Nachgedacht:
über die Hoffnung

Nachgedacht: über die Hoffnung

Zufäl­lig habe ich gestern in mein­er Gedicht­samm­lung das Gedicht „Die drei Steine“ von Erich Fried gefun­den.  Es ist ein kurz­er Text, der eine der grössten Fra­gen der Men­schheit stellt: “Wie lange kann ich noch leben, wenn mir die Hoff­nung ver­lorenge­ht?”

Erich Fried richtet diese Frage aber nicht an Weise, Medi­zin­er oder Psy­cholo­gen, son­dern an drei Steine. Der erste Stein sagt: “So viel Minuten du deinen Atem anhal­ten kannst unter Wass­er, noch so viel Jahre”.

Der zweite Stein sagt: “Ohne Hoff­nung kannst du noch leben, solange du ohne Hoff­nung noch leben willst”.

Der dritte Stein lacht: “Das hängt davon ab was du noch Leben nennst, wenn deine Hoff­nung tot ist”.

Was mögen das für Steine sein, die Erich Fried zum Sprechen bringt. Die Frage nach dem Leben, nach der Länge, nach der Zeit, nach dem, was Leben ist, sein kann oder auch nicht, stellt er den Steinen. Er lässt alle drei zu Wort kom­men, denn alle Antworten sind wichtig.

“Wie lange kann ich noch leben, wenn mir die Hoff­nung ver­lorenge­ht?” Die Antworten der drei Steine gle­ichen sich, auch wenn sie ver­schieden sind. Der erste Stein gibt einen Hin­weis aus dem physis­chen Bere­ich: “So viele Minuten wie du deinen Atem anhal­ten kannst unter Wass­er, noch so viele Jahre”. Eine gute Schwim­merin bringt es vielle­icht auf zwei Minuten unter Wass­er. Es bleiben also zwei Jahre leben ohne Hoff­nung – nicht mehr, so kön­nte die konkrete Antwort laut­en. 

Der zweite Stein spricht von der Wil­lensstärke, wie lange jemand noch leben will. Dass durch den Willen viel möglich ist, das haben wir alle schon erfahren. Der Wille zum Leben bleibt nur erhal­ten, wenn man sieht, wie es in ein­er schein­bar hoff­nungslosen Sit­u­a­tion weit­erge­hen kann – dort wo ein Fünkchen Hoff­nung aufleuchtet. Die kurze Antwort des zweit­en Steines heisst: “Ohne Hoff­nung kannst du noch leben, solange du ohne Hoff­nung noch leben willst.”

Der dritte Stein set­zt Hoff­nung und Leben gle­ich, wenn er sagt: “Das hängt davon ab was du noch Leben nennst, wenn deine Hoff­nung tot ist“.

Das ist ein deut­lich­er Hin­weis auf das, was Leben ist oder auch nicht ist. Dort wo die Hoff­nung tot ist, dort ist auch kein Leben mehr. Uns begeg­net immer wieder Hoff­nungslosigkeit und Res­ig­na­tion. Gibt es einen Weg oder gibt es mehrere Wege, die trotz unverän­dert­er Sit­u­a­tion uns hof­fen lassen? Ich denke, es ist immer dann, wenn wir einan­der trösten wollen, einan­der ermuti­gen, dann ver­suchen wir, einan­der Hoff­nung zu geben.

Erich Fried erin­nert uns mit seinem Dia­log daran, dass Hoff­nung kein naiv­er Luxus und kein bil­liger Zweck­op­ti­mis­mus ist. Sie ist das Fun­da­ment, auf dem Zukun­ft über­haupt erst entste­hen kann. Sie ist die Luft, die wir zum Atmen brauchen, um nicht zu ver­stein­ern. Was haben Steine uns heute zu sagen? Welche Hoff­nun­gen bes­tim­men die Ziele unser­er Wege? Kön­nen wir ohne Hoff­nung leben?

Habe ich meine Antwort heute schon gefun­den, vielle­icht auch für mor­gen?

Rita Wis­mann-Barat­to, Pfar­reiseel­sorg­erin
(Bilder: pix­abay)

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