
Mittendrin oder nur dabei?
Die anderssprachigen Missionen zwischen Integration und Abgrenzung
Den drei Landeskirchen Baselland, Basel-Stadt und Aargau ist die Seelsorge für Anderssprachige ein zentrales Anliegen. Sie verfolgen jedoch unterschiedliche Konzepte bei der Zusammenarbeit von Ortspfarreien und Missionen.
Die Römisch-Katholische Kirche Basel-Stadt besteht als Kirche eines Stadtkantons aus nur einem einzigen Pastoralraum. In diesem wurde ein Konzept entwickelt, indem alle deutschsprachigen Pfarreien und anderssprachigen Gemeinschaften und Missionen zu Gruppen (mit mindestens je einer Pfarrei und einer anderssprachigen Gemeinschaft/Mission) zusammengeschlossen wurden, die sich eine Kirche und ein Pfarreiheim teilen, eng zusammenarbeiten und gemeinsame Projekte umsetzen.
Konzept zwischen Integration und Freiheit
Das Ziel des Konzepts ist es, die Waage zu halten zwischen einer Integration der Missionen, sodass sie nicht abgegrenzt sind von den katholischen Menschen vor Ort, und einer Bewahrung ihrer Freiheiten und kulturellen Glaubenspraxen. Konkret bedeutet das: Es gibt regelmässige Treffen der Vertreterinnen und Vertreter der Pfarreien und Missionen, bei denen sie gemeinsam überlegen, welche Angebote wen interessieren. Diese würden dann gemeinsam umgesetzt, so Stefan Kemmler, Mitglied der Pastoralraumleitung und Priester in St. Anton. Je nachdem, wie die Gruppe, die das Projekt oder die Veranstaltung gemeinsam in Angriff nimmt, zusammengesetzt ist, hört man dann die eine, die andere oder auch zwei Sprachen. So kann es durchaus vorkommen, dass eine Veranstaltung auf Italienisch stattfindet, wenn der Grossteil der Teilnehmenden italienischsprachig ist. In einigen Pfarreien sind die Missionen auch im Pfarreirat vertreten. Das funktioniere vor allem dort gut, wo die Missionen stark seien, denn dort fänden sich leichter Menschen, die sprachlich fit seien und sich einbringen wollten, erklärt Kemmler. In diesem Konzept haben die Anderssprachigen Kemmlers Auffassung nach Raum, sind aber trotzdem in den Pfarreien verankert, beispielweise in den Jugendgruppen.
Mit Blick auf die Zukunft der Kirche, in der Pfarreizusammenschlüsse angesichts sinkender Mitgliederzahlen zunehmend Realität werden, sieht Kemmler eine Chance darin, die «zu vielen» Gotteshäuser den Missionen zur Nutzung zu überlassen.
Im Baselbiet spielen vor allem die italienischsprachigen Missionen eine Rolle – vier gibt es dort davon. Die Mitglieder von kleineren Missionen, die für die gesamte Schweiz oft nur einen Missionar haben, besuchen die Gottesdienste und Veranstaltungen in Basel-Stadt. Auch bei den überregionalen Missionen mit mehreren Missionaren schweizweit leben die Missionare oft in Basel-Stadt und haben dort tendenziell ihren Mittelpunkt.
In Bezug auf die italienischsprachigen Missionen plädiert Joseph Thali-Kernen im Namen des Landeskirchenrats der Römisch-katholischen Landeskirche Basel-Landschaft für einen italienischsprachigen Pastoralraum und damit einhergehend für eine Zusammenlegung der vier Missionen. Sie soll die strukturelle Zusammenarbeit stärken, Messen und andere Veranstaltungen sollen gemeinsam gefeiert werden.
Es braucht das Interesse der Leitung
In der Frage der Integration der Missionen ist Thali-Kernen der Ansicht, dass sie nicht abgeschafft oder in den Pfarreien aufgehen sollten. Die Anderssprachigen hätten ein Anrecht, ihre eigene Kultur zu pflegen und gemeinsam Treffen zu veranstalten. Die Kirche leistet hier seiner Meinung nach einen Beitrag zur Organisation von solchen Zusammenkünften anderssprachiger Menschen in ihren Communitys. Trotzdem seien gemeinsame Veranstaltungen mit den schweizerischen Pfarreien wichtig. Im Baselbiet wird mancherorts beispielweise die Osternacht mit einer zweisprachigen Liturgie zelebriert. Und auch andere Feste des Kirchenjahres werden gemeinsam angegangen. Dazu braucht es die Initiative der Missionare und der Gemeindeleitenden, was in der Praxis sehr unterschiedlich ausgeprägt und eine Frage der Kapazitäten ist.
