Mittendrin oder nur dabei?
Bild: © Roger Wehrli

Mittendrin oder nur dabei?

Die anderssprachigen Missionen zwischen ​Integration und Abgrenzung

Den drei Landeskirchen Baselland, Basel-Stadt und ­Aargau ist die Seelsorge für Anderssprachige ein zentrales ­Anliegen. Sie verfolgen jedoch unterschiedliche Konzepte bei der ­Zusammenarbeit von Ortspfarreien und Missionen.


Die Römisch-Katholis­che Kirche Basel-Stadt beste­ht als Kirche eines Stadtkan­tons aus nur einem einzi­gen Pas­toral­raum. In diesem wurde ein Konzept entwick­elt, indem alle deutschsprachi­gen Pfar­reien und ander­ssprachi­gen Gemein­schaften und Mis­sio­nen zu Grup­pen (mit min­destens je ein­er Pfar­rei und ein­er ander­ssprachi­gen Gemeinschaft/Mission) zusam­mengeschlossen wur­den, die sich eine Kirche und ein Pfar­rei­heim teilen, eng zusam­me­nar­beit­en und gemein­same Pro­jek­te umset­zen.


Konzept zwischen Integration und Freiheit


Das Ziel des Konzepts ist es, die Waage zu hal­ten zwis­chen ein­er Inte­gra­tion der Mis­sio­nen, sodass sie nicht abge­gren­zt sind von den katholis­chen Men­schen vor Ort, und ein­er Bewahrung ihrer Frei­heit­en und kul­turellen Glauben­sprax­en. Konkret bedeutet das: Es gibt regelmäs­sige Tre­f­fen der Vertreterin­nen und Vertreter der Pfar­reien und Mis­sio­nen, bei denen sie gemein­sam über­legen, welche Ange­bote wen inter­essieren. Diese wür­den dann gemein­sam umge­set­zt, so Ste­fan Kemm­ler, Mit­glied der Pas­toral­raum­leitung und Priester in St. Anton. Je nach­dem, wie die Gruppe, die das Pro­jekt oder die Ver­anstal­tung gemein­sam in Angriff nimmt, zusam­menge­set­zt ist, hört man dann die eine, die andere oder auch zwei Sprachen. So kann es dur­chaus vorkom­men, dass eine Ver­anstal­tung auf Ital­ienisch stat­tfind­et, wenn der Grossteil der Teil­nehmenden ital­ienis­chsprachig ist. In eini­gen Pfar­reien sind die Mis­sio­nen auch im Pfar­reirat vertreten. Das funk­tion­iere vor allem dort gut, wo die Mis­sio­nen stark seien, denn dort fän­den sich leichter Men­schen, die sprach­lich fit seien und sich ein­brin­gen woll­ten, erk­lärt Kemm­ler. In diesem Konzept haben die Ander­ssprachi­gen Kemm­lers Auf­fas­sung nach Raum, sind aber trotz­dem in den Pfar­reien ver­ankert, beispiel­weise in den Jugend­grup­pen.

Mit Blick auf die Zukun­ft der Kirche, in der Pfar­reizusam­men­schlüsse angesichts sink­ender Mit­gliederzahlen zunehmend Real­ität wer­den, sieht Kemm­ler eine Chance darin, die «zu vie­len» Gotteshäuser den Mis­sio­nen zur Nutzung zu über­lassen.

Im Basel­bi­et spie­len vor allem die ital­ienis­chsprachi­gen Mis­sio­nen eine Rolle – vier gibt es dort davon. Die Mit­glieder von kleineren Mis­sio­nen, die für die gesamte Schweiz oft nur einen Mis­sion­ar haben, besuchen die Gottes­di­en­ste und Ver­anstal­tun­gen in Basel-Stadt. Auch bei den über­re­gionalen Mis­sio­nen mit mehreren Mis­sion­aren schweizweit leben die Mis­sion­are oft in Basel-Stadt und haben dort ten­den­ziell ihren Mit­telpunkt.

In Bezug auf die ital­ienis­chsprachi­gen Mis­sio­nen plädiert Joseph Thali-Ker­nen im Namen des Lan­deskirchen­rats der Römisch-katholis­chen Lan­deskirche Basel-Land­schaft für einen ital­ienis­chsprachi­gen Pas­toral­raum und damit ein­herge­hend für eine Zusam­men­le­gung der vier Mis­sio­nen. Sie soll die struk­turelle Zusam­me­nar­beit stärken, Messen und andere Ver­anstal­tun­gen sollen gemein­sam gefeiert wer­den.


