tätowierun­gen anfänglich eher befremdlich. «Wo wir, die durch­schnit­tlichen Europäer, diskret im Pri­vat­en unsere (Nicht-)Religiosität leben, wird hier im Nahen Osten Reli­gion sicht­bar zur Schau getra­gen», sagt sie im Inter­view. Reli­gion sei ein Ele­ment, um die per­sön­liche Zuge­hörigkeit zu ein­er spez­i­fis­chen Gruppe zum Aus­druck zu brin­gen und gle­ichzeit­ig sei sie Unter­schei­dungsmerk­mal und Abgren­zung zu «den anderen». Bei den Tat­toos gehe es nicht um Orig­i­nal­ität, son­dern um Zuge­hörigkeit. «Die Motive sind nicht kreativ, son­dern wie eine Matrize, eine Art Kat­e­chis­mus.»

Bei ihrer Recherche hat die Jour­nal­istin ein­drück­liche Begeg­nun­gen gemacht: Etwa mit dem kop­tis­chen Christ, der unter sein Kreuz auf dem Unter­arm bei jed­er Pil­ger­reise nach Jerusalem die neue Jahreszahl ein­stechen lässt. Oder mit der Ordenss­chwest­er, die sich mit 80 Jahren ein kleines Kreuz auf der Innen­seite des Ringfin­gers stechen liess, so dass der Ring die Tätowierung überdeckt.

Dieser Text basiert auf Aus­sagen von Andrea Krog­mann im Buch «Tat­too und Reli­gion: Die bun­ten Kathe­dralen des Selb­st» von Paul-Hen­ri Camp­bell, das sich mit der Verbindung von Tätowierun­gen und Reli­giosität befasst. Es ist 2019 im Ver­lag Wun­der­horn erschienen.

Redaktion Lichtblick
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