Integration auf allen Ebenen im Aargau
«Die Seelsorge für Anderssprachige war und ist ein zentrales Anliegen der Landeskirche im Aargau», erklärt die zuständige Kirchenrätin Maria-Pia Scholl. Das bezeugt das grosse Engagement für die bestehenden acht Missionen (vier regionale italienischsprachige, die beiden kantonalen für die Spanisch- und Kroatischsprachigen und die zwei überkantonalen für die Portugiesisch- und Albanischsprachigen) sowie für die Polenseelsorge.
Im religiösen Leben der Pfarreien und der Missionen existieren seit Jahren an zahlreichen Orten bereichernde Beziehungen, wie z. B. zweisprachige Gottesdienste. Dennoch bleibt die Gefahr, dass mehr neben- als miteinander gelebt wird. Angesichts dieser Tatsache wuchs im Kirchenrat das Bewusstsein, dass alle Gläubigen EINE Kirche sind, die nur weiter bestehen kann, wenn alle zusammenhalten.
So nahm der Kirchenrat zusammen mit der Bistumsregionalleitung im Jahr 2019 das Projekt «Zukunft Vielfalt Kirche Aargau – auf dem Weg zu einer Gemeinschaft der Gemeinschaften» in Angriff. Das Ziel ist, die Missionen in bestehende Pastoralräume zu integrieren, um die Vernetzung zu stärken und eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe über alle Ebenen zu etablieren.
Überzeugungsarbeit
Im Zentrum stand die Frage, wie die Pastoralräume und die Missionen für das Projekt gewonnen werden können. Die anfänglichen Vorbehalte kann Maria-Pia Scholl nachvollziehen: «Viele Pastoralräume im Aargau begannen eben erst zu funktionieren, da stiess eine weitere Veränderung nicht auf Begeisterung. Auf Seiten der Missionen bestand die Angst, die Missionen würden aufgelöst.» Die kantonale Projektleitung, bestehend aus dem damaligen Kirchenratspräsidenten Luc Humbel, Bischofsvikar Valentine Koledoye und der Kirchenrätin Maria-Pia Scholl, war gefordert, auf beiden Seiten die Idee der Integration zu erklären. Scholl blickt zurück: «Wir schauten, wo Interesse für einen Zusammenschluss bestand. Pastoralräume und Missionen sollten sich finden.»
«Ein Kernprojekt»
Der Plan war, bis Ende 2024 vier Missionen in Pastoralräume zu integrieren. Das ist fast geschafft: Die italienischsprachigen Missionen Brugg, Wettingen und Wohlen gehören seit dem 1. Januar 2025 zu je einem Pastoralraum. Für die Missione Cattolica Italiana Aarau muss noch der geeignete Pastoralraum ermittelt werden. Die weiteren Missionen sollen in angepasstem Tempo folgen.
Die integrierten Missionen gehören ganz zum Pastoralraum, die Zusammenarbeit umfasst sämtliche Ebenen. Der anderssprachige Priester ist gleichwertiger Teil des Pastoralraum-Leitungsteams und zusammen mit seinem Team weiterhin vor allem zuständig für die anderssprachigen Mitchristen. Die Integration ist geregelt in Vereinbarungen zwischen der Landeskirche, dem Bischofsvikariat und den jeweiligen Kirchenpflegen. Maria-Pia Scholls persönliches Zwischenfazit: «Die Integration ist der einzige sinnvolle Weg in die Zukunft für eine lebendige Kirche als Gemeinschaft der Gemeinschaften.»
Stärken einbringen
Naomi Chi Ndum
Als katholische Christin, die vor Kurzem nach Europa gezogen ist, bin ich sehr dankbar für die englischsprachige Mission, der ich mich hier angeschlossen habe. Sie gibt mir die Möglichkeit, meinen Glauben weiterhin aktiv zu leben. Ich spreche kein Deutsch und verstehe die Sprache kaum. Nach einigen Gottesdiensten auf Deutsch wurde mir schnell klar, wie wichtig die englischsprachigen Messen für katholische Christen/innen wie mich sind – und genau dieses Bedürfnis wird durch die Mission erfüllt.
Ich war schon immer eine aktive Christin und engagiere mich gern in der Kirche. Deshalb fiel es mir leicht, Anschluss in der englischsprachigen Mission zu finden. Auch, weil ich weiss, wie ich mich in der Kirche einbringen kann – besonders in einer Sprache, die ich gut beherrsche. Das hält mein Glaubensfeuer am Brennen. So bringe ich mich regelmäßig in die Messe ein, lese in der Liturgie, singe im Gottesdienst und bin mit anderen Gemeindemitgliedern im Austausch.