Es braucht das Interesse der Leitung


In der Frage der Inte­gra­tion der Mis­sio­nen ist Thali-Ker­nen der Ansicht, dass sie nicht abgeschafft oder in den Pfar­reien aufge­hen soll­ten. Die Ander­ssprachi­gen hät­ten ein Anrecht, ihre eigene Kul­tur zu pfle­gen und gemein­sam Tre­f­fen zu ver­anstal­ten. Die Kirche leis­tet hier sein­er Mei­n­ung nach einen Beitrag zur Organ­i­sa­tion von solchen Zusam­menkün­ften ­ander­ssprachiger Men­schen in ihren Com­mu­ni­tys. Trotz­dem seien gemein­same Ver­anstal­tun­gen mit den schweiz­erischen Pfar­reien wichtig. Im Basel­bi­et wird mancherorts beispiel­weise die Oster­nacht mit ein­er zweis­prachi­gen Liturgie zele­bri­ert. Und auch andere Feste des Kirchen­jahres wer­den gemein­sam ange­gan­gen. Dazu braucht es die Ini­tia­tive der Mis­sion­are und der Gemein­delei­t­en­den, was in der Prax­is sehr unter­schiedlich aus­geprägt und eine Frage der Kapaz­itäten ist.


Integration auf allen Ebenen im Aargau


«Die Seel­sorge für Ander­ssprachige war und ist ein zen­trales Anliegen der Lan­deskirche im Aar­gau», erk­lärt die zuständi­ge Kirchen­rätin Maria-Pia Scholl. Das bezeugt das grosse Engage­ment für die beste­hen­den acht Mis­sio­nen (vier regionale ital­ienis­chsprachige, die bei­den kan­tonalen für die Spanisch- und Kroat­is­chsprachi­gen und die zwei überkan­tonalen für die Por­tugiesisch- und Alban­is­chsprachi­gen) sowie für die Polenseel­sorge.

Im religiösen Leben der Pfar­reien und der Mis­sio­nen existieren seit Jahren an zahlre­ichen Orten bere­ich­ernde Beziehun­gen, wie z. B. zweis­prachige Gottes­di­en­ste. Den­noch bleibt die Gefahr, dass mehr neben- als miteinan­der gelebt wird. Angesichts dieser Tat­sache wuchs im Kirchen­rat das Bewusst­sein, dass alle Gläu­bi­gen EINE Kirche sind, die nur weit­er beste­hen kann, wenn alle zusam­men­hal­ten.

So nahm der Kirchen­rat zusam­men mit der Bis­tum­sre­gion­alleitung im Jahr 2019 das Pro­jekt «Zukun­ft Vielfalt Kirche Aar­gau – auf dem Weg zu ein­er Gemein­schaft der Gemein­schaften» in Angriff. Das Ziel ist, die Mis­sio­nen in beste­hende Pas­toral­räume zu inte­gri­eren, um die Ver­net­zung zu stärken und eine Zusam­me­nar­beit auf Augen­höhe über alle Ebe­nen zu etablieren.


Überzeugungsarbeit


Im Zen­trum stand die Frage, wie die Pas­toral­räume und die Mis­sio­nen für das Pro­jekt gewon­nen wer­den kön­nen. Die anfänglichen Vor­be­halte kann Maria-Pia Scholl nachvol­lziehen: «Viele Pas­toral­räume im Aar­gau began­nen eben erst zu funk­tion­ieren, da stiess eine weit­ere Verän­derung nicht auf Begeis­terung. Auf Seit­en der Mis­sio­nen bestand die Angst, die Mis­sio­nen wür­den aufgelöst.» Die kan­tonale Pro­jek­tleitung, beste­hend aus dem dama­li­gen Kirchen­rat­spräsi­den­ten Luc Hum­bel, Bischofsvikar Valen­tine Kole­doye und der Kirchen­rätin Maria-Pia Scholl, war gefordert, auf bei­den Seit­en die Idee der Inte­gra­tion zu erk­lären. Scholl blickt zurück: «Wir schaut­en, wo Inter­esse für einen Zusam­men­schluss bestand. Pas­toral­räume und Mis­sio­nen soll­ten sich find­en.»


«Ein Kernprojekt»


Der Plan war, bis Ende 2024 vier Mis­sio­nen in Pas­toral­räume zu inte­gri­eren. Das ist fast geschafft: Die ital­ienis­chsprachi­gen Mis­sio­nen Brugg, Wet­tin­gen und Wohlen gehören seit dem 1. Jan­u­ar 2025 zu je einem Pas­toral­raum. Für die Mis­sione Cat­toli­ca Ital­iana Aarau muss noch der geeignete Pas­toral­raum ermit­telt wer­den. Die weit­eren Mis­sio­nen sollen in angepasstem Tem­po fol­gen.

Die inte­gri­erten Mis­sio­nen gehören ganz zum Pas­toral­raum, die Zusam­me­nar­beit umfasst sämtliche Ebe­nen. Der ander­ssprachige Priester ist gle­ich­w­er­tiger Teil des Pas­toral­raum-Leitung­steams und zusam­men mit seinem Team weit­er­hin vor allem zuständig für die ander­ssprachi­gen Mitchris­ten. Die Inte­gra­tion ist geregelt in Vere­in­barun­gen zwis­chen der Lan­deskirche, dem Bischofsvikari­at und den jew­eili­gen Kirchenpfle­gen. Maria-Pia Scholls per­sön­lich­es Zwis­chen­faz­it: «Die Inte­gra­tion ist der einzige sin­nvolle Weg in die Zukun­ft für eine lebendi­ge Kirche als Gemein­schaft der Gemein­schaften.»

Stärken ​ein­brin­gen

Nao­mi Chi Ndum

Als katholis­che Christin, die vor Kurzem nach Europa gezo­gen ist, bin ich sehr dankbar für die englis­chsprachige Mis­sion, der ich mich hier angeschlossen habe. Sie gibt mir die Möglichkeit, meinen Glauben weit­er­hin aktiv zu leben. Ich spreche kein Deutsch und ver­ste­he die Sprache kaum. Nach eini­gen Gottes­di­en­sten auf Deutsch wurde mir schnell klar, wie wichtig die englis­chsprachi­gen Messen für katholis­che Christen/innen wie mich sind – und genau dieses Bedürf­nis wird durch die Mis­sion erfüllt.

Ich war schon immer eine aktive Christin und engagiere mich gern in der Kirche. Deshalb fiel es mir leicht, Anschluss in der englis­chsprachi­gen Mis­sion zu find­en. Auch, weil ich weiss, wie ich mich in der Kirche ein­brin­gen kann – beson­ders in ein­er Sprache, die ich gut beherrsche. Das hält mein Glaubens­feuer am Bren­nen. So bringe ich mich regelmäßig in die Messe ein, lese in der Liturgie, singe im Gottes­di­enst und bin mit anderen Gemein­demit­gliedern im Aus­tausch.

Ich füh­le mich als Teil der katholis­chen Gemein­schaft vor Ort. Das liegt daran, dass wir eine sehr enge und koop­er­a­tive Gemein­schaft sind. Beson­ders im Chor mitzusin­gen, macht das Ganze für mich noch schön­er. Die katholis­che Kirche ist der Ort, an dem ich mich zu Hause füh­le.

Vor kurzem haben wir Palm­son­ntag gefeiert. Am Abend war ich bei einem Kol­le­gen zu Besuch, mit dem ich schon seit über zwei Jahren hier zusam­me­nar­beite. Auch er ist wie ich ein Migrant. Ich habe ihm von meinem Tag erzählt – und er war ganz über­rascht, dass es hier eine englis­chsprachige Mis­sion gibt. Er meinte, er hätte das nicht gewusst und sich sehr darüber gefreut, das früher zu erfahren. Seit sein­er Ankun­ft ist er nie in die Kirche gegan­gen. Das hat mich sehr getrof­fen – ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, all die Zeit ohne Gottes­di­enst zu sein. Deshalb wün­sche ich mir, dass die englis­chsprachige Mis­sion bekan­nter wird, damit Men­schen wie mein Kol­lege einen Ort find­en, an dem sie den Gottes­di­enst feiern und alles ver­ste­hen kön­nen.