Ich fühle mich als Teil der katholischen Gemeinschaft vor Ort. Das liegt daran, dass wir eine sehr enge und kooperative Gemeinschaft sind. Besonders im Chor mitzusingen, macht das Ganze für mich noch schöner. Die katholische Kirche ist der Ort, an dem ich mich zu Hause fühle.
Vor kurzem haben wir Palmsonntag gefeiert. Am Abend war ich bei einem Kollegen zu Besuch, mit dem ich schon seit über zwei Jahren hier zusammenarbeite. Auch er ist wie ich ein Migrant. Ich habe ihm von meinem Tag erzählt – und er war ganz überrascht, dass es hier eine englischsprachige Mission gibt. Er meinte, er hätte das nicht gewusst und sich sehr darüber gefreut, das früher zu erfahren. Seit seiner Ankunft ist er nie in die Kirche gegangen. Das hat mich sehr getroffen – ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, all die Zeit ohne Gottesdienst zu sein. Deshalb wünsche ich mir, dass die englischsprachige Mission bekannter wird, damit Menschen wie mein Kollege einen Ort finden, an dem sie den Gottesdienst feiern und alles verstehen können.

Frei und doch vernetzt
Rosalinda Hunziker, engagiert in der philippinischen Gemeinschaft
Mein Glaube ist mir sehr wichtig. Ich engagiere mich besonders in der philippinischen Gemeinschaft St. Josef in Basel-Stadt, bin aber auch bei den anderen philippinischen Gruppen in St. Anton, St. Clara und Heilig-Kreuz in Binningen dabei. Ich sorge zum Beispiel für Blumenschmuck oder bereite den Altar vor. Unsere Gruppe ist ein Projekt der Kirche, das Philippinas und Philippinos in der Schweiz die Möglichkeit gibt, gemeinsam die Messe zu feiern und gleichzeitig Menschen und Pfarreien auf den Philippinen unterstützt, zum Beispiel mit einer warmen Mahlzeit, aber auch mit Bibeln oder Gegenständen für den Gottesdienst, zum Beispiel Tabernakeln. Wir sind aber nicht nur untereinander vernetzt, sondern auch in Kontakt mit den schweizerischen Katholiken und mit Gläubigen anderer Missionen. Für mich funktioniert das so gut. Wir haben einerseits Freiheiten und können Messen nach unseren Vorstellungen gestalten, sind aber trotzdem auch mit den anderen Katholiken/innen vernetzt.

Hafen in der Fremde
Irene Behrens-Lazaretti, Missione Cattolica Italiana Baden-Wettingen
Die Missione Cattolica Italiana Baden-Wettingen wurde 1952 gegründet, um den italienischen Einwanderern, die als «Fremdarbeiter» in die Schweiz kamen, zur Seite zu stehen. Es waren Männer, aber auch Frauen, die aus wirtschaftlicher Not allein ins Ausland gingen, um Arbeit zu finden. Diese Menschen suchten nicht nur eine bessere Zukunft, sondern auch Halt – menschlich, geistlich und religiös. In den damaligen Missionen – sie umfassten grosse Gebiete, ähnlich wie die heutigen Pastoralräume – fanden sie genau das: seelische Nahrung, Gemeinschaft und Trost. Sie konnten Gottesdienste in ihrer Muttersprache feiern und religiöse Feste und Bräuche fern der Heimat leben. Die Missione wurde zu einem Hafen in der Fremde. Eine zentrale Figur war der italienische Missionar, unterstützt von italienischen Ordensschwestern, die nicht nur religiöse Begleiter, sondern auch Vertrauenspersonen waren.Als es möglich wurde, die Familien in die Schweiz nachzuholen, entstanden Kinderkrippen, Kindergärten und Schulen – meist betreut von den italienischen Schwestern. Die Missione war nicht nur Kirche, sondern ein Stück Zuhause.
Heute, über 70 Jahre später, ist die Missione weiterhin lebendig. Die erste Generation ist in der Schweiz angekommen, es haben sich Netzwerke und Freundschaften gebildet. Die Integration in die Gesellschaft ist gelungen – die Wurzeln im Glauben und in der italienischen Kultur sind geblieben. Die italienische Sprache in Gebet und Eucharistie ist für viele bis heute von Bedeutung. Gott sei Dank! Seit Anfang 2025 wurden drei italienische Missionen in unserem Gebiet in eine Kirchgemeinde integriert. Nun sind wir unterwegs auf diesem Weg – offen und respektvoll. Auch wenn noch nicht alles klar ist, spüre ich Zuversicht. Ich fühle mich getragen und freue mich auf das, was wir gemeinsam gestalten werden.