Portrait Missionen
Bild: ©zVg

Frei und doch ver­net­zt

Ros­alin­da Hun­zik­er, engagiert in der ​philip­pinis­chen Gemein­schaft

Mein Glaube ist mir sehr wichtig. Ich engagiere mich beson­ders in der philip­pinis­chen Gemein­schaft St. Josef in Basel-Stadt, bin aber auch bei den anderen philip­pinis­chen Grup­pen in St. Anton, St. Clara und Heilig-Kreuz in Bin­nin­gen dabei. Ich sorge zum Beispiel für Blu­men­schmuck oder bere­ite den Altar vor. Unsere Gruppe ist ein Pro­jekt der Kirche, das Philip­pinas und Philip­pinos in der Schweiz die Möglichkeit gibt, gemein­sam die Messe zu feiern und gle­ichzeit­ig Men­schen und Pfar­reien auf den Philip­pinen unter­stützt, zum Beispiel mit ein­er war­men Mahlzeit, aber auch mit Bibeln oder Gegen­stän­den für den Gottes­di­enst, zum Beispiel Taber­nakeln. Wir sind aber nicht nur untere­inan­der ver­net­zt, son­dern auch in Kon­takt mit den schweiz­erischen Katho­liken und mit Gläu­bi­gen ander­er Mis­sio­nen. Für mich funk­tion­iert das so gut. Wir haben ein­er­seits Frei­heit­en und kön­nen Messen nach unseren Vorstel­lun­gen gestal­ten, sind aber trotz­dem auch mit den anderen Katholiken/innen ver­net­zt.

Portrait Missionen
Bild: © Leonie Wol­len­sack

Hafen in der Fremde

Irene Behrens-Lazaret­ti, ​Mis­sione Cat­toli­ca Ital­iana Baden-Wet­t­in­­gen

Die Mis­sione Cat­toli­ca Ital­iana Baden-Wet­t­in­­gen wurde 1952 gegrün­det, um den ital­ienis­chen Ein­wan­der­ern, die als «Frem­dar­beit­er» in die Schweiz kamen, zur Seite zu ste­hen. Es waren Män­ner, aber auch Frauen, die aus wirtschaftlich­er Not allein ins Aus­land gin­gen, um Arbeit zu find­en. Diese Men­schen sucht­en nicht nur eine bessere Zukun­ft, son­dern auch Halt – men­schlich, geistlich und religiös. In den dama­li­gen Mis­sio­nen – sie umfassten grosse Gebi­ete, ähn­lich wie die heuti­gen Pas­toral­räume – fan­den sie genau das: seel­is­che Nahrung, Gemein­schaft und Trost. Sie kon­nten Gottes­di­en­ste in ihrer Mut­ter­sprache feiern und religiöse Feste und Bräuche fern der Heimat leben. Die Mis­sione wurde zu einem Hafen in der Fremde. Eine zen­trale Fig­ur war der ital­ienis­che Mis­sion­ar, unter­stützt von ital­ienis­chen Ordenss­chwest­ern, die nicht nur religiöse Begleit­er, son­dern auch Ver­trauensper­so­n­en waren.Als es möglich wurde, die Fam­i­lien in die Schweiz nachzu­holen, ent­standen Kinderkrip­pen, Kindergärten und Schulen – meist betreut von den ital­ienis­chen Schwest­ern. Die Mis­sione war nicht nur Kirche, son­dern ein Stück Zuhause.

Heute, über 70 Jahre später, ist die Mis­sione weit­er­hin lebendig. Die erste Gen­er­a­tion ist in der Schweiz angekom­men, es haben sich Net­zw­erke und Fre­und­schaften gebildet. Die Inte­gra­tion in die Gesellschaft ist gelun­gen – die Wurzeln im Glauben und in der ital­ienis­chen Kul­tur sind geblieben. Die ital­ienis­che Sprache in Gebet und Eucharistie ist für viele bis heute von Bedeu­tung. Gott sei Dank! Seit Anfang 2025 wur­den drei ital­ienis­che Mis­sio­nen in unserem Gebi­et in eine Kirchge­meinde inte­gri­ert. Nun sind wir unter­wegs auf diesem Weg – offen und respek­tvoll. Auch wenn noch nicht alles klar ist, spüre ich Zuver­sicht. Ich füh­le mich getra­gen und freue mich auf das, was wir gemein­sam gestal­ten wer­den.

Portrait Missionen
Bild: © zVg
Redaktion Lichtblick
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